Die Polyneuropathie ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen des peripheren Nervensystems, also der Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark verlaufen. Diese Nerven sind für die Wahrnehmung von Temperatur und Schmerzen, die Beweglichkeit der Muskulatur und die automatische Steuerung von Organen verantwortlich. Eine der vielen möglichen Ursachen für eine Polyneuropathie ist ein Mangel an Vitamin B12. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Vitamin-B12-Mangel und Polyneuropathie, einschließlich Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Einführung
Bei Polyneuropathien kommt es zu einer Schädigung der peripheren Nerven oder ihrer Hülle. Der Begriff Neuropathie bezeichnet allgemein eine Schädigung oder Erkrankung peripherer Nerven. Es gibt nicht „die eine“ Polyneuropathie. Vielmehr umfasst der Begriff eine große und vielfältige Gruppe von Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die sich nach mehreren Kriterien einteilen lassen.
Vitamin B12: Aufnahme, Funktion und Bedeutung für das Nervensystem
Vitamin B12, auch Cobalamin genannt, ist ein essentielles Vitamin, das der Körper nicht selbst herstellen kann und daher über die Nahrung aufgenommen werden muss. Es spielt eine entscheidende Rolle bei verschiedenen Prozessen im Körper, insbesondere für die Funktion des Nervensystems und die Blutbildung.
Aufnahme und Verwertung von Vitamin B12
Die Aufnahme von Vitamin B12 ist ein komplexer Prozess, der mehrere Schritte umfasst:
- Abspaltung von proteingebundenem Vitamin B12: Im Magen wird Vitamin B12 durch Pepsin und Magensäure von Proteinen getrennt.
- Bindung an R-Proteine (Haptocorrine): Das freigesetzte Vitamin B12 bindet im Magen an R-Proteine, auch Haptocorrine genannt.
- Abspaltung der R-Proteine: Im Duodenum werden die R-Proteine durch Pankreasenzyme abgespalten.
- Bindung an Intrinsic Factor (IF): Vitamin B12 bindet nun an den Intrinsic Factor, ein Glykoprotein, das von den Parietalzellen des Magens gebildet wird.
- Resorption im Ileum: Der Vitamin-B12-IF-Komplex wird im terminalen Ileum, dem letzten Abschnitt des Dünndarms, resorbiert. Eine geringe passive Resorption (ca. 1 %) findet im gesamten Dünndarm statt.
- Transport im Blut: Im Blut wird Vitamin B12 in verschiedenen Formen transportiert: Holotranscobalamin (biologisch aktive Form), Haptocorrin und Transcobalamin.
Funktionen von Vitamin B12 im Körper
Vitamin B12 ist an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt:
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- Umwandlung von Methylmalonyl-CoA zu Succinyl-CoA: Vitamin B12 ist ein Katalysator für diese Reaktion. Bei einem Mangel kommt es zu einer Erhöhung der Methylmalonsäure (MMA).
- Synthese von Methionin: Vitamin B12 ist zusammen mit Folsäure für die Synthese von Methionin aus Homocystein notwendig. Methionin ist wichtig für die Blutbildung (Hämatopoese). Bei einem Mangel an Methionin kommt es zu einer Erhöhung von Homocystein.
Bedarf und Speicherung von Vitamin B12
Der tägliche Bedarf an Vitamin B12 beträgt ca. 3-4 µg. Der Körper speichert Vitamin B12 hauptsächlich in der Leber, aber auch in geringeren Mengen in Nieren, Muskulatur, Gehirn und Milz. Diese Speicher reichen normalerweise für mehrere Jahre.
Ursachen für Vitamin-B12-Mangel
Ein Vitamin-B12-Mangel kann verschiedene Ursachen haben:
- Mangelnde Zufuhr über die Nahrung: Dies betrifft vor allem Veganer, da Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt.
- Malabsorption: Störungen bei der Aufnahme von Vitamin B12 im Magen oder Dünndarm. Ursachen hierfür können sein:
- Mangel an Intrinsic Factor: Z.B. durch Autoimmunerkrankungen (Perniziöse Anämie) oder nach Magenentfernung.
- Erkrankungen des Dünndarms: Z.B. Morbus Crohn, Zöliakie.
- Einnahme bestimmter Medikamente: Z.B. Metformin, Protonenpumpenhemmer (Omeprazol).
- Erhöhter Bedarf: Z.B. in der Schwangerschaft und Stillzeit.
- Chronischer Alkoholkonsum: Alkohol kann die Aufnahme von Vitamin B12 beeinträchtigen.
Polyneuropathie als Folge von Vitamin-B12-Mangel
Ein Mangel an Vitamin B12 kann zu einer Schädigung der peripheren Nerven führen, was sich als Polyneuropathie äußert. Vitamin B12 ist essentiell für die Bildung und Regeneration der Myelinscheide, einer Schutzschicht, die die Nerven umhüllt. Bei einem Mangel kann die Myelinscheide nicht mehr richtig regenerieren, was zu neurologischen Symptomen führt.
Symptome der Polyneuropathie bei Vitamin-B12-Mangel
Die Symptome einer Polyneuropathie aufgrund von Vitamin-B12-Mangel können vielfältig sein und betreffen vor allem sensible und motorische Nerven:
- Sensible Symptome:
- Parästhesien: Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle in Händen und Füßen (sog. "Handschuh- und Strumpf"-förmige Verteilung).
- Hypästhesien: Vermindertes Empfinden von Berührung, Temperatur oder Schmerz.
- Verlust des Lage- und Vibrationsempfindens: Unsicherheit beim Gehen und Stehen.
- Motorische Symptome:
- Muskelschwäche: Insbesondere in den Beinen, was zu Gangunsicherheit führen kann.
- Spastische Ataxie: Koordinationsstörungen mit steifem Gangbild.
- Weitere neurologische Symptome:
- Optikusatrophie: Schädigung des Sehnervs, die zu Sehstörungen führen kann.
- Funikuläre Myelose: Degeneration der Hinter- und Seitenstränge des Rückenmarks, beginnend im zervikothorakalen Übergang. Dies kann zu Parästhesien, Störungen der Tiefensensibilität und spastischer Ataxie führen.
- Psychische Symptome: Angst, Depression, Burn-out, Demenz und kognitive Beeinträchtigung.
Es ist wichtig zu beachten, dass neurologische Symptome auch bei "normalen Blutwerten" auftreten können, insbesondere wenn der Vitamin-B12-Spiegel im unteren Normbereich liegt (je nach Labor unterer Normwert ca. 200 pg/ml).
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Diagnose von Vitamin-B12-Mangel und Polyneuropathie
Die Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels und der daraus resultierenden Polyneuropathie umfasst verschiedene Schritte:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Ernährungsgewohnheiten, Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung der Reflexe, des Empfindungsvermögens (Temperatur, Schmerz, Vibration), der Muskelkraft, des Gleichgewichts und des Gangs.
- Laboruntersuchungen:
- Vitamin-B12-Spiegel im Serum:
- Normwerte Erwachsene: 191 - 738 pmol/l bzw. 200-1000 pg/ml
- Manifester Mangel: <200 pg/ml
- Niedrig-normaler Spiegel: 200-400 pg/ml
- Behandlungsempfehlung bei Werten <450 pg/ml, insbesondere bei neurologischen Symptomen.
- Methylmalonsäure (MMA) im Serum oder Urin: Erhöhte Werte deuten auf einen Vitamin-B12-Mangel hin.
- Serum: pathologisch bei >280 nmol/l
- Urin: pathologisch >4mg/g Kreatinin
- Holotranscobalamin (Holo-TC): Erniedrigte Werte sind ein sensitiverer Indikator für einen Vitamin-B12-Mangel als der Gesamt-Vitamin-B12-Spiegel.
- Spiegel <35 pmol/l: B12-Mangel wahrscheinlich
- Spiegel 35-70 pmol/l: grenzwertiger Befund
- Spiegel >70 pmol/l: B12-Mangel unwahrscheinlich
- Weitere Laboruntersuchungen:
- Blutbild: Anämie (erhöhtes MCV, erhöhtes MCH, hypersegmentierte Granulozyten, Retikulopenie).
- Antikörper: Parietalzell-Antikörper, IF-Autoantikörper (bei Verdacht auf Perniziöse Anämie).
- Vitamin-B12-Spiegel im Serum:
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Neurographie (Nervenleitgeschwindigkeitsmessung): Demyelinisierende sensible oder sensomotorische Polyneuropathie (Nervus peronaeus und tibialis mit F-Wellen, Nervus suralis).
- Elektromyographie (EMG): Frage einer axonalen Schädigung.
- Evozierte Potentiale (SEP, VEP, MEP):
- Sensibel evozierte Potentiale (SEP): Medianus und Tibialis-SEP - fraktionierte Messung (bei begleitender funikulärer Myelose zusätzlich zentrale Reizleitungsstörung).
- Visuell evozierte Potentiale (VEP): Bei Verdacht auf Optikusatrophie.
- Magnetisch evozierte Potentiale (MEP): Bei Verdacht auf eine Pyramidenbahnschädigung.
- Bildgebung:
- MRT des zervikalen Myelons: Nachweis hyperintenser Darstellung der Hinter- und oder Seitenstränge (bei Verdacht auf funikuläre Myelose).
- MRT des Kopfes: Bei psychiatrischer oder demenzieller Symptomatik.
- Weitere Untersuchungen:
- Augenärztliche Untersuchung: Bei Verdacht auf Optikusatrophie.
- HNO-ärztliche Untersuchung: Bei Verdacht auf Indikation zur Vitamin B12 Substitution.
Therapie der Polyneuropathie bei Vitamin-B12-Mangel
Die Behandlung der Polyneuropathie bei Vitamin-B12-Mangel zielt darauf ab, den Mangel zu beheben und die neurologischen Symptome zu lindern.
Vitamin-B12-Substitution
Die wichtigste Maßnahme ist die Zufuhr von Vitamin B12, entweder oral oder parenteral (per Injektion).
- Orale Therapie:
- Geeignet bei fehlender Malabsorption und leichteren Symptomen.
- Therapiebeginn: 1000-2000 µg/Tag über eine Woche (Dosis abhängig vom Spiegel).
- Bei Spiegel < 200 pg/mg: Therapiebeginn mit 2000 µg/Tag.
- Woche 2-4: 1000µg/Woche
- Ab 2. Monat: 1000µg/Monat
- Parenterale Therapie:
- Empfehlenswert bei neurologischer Manifestation mit funikulärer Myelose oder Optikusatrophie.
- Dosis:
- Therapiebeginn: 1-2x /Woche 1000µg intramuskulär oder (abhängig von Schwere der Symptome) 5-7 Tage 1000µg Hydroxycobalamin intramuskulär oder intravenös/subkutan.
- Danach 2x1000µg in den Wochen 2-4.
- Erhaltungsdosis: 1000µg/Monat.
Es gibt keine Toxizität bei Überdosierung von Vitamin B12. Bei Therapiebeginn ist eine Kombination mit Folsäure (1,5-5 mg/die) empfehlenswert.
Weitere therapeutische Maßnahmen
- Behandlung der Grunderkrankung: Falls die Polyneuropathie durch eine andere Erkrankung (z.B. Diabetes mellitus, Alkoholismus) verursacht wird, muss diese entsprechend behandelt werden. Bei Diabetes mellitus ist eine optimale Blutzuckereinstellung unerlässlich. Bei Alkoholismus ist eine sofortige, lebenslange Abstinenz angezeigt.
- Symptomatische Therapie:
- Schmerztherapie: Bei neuropathischen Schmerzen können Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin) oder Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Pregabalin) eingesetzt werden. Klassische Schmerzmittel sind bei Polyneuropathie oft nur schlecht wirksam. In schweren Fällen können Opioide in Betracht gezogen werden. Eine Alternative zu oralen Medikamenten können Schmerzpflaster mit hochdosiertem Capsaicin oder Lidocain sein, insbesondere bei lokalisierten Beschwerden. Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben. Der Einsatz von medizinischem Cannabis bei chronischen neuropathischen Schmerzen wird kontrovers diskutiert. Wichtig ist zudem, dass die verordnete Dosierung exakt eingehalten wird. Gerade bei komplexen Schmerztherapien ist es besonders wichtig, die richtige Medikation zur richtigen Zeit einzunehmen.
- Physiotherapie: Kann bei motorischen Einschränkungen und Gangunsicherheit dazu beitragen, die Beweglichkeit und Stabilität zu verbessern.
- Ergotherapie: Hilft bei der Anpassung an den Alltag mit Polyneuropathie.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Eine nicht-medikamentöse Therapie, die oft bei starken neuropathischen Schmerzen in Kombination mit anderen Behandlungen eingesetzt wird. Sollten Medikamente zur Linderung der neuropathischen Schmerzen nicht ausreichen, kann in Absprache mit dem Arzt ein Therapieversuch erwogen werden.
- Hilfsmittel: Z.B. orthopädische Schuhe, Einlagen, Gehhilfen, um die Mobilität zu verbessern und Stürze zu vermeiden.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, um den Körper mit allen notwendigen Nährstoffen zu versorgen. Eine Nahrungsergänzung mit Folsäure, B12 oder anderen B-Vitaminen ist nur angeraten, wenn bei Ihnen ein ärztlich nachgewiesener Mangel besteht.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein. Informationen über regionale Selbsthilfegruppen finden Sie beim Deutschen Polyneuropathie Selbsthilfe e.V..
Verlauf und Prognose
Die Besserung der neurologischen Symptomatik ist abhängig von Dauer und Schwere der Symptomatik und tritt meist innerhalb der ersten drei Monate ein. Ob eine Neuropathie heilbar ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Viele Polyneuropathien weisen einen chronischen Verlauf auf und begleiten Betroffene über eine lange Zeit. Ob eine Rückbildung möglich ist, können im individuellen Fall nur die behandelnden Ärzte abschätzen. Je nach Art und Schweregrad der Symptome kann die Lebensqualität betroffener Personen beeinträchtigt sein. Ebenso wie sich eine chronische Polyneuropathie schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, dauert es eine Weile, bis sich der Körper an die verordneten Therapien gewöhnt hat. Ob Schmerzmittel oder nicht-medikamentöse Maßnahmen - oft braucht es einige Wochen, bis eine wesentliche Linderung der Beschwerden spürbar wird.
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Alltagstipps für Menschen mit Polyneuropathie
Der Alltag mit einem eingeschränkten Temperatur- und Schmerzempfinden kann herausfordernd sein und erfordert besondere Vorsicht und Vorsorge, um Verletzungen zu vermeiden und frühzeitig zu erkennen sowie um Stürze zu vermeiden.
- Kontrolle der Füße: Tägliche sorgfältige Kontrolle der Hände und Füße auf Rötungen, kleine Schnitte oder Druckstellen. Bei schwer einsehbaren Stellen einen Handspiegel nutzen.
- Hautpflege: Regelmäßiges Eincremen beugt trockener, rissiger Haut vor, die anfällig für Erreger ist. Stellen Sie Wunden oder Entzündungen fest, sollten Sie frühzeitig ärztlichen Rat einholen. Auch medizinische Fußpflege kann eine sinnvolle Ergänzung sein.
- Schutz vor Verbrennungen und Erfrierungen: Nutzung eines Thermometers zur Überprüfung der Wassertemperatur. Verzicht auf Wärmflaschen oder Heizdecken. Im Winter warme Handschuhe und gut isolierte Schuhe tragen.
- Sicherheit im Haus: Rutschfeste Böden, ausreichende Beleuchtung und das Entfernen von Stolperfallen wie losen Teppichen, um Stürzen vorzubeugen.
- Sicherheit im Freien: Festes Schuhwerk, Gehhilfen, gut beleuchtete Wege und die Vermeidung glatter oder unebener Flächen.
- Geeignetes Schuhwerk: Um Folgeschäden an den Füßen vorzubeugen, empfiehlt sich eine regelmäßige medizinische Fußpflege beim Podologen.
- Socken: Täglich die Socken wechseln.
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