Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die viele Menschen betrifft. Schätzungsweise leidet jeder 20. Erwachsene darunter. Gerade bei Diabetikern ist die Erkrankung weit verbreitet. Aber auch andere Ursachen wie Mangelernährung, Medikamente oder Autoimmunerkrankungen können eine Rolle spielen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Polyneuropathie, von den Symptomen über die Diagnose bis hin zu den Behandlungsmöglichkeiten und der Vorbeugung.
Was ist eine Polyneuropathie?
Was ist eine Polyneuropathie überhaupt? Dabei handelt es sich um eine Schädigung der Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Die Nerven des peripheren Nervensystems (PNS) sind funktionell mit dem zentralen Nervensystem verbunden. Sie leiten Impulse aus dem Gehirn und Rückenmark an die zu versorgenden Organe und Gewebe weiter und sorgen damit für eine physiologische Reaktion an den Zielorganen. Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst aus anatomischer Sicht jenen Teil der Nerven, der nicht zum zentralen Nervensystem (ZNS) gehört - also nicht innerhalb des Schädels oder des Wirbelkanals liegt. Die Nerven können ihre Aufgabe, Informationen zu übertragen, nicht mehr richtig erfüllen. Dies führt zu den typischen Beschwerden wie Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder Schmerzen, vor allem in Händen und Füßen.
Vielfältige Symptome der Polyneuropathie
Die Beschwerden einer Polyneuropathie können sehr vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nervenfasern genau geschädigt sind. Die Nervenschädigung kann sich an einer oder beiden Körperhälften bemerkbar machen. Betroffene berichten neben körperlichen Symptomen auch von weiteren Beschwerden - Erschöpfungszustände sind bei einer Polyneuropathie ebenfalls möglich. Oft leiden Betroffene unter brennenden, schneidenden oder stechenden Schmerzen.
Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Missempfindungen in Händen und Füßen. Die von mir beschriebenen Symptome sind diese Pelzigkeit, diese Bamstigkeit, dieses Ameisenlaufen tritt körperfern an den Füßen und an den Händen zunächst auf. Von den Zehen breiten sie sich bis zu den Sprunggelenken und Handgelenken aus. Und das geschieht in der Regel beidseitig.
- Brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen
- Muskelschwäche und Muskelkrämpfe. Sind motorische Nerven betroffen, können Muskelkrämpfe und Muskelzuckungen, im Verlauf aber auch Lähmungen, auftreten.
- Koordinationsstörungen und Gangunsicherheit. Durch die Symptome der Polyneuropathie können natürlich auch für andere sichtbare Zeichen auftreten. Wenn ich motorisch, wenn man so will, ungeschickt bin, schlechter gehen kann, eine Gangunsicherheit habe, stolpere, fällt das anderen auf. Was man dazu sagen muss: Zu Beginn fällt es eher einem selbst auf als anderen.
- Beeinträchtigungen von Organfunktionen wie Blasenschwäche oder Verdauungsprobleme. Schäden an vegetativen Nerven: Hier ist die Steuerung der Organe gestört.
Oft beginnen die Beschwerden zunächst in den Fußsohlen und Unterschenkeln und breiten sich nach oben aus. In schweren Fällen können ganze Körperregionen betroffen sein.
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Formen der Polyneuropathie
Es gibt verschiedene Formen von Polyneuropathien, die sich danach unterscheiden, welche Nervenfasern geschädigt sind:
- Sensorische Polyneuropathie: Nur die sensiblen Nerven für Berührungsempfinden und Schmerzwahrnehmung sind betroffen. Sensible Symptome sind Veränderungen oder Einschränkungen der Berührungs- und Druckempfindlichkeit, aber auch der Temperaturempfindlichkeit, der Schmerzempfindlichkeit, aber auch der Tiefenwahrnehmung.
- Motorische Polyneuropathie: Die Nerven, die Muskelbewegungen steuern, sind geschädigt. Dies führt zu Muskelschwäche.
- Autonome Polyneuropathie: Die Nerven für unbewusste Körperfunktionen wie Schwitzen oder Verdauung sind beeinträchtigt.
Häufig liegen auch Mischformen vor, bei denen mehrere Nervenfasertypen gleichzeitig geschädigt sind.
Ursachen und Risikofaktoren
Es gibt viele mögliche Auslöser für eine Polyneuropathie. Insgesamt sind mehr als 200 Auslöser für Erkrankungen aus dem neuropathischen Formenkreis bekannt. Die erworbene Polyneuropathie ist mit Abstand die häufigere Form der Erkrankung - sie entwickelt sich als Folge einer anderen Erkrankung oder durch einen externen Auslöser. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
- Diabetes mellitus: Durch den erhöhten Blutzuckerspiegel werden die Nerven langfristig geschädigt. Diabetiker sind besonders gefährdet, an einer erworbenen Polyneuropathie zu erkranken.
- Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Nerven direkt angreifen. Die zweite häufige Form der erworbenen Polyneuropathie ist die alkoholische Polyneuropathie oder alkoholbedingte Neuropathie. Dabei kommt es durch die neurotoxischen (nervenschädigenden) Wirkungen chronischen Alkoholkonsums zu funktionellen Beeinträchtigungen der peripheren Nerven.
- Mangelernährung: Ein Mangel an Vitaminen wie B1, B6, B12 oder Folsäure kann Polyneuropathien verursachen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente, vor allem Chemotherapeutika, können Nerven schädigen. Manche Medikamente, die in der Chemotherapie von Krebskrankheiten verwendet werden, führen zur Schädigung von Nerven, speziell von diesen Ausläufern (Axonen). Die Medikamente schädigen die Axone. In den Axonen gibt es bestimmte Strukturen, die die Stabilität herbeiführen. Das sind die sogenannten Mikrotubuli. Es gibt Medikamente, die gegen Mikrotubuli gerichtet sind - in Tumorzellen.
- Autoimmunerkrankungen: Bei Rheuma oder Vaskulitis greift das Immunsystem die Nerven an. Eine weitere wichtige Sonderform der Polyneuropathie ist eine Schädigung durch das eigene Immunsystem (autoimmune Ursache) z. B. bei langwierigen intensivmedizinischen Behandlungen (Critical-illness-Polyneuropathie).
- Infektionen: Bakterien und Viren wie HIV, Borreliose oder Gürtelrose können Nervenschäden auslösen.
- Vererbte Erkrankungen: Seltene, angeborene Nervenerkrankungen wie die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit. Angeborene Polyneuropathien sind dagegen relativ selten. Ihnen liegen vererbbare Krankheiten wie Enzymdefekte, veränderte Proteine oder eine eingeschränkte Nervenleitgeschwindigkeit zugrunde. Sie unterscheiden sich aus diesem Grund meist auch in der Symptomatik von den erworbenen Polyneuropathien.
- Tumore: Krebserkrankungen und gut- oder bösartige Tumore im Nervensystem.
Auch andere Grunderkrankungen wie Nierenversagen, Schilddrüsenüberfunktion oder Querschnittslähmung erhöhen das Risiko.
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnose einer Polyneuropathie ist nicht immer einfach. Die Diagnostik der Krankheit erfordert einige Erfahrung. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird zunächst Ihre Krankengeschichte erfragen und eine körperliche Untersuchung durchführen. Dabei werden Reflexe, Berührungsempfinden und Muskelfunktionen getestet.
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Für die genauere Untersuchung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung:
- Nervenleitstudie: Dabei wird die Leitfähigkeit der Nerven gemessen und auf Schädigungen geprüft. Bei der Elektroneurografie, eben der elektrophysiologischen Untersuchung des Einsatzes von Strom zur Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit wird die Leitgeschwindigkeit Ihrer Nerven untersucht. Dies dient dazu, Störungen der Nerven apparativ, also mit dieser Nervenleitgeschwindigkeitsmessungsapparatur objektiv darzustellen.
- Elektromyographie (EMG): Über Nadelelektroden wird die elektrische Aktivität der Muskeln aufgezeichnet. Ein Elektromyogramm ist die ergänzende Untersuchung zur Nervenleitgeschwindigkeit, wo letztlich die Muskelaktivität gemessen wird und wo dargestellt werden kann: Ist die Störung primär, also zunächst im Muskel gelegen, oder ist die Störung durch die den Muskel versorgenden Nerven bedingt?
- Hautbiopsie: Bei bestimmten Formen wie der Small-Fiber-Neuropathie können Nervenproben aus der Haut Aufschluss geben. Bei einer Untergruppe der Neuropathien sind insbesondere die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betroffen. Sie werden unter dem Namen Small-Fiber-Neuropathien zusammengefasst.
- Bildgebende Verfahren: MRT oder CT können Ursachen wie Tumore oder Quetschungen der Nerven erkennen.
Oft ist eine Kombination mehrerer Untersuchungen nötig, um die genaue Form und Ursache der Polyneuropathie festzustellen.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung einer Polyneuropathie hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Bei einer Polyneuropathie gibt es verschiedene Behandlungsansätze:
- Bei einer diabetischen Polyneuropathie steht die Einstellung des Blutzuckerspiegels im Vordergrund. Bei Diabetes ist unter anderem eine möglichst gute Blutzuckereinstellung wichtig. Außerdem sollten Betroffene ihre Füße regelmäßig untersuchen und schützen.
- Bei Mangelernährung oder Vitaminmangel sind Nahrungsergänzungsmittel und eine angepasste Ernährung wichtig. Wir gleichen ggf. Ihre Vitamindefizite durch hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel aus.
- Autoimmunerkrankungen werden oft mit Kortison oder anderen Medikamenten behandelt. Bei entzündlichen Formen der Polyneuropathie setzt man beispielsweise Glukokortikoide oder Immunglobuline ein.
- Polyneuropathien durch Medikamente oder Giftstoffe heilen oft aus, wenn die Ursache beseitigt wird.
Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern:
- Schmerzmittel, Antidepressiva und Antikonvulsiva gegen Schmerzen, Kribbeln und Missempfindungen. Als Schmerzmittel infrage kommen zum Beispiel: bestimmte Epilepsie-Medikamente, bestimmte Antidepressiva, Opioide, vor allem bei stärkeren Schmerzen.
- Physiotherapie mit Übungen zur Muskelkräftigung und Koordinationsschulung. Eine Physiotherapie kann - etwa bei einer Muskelschwäche oder Gleichgewichtsstörungen - hilfreich sein.
- Ergotherapie zur Anpassung des Wohnumfelds und Hilfsmittelversorgung.
- In Einzelfällen operative Nervenentlastungen oder Stimulationsverfahren
Der beste Therapieerfolg wird mit einer Kombination verschiedener Ansätze erzielt. Dabei sollten immer die Lebensqualität und Selbstständigkeit im Fokus stehen.
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Vorbeugung und Lebensstilanpassungen
Eine gesunde Lebensweise kann das Risiko für Polyneuropathien deutlich senken:
- Blutzuckerkontrolle bei Diabetes durch Medikation, Ernährungsumstellung und Bewegung. Menschen mit Diabetes kontrollieren am besten regelmäßig ihren Blutzucker und nehmen ärztlich verordnete Medikamente ein. Schließlich kann eine suboptimale Blutzuckereinstellung das Risiko für die Entstehung und einen raschen Fortschritt der Erkrankung erhöhen.
- Vollständiger Alkoholverzicht, um alkoholtoxische Neuropathien zu vermeiden. Für eine erfolgreiche Therapie von alkoholbedingter Polyneuropathie ist eine absolute Alkoholabstinenz notwendig.
- Ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen, Ballaststoffen und gesunden Fetten
- Regelmäßige Bewegung wie Gehen, Schwimmen oder Radfahren zur Durchblutungsförderung. Menschen mit Polyneuropathie können bei Schmerzen und Missempfindungen von verschiedenen Angeboten wie Aquagymnastik oder Gehtraining profitieren.
- Raucherentwöhnung, da Rauchen die Nerven und Gefäße schädigt
- Gewichtsreduktion bei Übergewicht zur Entlastung der Nerven in Beinen und Füßen
- Fußpflege und bequemes, druckentlastendes Schuhwerk zur Vorbeugung von Verletzungen. Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege.
- Frühzeitige Behandlung von Infektionen, die Nerven schädigen können
Langzeitmanagement und Prognose
Der Verlauf einer Polyneuropathie ist sehr unterschiedlich. Oft schreitet die Erkrankung langsam fort, in manchen Fällen treten auch plötzliche Schübe auf. Die effektivsten Maßnahmen gegen Polyneuropathie sind regelmäßige Bewegung oder Physiotherapie, eine ausgewogene Ernährung und gegebenenfalls die Substitution von Vitaminen. Mögliche Komplikationen sind:
- Starke Schmerzen und Bewegungseinschränkungen
- Offene Wunden und Druckstellen an Füßen durch Gefühlsstörungen. Eine Polyneuropathie an Beinen oder Füßen erhöht das Risiko für Fußgeschwüre - eine regelmäßige Kontrolle auf Wunden ist also wichtig.
- Sturzgefahr durch Gangunsicherheit
- Beeinträchtigungen der Organfunktionen wie Blasen- oder Darmschwäche
Eine frühzeitige Diagnose und konsequente Behandlung sind entscheidend für den weiteren Verlauf. Bei manchen Formen wie der diabetischen Neuropathie ist eine Besserung möglich, wenn die Ursache behandelt wird.
Polyneuropathien erfordern oft eine Umstellung des gesamten Lebensstils. Bewegungsübungen, Hilfsmittel und Wohnraumanpassungen können die Selbstständigkeit erhalten. Psychologische Betreuung hilft, mit der Krankheit umzugehen. Eine Psychotherapie kann helfen, besser mit Schmerzen oder möglichen Folgen einer Polyneuropathie wie Schlafstörungen oder Depressionen umzugehen.
Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind wichtig, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Mit der richtigen Behandlung und Vorsorge lässt sich die Lebensqualität bei Polyneuropathie jedoch deutlich verbessern.
Unterstützung und Hilfsangebote
Mit einer Polyneuropathie sind Sie nicht allein! Es gibt viele Anlaufstellen für Betroffene: Austausch und gegenseitige Unterstützung finden Betroffene in Selbsthilfegruppen.
- Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen wie die Deutsche Polyneuropathie Vereinigung bieten Austausch und praktische Hilfen.
- In Online-Foren und Communities wie Polyneuropathie-Netzwerk.de finden Sie Gleichgesinnte zum Erfahrungsaustausch.
- Die Sozialverbände informieren über Ansprüche auf Nachteilsausgleiche, Hilfsmittel und finanzielle Unterstützung.
- Angehörige und Pflegepersonal erhalten Schulungen, um Betroffene bestmöglich zu unterstützen.
Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine gute Betreuung ist der Schlüssel für ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit Polyneuropathie.
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