Einführung
Die Alzheimer-Krankheit und andere Formen von Demenz stellen eine wachsende globale Herausforderung dar. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert einen Anstieg der Demenzfälle auf 152 Millionen bis zum Jahr 2050, was eine erhebliche Belastung für die Gesundheitssysteme bedeutet. Angesichts dieser Entwicklung suchen Forscher intensiv nach Möglichkeiten zur Prävention und Behandlung dieser Erkrankungen. Ein vielversprechender Ansatzpunkt liegt in der Erforschung natürlicher Substanzen, die das Potenzial haben, das Gehirn vor altersbedingten Schäden zu schützen.
Ergothionein: Ein "Langlebigkeitsvitamin" aus Pilzen
Ein Hoffnungsträger im Kampf gegen Gehirnalterung und Demenz ist ein kleines, natürliches Molekül namens Ergothionein (ET). Diese schwefelhaltige Aminosäure, die besonders in Pilzen wie Austern- und Shiitake-Pilzen vorkommt, wird von Forschern als "Langlebigkeitsvitamin" gehandelt. Ergothionein wirkt offenbar antioxidativ und entzündungshemmend.
Überwindung der Blut-Hirn-Schranke
Ein entscheidender Vorteil von Ergothionein ist seine Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Diese Schranke schützt das Gehirn vor schädlichen Substanzen, verhindert aber auch, dass die meisten Medikamente dorthin gelangen. Ergothionein reichert sich in Geweben mit hohem oxidativem Stress an, wie Leber, Nieren und Gehirn.
Niedrige ET-Spiegel als Risikofaktor für Demenz
Studien deuten darauf hin, dass niedrige Ergothionein-Spiegel mit einem erhöhten Risiko für Demenz und kognitive Beeinträchtigungen verbunden sind. Labor- und Tierversuche zeigen, dass Ergothionein die Bildung von Amyloid-Plaques reduzieren kann, den abnormalen Ablagerungen im Gehirn, die typisch für Alzheimer sind. Darüber hinaus verbessert ET den Glukosestoffwechsel im Gehirn, der eine entscheidende Rolle für die Hirngesundheit spielt.
Pilotstudie aus Singapur macht Hoffnung
Eine Pilotstudie der Universität Singapur mit älteren Menschen lieferte vielversprechende Ergebnisse. In dieser doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie erhielten Teilnehmer über 60 Jahre entweder Ergothionein oder ein Placebo über ein Jahr hinweg. Diejenigen, die Ergothionein erhielten, zeigten positive Effekte auf die Lernfähigkeit, und es stabilisierten sich sogar Biomarker, die mit neuronalen Schäden in Verbindung stehen.
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Löwenmähne (Hericium erinaceus): Ein weiterer vielversprechender Pilz
Neben Ergothionein rückt auch der Löwenmähnenpilz (Hericium erinaceus), auch Igel-Stachelbart oder Affenkopfpilz genannt, in den Fokus der Alzheimer-Forschung. Dieser in Asien beliebte Speisepilz wird traditionell in der chinesischen Medizin verwendet.
Neurotrophe Wirkung und Gedächtnisverbesserung
Präklinische Tests haben gezeigt, dass der Löwenmähnenpilz einen signifikanten Einfluss auf das Wachstum von Gehirnzellen hat und das Gedächtnis verbessern kann. In Labortests wurden die neurotrophen Wirkungen von aus Hericium erinaceus isolierten Verbindungen auf kultivierte Gehirnzellen gemessen. Es wurde festgestellt, dass die Wirkstoffe die Projektion von Neuronen fördern, die sich ausdehnen und mit anderen Neuronen verbinden.
Potenzial für die Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen
Die Forscher konnten feststellen, dass der Pilzextrakt und seine aktiven Bestandteile die Größe der Wachstumszapfen stark erhöhen. Diese sind für die Gehirnzellen besonders wichtig, um ihre Umgebung wahrzunehmen und neue Verbindungen mit anderen Neuronen im Gehirn herzustellen. Dies steigert die Gehirnleistung. Ramon Martinez-Marmol ist überzeugt, dass diese positiven Ergebnisse relevant für die Behandlung und den Schutz vor neurodegenerativen kognitiven Störungen wie der Alzheimer-Krankheit sein könnten.
Weitere positive Wirkungen der Löwenmähne
Die Löwenmähne ist reich an Proteinen, Aminosäuren, Mineralien, Vitaminen und bioaktiven Stoffen. Studien deuten darauf hin, dass die in der Löwenmähne enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe Hericenon und Erinacin für die positive Wirkung auf das Nervensystem sowie auf die kognitive Leistungsfähigkeit verantwortlich sein könnten. Der Nervenwachstumsfaktor NGF spielt dabei eine bedeutende Rolle.
Depressionen und Angstzustände
Eine Studie an 30 Frauen in den Wechseljahren zeigte, dass der tägliche Verzehr von Keksen, die den Pilz enthielten, zu weniger depressiven Symptomen und Angstgefühlen führte als Placebo-Kekse. Auch eine italienische Studie aus dem Jahr 2019 mit übergewichtigen und fettleibigen Menschen zeigte, dass die Löwenmähne Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen verbesserte.
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Hörverlust
Taiwanesische Forscher veröffentlichten im Jahr 2022 eine randomisierte, kontrollierte Studie, in der sie herausfanden, dass die Löwenmähne vor allem durch seine antioxidative Wirkung in der Lage ist, den Hörverlust bei Menschen zwischen 50 und 79 Jahre zu verbessern. Auch die Serumkonzentration des neurotrophen Faktors NGF erhöhte sich bei Menschen über 65 Jahren signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe, während der neurotrophe Faktor BDNF tendenziell anstieg.
Verdauungssystem
Mehrere Studien belegen, dass sich die Löwenmähne positiv auf das Verdauungssystem auswirken kann. So kann der Pilz etwa dabei helfen, Magengeschwüre zu verhindern. So zeigte etwa eine 2016 veröffentlichte norwegische Studie an Patienten mit Colitis ulcerosa, dass das Arzneimittel AndoSan, das zu 15 % aus Löwenmähnen-Extrakt besteht, nach drei Wochen zu einer Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität führte.
Darmflora
Bei den 13 Teilnehmern handelte es sich um gesunde Erwachsene, die sieben Tage lang dreimal täglich 1 g Löwenmähnen-Pulver einnehmen sollten. Es stellte sich heraus, dass der Pilz die Alpha-Diversität, also die Artenvielfalt der Bakterien in der Darmflora, als auch die Häufigkeit einiger Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren produzieren, erhöhte. Gleichzeitig führte die Einnahme des Pilzes in der Studie zu einer Reduktion von Darmbakterien, die mit der Entstehung von Krankheiten in Verbindung gebracht werden (5).
Herzgesundheit und Blutzuckerregulierung
Der Extrakt der Löwenmähne kann sich überdies positiv auf einige der wichtigsten Risikofaktoren für Herzerkrankungen auswirken. Zellstudien ergaben außerdem, dass Löwenmähnen-Extrakt dazu beitragen kann, die Oxidation des LDL-Cholesterins im Blutkreislauf zu verhindern. Ein Erklärungsansatz für die blutzuckersenkende Wirkung besteht darin, dass die Löwenmähne die Aktivität des Enzyms Alpha-Glucosidase blockiert.
Nebenwirkungen und Dosierung
Die Löwenmähne scheint Studien zufolge nur selten und wenige Nebenwirkungen zu haben. Wer jedoch allergisch auf Pilze reagiert, sollte die Löwenmähne meiden. Um die kognitive Funktion zu verbessern, empfehlen Forscher 3-5 g des getrockneten Fruchtkörpers pro Tag einzunehmen.
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Zubereitung und Verzehr
Der Geschmack des Pilzes wird als hummerähnlich beschrieben, weshalb er als Fleischersatz verwendet werden kann sowie als leckere Zutat für Risotto, Pasta oder Suppe dienen kann. In Form von Pulver kann die Löwenmähne auch in heißes Wasser, Tee, Kaffee, Eistee, Smoothies oder auch in eine Goldene Milch gemischt sowie den verschiedensten Speisen untergerührt werden.
Vitalpilze: Ein Überblick
Vitalpilze, auch Heilpilze oder Medizinalpilze genannt, unterscheiden sich von gewöhnlichen Speisepilzen durch ihre hohe Konzentration an spezifischen bioaktiven Verbindungen. Diese Inhaltsstoffe verleihen ihnen besondere gesundheitsfördernde Eigenschaften.
Bekannte Vitalpilze und ihre Anwendungsgebiete
- Cordyceps (Cordyceps sinensis): Wird oft bei Müdigkeit und zur Steigerung von Energie, Ausdauer und Libido eingesetzt.
- Reishi (Ganoderma lucidum): Bekannt für seine immunmodulierenden und stressreduzierenden Eigenschaften.
- Shiitake (Lentinula edodes): Unterstützt das Immunsystem und kann den Cholesterinspiegel senken.
- Maitake (Grifola frondosa): Kann den Blutzuckerspiegel regulieren und das Immunsystem stärken.
Inhaltsstoffe und Wirkmechanismen
Die beeindruckende Wirkung der Vitalpilze beruht auf einer komplexen Mischung aus bioaktiven Substanzen:
- Polysaccharide (insbesondere Beta-Glucane): Diese komplexen Kohlenhydrate sind der Hauptgrund für die immunmodulierende Wirkung der Pilze.
- Triterpene: Diese sekundären Pflanzenstoffe sind für viele adaptogene, entzündungshemmende und leberschützende Eigenschaften verantwortlich.
- Antioxidantien: Viele Vitalpilze sind reich an Antioxidantien wie phenolische Verbindungen und Selen.
- Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren: Viele Vitalpilze enthalten zudem wichtige B-Vitamine, Vitamin D, Kalium, Selen, Zink und essenzielle Aminosäuren, die zu einer ausgewogenen Ernährung beitragen.
Gesundheitsvorteile von Vitalpilzen
Vitalpilze können eine breite Palette von gesundheitlichen Vorteilen bieten:
- Stärkung des Immunsystems: Viele Vitalpilze sind bekannt für ihre Fähigkeit, das Immunsystem zu modulieren und die Abwehrkräfte zu stärken.
- Stressmanagement und Nervensystem: Pilze wie Reishi und Cordyceps wirken adaptogen und helfen dem Körper, sich an Stress anzupassen und das innere Gleichgewicht wiederzufinden.
- Darmgesundheit: Einige Vitalpilze wirken präbiotisch und können so eine gesunde Darmflora fördern.
- Blutzuckerregulierung: Es wird untersucht, inwiefern Vitalpilze helfen können, den Blutzuckerspiegel in Balance zu halten, besonders bei Typ-2-Diabetes.
- Antioxidativer Schutz: Vitalpilze besitzen starke antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften.
- Demenz-/Alzheimer-Prävention: Die aktuelle Forschung blickt mit großem Interesse auf Austernpilze und den Inhaltsstoff Ergothionein.
Qualitätsmerkmale beim Kauf von Vitalpilz-Produkten
Beim Kauf von Vitalpilz-Produkten ist die Qualität entscheidend:
- Pilzpulver vs. Extrakte: Pilzpulver enthält den gesamten getrockneten Pilz, während Extrakte die bioaktiven Inhaltsstoffe konzentrieren.
- Analysezertifikate: Seriöse Anbieter lassen ihre Produkte regelmäßig von unabhängigen Laboren auf Wirkstoffgehalt prüfen.
- Reiner Pilz: Viele günstige Produkte enthalten Myzel, das auf Getreide gewachsen ist. Hierbei handelt es sich nicht um den eigentlichen Fruchtkörper des Pilzes und der Pilzanteil, sowie die Wirkstoffkonzentration sind deutlich geringer.
- Extraktionsverfahren: Informationen zur angewandten Extraktionsmethode sind wichtig.
Einnahme und Sicherheit
Vitalpilze gelten im Allgemeinen als gut verträglich. Es gibt jedoch einige Kontraindikationen:
- Blutverdünner: Einige Pilze können die Blutgerinnung beeinflussen.
- Operationen: Vor Operationen sollte die Einnahme vorsorglich pausiert und das mit dem Arzt besprochen werden.
Spermidin: Ein weiterer wichtiger Faktor
Spermidin ist ein Botenstoff, der in allen Zellen unseres Körpers vorkommt und auch von ihnen gebildet wird. Außerdem wird es vom Mikrobiom des Darms gebildet. Spermidin wird auch mit der Nahrung aufgenommen. Spermidin erfüllt wichtige Aufgaben in der menschlichen Zelle. Für die Wissenschaft besonders interessant ist, dass Spermidin die zelluläre Autophagie auslösen kann - ein Prozess, bei dem Zellen aufgeräumt werden und so genannter Zellschrott abgebaut und verwertet wird. Neben Krankheitserregern und nicht mehr funktionalen Zellbestandteilen gehören dazu auch fehlgefaltete Proteine, die für die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer verantwortlich sind. Spermidin kann diese Aufräumprozesse in Gang setzen und schützt damit die Zellen vor schädlichen Ansammlungen.
Spermidin-reiche Lebensmittel
Spermidin ist in verschiedenen Lebensmitteln enthalten, besonders gute Spermidin-Lieferanten sind:
- Weizenkeimlinge
- Pilze (Kräuterseitlinge, Champignons)
- Gereifter Käse
- Erbsen
- Broccoli und Blumenkohl (gekocht)
- Äpfel und Birnen
Candida albicans und Alzheimer
Auf der Suche nach den Ursachen für Alzheimer und andere Demenz-Erkrankungen ist ein häufiger Bewohner des menschlichen Organismus ins Visier der Forschung geraten: Candida albicans. Forschungsergebnisse haben ergeben, dass sich in den Gehirnen von Alzheimer-Patient:innen Proteinfragmente verschiedener Pilzarten, darunter Candida albicans, ansammeln. Dies deutet möglicherweise darauf hin, dass wiederkehrende oder anhaltende Candida-Infektionen zur Entwicklung von Alzheimer-Demenz beitragen könnten. Die von Candida albicans produzierten Enzyme, bekannt als Saps (secreted aspartic proteinases), ermöglichen es dem Pilz zunächst, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Unter anderem spalten sie das Amyloid Precursor Protein (APP) in ß-Amyloid auf, was bei der Entwicklung von Alzheimer-Demenz eine Rolle spielt.