Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die viele Nerven betrifft und durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Polyneuropathie, insbesondere im Zusammenhang mit Phosphorverbindungen und anderen toxischen Substanzen.
Einführung in die Polyneuropathie
Polyneuropathie ist eine allgemeine Nervenstörung, die nicht nur einen, sondern viele Nerven betrifft. Sie ist die Folge einer Erkrankung, die sich im ganzen Körper abspielt (systemischer Prozess). Betroffen sind die peripheren Nerven, also die Nerven im menschlichen Körper außerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Die Folgen einer Polyneuropathie können Sensibilitätsstörungen, Schmerzen, Schwäche (durch Atrophie) und Lähmungen sein. In vielen Fällen treten sie an den Füßen und Beinen sowie an den Armen und Händen auf. Man schätzt, dass etwa 4 % der Erwachsenen mittleren und höheren Alters an einer Polyneuropathie leiden. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter.
Ursachen der Polyneuropathie
Polyneuropathien können als Folge verschiedener Erkrankungen auftreten. In Europa und Nordamerika ist Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) die häufigste Ursache. Man spricht von einer diabetischen Polyneuropathie. Ein weiterer häufiger Grund für eine Polyneuropathie ist die Alkoholkrankheit. Auch bestimmte Medikamente, Stoffwechselerkrankungen, Vitaminmangel und Entzündungen können die Nerven schädigen und eine Polyneuropathie verursachen. Weltweit ist Lepra die Hauptursache von Polyneuropathien. Insgesamt sind über 500 Ursachen bekannt, die zu einer Polyneuropathie führen können. In etwa 20-30 % der Fälle lässt sich die Ursache der Erkrankung nicht feststellen.
Akute vs. Chronische Polyneuropathien
Polyneuropathien können nach unterschiedlichen Kriterien unterteilt werden. Sie werden z.B. nach der Verlaufsform unterteilt:
- Akute Polyneuropathien: Plötzlicher Beginn - bis zu 4 Wochen nach Auftreten der Symptome. Hauptursachen sind Entzündungen, Autoimmunreaktionen (Guillain-Barré-Syndrom), Infektionen (Diphtherie) oder Vergiftungen (Schwermetalle wie Thallium).
- Subakute Polyneuropathien: Vier bis acht Wochen.
- Chronische Polyneuropathien: Schleichende Entwicklung über Monate und Jahre - Verläufe länger als 8 Wochen.
Häufige Ursachen chronischer Polyneuropathien
- Diabetes mellitus: Schädliche Stoffwechselprodukte lagern sich in den Nerven ab und führen zu Ausfällen. Es kommt zu Schäden in kleinen Blutgefäßen (Mikroangiopathie), so dass das Nervengewebe unterversorgt wird.
- Übermäßiger Alkoholgenuss: Alkohol schädigt direkt die Nerven, und es entsteht ein Vitamin-B-Mangel (Thiamin).
- Durchblutungsstörungen: Nerven werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.
- Infektionen und Entzündungen: HIV/AIDS, Borreliose, FSME, Gürtelrose oder Masern.
- Autoimmunerkrankungen: Systemischer Lupus erythematodes.
- Vitaminmangel: Vor allem Vitamin-B12-Mangel.
- Nährstoffmangel: Thiaminmangel.
- Arzneimittel und Giftstoffe: Zytostatika, Antiepileptika, Antibiotika, Malariamittel, Statine, Blei, Arsen, Thallium und phosphorhaltige Substanzen.
- Nierenfunktionsstörung: Substanzen werden nicht richtig aus dem Blut gefiltert und schädigen die Nerven.
- Hereditäre Neuropathien: Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT).
- Bestimmte Krebserkrankungen: Krebserkrankungen, die direkt in die Nerven eindringen oder Druck auf die Nerven ausüben.
- Schilddrüsenunterfunktion: Beeinflusst den Hormonhaushalt.
Phosphorverbindungen als Ursache von Polyneuropathie
Organische Phosphorverbindungen (OPh) sind in verschiedenen Bereichen weit verbreitet, darunter als Pestizide und Nervenkampfstoffe. Ihre toxische Wirkung beruht hauptsächlich auf der Hemmung der Cholinesterase, einem Enzym, das für den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin verantwortlich ist.
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Wirkungsweise von Organophosphaten
Organophosphate besitzen eine hohe Systemtoxizität für Mensch und Tier und werden enteral, respiratorisch und perkutan gut resorbiert. Emulgatoren und andere Formulierungsstoffe in handelsüblichen Produkten fördern ihre Permeierfähigkeit wesentlich.
Die Hemmung der Cholinesterase führt zu einem Acetylcholinstau, der sich pharmakologisch in muskarinartige (durch Atropin hemmbare) und nikotinartige (durch Atropin nicht hemmbare) Effekte differenzieren lässt. Die Hemmung der Cholinesterasen ist nach heutiger Kenntnis für die Symptomatik unwesentlich. Wenn sich ein Nervenkampfstoff ähnlich dem Acetylcholin (statt des Acetylcholins) an das aktive Zentrum der Cholinesterase angelagert hat, verläuft die spontane Reaktivierung äußerst langsam (Halbwertszeit 108 Tage), so dass man von einer chemisch zwar reversiblen, biologisch aber irreversiblen Hemmung der Cholinesterase sprechen kann.
Akute und Chronische Vergiftungen
Akute und subakute Vergiftungen können durch längere Einwirkungen hervorgerufen werden. Die organischen Phosphorverbindungen besitzen zum Teil eine hohe Giftigkeit, und je nach ihrer Resorbierbarkeit durch die Haut (Lösungsmittel!) und Flüchtigkeit eine mehr oder weniger große Gefährlichkeit. Im Allgemeinen spielt bei gewerblichen Vergiftungen die Einatmung eine geringere Rolle als die Hautresorption.
Subakute Vergiftungen durch OPh sind möglich, wenn auf Grund von in kurzen Abständen mehrfach erfolgter Aufnahme eines oder mehrerer Stoffe die Cholinesterase im Körper allmählich soweit blockiert wird, dass dann, auch nach Beendigung der Arbeit, die typischen klinischen Vergiftungserscheinungen plötzlich und lebensbedrohlich auftreten. Es handelt sich hier nicht um die Kumulation der OPh, sondern des physiologischen Effektes dieser Stoffe. Die gleichzeitige Aufnahme mehrerer OPh kann nicht nur zu additiven, sondern bei einigen Stoffen auch zu superadditiven (potenzierenden) Wirkungen führen (Lähmungen entgiftender Enzyme durch die weiteren Stoffe). Eine weitere Gefahr der schweren Vergiftung durch OPh besteht in den Folgen einer eventuell lang anhaltenden Anoxie, vor allem des Zentralnervensystems.
Symptome und Langzeitfolgen
Persistierende Vergiftungszeichen sind: Polyneuritis, Nystagmus, Fieber, Ataxie, Tremor, Parästhesien, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, Gedächtnisschwund, Tinnitus, Schlafstörungen, exzessives Träumen, Somnambulismus, Benommenheit, Nachlässigkeit, Müdigkeit, emotionale Labilität, Konfusion, Konzentrationsschwäche, Rastlosigkeit, Angstgefühle, Depression, schizophrene Reaktionen.
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Chronische Exposition hat eine Kumulation der Organophosphate im Organismus durch kovalente Bindung an die Cholinesterasen zur Folge. Wiederholte oder schleichend verlaufende chronische Vergiftungen mit sehr geringen Dosen, z.B. infolge Unterlassens der Dekontamination, führen erst nach Ablauf einer Kumulationszeit von Stunden oder Tagen zu plötzlichen lebensgefährlichen Situationen.
Berufliche Exposition
Berufliche Tätigkeiten, die mit Arsen oder seinen Verbindungen in Berührung kommen, können ebenfalls zu Polyneuropathie führen. Beispiele hierfür sind:
- Verhüttung und Rösten arsenhaltiger Mineralien
- Herstellung von Arsenik, arsenhaltigen Farben und Anstrichmitteln (Schiffsbodenanstrich)
- Verwendung arsenhaltiger Ausgangsstoffe in der Pharmazie, in der chemischen, keramischen und Glasindustrie
- Verwendung in Gerbereien, Kürschnereien (Beizmittel) und zoologische Handlungen
- Herstellung und Verwendung arsenhaltiger Schädlingsbekämpfungsmittel
Auch halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylaryloxide, die in verschiedenen industriellen Prozessen verwendet werden, können eine Polyneuropathie verursachen. Beispiele hierfür sind:
- Verwendung als Zwischenprodukte in der chemischen Industrie, z. B. für Expoxidharze (Epichlorhydrin)
- als Chloralkylierungsmittel (Monochlordimethyläther, Dichlordiäthyläther)
- für Pflanzenschutzmittel (Chlorphenole, Chlorkresole)
- als Holzkonservierungsmittel (z. B. Pentachlorphenol)
- zur Herstellung von Desinfizientien (Chlorphenole)
Weitere Risikofaktoren und Substanzen
Neben Phosphorverbindungen und Arsen gibt es weitere Substanzen, die als Risikofaktoren für Polyneuropathie gelten:
- Blei: Exposition in Blei- oder Zinkhütten, beim Feilen, Sägen, Fräsen, Schleifen oder Polieren von Blei oder Bleilegierungen, bei der Herstellung von Bleiakkumulatoren.
- Halogenkohlenwasserstoffe: Verwendung als Lösemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel, Kältemittel, Treibgase, Feuerlöschmittel, Syntheseausgangsstoffe und Zwischenprodukte, Isoliermittel, Narkose- und Desinfektionsmittel.
- Organische Lösungsmittel: Neurotoxische Lösungsmittel wie n-Hexan, n-Heptan, Ketone, Alkohole, aromatische Kohlenwasserstoffe und chlorierte aliphatische Kohlenwasserstoffe.
Diagnose und Symptome der Polyneuropathie
Symptome
Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und hängen von den betroffenen Nervenfasern ab.
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Akute Polyneuropathien:
- Schwäche
- Kribbeln
- Taubheitsgefühl
- Atemprobleme
Chronische Polyneuropathien:
- Sensibilitätsstörungen (Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen)
- Muskelschwäche und -schwund
- Koordinationsprobleme
- Störungen des vegetativen Nervensystems (Verstopfung, Durchfall, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckveränderungen)
- Hirnnervenschädigungen (Sensibilitätsstörungen im Gesicht, Gesichtsmuskel-Lähmung, Sprechstörungen)
Diagnose
Die Diagnose der Polyneuropathie umfasst:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte, Überprüfung der Symptome und möglicher Ursachen.
- Blut- und Urintests: Analyse der Blutwerte zur Beurteilung von Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Vitaminmangel.
- Neurologische Untersuchungen: Prüfung der Nervenfunktion durch einen Neurologen, Tests zur Ermittlung von Empfindungsstörungen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroneurographie und Elektromyographie (EMG) zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und Muskelaktivität.
- Nervensonographie: Ultraschall der Nerven.
- Muskel- und Nervenbiopsie: Bei Verdacht auf eine behandelbare Polyneuropathie.
Behandlung und Prävention
Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern. Dies kann die Kontrolle des Blutzuckerspiegels bei Diabetes, den Verzicht auf Alkohol, die Einnahme von Vitaminpräparaten oder die Vermeidung von Giftstoffen umfassen.
Präventive Maßnahmen umfassen:
- Vermeidung von Alkohol und anderen neurotoxischen Substanzen
- Kontrolle von Grunderkrankungen wie Diabetes
- Schutz vor beruflicher Exposition gegenüber Giftstoffen
- Ausgewogene Ernährung mit ausreichender Vitaminzufuhr
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