Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die in der Regel im jungen Erwachsenenalter auftritt. Die Diagnose zu stellen, ist oft nicht einfach, da die Betroffenen sehr unterschiedliche Beschwerden haben können und es keine Symptome gibt, die ausschließlich bei MS vorkommen. Die Diagnose erfolgt daher meist durch Ausschluss anderer Erkrankungen. In den letzten Jahren hat sich die Altersverteilung der MS-Betroffenen zu einem höheren Alter hin verschoben, und auch die Zahl der spät diagnostizierten Fälle nimmt zu. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für späte Diagnosen, die Herausforderungen im Umgang mit MS im höheren Alter und die aktuellen Therapieansätze.
Ursachen für späte Diagnosen
Vielfältige und unspezifische Symptome
Die Symptome der MS sind vielfältig und können je nach betroffenem Hirn- oder Rückenmarksareal variieren. Sie reichen von Gefühlsstörungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühlen über Schmerzen bis hin zu Lähmungen, Seh- und Gleichgewichtsstörungen sowie Müdigkeit (Fatigue). Da diese Beschwerden auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten können, wird die MS oft erst spät erkannt.
MS als Ausschlussdiagnose
Die Diagnose MS ist eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass der Arzt oder die Ärztin die Diagnose „Multiple Sklerose“ nur stellen darf, wenn sich für die auftretenden Beschwerden sowie für die Befunde aus klinischen Untersuchungen keine bessere Erklärung finden lässt. Einen Multiple-Sklerose-Test gibt es nicht. Um die Diagnose „MS“ trotzdem abzuklären, verläuft die Untersuchung in mehreren Schritten:
- Untersuchung von Blut und Urin
- Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese)
- Neurologische Untersuchung
- Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT)
- Untersuchung des Nervenwassers (Liquor-Diagnostik)
- Neurophysiologische Untersuchungen (Test der Leitfähigkeit von Nervenbahnen, evozierte Potenziale)
Diese aufwendige Diagnostik kann dazu führen, dass es Wochen, Monate oder sogar Jahre dauert, bis die Diagnose eindeutig feststeht. Die Suche nach der „Krankheit mit den 1.000 Namen“ ähnelt einem Puzzle: Je mehr Teile (Befunde) zusammenpassen, desto sicherer liegt tatsächlich eine MS vor.
Zunehmende diagnostische Möglichkeiten
Der wachsende diagnostische Aufwand, insbesondere mittels Kernspintomografie, trägt ebenfalls dazu bei, dass mehr Fälle von spät diagnostizierter MS erkannt werden. Die MRT ermöglicht es, Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark sichtbar zu machen, die auf eine MS hinweisen können.
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Herausforderungen bei MS im höheren Alter
Abgrenzung von altersbedingten Beschwerden
Im Alter entwickeln Menschen zunehmend Beschwerden wie Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes. Auch die Aufmerksamkeit und das Denkvermögen können eingeschränkter sein. Es ist daher wichtig, MS-bedingte Beschwerden von rein altersbedingten Einschränkungen abzugrenzen. Dies kann schwierig sein, da sich Veränderungen im Gehirn, die beispielsweise durch Durchblutungsstörungen verursacht wurden, in den MRT-Bildern sehr ähnlich sehen können.
Immunseneszenz und Infektionsrisiko
Mit zunehmendem Alter altert auch das Immunsystem (Immunseneszenz). Dies führt zu einer geringeren Immunkompetenz und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen. Eine MS-Therapie, die das Immunsystem zusätzlich dämpft, könnte diese Risiken verstärken. Eine Analyse eines Patienten-Registers in Deutschland zeigte eine höhere Infektanfälligkeit bei älteren MS-Patienten. So traten Harnwegsinfekte bei 5,1 % der Patienten ab 65 Jahren auf, im Vergleich zu 2,2 % der Patienten unter 55 Jahren, und Herpes simplex-Infektionen bei 7,6 % ab 65 Jahren versus 3,2 % unter 55 Jahren.
Begleiterkrankungen und Polymedikation
Ein weiteres wichtiges Thema im Alter sind Begleiterkrankungen (Komorbiditäten). Diese können nicht nur den Verlauf der MS beeinflussen, sondern auch zu einer Polymedikation führen, bei der mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden müssen. Dies birgt das Risiko von Wechselwirkungen und Nebenwirkungen. Eine Untersuchung mit 913 Patienten zeigte, dass kardiovaskuläre Risikofaktoren (Rauchen, Adipositas, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder bereits bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen) einen progressiven Verlauf der MS wahrscheinlicher machen.
Besonderheiten der Spätverläufe
Bisher existieren nur wenig Daten darüber, inwieweit sich die Spätverläufe von typischen MS-Erstdiagnosen im jungen Erwachsenenalter unterscheiden. Männer scheinen im Vergleich häufiger betroffen zu sein, und transverse Myelitiden gehören zu den häufigen Erstsymptomen.
Therapieansätze bei MS im höheren Alter
Immuntherapie
Auch im fortgeschrittenen Alter sollte eine Immuntherapie geprüft werden, insbesondere wenn noch entzündliche Aktivität nachweisbar ist, beispielsweise durch Schübe oder MRT-Befunde. Medikamente wie Siponimod oder BTK-Inhibitoren können hier helfen, die Progression zu verlangsamen. Die Wirksamkeit der Immuntherapien hängt stark von der Entzündungsaktivität ab. Bei SPMS mit entzündlicher Aktivität zeigen Medikamente wie Siponimod nachweisbare Effekte. Bei reiner Progression ohne Entzündung sind BTK-Inhibitoren vielversprechend, allerdings mit noch begrenzter Wirksamkeit.
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Deeskalation der Therapie
Angesichts der Immunseneszenz und des höheren Infektionsrisikos kann eine weniger immunsuppressive MS-Therapie relevanter werden. Aktuelle Einschätzungen warnen jedoch vor einem verfrühten Therapiestopp, da eine krankheitsmodifizierende Therapie das Risiko für Progression der Erkrankung senkt und die Erholung von Schüben verbessern kann.
Symptomatische Therapie
Neben der Immuntherapie ist die symptomatische Therapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Sie zielt darauf ab, die einzelnen Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören beispielsweise Medikamente gegen Spastik, Fatigue oder Blasenprobleme sowie physiotherapeutische, logopädische und ergotherapeutische Therapien.
Rehabilitation
Regelmäßige Rehabilitationsmaßnahmen sind unerlässlich, um langfristige Verbesserungen zu erzielen. Auch bei geringen Einschränkungen hilft Rehabilitation, Fähigkeiten zu stabilisieren und gezielte Übungen für den Alltag zu entwickeln.
Lebensstilmodifikation
Ein gesunder Lebensstil kann die MS günstig beeinflussen. Dazu gehören regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf Nikotin.
Spezifische Medikamente und Altersgrenzen
Es ist wichtig zu beachten, dass ein Großteil der Zulassungsstudien zu den MS-Therapien Patienten jenseits des 55. Lebensjahres unberücksichtigt ließ. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über einige MS-Medikamente und die in den Zulassungsstudien angegebene obere Altersgrenze:
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| Substanz | Indikation | Obere Altersgrenze |
|---|---|---|
| Glatirameracetat | RRMS | 50 Jahre |
| Interferon beta-1a | RRMS | 50/55 Jahre |
| Mitoxantron | RRMS, SPMS | 55 Jahre |
| Natalizumab | RRMS | 50 Jahre |
| Fingolimod | RRMS | 55 Jahre |
| Teriflunomid | RRMS | 55 Jahre |
| Dimethylfumarat | RRMS | 55 Jahre |
| Alemtuzumab | RRMS | 50 Jahre |
| Ocrelizumab | RRMS, PPMS | 55 Jahre |
| Cladribin | RRMS | 65 Jahre |
| Siponimod | SPMS | 60 Jahre |
| Ozanimod | RRMS | 55 Jahre |
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Altersgrenzen nicht bedeuten, dass die Medikamente bei älteren Patienten nicht wirksam oder sicher sind. Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Therapie sollte immer individuell und unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren getroffen werden.
Fallbeispiel: Caro's späte Diagnose
Caro erlebte über Jahre ein schleichendes Voranschreiten der MS. Im Jahr 2012 wurde bei ihr eine sekundär progrediente MS (SPMS) diagnostiziert, nachdem ihre Schübe nach und nach abnahmen. Ihre Gehfähigkeit nahm ab, und sie musste auf Hilfsmittel wie einen Rollator und später einen Rollstuhl zurückgreifen. Caros Geschichte verdeutlicht, wie wichtig es ist, auch bei unspezifischen Symptomen an MS zu denken und eine frühzeitige Diagnose anzustreben, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.