Polyneuropathien (PNP), Schädigungen des peripheren Nervensystems, stellen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen dar, von denen in Deutschland schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen betroffen sind. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, da viele Fälle erst spät diagnostiziert werden. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von Diabetes und Alkoholmissbrauch bis hin zu genetischen Faktoren und Autoimmunerkrankungen. Aktuelle Forschungsprojekte und Studien liefern neue Erkenntnisse zu Biomarkern, Diagnoseverfahren und potenziellen Therapieansätzen, die das Management dieser komplexen Erkrankung verbessern könnten.
Die Herausforderung der Diagnose
Die Diagnose einer Polyneuropathie kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome unspezifisch sind und sich vielfältig äußern können. Typische Beschwerden sind stechende, brennende Schmerzen in den Füßen, Ameisenlaufen, das Gefühl, auf Watte zu gehen, oder häufiges Stolpern. Es gibt mittlerweile mehrere hundert Ursachen für Polyneuropathien, deren Abklärung für das Management dieser Erkrankungen des peripheren Nervensystems entscheidend ist. Die aktualisierte Leitlinie "Diagnostik bei Polyneuropathien" soll helfen, das Vorgehen bei Verdacht auf die Nervenerkrankungen strukturiert zu planen.
Differenzialdiagnose mit ChatGPT
Ein interessanter Aspekt ist die Nutzung von künstlicher Intelligenz in der Diagnostik. Das Sprachmodell ChatGPT kann es bei der Differenzialdiagnose von Polyneuropathien mit den meisten Neurologen aufnehmen: Nur Spezialisten erkennen die richtige Erkrankung noch häufiger.
Neue Biomarker für die Früherkennung der diabetischen Polyneuropathie (DSPN)
Die distale sensomotorische Polyneuropathie (DSPN) ist die häufigste Form der Polyneuropathie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, kann sich aber auch bei Menschen ohne manifesten Diabetes entwickeln. Risikofaktoren sind höheres Alter, Adipositas, Prädiabetes und Dyslipidämien.
Forscher des Deutschen Diabetes Zentrums (DDZ) in Düsseldorf haben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) am Helmholtz Zentrum München und weiteren Institutionen spezifische Biomarker im Blut von DSPN-Patienten identifiziert. Die Analyse von Blutproben von 1.032 Teilnehmern der KORA-Studie ergab, dass die Proteine CTSC und PDGFRα in höheren Konzentrationen vorliegen als bei Personen ohne DSPN. Personen mit hohen CTSC- und PDGFRα-Spiegeln hatten besonders oft eine DSPN.
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Bei Diabetikern, die etwa ein Fünftel der Studienkohorte ausmachten, waren zusätzlich die Biomarker CDH3, JAM-B, LAYN, RGMA und SCARA5 positiv mit DSPN assoziiert. Diese Biomarker könnten in Zukunft für ein Screening genutzt werden, um die Erkrankung früher zu erkennen und ihr Fortschreiten zu überwachen.
Entzündungsbiomarker als Risikofaktoren
Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Entzündungsprozesse zu diabetischen Komplikationen beitragen können. Eine weitere Studie des DDZ hat nun gezeigt, dass sechs Entzündungsbiomarker das Risiko für die Entstehung einer Polyneuropathie anzeigen. Die Analyse von Serumproben von 513 Teilnehmern der KORA-Studie ergab, dass höhere Konzentrationen von sechs Biomarkern (Chemokine) mit einem erhöhten DSPN-Risiko verbunden waren. Diese Chemokine zeigten neurotoxische Wirkungen in einem Zellkultur-Modell, was ihre Beteiligung an der Entstehung der Neuropathie nahelegt.
LINC-Konsortium erforscht die Rolle von Lipiden und Immunsystem
Ein Konsortium von Forschern der Universitäten Münster, Essen, Heidelberg und Leipzig untersucht im Rahmen des Projekts LINC („Lipid Immune Neuropathy Consortium“) die Rolle der Myelinscheide, der fettreichen Schutzhülle der Nervenfasern, bei der Entstehung von Polyneuropathien. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium mit 3,9 Mio. Euro gefördert.
Die Forscher vermuten, dass ein gestörter Fettstoffwechsel in den Nerven eine lokale Immunreaktion auslöst, die die Nervenhülle zerstört. LINC untersucht diesen Teufelskreis von beiden Seiten: von der Fettschicht und vom Immunsystem ausgehend. Ziel ist es, einen Wert zu finden, mit dem sich die Ursache einer PNP eindeutig und schnell herausfinden lässt.
Therapieansätze und aktuelle Forschung
Die Therapie der Polyneuropathie zielt in erster Linie auf die Behandlung der Grunderkrankung und die Linderung der Symptome. Moderne Behandlungskonzepte umfassen das Minimieren von Risikofaktoren sowie das Ausreizen der symptomatischen analgetischen Therapie inklusive innovativer Verfahren. Ein wichtiger modifizierbarer Risikofaktor ist die Glukosekontrolle bei Diabetes.
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Neue Therapieoptionen in der Entwicklung
Verschiedene neue Therapieansätze durchlaufen derzeit Phase-2- und Phase-3-Studien und geben Hoffnung auf neue Behandlungsoptionen. Dazu gehören:
- Gentherapie mit Engensis (VM202): Sie soll sich positiv auf die Nervenregeneration und die Durchblutung auswirken und deren analgetischer Effekt bis zu acht Monate nach der Injektion anhalten soll.
- Mirogabalin: Ein Gabapentinoid, dem eine bessere Reduktion des Schmerzniveaus und eine höhere Potenz als Pregabalin zugeschrieben wird.
- Modulatoren nozizeptiver Signalwege: Substanzen wie LX9211 oder das Small Molecule NRD.E1.
- Topische Anticholinergika: Substanzen wie Pirenzepin oder Oxybutinin, die im Tiermodell Schmerzen lindern und möglicherweise die Nervenfaserdichte erhöhen.
Auch Sport wirkt der Problematik entgegen: Laut einer italienischen Studie bessern vier Stunden Training pro Woche Nervenfunktionseinschränkungen messbar.
Symptomatische Therapie
Zur symptomatischen medikamentösen Therapie der schmerzhaften diabetischen Neuropathie werden Duloxetin, Amitriptylin, Pregabalin bzw. Gabapentin, Opioide sowie Capsaicin eingesetzt. Eine Therapiestrategie, die inzwischen auch in deutschen Leitlinien Erstlinientherapie ist, stellen hoch dosierte Capsaicinpflaster dar, die alle zwei bis drei Monate für ca. 30 Minuten auf die am stärksten schmerzenden Hautareale appliziert werden.
Bei Therapieresistenz kann eine tiefe (Hochfrequenz-)Rückenmarkstimulation erwogen werden.
Weitere wichtige Aspekte
- Vitamin-B12-Mangel: Ein Vitamin-B12-Mangel kann schwerwiegende Folgen haben, wenn er nicht rechtzeitig wirksam behandelt wird.
- Gewichtsverlust bei Krebspatienten: Bis zu 87 % der Patient:innen mit fortgeschrittenen Tumoren verlieren bereits zur Diagnose Gewicht. Dies beeinträchtigt Lebensqualität, Therapieansprechen und Mortalität.
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