Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung vieler Nerven gleichzeitig gekennzeichnet ist. Schätzungen zufolge leiden weltweit 40 von 100.000 Menschen an dieser Krankheit. Die Ursachen der PNP sind vielfältig und in vielen Fällen lässt sich der auslösende Faktor nicht mehr feststellen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Polyneuropathie im Zusammenhang mit einer niedrigen Immunabwehr und stellt verschiedene Therapieansätze vor.
Was ist Polyneuropathie?
Polyneuropathie bedeutet "Schädigung vieler Nerven gleichzeitig". Es handelt sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, also der Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Die PNP kann motorische, sensible und vegetative Fasern betreffen, was zu vielfältigen Beschwerden führen kann.
Ursachen und Risikofaktoren der Polyneuropathie
Es gibt Hunderte verschiedener Arten von Polyneuropathie. Die Auslöser können vielfältig sein, wobei sich der verursachende Faktor oft nicht mehr identifizieren lässt. Zu den möglichen Ursachen gehören:
- Diabetes mellitus: Wenn Diabetes die Ursache ist, spricht man von einer diabetischen Polyneuropathie. Bis zu 50 % der Diabetiker entwickeln eine PNP.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B12 ist wichtig für die Regeneration und Bildung der Myelinscheiden der Nervenfasern, so dass ein Vitamin-B12-Mangel zu neurologischen Schäden führen kann. Auch ein Vitamin-D-Mangel kann mit einer Polyneuropathie in Verbindung stehen.
- Fehlernährung: Eine langjährige Fehlernährung kann zu einer PNP führen und das Risiko einer Insulinresistenz (beginnender Diabetes) erhöhen.
- Vergiftungen: Chemikalien wie Pflanzenschutzmittel (Glyphosat) oder Quecksilber können eine PNP verursachen. Auch Drogen können ein möglicher Auslöser sein.
- Medikamente: Manche Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, Antibiotika (Metronidazol, Nitrofurantoin, Linezolid) und bestimmte HIV-Medikamente, können eine Polyneuropathie verursachen. In seltenen Fällen können auch Cholesterinsenker (Statine) Nervenschäden fördern.
- Andere Krankheiten: Die Polyneuropathie kann eine Begleit- oder Folgeerscheinung von Borreliose, HIV, Autoimmunerkrankungen (z. B. systemischer Lupus erythematodes) und anderen Krankheiten sein.
- Guillain-Barré-Syndrom: Dies ist eine eigene Form der PNP, die meist nach etlichen Wochen wieder folgenlos ausheilt.
- Alkoholmissbrauch: Alkohol kann die Nerven direkt schädigen und dem Körper B-Vitamine entziehen, deren Mangel ebenfalls eine Polyneuropathie auslösen kann. Das Risiko, an Polyneuropathie zu erkranken, ist bei Alkoholikern etwa viermal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.
- Umweltfaktoren: Aktuelle Studienergebnisse assoziieren erstmals umweltbedingte Risikofaktoren wie Luftverschmutzung, niedrige Umgebungstemperatur, geringer Grünanteil und hoher Straßenlärm mit der Entstehung distaler sensomotorischer Polyneuropathien (DSPN).
- Adipositas: Menschen mit Adipositas haben ein erhöhtes Risiko, eine DSPN zu entwickeln.
Polyneuropathie und Immunabwehr
Ein niedrige Immunabwehr kann im Zusammenhang mit Polyneuropathie auf verschiedene Weise relevant sein:
- Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) können durch eine fehlgeleitete Immunreaktion Nervenschäden verursachen.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen, wie z. B. mit dem HI-Virus oder dem Masern-Virus, können das Immunsystem schwächen und somit das Risiko für eine Polyneuropathie erhöhen.
- Immunsuppressiva: Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, können als Nebenwirkung die körpereigene Abwehr beeinträchtigen und das Risiko für Infektionen erhöhen, die wiederum eine Polyneuropathie auslösen können.
- Erworbene Immundefekte: Verschiedene Erkrankungen wie das Multiple Myelom oder die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) können zu einem Antikörpermangel und somit zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen, was das Risiko für Polyneuropathie erhöhen kann.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome der Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Typische Symptome sind:
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- Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder brennende Schmerzen in den Füßen und Händen
- Muskelschwäche oder Lähmungen
- Gleichgewichtsstörungen
- Koordinationsprobleme
- Störungen der Körperwahrnehmung
- Erektionsstörungen
- Sehstörungen
- Kreislaufprobleme
- Verdauungsbeschwerden
- Blasenfunktionsstörungen
Diagnose der Polyneuropathie
Zur Diagnose der Polyneuropathie werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Reflexe, die Sensibilität und die Muskelkraft des Patienten.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Mittels Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) wird die Nervenleitgeschwindigkeit und die Muskelaktivität gemessen.
- Liquoruntersuchung: Bei Verdacht auf eine entzündliche Ursache der Polyneuropathie wird eine Lumbalpunktion durchgeführt, um das Nervenwasser (Liquor) zu untersuchen.
- Blutuntersuchungen: Im Blut werden verschiedene Parameter bestimmt, um mögliche Ursachen der Polyneuropathie zu identifizieren (z. B. Blutzucker, Vitamin-B12-Spiegel, Schilddrüsenwerte).
- Haar- oder Nagelanalyse: Mit einer Haaranalyse oder Nagelanalyse können Sie leicht die Belastung mit Schwermetallen und Aluminium überprüfen.
Therapie der Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu beseitigen oder zu behandeln (kausale Therapie) und die Beschwerden zu lindern (symptomatische Therapie).
Kausale Therapie
Einige Beispiele für die ursächliche Behandlung von Polyneuropathie (PNP) sind:
- Alkoholentzug: Alkoholiker sollten einen Entzug machen.
- Blutzuckereinstellung: Bei Diabetes-Patienten muss der Blutzucker richtig eingestellt werden.
- Vitaminmangel ausgleichen: Wurde ein Vitamin-B12-Mangel festgestellt, sollte man sich ausgewogener ernähren und den Mangel durch ein Vitaminpräparat ausgleichen.
- Meiden von Giftstoffen und Medikamenten: Sind Giftstoffe oder Medikamente der Auslöser der Polyneuropathie, müssen sie möglichst gemieden werden.
- Behandlung von Grunderkrankungen: Wenn die Polyneuropathie Folge einer anderen Erkrankung ist (z. B. Borreliose, HIV, Autoimmunerkrankung), muss diese behandelt werden.
Symptomatische Therapie
Zur Linderung der Beschwerden können verschiedene Medikamente und Maßnahmen eingesetzt werden:
- Schmerzmittel: Bei Nervenschmerzen können Schmerzmittel wie ASS (Acetylsalicylsäure) oder Paracetamol helfen. Bei sehr schweren Nervenschmerzen kann der Arzt auch Opioide verschreiben, jedoch nur im Ausnahmefall.
- Krampflösende Medikamente: Bei Nervenschmerzen können auch krampflösende Mittel wie Gabapentin oder Pregabalin helfen. Sie sorgen dafür, dass die Nervenzellen weniger erregbar sind.
- Antidepressiva: Im Rahmen der Schmerztherapie kommen oft auch stimmungsaufhellende Mittel (Antidepressiva) wie Amitriptylin zum Einsatz. Sie hemmen die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark.
- Physikalische Therapie: Manche Polyneuropathie-Patienten mit Nervenschmerzen profitieren von der sogenannten TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation), auch Reizstromtherapie genannt. Vor allem bei sensiblen und motorischen Störungen einer Polyneuropathie können generell physikalische Therapien helfen. Dazu gehören zum Beispiel Physiotherapie, Wechselbäder, Elektrobehandlung gelähmter Muskeln sowie warme und kalte Wickel.
- Weitere Maßnahmen: Bei häufigen Wadenkrämpfen können Polyneuropathie-Patienten versuchsweise ein Magnesium-Präparat einnehmen. Haben Polyneuropathie-Patienten große Probleme beim Gehen, sind orthopädische Hilfsmittel sinnvoll.
Ernährung und Lebensstil
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Nährstoffen ist wichtig für die Nervenfunktion. Insbesondere sollte auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 und Vitamin D geachtet werden.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung, insbesondere Ausdauersport, fördert die Durchblutung und den Stoffwechsel.
- Stressmanagement: Ein gutes Stressmanagement kann helfen, die Beschwerden der Polyneuropathie zu lindern.
- Entgiftung: Da eine Polyneuropathie auch die Folge einer Schadstoffbelastung sein kann, sollten Maßnahmen zur Unterstützung der Entgiftungsorgane ergriffen werden.
Alternative Therapien
- Rotlicht-Therapie: Die Rotlicht-Therapie kann bei vielen Beschwerden hilfreich sein. In Studien ist hier meist die Rede von low-level light therapy (LLLT) oder Photobiomodulation.
- Uridinmonophosphat (UMP): Uridinmonophosphat (UMP) ist ein wichtiger Baustein für Nervenzellen und kann die Regeneration geschädigter Nerven unterstützen. In Kombination mit Folsäure und Vitamin B12 konnte UMP in einer Studie mit über 200 PNP-Patienten die Nervenschmerzen signifikant reduzieren.
- Alpha-Liponsäure: Die Alpha-Liponsäure ist ein starkes Antioxidans, das bevorzugt zur Behandlung der diabetischen Polyneuropathie verwendet wird.
- Heilpflanzen: Laut einer im Jahr 2018 an der Mashhad University of Medical Sciences durchgeführten Studie können diverse Heilpflanzen wie der Kalmus, Estragon, Salbei oder auch Kurkuma bei Polyneuropathie hilfreich sein. Auch Capsaicin, der in Chilis enthalten ist, kann US-Forschern zufolge bei der Schmerzbekämpfung gute Dienste erweisen.
Polyneuropathie und COVID-19
Es gibt Hinweise darauf, dass COVID-19-Infektionen das GBS-Risiko erhöhen können. Studien zeigen, dass Patient:innen deutlich häufiger durch die Infektionen selbst als durch entsprechende Schutzimpfungen ein GBS entwickeln.
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