Die Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, betrifft Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks. Sie kann in jedem Alter auftreten, wobei die Ursachen bei jungen Menschen vielfältig sein können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsansätze der Polyneuropathie, insbesondere im Hinblick auf junge Betroffene.
Was ist Polyneuropathie?
Das periphere Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das Informationen zwischen dem Gehirn, dem Rückenmark und dem Rest des Körpers überträgt. Es steuert die Muskeltätigkeit, trägt das Körpergefühl und die Wahrnehmung auf der Haut und beeinflusst die Funktion der inneren Organe. Bei einer Polyneuropathie ist diese Reizweiterleitung gestört. Reize werden nicht, zu stark oder abgeschwächt an das Gehirn geleitet. Kommandos vom Gehirn werden nicht mehr zuverlässig an die Muskeln und die inneren Organe weitergeleitet.
Man unterscheidet zwei Hauptformen der Nervenschädigung:
- Demyelinisierende Polyneuropathie: Hier zerfällt die Isolation (Myelin) um die Nervenfasern, was die Weiterleitung elektrischer Impulse behindert. Die Nerven sind ähnlich einem Stromkabel aufgebaut. Erkrankungen der Isolationsschicht der Nerven - das sogenannte Myelin - werden als demyelinisierende Schädigung beschrieben.
- Axonale Polyneuropathie: Hier geht die Nervenfaser selbst zugrunde. Sind die „Drähte im Nerven“ - die Nervenfasern bzw. Axone - betroffen, spricht man von einer axonalen Schädigung.
Beide Formen können auch kombiniert auftreten.
Ursachen der Polyneuropathie bei jungen Menschen
Die Ursachen für Polyneuropathie sind vielfältig. Insgesamt gibt es mehr als 2.000 Auslöser für eine Polyneuropathie. Diabetes mellitus und übermäßiger Alkoholkonsum sind die beiden häufigsten Ursachen für Nervenschädigungen. Rund 20 Prozent aller Fälle bleiben ungeklärt.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei alkoholischer Polyneuropathie
Bei jungen Menschen können folgende Ursachen eine Rolle spielen:
- Diabetes mellitus: Auch junge Menschen können an Diabetes erkranken, was unbehandelt zu einer diabetischen Polyneuropathie führen kann. Bereits im prädiabetischen Stadium können Zeichen einer Neuropathie auftreten. Die Früherkennung der diabetischen Neuropathie wird zunehmend wichtiger.
- Alkoholmissbrauch: Obwohl seltener als bei Erwachsenen, kann auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen übermäßiger Alkoholkonsum zu Nervenschäden führen.
- Genetische Faktoren: Es gibt mehrere genetisch bedingte Polyneuropathien. Die hereditären Polyneuropathien (PNP) gehören mit einer Prävalenz von 20-40/100.000 zu den häufigsten Erbkrankheiten. Unter dem Akronym CMT (Charcot-Marie-Tooth) sind inzwischen mehr als 70 Gene identifiziert worden. Nicht immer sind betroffene Familienmitglieder zu beobachten.
- Autoimmunerkrankungen: Entzündliche Autoimmunerkrankungen / rheumatologische Erkrankungen können eine Polyneuropathie auslösen. Schädigungen an den peripheren Nerven können etwa durch Entzündungsprozesse im Körper als Folge einer Autoimmunerkrankung auftreten.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen (z.B. HIV, Borreliose, Diphterie, Pfeiffersches Drüsenfieber) können mit einer Polyneuropathie einhergehen.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen (B1, B2, B6, B12, E) kann Nervenschäden verursachen.
- Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere bestimmte Chemotherapeutika, können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen.
- Toxine: Kontakt mit giftigen Substanzen, etwa Schwermetalle, kann eine Polyneuropathie auslösen.
- Andere Erkrankungen: Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen und Krebserkrankungen können ebenfalls mit einer Polyneuropathie verbunden sein.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nervenfasern betroffen sind. Die Symptome beginnen meistens an den Füßen, später an den Händen, und steigen dann langsam auf, Richtung Körpermitte.
Man unterscheidet sensible, motorische und autonome Symptome:
- Sensible Symptome:
- Kribbeln
- Stechen
- Taubheitsgefühle
- Schwellungsgefühle
- Druckgefühle
- Gangunsicherheit
- fehlerhaftes Temperaturempfinden
- Schmerzen (brennend, stechend, elektrisierend)
- Motorische Symptome:
- Muskelzucken
- Muskelkrämpfe
- Muskelschwäche
- Muskelschwund
- Lähmungen
- Autonome Symptome:
- Herzrhythmusstörungen
- Blähgefühl und Appetitlosigkeit, Aufstoßen
- Durchfall und Verstopfung im Wechsel
- Urininkontinenz, Stuhlinkontinenz
- Impotenz
- gestörtes Schwitzen
- schlechte Kreislaufregulation mit Schwindel beim (raschen) Aufstehen (Orthostase)
- Schwellung von Füßen und Händen (Wassereinlagerungen)
Viele Patienten mit einer Polyneuropathie beschreiben Schwindelgefühle bzw. Gleichgewichtsstörungen und Unsicherheiten beim Laufen (verstärkt bei Dämmerung oder Dunkelheit oder auf unebenem Grund).
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnostik der Polyneuropathie erfordert einige Erfahrung. Am Anfang stehen eine genaue Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und eine fachärztliche, klinisch-neurologische Untersuchung. Auch eine psychiatrische Untersuchung ist zur Abgrenzung notwendig.
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Polyneuropathie und psychosomatischen Ursachen
Folgende Untersuchungsmethoden können zum Einsatz kommen:
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt prüft die Reflexe, die Muskelkraft, die Sensibilität und die Koordination.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektroneurographie (NLG): Hierbei wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen, um festzustellen, ob die Nervenfunktion beeinträchtigt ist. Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt.
- Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln und kann Hinweise auf Nervenschäden geben. Begleitet wird dies durch ein EMG (Elektromyographie- elektrische Untersuchung der betroffenen Muskeln mit einer Nadel).
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen können Hinweise auf Diabetes, Vitaminmangel, Entzündungen oder andere Grunderkrankungen liefern. Danach erfolgt eine laborchemische Abklärung der wichtigsten Ursachen aus dem Blut. Klärt man die wichtigsten 35-40 Ursachen ab, so beinhaltet dies ca. 80 % aller betroffenen Patienten.
- Liquoruntersuchung: Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung sollte das Nervenwasser (Liquor) untersucht werden.
- Bildgebende Verfahren: Eine Kernspintomographie der Lendenwirbelsäule oder Halswirbelsäule ist erforderlich, wenn gleichzeitig dort eine zusätzliche Erkrankung z.B. ein enger Spinalkanal vermutet wird.
- Genetische Tests: Bei Verdacht auf eine hereditäre Polyneuropathie können genetische Untersuchungen durchgeführt werden. Die wichtigsten genetischen Ursachen lassen sich durch genetische Untersuchungen aus dem Blut heraus abklären. Diese Untersuchungen sind jedoch teuer. Sie werden von daher nicht routinemäßig durchgeführt.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Gewebeprobe eines Nervs entnommen und untersucht werden. Eine Untersuchung eines operativ entfernten Teils eines betroffenen Nervens (Biopsie) ist heutzutage nur in Ausnahmen notwendig.
- Quantitative Sensorische Testung (QST): Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist.
- Thermodetestung: Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
Behandlung der Polyneuropathie
Das primäre Ziel der Behandlung ist die Ausschaltung der Ursache der Polyneuropathie. Die bedeutet z.B. einen Diabetes mellitus optimal mit Medikamenten einzustellen. Medikamente, die eine Polyneuropathie verursachen, müssen abgesetzt oder ausgetauscht werden, insofern sie nicht aus anderem Grund unabdingbar notwendig sind. Eine toxische Exposition, beispielsweise durch Schwermetalle oder Umweltgifte, muss beendet werden. Ist Alkohol die Ursache der Polyneuropathie, so muss vollständige, lebenslange Abstinenz eingehalten werden. Auch kleinere Mengen Alkohol können eine Verschlechterung herbeiführen oder eine Ausheilung verhindern, da das Nervensystem bereits vorgeschädigt ist. Alkoholabstinenz ist immer eine Voraussetzung für eine Verbesserung oder Ausheilung der Symptomatik.
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache und den Symptomen.
Folgende Therapieansätze kommen in Frage:
- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Polyneuropathie durch eine andere Erkrankung verursacht wird, muss diese behandelt werden. Die optimale Behandlung eines Diabetes mellitus, Alkoholkarenz und die Substitution von fehlenden Vitaminen sind z. B. wichtige Basismaßnahmen.
- Schmerztherapie: Gegen die Schmerzen können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, darunter Antidepressiva, Antikonvulsiva und Opioide. Für die Behandlung der Schmerzen oder unangenehmen Missempfindungen stehen mehrere Medikamente zur Verfügung. Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten. Capsaicin-Pflaster können ebenfalls zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft zu stärken, die Koordination zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Lähmungen und Muskelschwund, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen können mit einer spezifischen Physiotherapie behandelt werden. Diese kann gegebenenfalls um elektrische oder magneto-elektrische Stimulationverfahren ergänzt werden.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und Hilfsmittel anzupassen.
- Psychologische Betreuung: Bei Bedarf kann eine psychologische Betreuung helfen, mit den Folgen der Erkrankung umzugehen. Depressionen in der Folge der Erkrankung werden bei Bedarf sowohl durch eine psychologische Betreuung als auch medikamentös mitbehandelt.
- Neural-Akupunktur: Missempfindungen und Schmerzen können überdies mit einer Neural-Akupunktur behandelt werden.
- Infusionstherapie: Liegt eine entzündliche Ursache der Polyneuropathie vor, so können Cortison-Infusionen, Plasmapherese (umgangssprachlich - Blutwäsche) oder die Gabe von Immunglobulinen zu einer Linderung oder gar Ausheilung führen. Die Notwendigkeit der Anwendung dieser Medikamente oder Verfahren zu beurteilen ist Sache des neurologischen Experten.
- Rehabilitation: Wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung. Physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sind als langfristige Behandlungen am effektivsten.
Was können junge Menschen selbst tun?
- Gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und der Verzicht auf Alkohol und Nikotin können helfen, die Nervenfunktion zu unterstützen.
- Blutzuckerkontrolle: Menschen mit Diabetes sollten ihren Blutzucker regelmäßig kontrollieren und die ärztlichen Anweisungen befolgen.
- Fußpflege: Bei Polyneuropathie an den Füßen ist eine regelmäßige Kontrolle und Pflege der Füße wichtig, um Verletzungen und Infektionen vorzubeugen.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung oder Physiotherapie, eine ausgewogene Ernährung und gegebenenfalls die Substitution von Vitaminen sind die effektivsten Maßnahmen gegen Polyneuropathie.
- Alkoholabstinenz: Bei einer durch Alkohol verursachten Polyneuropathie sollte auf Alkohol verzichtet werden, um eine Verschlimmerung zu verhindern.
Lesen Sie auch: Polyneuropathie und Demenz: Was Sie wissen sollten
tags: #polyneuropathie #junge #menschen