Pokémon-Folge 38: Ursache für epileptische Anfälle und ihr Vermächtnis

Pokémon ist seit Jahrzehnten ein globales Phänomen, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert. Doch inmitten des Erfolgs und der Popularität gibt es einen dunklen Fleck in der Geschichte der Anime-Serie: Folge 38, bekannt als "Dennō Senshi Porigon". Diese Episode, die am 16. Dezember 1997 in Japan ausgestrahlt wurde, verursachte bei Hunderten von Zuschauern epileptische Anfälle und führte zu einem beispiellosen Skandal, der die Zukunft des Pokémon-Franchise bedrohte.

Die verhängnisvolle Ausstrahlung und ihre Folgen

In "Dennō Senshi Porigon" geraten Ash und seine Freunde in ein digitales Universum, in dem sie gegen ein Computervirus kämpfen müssen. In einer Szene wehrt Pikachus Donnerblitz vier Raketen ab, was zu einer Explosion mit einem schnellen, vier Sekunden langen Flackern zwischen Rot und Blau führt. Dieses intensive Blinken löste bei einer großen Anzahl von Zuschauern, hauptsächlich Kindern, epileptische Anfälle aus.

Die unmittelbaren Folgen waren gravierend. Über 650 Kinder (300 Jungen und 375 Mädchen) wurden mit Anfallerscheinungen in Krankenhäuser eingeliefert. Der Vorfall führte zu einer sofortigen Unterbrechung der Ausstrahlung der Pokémon-Serie für mehrere Monate. Die Episode selbst wurde nie wieder im japanischen Fernsehen gezeigt und auch nicht in andere Sprachen übersetzt oder im Westen ausgestrahlt. In Deutschland ist die Episode nie ausgestrahlt worden.

Die Ursache der Anfälle: Lichtempfindliche Epilepsie

Die medizinische Erklärung für die Anfälle liegt in der lichtempfindlichen Epilepsie, einer Form der Epilepsie, bei der Anfälle durch visuelle Reize wie flackernde Lichter oder Muster ausgelöst werden können. Die schnelle Frequenz und die intensiven Farbwechsel in der fraglichen Szene der Pokémon-Episode überschritten die Schwelle, die bei anfälligen Personen Anfälle auslösen konnte.

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass lichtempfindliche Epilepsie relativ selten ist und nur einen kleinen Prozentsatz der Menschen mit Epilepsie betrifft. Tatsächlich ergaben spätere Untersuchungen, dass bei Kindern, die nach dem Konsum von Pokémon-Inhalten zum Arzt gebracht wurden, weniger epileptische Neigungen auftraten als im Durchschnitt der Bevölkerung. Dies deutet darauf hin, dass neben der eigentlichen Szene auch andere Faktoren, wie z. B. Angst und Hysterie, eine Rolle bei der großen Anzahl von gemeldeten Anfällen gespielt haben könnten.

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Die Rolle der Massenhysterie

Einige Experten argumentieren, dass die große Anzahl von gemeldeten Anfällen nicht allein durch lichtempfindliche Epilepsie erklärt werden kann. Sie vermuten, dass auch Massenhysterie, auch bekannt als Massenpsychogene Erkrankung, eine Rolle gespielt haben könnte. Massenhysterie ist ein Phänomen, bei dem sich körperliche Symptome oder Verhaltensweisen schnell in einer Gruppe von Menschen ausbreiten, obwohl keine organische Ursache vorliegt.

Im Fall der Pokémon-Episode könnten die intensive Berichterstattung über die Anfälle und die weit verbreitete Angst vor der Serie dazu beigetragen haben, dass sich Symptome auch bei Personen manifestierten, die nicht tatsächlich an lichtempfindlicher Epilepsie litten. Die Angst vor den potenziellen Auswirkungen der Episode könnte bei einigen Zuschauern eine Art selbsterfüllende Prophezeiung ausgelöst haben, was zu tatsächlichen körperlichen Symptomen führte.

Neue Richtlinien und Vorsichtsmaßnahmen

Als Reaktion auf den Vorfall ergriff TV Tokyo, der Sender, der Pokémon ausstrahlte, Maßnahmen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Es wurden neue Richtlinien für Anime-Serien festgelegt, die sich auf die Verwendung von isoliertem Rot, raschen Bildwechseln und systematischen Mustern wie Spiralen konzentrierten. Diese Richtlinien zielten darauf ab, die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass visuelle Reize in Anime-Inhalten Anfälle auslösen.

Darüber hinaus begannen viele Anime-Serien, Epilepsie-Warnungen einzublenden, um die Zuschauer auf die potenziellen Risiken aufmerksam zu machen. Diese Warnungen sind oft animiert und sollen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Zuschauer dazu anregen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, wenn sie lichtempfindlich sind.

Das Vermächtnis der Porygon-Folge

Obwohl die "Porygon"-Folge seit ihrer ursprünglichen Ausstrahlung nie wieder gezeigt wurde, hat sie ein bleibendes Vermächtnis in der Welt des Anime und der Popkultur hinterlassen. Der Vorfall hat das Bewusstsein für lichtempfindliche Epilepsie geschärft und zu verbesserten Sicherheitsvorkehrungen in Anime-Produktionen geführt.

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Darüber hinaus wurde die Episode in verschiedenen Formen in anderen Fernsehsendungen und Medien parodiert. Die Simpsons, Family Guy und South Park haben alle die "Porygon"-Folge in ihren eigenen skurrilen Stilen referenziert und damit ihre Bekanntheit und ihren Einfluss auf die Popkultur unterstrichen.

Kontroverse Folgen von Pokémon

Folge 18, die im Englischen "Beauty and the Beach" betitelt ist, wurde in Deutschland nie ausgestrahlt. Der Grund ist ziemlich kurios: In der Episode nimmt das Bösewicht-Duo Team-Rocket an einem Bikini-Wettbewerb teil. James wählt dafür ein ziemlich gewagtes Outfit: Er zeigt sich mit riesigen, aufblasbaren Brüsten, die nur von einem winzigen Bikini-Oberteil im Zaum gehalten werden. Die Darstellung galt damals als extrem kontrovers und wurde deshalb nie im deutschen TV gezeigt.

Auch Folge 35 (Englisch: The Legend of Dratini) hat es nie bis nach Deutschland geschafft. Hierfür gibt es gleich mehrere Gründe. In der Folge sind zahlreiche Schusswaffen zu sehen, mit denen Ash und seine Freunde von den zwielichtigen Bösewichten bedroht werden. Aber es kommt sogar noch schlimmer: Mauzi, das freche Pokémon von Team Rocket, trägt in einer Verhörszene einen fragwürdigen Bart, der das deutsche Publikum stark an die Gesichtsbehaarung von Adolf Hitler erinnert. Ein absolutes No-Go.

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