Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich meist im frühen Erwachsenenalter und ist durch vielfältige Symptome und Verläufe gekennzeichnet. Obwohl MS nicht heilbar ist, gibt es eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Vielfältige Symptome und Diagnose
Die Erstsymptome der MS sind vielfältig und können Lähmungen, Koordinationsstörungen, Gefühlsstörungen (Taubheitsgefühl, Kribbeln), spastische Bewegungsstörungen oder Sehstörungen (Verschwommensehen, Nebelsehen) umfassen. Auch Blasenstörungen, Unsicherheit beim Gehen oder Greifen, Doppelbilder und verwaschene Sprache können auftreten.
Die Diagnose der MS basiert auf einer umfassenden Anamnese, neurologischen Untersuchungen, evozierten Potentialen (zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit), einer Lumbalpunktion (zur Analyse des Nervenwassers) und einer Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und Rückenmarks. Die MRT-Bilder können "typische" Veränderungen zeigen, aber es ist wichtig zu beachten, dass auch andere Erkrankungen ähnliche Veränderungen verursachen können. Internationale Diagnosekriterien (McDonald-Kriterien) unterstützen die Diagnosestellung. Dennoch kann es Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Diagnose eindeutig feststeht.
Krankheitsverlauf und Verlaufsformen
Der Verlauf der MS ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Zu Beginn der Erkrankung überwiegt der schubförmige Verlaufstyp (relapsing-remitting MS, RRMS) mit einer Häufigkeit von bis zu 90 %. Nach 10 bis 15 Jahren gehen etwa 30 bis 40 % der Fälle in einen chronisch-progredienten Verlauf über (sekundär progrediente MS, SPMS), bei dem sich der Zustand kontinuierlich verschlechtert. Nach mehr als 20 Jahren betrifft dies sogar bis zu 90 % der Patienten. Etwa 10 % der Patienten haben von Beginn an einen primär-chronisch progredienten Verlauf (primär progrediente MS, PPMS) ohne klare Schübe.
Die Unvorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufs stellt eine besondere Belastung für Neuerkrankte und ihre Angehörigen dar. Es ist wichtig zu betonen, dass die MS nicht zwangsläufig schwer verlaufen muss. Gerade zu Beginn der Erkrankung kann es zu einer weitgehenden Abheilung der Entzündungsherde und damit zur Rückbildung der Krankheitszeichen kommen.
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Komplikationen der Multiplen Sklerose
Neben den direkten Symptomen der MS können im Krankheitsverlauf auch verschiedene Komplikationen auftreten. Dazu gehören:
- Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAWs): Die verschiedenen MS-Medikamente können erhebliche Nebenwirkungen haben, die den Patienten vital gefährden können. Daher ist ihre Kenntnis sowohl für Neurologen als auch für Hausärzte essenziell. Die UAWs sind vielfältig und umfassen unter anderem dermatologische Veränderungen, Veränderungen der Schilddrüsenhomöostase und des Blutbildes sowie ophthalmologische, kardiovaskuläre, hepatische und gastroenterologische Komplikationen.
- Infektionen: Da viele MS-Therapeutika das Immunsystem modulieren oder supprimieren, besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen. Besonders gefürchtet ist die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), die durch das JC-Polyomavirus (JCPyV) verursacht wird und vor allem bei der Behandlung mit Natalizumab auftritt.
- Blasenstörungen: Blasenstörungen können sich als häufiger, nicht gut kontrollierbarer Harndrang (imperativer Harndrang), Blasenentleerungsstörungen oder Inkontinenz äußern.
- Obstipation (Verstopfung): Obstipation kann aufgrund von Nervenschädigungen im Darmbereich auftreten.
- Übergewicht: Eine Kohortenstudie zeigte, dass übergewichtige Kinder unter der Erstlinientherapie mit Interferon Beta oder Glatirameracetat häufiger Krankheitsschübe erlitten.
Komorbiditäten bei Multipler Sklerose
Eine Multiple Sklerose schützt nicht vor zusätzlichen anderen Erkrankungen, sogenannten Komorbiditäten. Komorbiditäten können den Verlauf der MS ungünstig beeinflussen und umgekehrt. Ihre Erkennung und Behandlung kann deshalb sehr wichtig sein. Zu den häufigsten und wichtigsten Komorbiditäten bei MS zählen psychische Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die häufigsten Komorbiditäten bei Menschen mit MS sind in absteigender Häufigkeit:
- Depressionen (bei einem von vier)
- Angsterkrankungen und Bluthochdruck (bei jeweils einem von fünf)
- Erhöhte Blutfette und chronische Lungenerkrankungen (bei jeweils einem von zehn)
- Seltener sind Schlaganfälle, Epilepsie, andere Autoimmunerkrankungen (z.B. Schilddrüsenstörungen) und Schmerzerkrankungen (z.B. Trigeminusneuralgie oder Migräne).
Komorbiditäten können sich negativ auf die Lebensumstände und die Lebensqualität von Menschen mit MS auswirken und die Diagnosestellung der MS verzögern. Durch Komorbiditäten haben Menschen mit MS statistisch ein höheres Risiko für Schübe und - insbesondere bei Vorliegen von Gefäßerkrankungen - ein höheres Risiko für eine Zunahme körperlicher Einschränkungen.
Rauchen als besondere Komorbidität
Da Herz-Kreislauf-Erkrankungen den größten Einfluss auf den Verlauf und die Prognose der MS haben, ist das Rauchen besonders hervorzuheben. Rauchen ist nicht nur ein Risikofaktor für die Neuentstehung einer MS, sondern auch für deren Voranschreiten bei bereits bestehender Erkrankung. Raucher mit MS sollten daher alles daransetzen, ihre Suchterkrankung in den Griff zu bekommen.
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Behandlung von Komorbiditäten
Am wichtigsten ist zunächst einmal, dass Komorbiditäten erkannt werden. Die Behandlung der jeweiligen Begleiterkrankungen erfolgt dann entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Therapien von Komorbiditäten können positive Einflüsse auf die MS und deren Symptome haben, aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Bei der Therapie von Komorbiditäten ist also die MS immer mitzubedenken.
MS-Therapeutika und ihre Nebenwirkungen
Seit Einführung der Interferone Mitte der 1990er-Jahre ist es gelungen, eine Vielzahl immunmodulatorischer bzw. immunsuppressiver verlaufsmodifizierender Therapien (disease-modifying therapies, DMTs) für die schubförmig remittierende multiple Sklerose (RRMS) zu entwickeln. Insgesamt sind DMTs eine heterogene Gruppe unterschiedlicher Therapeutika, die rekombinante pegylierte und nichtpegylierte Interferon-β-Varianten, komplexe Peptidkombinationen, monoklonale Antikörper sowie sogenannte „small molecules“ umfassen.
Im Folgenden werden einige der wichtigsten MS-Therapeutika und ihre potenziellen Nebenwirkungen kurz vorgestellt:
- Interferon-Beta: Interferon-β kommt die Rolle des Pioniers der immunmodulatorischen Basistherapien zu. Die Hauptnebenwirkungen sind grippeähnliche Symptome wie Abgeschlagenheit, Fieber, Arthralgien, Kopfschmerzen, Depressionen sowie bei subkutaner Applikation lokale Hautreaktionen an der Einstichstelle.
- Glatirameracetat: Glatirameracetat (Copolymer-1; Copaxone®) ist ein subkutan appliziertes Polypeptid. Die Hauptnebenwirkung sind lokale Hautreaktionen, die allerdings drastischer ausfallen können als jene, die bei den Interferonen beobachtet werden, und sich sogar als Urtikaria oder Nekrosen manifestieren können.
- Fingolimod: Fingolimod (FTY720; Gilenya®) ist ein Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator und das erste orale MS-Therapeutikum. Die Hauptnebenwirkungen basieren auf der Tatsache, dass S1P-Rezeptoren ubiquitär im Körper exprimiert werden, so unter anderem auch am Herzen. Hier kann es zu Bradykardien und Bradyarrhythmien führen, weswegen bei Erstgabe eine 6-stündige EKG-Überwachung nötig und bei neu auftretenden kardialen Rhythmusstörungen eine weitere Überwachung erforderlich ist.
- Dimethylfumarat: Dimethylfumarat (Tecfidera®) wirkt unter anderem antioxidativ. Die Hauptnebenwirkungen bestehen in gastrointestinalen Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe, sowie einer Lymphopenie.
- Natalizumab: Natalizumab (Tysabri®) ist ein intravenös applizierter humanisierter monoklonaler Anti-VLA4-Antikörper, der zur Eskalationstherapie der RRMS zugelassen ist. Die schwerwiegendste Nebenwirkung ist die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML).
- Teriflunomid: Bei Teriflunomid (Aubagio®) handelt es sich um den aktiven Metaboliten von Leflunomid. Die Hauptnebenwirkungen sind gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe. Wegen möglicher Hepatotoxizität und Lymphopenie sollten die Leberenzyme und die Lymphozytenzahl überwacht werden sollten. Teriflunomid ist in der Schwangerschaft kontraindiziert.
Leben mit Multipler Sklerose
Ein selbstbestimmtes Leben mit MS ist möglich. Es ist wichtig, die Erkrankung anzunehmen und das Leben mit der MS zu gestalten - statt gegen sie. Beeinträchtigungen annehmen, aber nicht zum Hauptinhalt des Lebens zu machen. Die körperlichen Belastungsgrenzen anerkennen und zum Beispiel das Sportprogramm so dosieren, dass die Leistungsfähigkeit nicht überschritten wird.
Es gibt zwar keine spezielle MS-Diät, aber eine Fülle von Empfehlungen, zum Beispiel eine vegane Ernährungsweise, eine antientzündliche Diät oder auch eine Ernährung, bei der möglichst wenig Kohlehydrate (low carb), aber viele Proteine aufgenommen werden. Hochdosierte Vitamin-D-Gaben können MS-Schübe vermindern, also die MS-Aktivität etwas verlangsamen.
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Auf Dauer kann eine MS die Psyche belasten - vor allem bei regelmäßigen Schmerzen. Dabei entwickeln viele Patienten depressive Symptome und Ängste. Eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann helfen, mit diesen Belastungen umzugehen.
Es gibt mittlerweile viele MS-Selbsthilfegruppen, die Betroffenen Halt geben und den Austausch untereinander ermöglichen. Dies kann die Lebensqualität immens erhöhen.
Lebenserwartung bei Multipler Sklerose
Die Prognose von Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. Die Lebenserwartung ist durch die Erkrankung oft nicht wesentlich verkürzt. Viele Betroffene leben jahrzehntelang mit der Erkrankung. Häufiger sterben Menschen mit MS an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Uro-Sepsis (von den Harnwegen ausgehende Blutvergiftung). Auch Suizide kommen bei ihnen häufiger vor als in der Normalbevölkerung.
Es gibt viele Faktoren, die einen Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung haben - bei Menschen mit Multipler Sklerose ebenso wie bei Gesunden. Dazu gehören zum Beispiel starker Tabak- und Alkoholkonsum, geringer Bildungsstand oder soziale und psychische Belastungen sowie Stress, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung.
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