Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS) können vielfältige Ursachen und Ausprägungen haben. Sie reichen von Nervenkompressionssyndromen wie dem Karpaltunnelsyndrom über Nervenverletzungen bis hin zu Neuropathien. Die Diagnostik und Behandlung dieser Erkrankungen erfordern spezialisierte Kenntnisse und moderne Untersuchungsmethoden.
Die Bedeutung des peripheren Nervensystems
Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Es steuert unsere Muskelbewegungen, leitet Tast- und Temperaturempfindungen und ist somit essenziell für unsere Interaktion mit der Umwelt. Schädigungen der peripheren Nerven können zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche oder sogar Lähmungserscheinungen führen.
Der erste Schritt: Neurologische Untersuchung
Patienten mit Verdacht auf eine Erkrankung des peripheren Nervensystems suchen in der Regel zuerst eine Neurologin oder einen Neurologen auf. Diese/r führt eine erste klinische Untersuchung durch und entscheidet über die Notwendigkeit weiterer diagnostischer Maßnahmen. In vielen Fällen erfolgt eine Überweisung in eine neurologische Tagesklinik zur umfassenden Differentialdiagnostik und ganzheitlichen Behandlung.
Umfassende Diagnostik in der neurologischen Tagesklinik
In der neurologischen Tagesklinik werden verschiedene Untersuchungsmethoden eingesetzt, um die Ursache und das Ausmaß der Nervenschädigung zu ermitteln. Zu den wichtigsten Verfahren gehören:
Elektrophysiologische Untersuchungen
Elektromyographie (EMG): Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen. Sie dient der Beurteilung der Muskelfunktion und kann Hinweise auf Nervenschädigungen geben.
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Elektroneurographie (ENG) / Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Die ENG misst die Geschwindigkeit, mit der elektrische Impulse entlang der Nervenfasern geleitet werden. Eine verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit kann auf eine Schädigung der Nerven hinweisen.
Bildgebende Verfahren
- Muskelsonographie: Ultraschalluntersuchung der Muskeln
- Nervensonographie / Hochauflösender Nervenultraschall: Mithilfe hochauflösender Ultraschalltechnik können Schädigungen der peripheren Nerven direkt sichtbar gemacht werden.
Ablauf der Untersuchungen
- Aufnahme in der Tagesklinik: Gründliche klinische Untersuchung durch den behandelnden Arzt.
- Spezifische Untersuchungen: Elektrophysiologische Untersuchung und ggf. Ergänzung bzw. Aktualisierung bereits mitgebrachter Messergebnisse; Nervensonographie des mutmaßlich geschädigten Nervenabschnitts.
- Beratung: Gemeinsame Besprechung des Befundes und Empfehlung zur Weiterbehandlung (konservativ / operativ).
Die Nervensonographie im Detail
Die Nervensonographie ist eine wertvolle Ergänzung zur klinischen Untersuchung und elektrophysiologischen Diagnostik. Sie ermöglicht die Visualisierung von Nervenstrukturen und kann bei der Diagnose verschiedener Erkrankungen hilfreich sein.
Indikationen für eine Nervensonographie
- Nervenkompressionssyndrome: Karpaltunnelsyndrom, Kubitaltunnel-/Sulcus ulnaris Syndrom, Tarsaltunnelsyndrom.
- Lokalisation der Schädigung: Bestimmung des genauen Ortes der Nervenschädigung.
- Empfehlung geeigneter Therapieverfahren: Entscheidung, ob eine konservative Behandlung (Schiene, Physiotherapie) oder eine Operation (Nervendekompression) erforderlich ist.
- Nachoperativ: Abklärung von Ursachen anhaltender Beschwerden nach einer Nervenoperation (z.B. unvollständige Durchtrennung des Retinaculums bei Karpaldachspaltung, Rezidiv durch überschießende Narbenbildung).
- Nervenverletzungen: Visualisierung des Verletzungsausmaßes und entsprechende Therapieempfehlung (z.B. Physiotherapie bei inkompletter Schädigung des Nerven; OP (Nervennaht) bei kompletter Durchtrennung des Nerven und Anteilen des Nerven).
- Nachoperativ: Hinweise auf Ursachen ausbleibender Heilungsfortschritte nach erfolgter Nervenoperation (z.B. Nahtinsuffizienz, Neurombildung, Kompression durch Narben).
- Bei unklarer Erkrankung des peripheren Nervensystems: Als Baustein zur Differentialdiagnostik (z.B. demyelinisierende Polyneuropathien, Motoneuronerkrankung etc.).
Vorteile der Nervensonographie
- Direkte Visualisierung von Art und Ausmaß der Nervenschädigung.
- Gezieltere Behandlung der Erkrankung.
- Bessere Abschätzung der Prognose.
- Exaktere Planung chirurgischer Eingriffe.
Behandlungsangebote bei Schädigung peripherer Nerven
Die Behandlung von Erkrankungen des peripheren Nervensystems ist vielfältig und richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung. In vielen Fällen kommen konservative Therapien zum Einsatz, während in anderen Fällen eine Operation erforderlich ist.
Konservative Therapie
- Medikamentöse Behandlung: Schmerzmittel, entzündungshemmende Medikamente.
- Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit, Kräftigung der Muskulatur.
- Ergotherapie: Anpassung von Hilfsmitteln, Training von Alltagsaktivitäten.
- Orthopädietechnische Hilfsmittel: Schienen zur Ruhigstellung oder Entlastung des Nervs.
- Multimodale Schmerztherapie: Kombination verschiedener Therapieverfahren zur Schmerzlinderung.
Operative Therapie
- Nervendekompression: Beseitigung von Engstellen, die auf den Nerv drücken.
- Nervenrekonstruktion: Wiederherstellung der Kontinuität eines durchtrennten Nervs (Nervennaht, Nerventransplantation).
- Tumorentfernung: Entfernung von Tumoren, die auf den Nerv drücken oder in ihn hineinwachsen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Eine erfolgreiche Behandlung von Erkrankungen des peripheren Nervensystems erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen, darunter Neurologie, Neurochirurgie, Physikalische Medizin, Orthopädie und Unfallchirurgie.
Spezielle Erkrankungen und Syndrome
Nervenkompressionssyndrome
Nervenkompressionssyndrome entstehen durch eine Einengung peripherer Nerven an bestimmten Stellen im Körper. Häufige Beispiele sind:
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- Karpaltunnelsyndrom (CTS): Einengung des Nervus medianus im Bereich des Handgelenks.
- Kubitaltunnelsyndrom (KTS): Druckschädigung des Nervus ulnaris im Bereich des Ellenbogengelenks.
- Thoracic-outlet-Syndrom (TOS): Engpasssyndrom des Armnervengeflechts im Bereich des Schultergürtels.
- Peronaeus-Kompressions-Syndrom: (N. peronaeus am proximalen Unterschenkel)
- Suprascapularis-Kompressions-Syndrom: (N. suprascapularis am oberen Rand des Schulterblattes)
- Interosseus-posterior-Syndrom oder Pronator-teres-Syndrom: (N. medianus am proximalen Unterarm)
- Loge-de Guyon-Syndrom: (N. ulnaris am Handgelenk)
- Cheiralgia parästhetica: (sensibler Ast des N. radialis am Unterarm)
- Meralgia parästhetica: (N. cutaneus femoris lateralis an der Leiste)
- Hinteres Tarsaltunnel-Syndrom: (N. tibialis am Innenknöchel)
- Vorderes Tarsaltunnel-Syndrom: (N. peronaeus profundus am Fußrücken)
Die Symptome von Nervenkompressionssyndromen sind vielfältig und können Missempfindungen (Taubheit, Kribbeln, Brennen), Schmerzen und Muskelschwäche umfassen.
Tumoren peripherer Nerven
Tumoren peripherer Nerven sind selten und meist gutartig. Sie gehen in der Regel von der Nervenscheide oder dem Bindegewebe der Nerven aus. Die häufigsten Tumoren sind Schwannome und Neurofibrome. In seltenen Fällen können auch bösartige Tumoren (maligne periphere Nervenscheidentumoren, MPNST) auftreten.
Die Diagnose von Nerventumoren erfolgt in der Regel durch bildgebende Verfahren (MRT) und ggf. durch eine Biopsie zur feingeweblichen Untersuchung. Die Behandlung besteht in der Regel in der operativen Entfernung des Tumors.
Traumatische Nervenläsionen
Traumatische Nervenläsionen entstehen durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung auf die Nerven. Ursachen können Unfälle, Operationen oder medizinische Maßnahmen sein. Die Verletzungen können von einer leichten Prellung bis hin zur kompletten Durchtrennung des Nervs reichen.
Die Symptome einer traumatischen Nervenläsion hängen vom Ausmaß der Schädigung und dem betroffenen Nerv ab. Mögliche Symptome sind Schmerzen, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen.
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Die Behandlung richtet sich nach der Art und Schwere der Verletzung. Bei einer kompletten Durchtrennung des Nervs ist in der Regel eine Operation zur Wiederherstellung der Nervenkontinuität erforderlich.
Neuralgische Amyotrophie
Die neuralgische Amyotrophie ist eine seltene entzündliche Erkrankung, die sich durch plötzlich auftretende Schmerzen und Lähmungen äußert. Die Ursache ist oft unklar, Risikofaktoren sind übermäßige mechanische Beanspruchung, Infektionen oder eine genetische Veranlagung. In einigen Fällen können narbige Einschnürungen der Nerven (Konstriktionen) festgestellt werden, die operativ behandelt werden müssen.
MR-Neurographie
Die MR-Neurographie (Nerven-MRT) ist ein innovatives, neuroradiologisches Untersuchungsverfahren, mit dem das periphere Nervensystem hochaufgelöst dargestellt werden kann. Sie wird an leistungsstarken 3 Tesla MRT-Geräten in Kombination mit hochauflösenden Empfangsspulen durchgeführt. Nervenschädigungen können auf diese Weise sehr präzise auf radiologischen Bildern lokalisiert werden - auch in Körperregionen die mit anderen Verfahren nicht oder nur sehr schwer untersuchbar sind. Hierzu zählen beispielsweise das Armnervengeflecht (auch Plexus brachialis genannt), das Becken- bzw.
Neurophysiologische Diagnostik
Die Neurophysiologie nutzt eine Vielzahl von Diagnoseverfahren, um die Funktion des Nervensystems zu untersuchen und neurologische Erkrankungen besser zu erkennen. Zu den wichtigsten Werkzeugen gehören das Elektroenzephalogramm (EEG), die Elektromyografie (EMG) und die Elektroneurografie (ENG).
Elektroenzephalogramm (EEG)
Das Elektroenzephalogramm (EEG) misst die elektrische Aktivität des Gehirns mithilfe kleiner Elektroden, die auf der Kopfhaut angebracht werden. Es wird häufig eingesetzt, um die Ursachen von Anfallsleiden wie Epilepsie zu untersuchen, da es abnormale Gehirnwellenmuster sichtbar machen kann. Darüber hinaus hilft das EEG bei der Diagnostik von Schlafstörungen und kann Hinweise auf entzündliche Prozesse oder Stoffwechselstörungen im Gehirn geben.
Elektromyografie (EMG) und Elektroneurografie (ENG)
Die Elektromyografie (EMG) analysiert die elektrische Aktivität in den Muskeln und wird genutzt, um Erkrankungen des peripheren Nervensystems und der Muskulatur zu diagnostizieren. Bei der Untersuchung werden feine Nadelelektroden in den Muskel eingeführt, um dessen Aktivität in Ruhe und unter Belastung zu messen. Die Elektroneurografie (ENG) misst die Nervenleitgeschwindigkeit, um Nervenverletzungen oder -schädigungen zu identifizieren.
Evvozierte Potentiale
Mit der Untersuchung der Evozierten Potenziale (hervorgerufene Potenziale) wird durch die Reizung eines Sinnesorgans oder eines Nerven die Leitfähigkeit von Nervenbahnen bis zum Gehirn hin untersucht.
- Visuell evozierte Potenziale (VEP): Durch den Blick auf ein Schachbrettmuster, das rasch zwischen schwarz und weiß wechselt, wird die Sehbahn vom Auge bis zur sogenannten Sehrinde des Gehirns im Hinterkopf untersucht.
- Akustisch evozierte Potenziale (AEP): Über einen Kopfhörer werden akustische Reize (Hörreize) ausgesandt und die zentrale Hörbahn, vom Innenohr bis zur sogenannten Hörrinde, des Gehirns untersucht.
- Somatosensibel evozierte Potenziale (SSEP): Bei diesen Untersuchungen wird die Leitfähigkeit des sogenannten sensiblen Systems von den peripheren Nerven (meist an Armen und Beinen) bis hin zum Gehirn untersucht.
- Motorisch evozierte Potentiale (MEP): Bei der Untersuchung der motorisch evozierten Potentiale (MEP) werden die sogenannte motorische Rinde des Gehirns sowie spezielle Bereiche des Rückenmarks durch ein nur kurz ausgelöstes Magnetfeld stimuliert, wodurch in den Muskeln von Armen oder Beinen Muskelkontraktionen ausgelöst und gemessen werden.
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