Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung mehrerer Nerven gekennzeichnet ist. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung der Polyneuropathie.
Was ist eine Polyneuropathie?
Der Begriff "Neuropathie" bedeutet Nervenleiden, also Erkrankung der Nerven. Der Wortbestandteil „poly“ steht für „viele“. Bei einer Polyneuropathie erkranken also viele Nerven.
Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst jenen Teil der Nerven, der nicht zum zentralen Nervensystem (ZNS) gehört, also nicht innerhalb des Schädels oder des Wirbelkanals liegt. Die Nerven des PNS sind funktionell mit dem zentralen Nervensystem verbunden und leiten Impulse aus Gehirn und Rückenmark an die zu versorgenden Organe und Gewebe weiter, wodurch eine physiologische Reaktion an den Zielorganen ermöglicht wird.
Das periphere Nervensystem besteht aus zwei unterschiedlichen Anteilen:
- Das somatische (willkürliche) Nervensystem ist für die Ausführung willkürlicher Bewegungen und für Reflexe zuständig. Bei den meisten Polyneuropathien sind Nerven des willkürlichen Nervensystems betroffen.
- Autonome oder vegetative Nerven steuern verschiedene Körperfunktionen, die wir nicht oder nur teilweise willentlich beeinflussen können - zum Beispiel die Herzfrequenz, die Atmung, die Verdauung, die Blasenfunktion, die Schweißbildung. Auch diese Nerven können bei einer Polyneuropathie betroffen sein. Das kann Symptome verursachen wie Verdauungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen und Störungen der Herzfunktion.
Bei einer Polyneuropathie sind die Nerven in ihrer Funktion gestört, sodass Signale zwischen Gehirn, Rückenmark und Körper nur eingeschränkt weitergeleitet werden können. Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, welche Nerven betroffen sind - zum Beispiel solche, die für Bewegung, Empfindungen oder unbewusste Körperfunktionen zuständig sind.
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Ursachen der Polyneuropathie
Die Liste möglicher Auslöser einer Polyneuropathie ist sehr lang. Insgesamt sind mehr als 200 Auslöser für Erkrankungen aus dem neuropathischen Formenkreis bekannt. Bei etwa einem Viertel aller Betroffenen bleibt die Ursache trotz intensiver Suche unklar. Bei Polyneuropathien gibt es selten auch erbliche Formen.
Die erworbene Polyneuropathie ist mit Abstand die häufigere Form der Erkrankung. Sie entwickelt sich als Folge einer anderen Erkrankung oder durch einen externen Auslöser.
Zu den häufigen Ursachen einer Polyneuropathie zählen:
- Diabetes mellitus (diabetische Neuropathie): Diabetiker sind besonders gefährdet, an einer erworbenen Polyneuropathie zu erkranken, da es zu Schädigungen der kleinsten Gefäße kommt, die die peripheren Nerven versorgen. Diese sogenannte diabetische Polyneuropathie beginnt oft in den Zehen und Füßen und ist durch und ein herabgesetztes Schmerz- und Temperaturgefühl gekennzeichnet.
- Alkoholmissbrauch (alkoholische Polyneuropathie): Dabei kommt es durch die neurotoxischen (nervenschädigenden) Wirkungen chronischen Alkoholkonsums zu funktionellen Beeinträchtigungen der peripheren Nerven.
- Medikamente: Etwa eine Chemotherapie bei Krebs (Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie). Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B.
- Grunderkrankungen: Wie eine Nieren- oder eine Tumorerkrankung.
- Autoimmunerkrankungen: Eine weitere wichtige Sonderform der Polyneuropathie ist eine Schädigung durch das eigene Immunsystem (autoimmune Ursache) z. B. bei langwierigen intensivmedizinischen Behandlungen (Critical-illness-Polyneuropathie).
- Infektionen: Wie eine Borreliose oder eine HIV-Infektion.
- Vergiftungen: Etwa durch Schwermetalle wie Thallium oder Arsen.
- Stoffwechselstörungen: Etwa Schilddrüsenstörungen.
- Vitaminmangel: Zum Beispiel ein Vitamin-B12-Mangel, manchmal durch einen Missbrauch von Lachgas verursacht, eine Überdosierung von Vitamin B6.
- Krebserkrankungen: Beispielsweise Brustkrebs oder Blutkrebs.
- Schwere Krankheit mit Therapie auf Intensivstation: Zum Beispiel bei einer Blutvergiftung. Eine dritte erworbene Polyneuropathie ist die Critical-illness-Polyneuropathie, wo der Körper als Fehlleitung des Immunsystems die Nerven des peripheren Nervensystems schädigt. Dies tritt z. B. im Rahmen langwieriger intensivmedizinischer Behandlungen auf und äußert sich vor allem in schwindender Kraft und Muskelmasse in der Extremitäten- und Rumpfmuskulatur. In schwerwiegenden Formen können weitgehende Bewegungsunfähigkeit und Schluckstörungen resultieren. Mit Beendigung der intensivmedizinischen Behandlung bessert sich der Befund meist wieder, was durch intensive therapeutische Behandlungen gefördert werden kann.
- Hormonelles Ungleichgewicht: Zum Beispiel ausgelöst durch eine Schilddrüsenunterfunktion.
- Erbliche Veranlagung: Angeborene Polyneuropathien sind dagegen relativ selten. Ihnen liegen vererbbare Krankheiten wie Enzymdefekte, veränderte Proteine oder eine eingeschränkte Nervenleitgeschwindigkeit zugrunde. Sie unterscheiden sich aus diesem Grund meist auch in der Symptomatik von den erworbenen Polyneuropathien.
Risikofaktoren für Polyneuropathien
Nicht alle genannten Ursachen führen automatisch zu einer Polyneuropathie. Sie können jedoch das Risiko für Nervenschäden deutlich erhöhen - insbesondere, wenn weitere belastende Faktoren hinzukommen. Wer diese Risikofaktoren meidet oder reduziert, kann die Entstehung einer Polyneuropathie möglicherweise verhindern oder verzögern:
- Hoher Alkoholkonsum schädigt direkt die Nerven und die Leber.
- Rauchen beeinträchtigt die Sauerstoffversorgung der Nerven.
- Mangelernährung oder einseitige Kost führen zu Vitamin- und Nährstoffmangel.
- Bewegungsmangel verringert die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffversorgung.
- Starkes Übergewicht fördert Leber- und Gefäßschäden.
- Drogen- oder Medikamentenmissbrauch schädigt Leber und Nieren.
Symptome einer Polyneuropathie
Eine Polyneuropathie kann unterschiedliche Beschwerden hervorrufen, je nachdem, welche Nervenabschnitte erkrankt sind. Vereinfacht gesagt, sind die Enden langer Nerven besonders anfällig für Schäden, zum Beispiel durch Nährstoffmangel. Deshalb beginnt eine Polyneuropathie oft weit entfernt vom Rumpf in den Füßen. Häufig zeigen sich die Symptome gleichmäßig auf beiden Seiten, sozusagen sockenförmig in beiden Füßen. Im Verlauf können sich die Beschwerden strumpfförmig auf beide Unterschenkel ausbreiten. Seltener oder erst im weiteren Verlauf sind Hände und Arme betroffen. Manchmal zeigt sich eine Polyneuropathie nur an einem Bein oder einem Arm oder aber am Körperstamm.
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Die Symptome von Polyneuropathien sind äußerst vielfältig. Erste Anzeichen einer Polyneuropathie treten häufig an den Füßen oder den Händen auf. Es handelt sich meist um ein Gefühl der Taubheit, fehlendes Temperatur- oder Schmerzempfinden oder auch Missempfindungen wie Kribbeln - ein Gefühl, als ob „Ameisen über die Beine laufen“, wie es manche Patient*innen beschreiben. Muskelschwäche sowie allgemeine Schwäche können ebenfalls auftreten. Ein häufiges Symptom der Polyneuropathie ist der neuropathische Schmerz.
Häufige Symptome einer Polyneuropathie:
- Kribbeln
- Gefühl von Ameisen unter der Haut, „Ameisenlaufen“
- Taubheitsgefühle, Pelzigkeitsgefühl
- Vermindertes Temperaturempfinden
- Verminderte Sensibilität
- Schmerzen, oft als Brennen oder Stechen empfunden
- Überempfindlichkeit
- Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzucken
- Gangschwierigkeiten, etwa Unsicherheiten beim Gehen, Gefühl, als würde man auf Watte gehen
Die Ausprägung der Beschwerden kann variieren. Einige Betroffene fühlen nur gelegentlich ein Kribbeln im Bein. Für andere ist schon das Berühren der Bettdecke eine Qual.
Auch autonome Nerven können erkranken. Autonome oder vegetative Nerven steuern verschiedene Körperfunktionen, die wir nicht oder nur teilweise willentlich beeinflussen können - zum Beispiel die Herzfrequenz, die Atmung, die Verdauung, die Blasenfunktion, die Schweißbildung. Auch diese Nerven können bei einer Polyneuropathie betroffen sein. Das kann Symptome verursachen wie:
- Verdauungsstörungen
- Blasenentleerungsstörungen
- Störungen der Herzfunktion
Verschiedene Beschwerden je nach Art der Nerven:
Die Art der Symptome einer Polyneuropathie weist darauf hin, welche peripheren Nerven erkrankt sind:
- Symptome bei Erkrankung motorischer Nerven:
- Muskelzucken
- Muskelkrämpfe
- Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen der Muskulatur
- Muskelschwund
- Symptome bei Neuropathie sensibler Nerven:
- Die Symptome beginnen meistens an den Füßen, etwas später an den Händen und steigen langsam Richtung Körpermitte auf.
- Kribbeln („Ameisenlaufen“)
- Stechen
- Gefühl der Taubheit der Haut
- Gefühlsstörungen an Händen oder Füßen
- Schwellungsgefühle
- Druckgefühle
- Gestörter Gleichgewichtssinn
- Gangunsicherheit
- Verschlechterung der Feinmotorik
- Störung des Temperaturempfindens
- Beschwerden, wenn vegetative Nerven betroffen sind:
- Herzrhythmusstörungen
- Völlegefühl und Appetitlosigkeit
- Aufstoßen
- Blähungen
- Durchfall und Verstopfung
- Urininkontinenz, Stuhlinkontinenz
- Impotenz
- Störung der Schweißregulation
- Kreislaufprobleme, z. B mit Schwindel beim (raschen) Aufstehen
- Schwellung von Füßen und Händen
Neuropathische Schmerzen:
Schmerzen, die entstehen, wenn Nerven direkt geschädigt werden, bezeichnet man als Nervenschmerzen oder neuropathische Schmerzen. Der neuropathische Schmerz wird als durchdringend, brennend, stechend und/oder einschießend beschrieben. Er tritt häufig symmetrisch an Händen und Füßen oder im Bereich bestimmter Nervenversorgungsgebiete auf. Um den neuropathischen Schmerz auszulösen, genügt oft eine leichte Berührung. Neuropathische Schmerzen können nicht durch übliche Schmerzmittel gelindert werden.
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Diagnose der Polyneuropathie
Erste Anlaufstelle ist oft die hausärztliche Praxis. Die Ärztin oder der Arzt kann - falls nötig - an eine passende Spezialistin oder einen Spezialisten überweisen. Der Verdacht auf eine Polyneuropathie besteht bei den obengenannten Symptomen.
Die Diagnostik der Krankheit erfordert einige Erfahrung. Für die Diagnose erfragt der Arzt oder die Ärztin die Krankengeschichte. Es erfolgt eine neurologische Untersuchung, bei der unter anderem Sensibilität und Muskelreflexe geprüft werden. Der behandelnde Arzt wird Sie zunächst zu Ihrer medizinischen Vorgeschichte und der Intensität und Dauer der Beschwerden befragen, um Hinweise auf mögliche Ursachen zu finden. Bei Verdacht auf eine Polyneuropathie kommen weitere Untersuchungen in Betracht, zum Beispiel:
- Untersuchung der elektrischen Aktivität der Nerven (Elektroneurographie): Bei der neurophysiologischen Untersuchung mit Elektroneurographie (ENG) werden mit Stromimpulsen periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Damit lässt sich die Art der Nervenschädigung feststellen. Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt.
- Untersuchung der elektrischen Aktivität der Muskeln (Elektromyographie): Die Elektromyographie (EMG) untersucht Muskeln mit Nadeln und stellt so das Ausmaß der Schädigung fest. Macht deutlich, ob und wie stark die Muskeln auf die Nervensignale ansprechen. Bei dieser Untersuchung werden dünne Nadelelektroden durch die Haut in den entsprechenden Muskel eingeführt.
- Untersuchung von Blut- und Urinwerten: Eine Polyneuropathie ist üblicherweise nicht direkt im Blut nachweisbar. Laborwerte können aber beispielsweise Hinweise auf auslösende Krankheiten geben. Gegebenenfalls wird der Neurologe auch untersuchen, ob eine schwere Nierenerkrankung vorliegt, die ebenfalls als Verursacher einer Polyneuropathie in Frage kommt. Darüber hinaus werden folgende Untersuchungen durchgeführt:
- Kontrolle des Blutzuckerspiegels
- Weitere Blutuntersuchungen, z. B. Leber- und Nierenwerte, großes Blutbild, Entzündungswerte, gegebenenfalls auch auf Hinweise für Vergiftungen oder einen Vitamin-B-Mangel, spezielle Laboruntersuchungen des Immunsystems
- Urinuntersuchung
- Laboruntersuchungen auf infektiöse Ursachen
- Entnahme und Untersuchung von Nervenwasser (Lumbalpunktion)
- Genetische Untersuchungen
- Nervenbiopsie: Manchmal wird ein winziges Stück Nerv entnommen (Biopsie), um es unter dem Mikroskop zu untersuchen. Das lässt möglicherweise Rückschlüsse auf die Ursache zu. Auch die Entnahme und Analyse einer Hautprobe kann aufschlussreich sein. Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
- Röntgen-, Ultraschall-, MRT- und weitere Untersuchungen können zum Einsatz kommen.
Wie wird die Ursache einer Neuropathie festgestellt?
Erste Hinweise auf die Ursache einer Polyneuropathie liefert das Gespräch zwischen Ärztin und Patientin. Wichtig sind Informationen zur persönlichen Krankengeschichte (Anamnese) und zur Anamnese der Familie, zum Medikamentengebrauch, zu Symptomen und Entwicklung der Beschwerden sowie zur Ernährung, dem Lebensstil und Risikofaktoren wie dem Konsum von Alkohol.
Für die Diagnose Polyneuropathie werden verschiedene neurologische Tests und Untersuchungen durchgeführt:
- Test auf Berührungsempfindlichkeit: z. B. mit einem Nylonfaden, der leicht auf Hände und Füße gedrückt wird
- Test auf Vibrationsempfindlichkeit (Stimmgabeltest): Eine angeschlagene Stimmgabel wird an den Hand- oder den Fußknöchel gehalten. Der Stimmgabeltest prüft, ob die Tiefensensibilität erhalten ist. Mit einer Stimmgabel prüft der Neurologe das Vibrationsempfinden.
- Untersuchung der Muskeleigenreflexe
- Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie): Dabei misst man, wann ein absichtlich gesetzter Nervenreiz an einer bestimmten Stelle als Signal ankommt. Bei beginnenden Nervenschädigungen ist die Leitgeschwindigkeit vermindert.
- Untersuchung der Aktivität von Muskeln mithilfe der Elektromyografie
- Bei Bedarf werden auch Proben des Nervengewebes (Nervenbiopsien) und ggfls. Proben des Muskelgewebes, welches mikroskopisch und histochemisch untersucht wird, sowie das Druck- und Temperaturempfinden untersucht.
- Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist.
Behandlung der Polyneuropathie
Es gibt nicht "das eine Mittel", das bei einer Polyneuropathie am besten hilft. Denn eine Polyneuropathie kann verschiedene Ursachen haben und sich ganz unterschiedlich zeigen. Deshalb besprechen Betroffene idealerweise mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt, welche Behandlung in der individuellen Situation geeignet erscheint. Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der festgestellten Ursache und nach dem Beschwerdebild.
Die Behandlung richtet sich immer nach der zugrunde liegenden Ursache. Wird diese erkannt und frühzeitig behandelt, können sich die Symptome häufig deutlich bessern. Bei idiopathischen Polyneuropathien, bei denen keine Ursache gefunden wird, konzentriert sich die Therapie auf die Linderung der Beschwerden und die Erhaltung der Lebensqualität. Ziel ist es, Schmerzen zu reduzieren, Beweglichkeit und Kraft zu fördern und den Alltag bestmöglich zu unterstützen.
Nach Möglichkeit wird der Auslöser der Polyneuropathie behandelt. Einige Beispiele:
- Bei Diabetes: Ist unter anderem eine möglichst gute Blutzuckereinstellung wichtig. Außerdem sollten Betroffene ihre Füße regelmäßig untersuchen und schützen. Hat ein Diabetes schleichend über viele Jahre die Nerven angegriffen, muss der Patient seine Blutzuckerwerte in den Griff bekommen, um die Nervenschädigung zu stoppen. Allerdings führt eine zu rasche Senkung der Blutzuckerwerte zu weiteren Nervenschäden. Als optimal gilt eine sanfte Senkung des HbA1c-Wertes um weniger als zwei Prozentpunkte über einen Zeitraum von drei Monaten. Bei Altersdiabetes empfehlen Ärzte eine Umstellung des Lebensstils mit Gewichtsreduktion und viel Bewegung. Ziel ist, dass sich die Nerven wieder erholen.
- Bei einer durch Alkohol ausgelösten Polyneuropathie: Sollte Alkohol gemieden und besonders auf eine ausgewogene Ernährung geachtet werden. Sind Alkohol oder Medikamente die Ursache, hilft Abstinenz beziehungsweise ein Wechsel der Präparate.
- Bei entzündlichen Formen der Polyneuropathie: Setzt man beispielsweise Glukokortikoide oder Immunglobuline ein. Bei autoimmunvermittelten, entzündlichen Polyneuropathien gibt es verschiedene gegen die Entzündung wirkende Medikamente (Immunglobuline, Kortikoide, Immunsuppressiva). Bei schweren Verläufen kann auch eine Blutwäsche durchgeführt werden.
- Bei erblichen Neuropathien: gibt es bisher keine Therapie.
Behandlung von Schmerzen bei einer Polyneuropathie:
Schmerzen durch eine Polyneuropathie lassen sich möglicherweise mit verschiedenen Medikamenten abschwächen, aber meistens nicht ganz beheben. Häufig tritt die Wirkung erst nach einigen Wochen ein. Es kann nötig sein, verschiedene Wirkstoffe und Dosierungen zu testen. Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten.
Im ärztlichen Gespräch sollte geklärt werden, welche Therapien gegen Schmerzen infrage kommen, welche Vor- und Nachteile sie haben können und welche Erfolgsaussichten bestehen. Vorab sollte außerdem besprochen werden, ob die gesetzliche Krankenkasse für die ausgewählte Behandlung zahlt. Nicht bei allen Therapieverfahren existieren sichere wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit. Als Schmerzmittel infrage kommen zum Beispiel:
- Bestimmte Epilepsie-Medikamente
- Bestimmte Antidepressiva
- Opioide, vor allem bei stärkeren Schmerzen
Manche Patientinnen oder Patienten sprechen auf Pflaster mit dem Betäubungsmittel Lidocain oder Capsaicin an, dem Wirkstoff der Chilischote. Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen. Es betäubt nicht nur den schmerzenden Bereich und steigert die Durchblutung, sondern scheint sogar die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen. Wichtig ist, dass lokale Betäubungsmittel und Capsaicin-Präparate nach ärztlicher Verordnung angewendet werden, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
Je nach Fall kann es sinnvoll sein, eine Ärztin oder einen Arzt mit Spezialgebiet Schmerztherapie hinzuzuziehen.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten:
- Physiotherapie: Eine Physiotherapie kann - etwa bei einer Muskelschwäche oder Gleichgewichtsstörungen - hilfreich sein. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, besser mit Schmerzen oder möglichen Folgen einer Polyneuropathie wie Schlafstörungen oder Depressionen umzugehen.
- Selbsthilfegruppen: Austausch und gegenseitige Unterstützung finden Betroffene in Selbsthilfegruppen.
- Elektrotherapie: Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät so stimuliert, dass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen. Die Therapien müssen dauerhaft durchgeführt werden. Eine Pause beeinträchtigt schnell den Behandlungserfolg.
Rehabilitation bei Polyneuropathie:
In vielen Fällen ist die Polyneuropathie eine langwierige Erkrankung, die vielfältige Auswirkungen auf den Beruf und das Privatleben der Betroffenen hat. In einer stationären oder ambulanten Reha können sich Patient*innen ganz auf ihre Behandlung konzentrieren.
Ziele der Rehabilitation bei Polyneuropathie sind:
- Wiederherstellung gestörter Nervenfunktionen
- Wenn eine vollständige Heilung nicht möglich ist, lernen Sie, wie Sie Ihren Alltag im Rahmen Ihrer körperlichen Fähigkeiten bestmöglich bewältigen können.
- Falls Sie Hilfsmittel wie Gehhilfen oder einen Rollstuhl brauchen, passen wir diese genau an Ihre Bedürfnisse an. Sie lernen auch, wie Sie diese sicher und bequem nutzen.
- Heilung chronischer Wunden und Regeneration strapazierter Haut
Zur Therapie bei einer Polyneuropathie gehören je nach Bedarf:
- Behandlung der Ursachen
- Physikalische Therapie: Bäder, Elektrotherapie und Wärmeanwendungen können die Symptome der Polyneuropathie lindern.
- Physiotherapie und Krankengymnastik: Die Muskulatur wird gestärkt, die Beweglichkeit gesteigert, Gleichgewicht und Gangsicherheit werden verbessert und Fehlhaltungen korrigiert.
- Schmerztherapie: Neben physikalischer Therapie helfen individuell angepasste Medikamente sowie Strategien zur Schmerzbewältigung.
- Wundbehandlung: Chronische Wunden behandelt unser spezialisiertes Fachpersonal. Sie werden außerdem darin geschult, chronische Wunden zu vermeiden.
- Ergotherapie: verbessert die Feinmotorik und unterstützt dabei, alltägliche Aufgaben trotz körperlicher Einschränkungen - mit oder ohne Hilfsmittel - besser zu meistern
- Psychologische Therapie: psychische Krankheitsbewältigung in Gruppen oder Einzelsitzungen; wir unterstützen Sie auch bei spezifischen Problemen, z. B. nach einem Alkoholmissbrauch
- Bewegungstherapie: verbessert Ihre Beweglichkeit und Ihr Körpergefühl
- Sport und Krafttraining werden angepasst an Ihre persönlichen körperlichen Möglichkeiten und verbessern Ihre Ausdauer, Ihre allgemeine körperliche Kondition und Ihr Wohlbefinden
- Individuell angepasste Ernährung bei Begleitbeschwerden, wie Verdauungsstörungen oder häufiger Übelkeit
- Schulungen z. B. zum gesunden Lebensstil, Alltag mit Polyneuropathie und vielen anderen Themen
- Gemeinsame Einschätzung der beruflichen Leistungsfähigkeit mit dem Sozi…
Verlauf der Polyneuropathie
Der Verlauf ist je nach Ursache der Polyneuropathie unterschiedlich. Es gibt akute Verläufe, bei denen sich die klinische Symptomatik auch wieder rasch bessert. Von einer akuten Polyneuropathie spricht man, wenn die Beschwerden maximal vier Wochen anhalten. In vielen Fällen dauert eine Polyneuropathie jedoch deutlich länger. Bei chronischen Grunderkrankungen und bei erblichen Ursachen müssen die Beschwerden infolge der Polyneuropathie ein Leben lang behandelt werden.
Heilungsaussichten und Vorbeugung
Kann die Ursache frühzeitig beseitigt werden, ist eine Polyneuropathie eventuell heilbar. Die Symptome können sich zurückbilden. Das gelingt allerdings nicht in jedem Fall. Ist die Krankheit schon fortgeschritten oder die Ursache nicht behebbar, kann man zumindest versuchen, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.
In Abhängigkeit von der Ursache besteht nur begrenzt die Aussicht auf Heilung. Zum Beispiel sind die weniger häufig vorkommenden entzündlichen Neuropathien mit Medikamenten meist sehr gut zu behandeln, akute Formen heilen oft komplett aus.
Kann man einer Polyneuropathie vorbeugen?
Eine Polyneuropathie lässt sich nicht in jedem Fall verhindern. Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann eine ärztliche Beratung nicht ersetzen.
Tipps für die Vorsorge und mehr Lebensqualität bei Polyneuropathie:
Eine Polyneuropathie bedeutet manchmal eine Einschränkung der Lebensqualität. Diese Tipps können das Wohlbefinden steigern und Risiken minimieren:
- Blutzucker kontrollieren: Menschen mit Diabetes kontrollieren am besten regelmäßig ihren Blutzucker und nehmen ärztlich verordnete Medikamente ein. Schließlich kann eine suboptimale Blutzuckereinstellung das Risiko für die Entstehung und einen raschen Fortschritt der Erkrankung erhöhen.
- Füße kontrollieren: Eine Polyneuropathie an Beinen oder Füßen erhöht das Risiko für Fußgeschwüre - eine regelmäßige Kontrolle auf Wunden ist also wichtig.
- Bewegen: Menschen mit Polyneuropathie können bei Schmerzen und Missempfindungen von verschiedenen Angeboten wie Aquagymnastik oder Gehtraining profitieren.
- Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B.
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