Piercingpunktur gegen Migräne: Mythos oder wirksame Alternative?

Die Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die von heftigen Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit begleitet wird. Viele Betroffene suchen nach alternativen Behandlungsmethoden, um ihre Beschwerden zu lindern. In den letzten Jahren hat sich ein Trend entwickelt, bei dem Piercings, insbesondere sogenannte "Migräne-Piercings", als mögliche Lösung angepriesen werden. Doch was steckt wirklich dahinter? Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe der Piercingpunktur, die verschiedenen Arten von Piercings, die bei Migräne eingesetzt werden, die wissenschaftliche Evidenz und die potenziellen Risiken.

Was ist Piercingpunktur?

Die Piercingpunktur ist eine Methode, bei der Piercings an bestimmten Akupunkturpunkten gesetzt werden, um chronische Schmerzen, Angstzustände, Muskelverspannungen oder Migräne zu lindern. Schmerzpiercings basieren auf der traditionellen chinesischen Medizin und wirken wie eine dauerhafte Akupunkturbehandlung. Die Idee dahinter ist, dass die Stimulation dieser Punkte den Energiefluss im Körper harmonisieren und somit Schmerzen reduzieren kann.

Die verschiedenen Arten von Piercings bei Migräne

Es gibt verschiedene Arten von Piercings, die im Zusammenhang mit der Migränebehandlung genannt werden:

  • Daith-Piercing: Das Daith-Piercing wird durch die kleinste Knorpelfalte am Ohr gestochen, die sich in der Ohrmuschel direkt über dem Hörgang befindet (Crus Helix). Es ist das bekannteste "Migräne-Piercing". Befürworter meinen, dass das Piercing an einer Stelle des Ohrknorpels gesetzt wird, wo der Vagusnerv kreuzt. Diese Stelle ist mit einem Akupunkturdruckpunkt vergleichbar, der auch gegen Migräne genutzt wird. Durch einen konstanten Druck darauf sollen Migräneschmerzen gelindert werden.

  • Nullpunkt-Akupunktur-Piercing: Dieses Piercing wird am Ohr, genauer gesagt am sogenannten Null-Punkt, gestochen. Dieser Punkt gilt in der Akupunktur als zentraler Punkt zur Förderung von Entspannung und zur Linderung von Stress und Schmerzen. Viele Träger berichten von einer Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens, einer reduzierten Anfälligkeit für Stress und einer potenziellen Linderung von Kopfschmerzen oder Schlafstörungen.

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  • Shen Men Piercing: Shen Men bedeutet „Tor des Himmels“ und befindet sich an einer bestimmten Stelle im Ohr. Es wird oft als einer der wichtigsten Akupunkturpunkte angesehen. Träger eines Shen Men Piercings berichten häufig von einer signifikanten Reduktion von Stress, Angstzuständen und Schmerzen. Es wird angenommen, dass das Piercing dabei hilft, das emotionale Gleichgewicht zu fördern und die körperliche Gesundheit zu unterstützen, indem es den Energiefluss im Körper stimuliert.

  • Piercingpunktur® nach Steve Pierce®: Diese Methode bietet ein einzigartiges Erlebnis, das weit über das körperliche Wohlbefinden hinausgeht. Durch die präzise Platzierung der Piercings werden nicht nur ästhetische Akzente gesetzt, sondern auch die körpereigenen Energien harmonisiert. Um den idealen Piercingpunkt nach Steve Pierce® zu finden, erfolgt eine sorgfältige Analyse der individuellen Körpermerkmale und Energiebahnen. Dabei werden sowohl ästhetische als auch gesundheitliche Aspekte berücksichtigt, um sicherzustellen, dass jede Platzierung optimale Ergebnisse erzielt.

Die wissenschaftliche Evidenz

Die Wirksamkeit von Piercings gegen Migräne ist in der Wissenschaft umstritten und durch Studien nicht eindeutig belegt. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) betont, dass das Verfahren auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage beruht. Zwar sei eine klinische Studie angekündigt worden, die in Zusammenarbeit mit einem Arzt durchgeführt werden soll, heißt es auf deren Webseite.

Viele Ärzte und Migräne-Experten stehen dem Daith-Piercing äußerst skeptisch gegenüber. Die DMKG rät Migränekranken dringend vom Migräne-Piercing ab, da es keine nachweisbare Wirkung hat und mögliche Gesundheitsrisiken birgt. Stattdessen empfehlen sie konventionelle Behandlungsmethoden wie Triptane und Schmerzmittel.

Es gibt jedoch auch Betroffene, die von einer Linderung ihrer Beschwerden durch ein Migräne-Piercing berichten. Diese positiven Erfahrungen werden oft auf den Placebo-Effekt zurückgeführt. Das bedeutet, dass die Schmerzlinderung eher auf psychischen als auf physischen Gründen beruht. Wenn jemand fest davon überzeugt ist, dass ihm ein Piercing hilft, kann allein dieser Glaube zu einer subjektiven Verbesserung der Migränesymptome führen.

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Mögliche Risiken und Nebenwirkungen

Piercings gehen generell mit gesundheitlichen Risiken einher. Die DMKG-Experten betonen, dass es zahlreiche Fälle gibt, in denen es zur Entzündung des Ohrknorpels mit nachfolgend kosmetisch unschöner Verformung der Ohrmuschel gekommen ist. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Infektionen (z.B. Hepatitis B oder C)
  • Blutungen
  • Narbenbildung
  • Allergische Reaktionen
  • Hautentzündungen (Dermatitis)

Da das Piercing gegen Migräne an einem kleinen, kurvigen Knorpelstück gestochen wird, ist es in manchen Fällen schwierig, es zu durchbohren. Eventuell dauert es Monate, bis es vollständig verheilt ist. Die Entzündungsgefahr ist außerdem groß, wenn Sie es nicht richtig piercen lassen oder anschließend nicht richtig pflegen.

Alternative Therapien bei Migräne

Unabhängig von der Piercingpunktur gibt es andere alternative Therapien, die bei Migränesymptomen helfen können:

  • Akupunktur: Akupunktur nach den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) beugt laut verschiedener Studien episodisch auftretenden Migräne-Attacken vor. Sie kann sogar als mindestens so wirksam angesehen werden wie die medikamentöse Migräne-Prophylaxe.

  • Ohrakupunktur (Aurikulotherapie): Die Ohrakupunktur ist ein Teilgebiet der Akupunktur. Praktizierende dieser Therapie verwenden Nadeln, Samen oder ihre eigenen Finger, um Druck auf bestimmte Punkte am Ohr auszuüben. Es werden dabei direkte Verbindungen der Punkte zu Strukturen des zentralen Nervensystems angenommen - besonders über den Trigeminusnerv, den Vagusnerv und das obere Halsgeflecht.

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  • Meditation: Verschiedene Studien zeigen, dass eine Achtsamkeitsmeditation hilft, die Schmerzintensität zu reduzieren. Sie ist deshalb eine gute Behandlungsoption für Menschen, die mit Migräne leben.

  • Biofeedback: Biofeedback hat sich als sehr effektiv in der Migräne-Vorbeugung gezeigt. Bei diesem Therapieverfahren lernen Patienten, eigentlich unbewusst ablaufende Prozesse im Körper vermehrt aktiv zu kontrollieren - wie die Herzrate oder Muskelspannung. Sind Ihnen die Abläufe bewusst, hilft Ihnen das, sich zu entspannen oder die Reaktion auf Stress zu verringern, um Migränesymptome zu lindern.

  • Ausdauersport: In den Leitlinien, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie entwickelt wurden, raten die Fachleute neben speziellen Medikamenten unter anderem auch zu Ausdauersport, um Migräne vorzubeugen.

Was sollte man beachten, wenn man ein Migräne-Piercing in Erwägung zieht?

Wenn Sie trotz der wissenschaftlichen Skepsis ein Migräne-Piercing in Erwägung ziehen, sollten Sie folgende Punkte beachten:

  • Informieren Sie sich gründlich: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einem Migräne-Experten über die potenziellen Risiken und Vorteile.
  • Wählen Sie ein seriöses Studio: Achten Sie auf ein Piercingstudio mit erfahrenen Piercern, die hohe Hygienestandards einhalten.
  • Pflegen Sie das Piercing richtig: Befolgen Sie die Anweisungen des Piercers zur Pflege und Nachbehandlung, um Infektionen zu vermeiden.
  • Seien Sie realistisch: Erwarten Sie keine Wunder. Das Piercing ist kein Allheilmittel und kann nicht bei jedem Betroffenen die gewünschte Wirkung erzielen.
  • Beachten Sie die Empfehlungen der DMKG: Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät von Migräne-Piercings ab und empfiehlt stattdessen konventionelle Behandlungsmethoden.

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