Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur akute gesundheitliche Auswirkungen, sondern auch langfristige Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Eine wachsende Zahl von Patienten, die von COVID-19 genesen sind, leiden weiterhin unter verschiedenen Symptomen, die als Post-COVID-Syndrom oder Long COVID bekannt sind. Zu diesen Spätfolgen gehören auch neurologische Beschwerden, die in einigen Fällen zu demenzähnlichen Symptomen führen können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze von Post-COVID-Demenz, um ein besseres Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.
Einführung
Seit dem ersten Auftreten von COVID-19, ausgelöst durch das neuartige Virus SARS-CoV-2, haben Wissenschaftler festgestellt, dass die Erkrankung nicht nur die Lunge betrifft, sondern auch andere Organe und Systeme im Körper. Ähnlich wie bei anderen Infektionen, wie Grippe oder Erkrankungen mit dem Epstein-Barr-Virus, gibt es zahlreiche Berichte und Studien über anhaltende Symptome nach Abklingen der eigentlichen Infektion. Bis zu 40 Prozent der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen geben COVID-assoziierte Symptome an, die über mindestens sechs Monate andauern. Jeder dritte erreicht nach der Infektion nicht mehr seine ursprüngliche Leistungsfähigkeit. Diese anhaltenden Beschwerden können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben.
Definition und Häufigkeit von Post-COVID
Die Begriffe Post-COVID-Syndrom und Chronisches COVID-Syndrom werden oft synonym verwendet, um anhaltende Symptome nach einer COVID-19-Infektion zu beschreiben. Generell scheinen bis zu 15 % der Patienten mit COVID-19 auch von Post-COVID betroffen zu sein. Eine der größten bevölkerungsrepräsentativen Studien zur Pandemie in Deutschland, die Gutenberg COVID-19 Studie, ergab sogar, dass bis zu 40 Prozent der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen Covid-assoziierte Symptome angeben, die über mindestens sechs Monate andauern.
Symptome von Post-COVID
Die Betroffenen klagen über ganz unterschiedliche Symptome, die dem sogenannten Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) ähneln können. Britische Forscher haben durch eine Befragung von rund 3800 Betroffenen versucht, diese besser einzuordnen und die Häufigkeit von 203 Symptomen in 10 Organsystemen erfasst, davon insgesamt 66 Symptome, die mehr als sieben Monate anhielten. Dabei wurden drei Gruppen von Symptomen identifiziert:
- Frühe Symptome: Treten früh im Erkrankungsverlauf auf, erreichen nach 2-3 Wochen ihren Höhepunkt und klingen dann langsam innerhalb von 90 Tagen ab. Dies sind vor allem Symptome der Atemwege und des Magen-Darm-Bereichs.
- Verzögerte Symptome: Erreichen ihren Höhepunkt etwa sieben Wochen nach COVID-Beginn und nehmen deutlich langsamer ab. Dazu gehören neuropsychiatrische und kardiovaskuläre Symptome, aber auch Fatigue (übergroße Müdigkeit) und Hauterscheinungen mit z.B. Frostbeulen-ähnlichen Veränderungen an den Zehen.
- Anhaltende Symptome: Beginnen mild und erreichen nach etwa 10 - 15 Wochen ihr Maximum und weisen danach kaum Besserung auf.
Zu den neurologischen und kognitiven Symptomen, die im Zusammenhang mit Post-COVID auftreten können, gehören:
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- Brain Fog: Ein Gefühl von "Nebel im Gehirn", das sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme und eingeschränkte Aufmerksamkeit äußert.
- Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen: Schwierigkeiten, sich Dinge zu merken, sich zu konzentrieren und Aufgaben zu erledigen.
- Eingeschränkte Exekutivfunktionen: Probleme beim Planen, Organisieren und Ausführen von Handlungen.
- Demenzähnliche Symptome: In einigen Fällen können die kognitiven Beeinträchtigungen so stark sein, dass sie an eine Demenzerkrankung erinnern.
Ursachen von Post-COVID-Demenz
Die genauen Ursachen von Post-COVID-Demenz sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt mehrere mögliche Mechanismen, die eine Rolle spielen könnten:
- Direkte Schädigung des Gehirns durch das Virus: Obwohl die meisten Experten davon ausgehen, dass der SARS-CoV-2-Erreger nicht direkt auf die Nervenzellen im Gehirn einwirkt, gibt es Hinweise darauf, dass das Virus die innerste Zellschicht der Blutgefäße im Gehirn, die sogenannten Endothelzellen, angreifen und schädigen kann. Auch die Blut-Hirn-Schranke kann dabei von dem Virus angegriffen und zerstört werden. Eine Studie, die im Fachblatt Nature Neuroscience veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann.
- Entzündungsreaktionen im Gehirn: Im Rahmen der Infektion aktivierte Immunzellen können ins Gehirn einwandern und dort eine anhaltende Entzündungsreaktion auslösen, die Nervenzellen und ihre Verbindungen untereinander stört. Forscher haben in der Gehirnflüssigkeit mancher Betroffener Autoantikörper gefunden - Abwehreiweiße, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten. Eine Studie von Heidelberger Forschern konnte nachweisen, dass insbesondere das Gedächtnis zur Unterscheidung ähnlicher Erinnerungen betroffen ist, was auf Entzündungsreaktionen im Hippocampus hindeutet.
- Vaskuläre Schäden: COVID-19 kann Blutgefäße im gesamten Körper schädigen, was zu einer unzureichenden Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Nährstoffen führen kann. Dies kann die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen und zu kognitiven Störungen führen.
- Immunologische Störungen: Eine Beteiligung des Immunsystems, also Störungen durch autoimmunologische Prozesse im Körper, wird für wahrscheinlich gehalten.
- Sauerstoffmangel: Eine schwere Pneumonie, die häufig mit COVID-19 einhergeht, kann die ausreichende Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff gefährden.
- Erhöhtes Risiko für Demenz nach schwerer COVID-19-Pneumonie: Eine Fall-Kontrollstudie in Open Forum Infectious Diseases (2022; DOI: 10.1093/ofid/ofac115) ergab, dass Patienten mit COVID-19, die aufgrund einer schweren Pneumonie im Krankenhaus behandelt werden müssen, in den Folgemonaten häufiger an einer Demenz erkranken als Patienten mit einer Pneumonie aus anderen Ursachen.
- Gehirnalterung: Gehirnproben verstorbener Covid-19 Patienten gaben in einer Studie, die im Fachblatt Nature aging veröffentlich wurde, Hinweise darauf, dass Coronaviren eine Art Gehirnalterung hervorrufen.
Risikofaktoren für Post-COVID
Wissenschaftler aus Seattle haben vier Faktoren dafür identifiziert, ob Covid-Patienten nach Genesung noch an Langzeitfolgen der Erkrankung leiden. Für das Auftreten von Post Covid ermöglichen Alter, Vorerkrankungen und Schwere der Covid-Erkrankung keine verlässlichen Aussagen über ein erhöhtes Risiko - anderes als für einen schweren Covid-Verlauf. Laut Jördis Frommhold sind mehr Frauen als Männer von kognitiven Problemen nach einer Coronainfektion betroffen. Darüber hinaus sind vor allem ältere Menschen von den Symptomen betroffen.
Diagnose von Post-COVID-Demenz
Die Diagnose von Post-COVID-Demenz ist komplex und erfordert eine umfassendeEvaluation. Erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten ist die hausärztliche Praxis. Dort werden weitere mögliche Ursachen für den Gehirnnebel abgeklärt: zum Beispiel ein Schlaganfall, eine Depression oder eine Demenzerkrankung wie etwa Alzheimer. Auch eine hohe Stressbelastung kann die Symptome auslösen. Die Diagnostik umfasst in der Regel:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung des allgemeinen Gesundheitszustands und der neurologischen Funktionen.
- Neuropsychologische Tests: Messung der kognitiven Fähigkeiten, wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache und exekutive Funktionen.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns, um strukturelle Schäden oder Veränderungen zu erkennen.
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen.
Behandlung von Post-COVID-Demenz
Es gibt kein Medikament und auch keine etablierte Therapie gegen Brain Fog. Die Behandlung von Post-COVID-Demenz orientiert sich in der Regel an der Symptomatik. Die Therapie kann folgende Elemente umfassen:
- Kognitives Training: Übungen zur Verbesserung der Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeiten.
- Ergotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben und der Verbesserung derHandlungsplanung.
- Physiotherapie: Förderung der körperlichen Aktivität und Verbesserung der motorischen Fähigkeiten.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Sprechstörungen.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung von emotionalen Belastungen und psychischen Problemen.
- Medikamentöse Therapie: Einsatz von Medikamenten zur Behandlung spezifischer Symptome, wie z.B. Schlafstörungen, Angstzustände oder Depressionen.
- Pacing: Das sogenannte Pacing, bei dem gemeinsam mit den Betroffenen die richtige Balance zwischen Aktivierung und Schonung gefunden wird, ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Pacing bedeutet im Englischen, sich die Kraft einzuteilen - und genau darum geht es im Zusammenhang mit Long Covid: das Tempo des eigenen Handelns soll gut kontrolliert werden.
- Rehabilitation: Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner haben auch die Möglichkeit, eine Rehabilitation zu verschreiben. Dafür gibt es sogar ein Extra-Budget. Oder sie überweisen die Hilfesuchenden an ein spezialisiertes Akutkrankenhaus wie das genannte Neuro-Post-COVID-Zentrum des Uniklinikums Jena.
Prävention von Post-COVID-Demenz
Obwohl es keine spezifischen Maßnahmen zur Prävention von Post-COVID-Demenz gibt, können folgendeEmpfehlungen dazu beitragen, das Risiko zu verringern:
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- Impfung gegen COVID-19: Die Covid-Impfung scheint nach der bisherigen Datenlage Schutz vor Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion zu bieten.
- Vermeidung einer Infektion mit SARS-CoV-2: Durch Einhaltung von Hygienemaßnahmen und sozialer Distanzierung kann das Risiko einer Infektion reduziert werden.
- Frühzeitige Behandlung von COVID-19: Eine frühzeitige und angemessene Behandlung der akuten COVID-19-Erkrankung kann möglicherweise das Risiko von Spätfolgen verringern.
- Gesunder Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf schädlicheSubstanzen können die allgemeine Gesundheit und die Gehirnfunktion unterstützen.
Forschung zu Post-COVID-Demenz
Die Forschung zu Post-COVID-Demenz ist ein aktives und sich entwickelndes Feld. Zahlreiche Studien werden durchgeführt, um die Ursachen, Risikofaktoren, Diagnose und Behandlung dieser komplexen Erkrankung besser zu verstehen. Das Zentrum für Neurologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) führt eine Studie zu neurologischen Beschwerden im Zusammenhang mit dem Post-COVID-Syndrom durch. Ziel ist es, dieses Krankheitsbild besser zu verstehen und damit den Weg für eine effektivere Behandlung zu bereiten. Die Studie richtet sich an Personen, deren geistige Leistungsfähigkeit im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion nachgelassen hat.
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