Polio-Lebendimpfung, Nebenwirkungen und das Multiple Sklerose Risiko: Ein umfassender Überblick

Einführung

Die Frage nach der Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen, insbesondere der Polio-Lebendimpfung, bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) ist von großer Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Nebenwirkungen der Polio-Lebendimpfung und das damit verbundene Risiko für MS-Patienten. Zudem werden allgemeine Impfempfehlungen für MS-Patienten, die verschiedenen Impfstofftypen und deren Wirkungsweise im Körper erläutert.

Die weltweite Ausrottung von Polio und die Rolle der Impfung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat große Fortschritte bei der Ausrottung von Polio erzielt. Zwei von drei Polio-Wildvirus-Typen sind bereits weltweit eliminiert. Am 24. Oktober soll der Typ 3 offiziell als ausgelöscht erklärt werden. Somit existiert nur noch der Polio-Wildvirus-Typ-1, der in Pakistan und Afghanistan vorkommt. Die WHO warnt jedoch, dass ohne hohe Impfraten die Gefahr besteht, dass sich die Wildviren wieder ausbreiten.

Ein Problem stellt die Ansteckung mit rückmutierten Viren aus dem Polio-Lebendimpfstoff bei Ungeimpften dar. So trat auf den Philippinen im September der erste Polio-Fall seit Jahrzehnten auf, der auf ein Virus aus dem oralen Impfstoff zurückzuführen war, das sich aufgrund schlechter sanitärer Bedingungen ausgebreitet hatte.

Impfen bei Multipler Sklerose: Eine wichtige Entscheidung

Viele MS-Betroffene sind verunsichert, ob Impfungen bei ihrer Erkrankung sinnvoll sind. Es existieren zahlreiche Mythen und Falschinformationen zum Thema Impfen. Es ist daher wichtig, sich sachlich zu informieren. Studien haben keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Ausbrechen von MS oder einem erhöhten Schubrisiko festgestellt. Im Gegenteil, Impfungen beugen Krankheiten vor und vermindern dadurch das Risiko für durch Infektionen ausgelöste Schübe. Bestimmte Krankheiten wie Influenza, Gürtelrose, Pneumokokken, Masern oder Hepatitis B erhöhen sogar das Risiko für einen Schub.

Zeitpunkt und Art der Impfung bei MS

Der Zeitpunkt einer Impfung sollte vom Gesundheitszustand des Patienten abhängen. Eine Impfung sollte nur bei Wohlbefinden und außerhalb eines akuten Schubs erfolgen. Eine immunsuppressive oder immunmodulatorische Therapie ist jedoch kein Ausschlusskriterium für eine Impfung mit Totimpfstoffen, die mit keinem erhöhten Risiko für Nebenwirkungen verbunden sind. Der Impferfolg kann jedoch durch das unterdrückte Immunsystem verringert sein. Es gibt jedoch Optionen, die eine Impfung jederzeit auch unter Therapieschutz und mit einer vollständigen Immunantwort ermöglichen.

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Lebendimpfstoffe und MS

Anders als Totimpfstoffe sind Lebendimpfstoffe bei MS-Betroffenen kontraindiziert. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis dieser Impfstoffe sollte gründlich abgewogen werden. Vektorimpfstoffe sowie mRNA-Impfungen zählen konzeptionell zu den Totimpfstoffen und sind damit grundsätzlich für MS-Erkrankte geeignet.

Impfempfehlungen für MS-Patienten

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts entwickelt Impfempfehlungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auch Menschen mit MS sollten sich entsprechend dieser Empfehlungen mit Standardimpfungen immunisieren lassen, darunter Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Masern.

Zusätzlich zu den Standardimpfungen werden für MS-Erkrankte weitere Indikationsimpfungen empfohlen, insbesondere die jährliche Impfung gegen das Influenzavirus. Influenza kann für Menschen mit MS ein Problem sein, da sie ein deutlich erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung und damit einhergehender Komplikationen haben. Eine Infektion kann zudem das Risiko für einen Schub erhöhen.

Auch die Coronaimpfung samt Booster wird weiterhin von Experten empfohlen, auch für MS-Betroffene. Die derzeit zugelassenen mRNA-, Vektor-, Ganzvirus- und proteinbasierten Impfstoffe gelten als Totimpfstoffe.

Impfstrategien für MS-Patienten im Detail

Es wird empfohlen, den Impfstatus aller MS-Patienten, insbesondere vor Beginn einer immunsupprimierenden Therapie, zu überprüfen. Angeratene Impfungen sollten am besten schon bei Diagnosestellung oder in frühen Krankheitsstadien verabreicht werden, um den Start einer MS-Behandlung nicht zu verzögern. Eine Bestimmung des Impftiters wird ein bis zwei Monate nach Impfung sowie nach Hepatitis-B-, Tetanus-, Masern-, Mumps- und Windpockenimpfung empfohlen.

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Zeitabstand zwischen MS-Therapie und Impfung

Prinzipiell dürfen MS-Patienten inaktivierte Impfstoffe jederzeit, auch unter DMT, erhalten. Optimalerweise liegen für eine bestmögliche Impfantwort jedoch zwischen der letzten Impfung und dem Behandlungsbeginn zwei Wochen. Bei Lebendimpfstoffen sollte nach Impfung vier Wochen bis zum Start einer DMT gewartet werden, bei Ocrelizumab und Alemtuzumab sogar sechs Wochen. Bei Therapieende hängt der Zeitpunkt der nächstmöglichen Lebendimpfung vom abgesetzten MS-Arzneimittel ab. Nach Hochdosis-Kortisongabe sollte ein Monat bis zur nächsten Lebendimpfung gewartet werden.

Lebendimpfstoffe: Nicht für alle MS-Patienten geeignet

Ob Lebendimpfstoffe sicher verabreicht werden können, hängt von der MS-Therapie ab. MS-Patienten ohne DMT können Lebendimpfstoffe problemlos erhalten, ebenso Patienten, die Interferone oder Glatirameracetat anwenden. Unter Dimethylfumarat, Teriflunomid, Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren, Natalizumab, Cladribin, Alemtuzumab und CD20-Antikörpern sollte auf eine Impfung mit Lebendimpfstoffen verzichtet werden, um Impfstoff-bezogene Infektionen zu vermeiden.

Empfohlene Impfungen für Menschen mit MS

Generell gelten die allgemeinen Impfempfehlungen der STIKO. MS-Patienten sollten sich jährlich vor Grippe schützen und ihren Pneumokokken-Impfschutz aktuell halten. Unabhängig vom Alter ist bei einer geplanten Behandlung mit Alemtuzumab, Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren, Cladribin oder CD20-Antikörpern eine HPV-Impfung ratsam. Für ab 18-Jährige ist eine Gürtelroseimpfung empfehlenswert, wenn sie stark immunsupprimierende Arzneimittel erhalten, die eine Herpesinfektion begünstigen.

Impfungen für Kinder, Schwangere und ältere Menschen mit MS

Auch für Kinder mit Multipler Sklerose gelten die allgemeinen Impfempfehlungen der STIKO für die gesunde Alterskohorte. Vor Start einer MS-Behandlung sollten Ärzte den Impfstatus des Kindes prüfen und bestehende Impflücken möglichst schließen.

Für schwangere Frauen mit MS gelten dieselben Impfempfehlungen wie für Schwangere ohne MS. Ziel ist es, Mutter und Kind vor möglichen Infektionen zu schützen. Aus diesem Grund sollten sich Schwangere gegen Grippe, Keuchhusten, Tetanus und Diphtherie impfen lassen.

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Für ältere Menschen mit Multipler Sklerose gelten die allgemeinen Impfempfehlungen für die ältere Bevölkerung, wobei das Augenmerk auf der jährlichen Grippeschutzimpfung liegt. Die STIKO rät bei Menschen ab 60 Jahren zu einem Hochdosisgrippeimpfstoff. Außerdem sollten ältere Menschen ihren Pneumokokken- und Gürtelroseimpfschutz aktuell halten.

Reiseimpfungen für MS-Patienten

Für MS-Patienten mit oder ohne DMT gelten die Reiseimpfempfehlungen wie für gesunde Menschen. Sie können sicher gegen Hepatitis A und B, Tollwut, Japanische Enzephalitis, Meningokokken, Cholera, FSME, Polio (IPV) und Typhus (inaktiviert) geimpft werden. Der Impfschutz richtet sich jeweils nach Reiseziel und Expositionsrisiko. Unter immunsupprimierender Behandlung dürfen die Lebendimpfstoffe gegen Gelbfieber, Dengue-Fieber, Windpocken, Masern, Mumps, Röteln und Typhus (oral) allerdings nicht verabreicht werden.

Die Geschichte der Impfstoffentwicklung

Die Geschichte der Impfstoffentwicklung begann im 18. Jahrhundert mit der Beobachtung, dass Kuhmägde, die sich Kuhpocken zugezogen hatten, nicht an den „echten“ Pocken erkrankten. Der englische Arzt Edward Jenner infizierte Menschen mit Kuhpocken, um sie gegen das menschliche Pockenvirus zu immunisieren.

Arten von Impfstoffen

Es gibt verschiedene Arten von Impfstoffen:

  • Lebendimpfstoffe: Diese enthalten abgeschwächte Krankheitserreger, die sich noch vermehren können, aber keine Krankheit auslösen.
  • Totimpfstoffe: Diese enthalten abgetötete Krankheitserreger oder nur Bruchstücke davon.
  • Vektorimpfstoffe: Hier wird der genetische Bauplan für ein Protein des Krankheitserregers in ein harmloses Virus eingeschleust, das menschliche Zellen infizieren und den Bauplan in diese einschleusen kann.
  • mRNA-Impfstoffe: Diese enthalten die mRNA eines Krankheitserregers, aus der ein bestimmtes Protein hergestellt werden kann.

Die Funktionsweise von Impfungen

Bei einer Impfung nutzt man die natürlichen Abwehrmechanismen unseres Körpers. Das Immunsystem reagiert auf den Impfstoff und entwickelt eine spezifische Immunantwort samt Gedächtnis. Kommen wir jemals mit dem echten Krankheitserreger in Kontakt, ist unsere Immunabwehr vorbereitet und kann diesen schnell und effektiv bekämpfen.

Mögliche Risiken von Impfungen

Obwohl Impfungen im Allgemeinen sicher sind, können sie in seltenen Fällen zu Nebenwirkungen führen. Es gibt auch Bedenken, dass Impfungen Autoimmunerkrankungen auslösen könnten. Studien zu diesem Thema sind jedoch widersprüchlich.

Autoimmunerkrankungen und Impfungen

Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Impfzusätze wie Quecksilber, Squalen und Aluminium das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöhen könnten. Auch die Aktivierung des Immunsystems durch die Impfung selbst könnte in seltenen Fällen zu einer Überreaktion des Immunsystems und damit zu einer Autoimmunerkrankung führen.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die meisten Menschen, die geimpft werden, keine Autoimmunerkrankung entwickeln. Weitere Ursachen für Autoimmunerkrankungen sind neben Impfungen die Ernährung und der Gesundheitszustand der Darmflora.

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