Spastik, auch Spastizität genannt, betrifft weltweit über zwölf Millionen Menschen (sunrisemedical, 2021). Sie ist gekennzeichnet durch eine erhöhte Muskelspannung, unwillkürliche Muskelkrämpfe und -kontraktionen sowie Gelenksteifheit, die als sehr unangenehm empfunden werden können. In manchen Fällen kann Spastik so stark sein, dass sie zu Stürzen führt. Die Ursachen für Spastik sind vielfältig und reichen von neurologischen Erkrankungen wie Zerebralparese und Multipler Sklerose (MS) bis hin zu Rückenmarksverletzungen und Schlaganfällen.
Was ist Spastik?
Spastik ist keine Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Sie entsteht durch eine Schädigung oder Störung in den Bereichen des Gehirns und/oder des Rückenmarks, die die Muskel- und Dehnungsreflexe steuern.
Definition und Ursachen
Als Spastik wird eine vorübergehende oder anhaltende überhöhte Muskelspannung (Kontraktion) bezeichnet, das heißt, der Muskel zieht sich zusammen. Diese Kontraktion kann nicht kontrolliert werden. Es kommt zu Verkrampfungen, die unterschiedlich stark und mit Schmerzen verbunden sein können.
Die Ursachen für eine Spastik sind vielfältig. Neben Schlaganfall können auch Verletzungen oder Tumore im Gehirn oder Rückenmark, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Cerebralparese oder andere akute oder chronische Entzündungen im Bereich des Zentralnervensystems eine Spastik auslösen.
Spastik vs. Schlaganfall
Die Spastik darf nicht mit einem Schlaganfall verwechselt werden. Während der Schlaganfall ein zeitlich begrenztes Ereignis ist, ist die Spastik nach einem Schlaganfall ein mögliches, langfristiges Symptom. Und während der Schlaganfall eine sofortige Notfallbehandlung erfordert, sollte die Therapie einer Spastik in der Regel bei den ersten Anzeichen begonnen und über einen längeren Zeitraum hinweg im Rahmen der Schlaganfall-Nachsorge durchgeführt werden.
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Formen der Spastik
Je nach Ausmaß der Spastik teilt der Arzt die Spastik in verschiedene Formen ein:
- Fokale Spastik: Die Spastik ist auf eine einzelne Körperregion, beispielsweise das Handgelenk, den Fuß oder die Zehen, begrenzt.
- Multifokale Spastik: Die Spastik betrifft zwei oder mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen, die nicht dicht beieinanderliegen, zum Beispiel Arm und Bein.
- Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
- Hemispastik: Von der Lähmung sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen.
- Tetraspastik: Von der Lähmung sind beide Beine und Arme betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.
Symptome der Spastik im Fuß
Die Symptome der Spastik können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Verschiedene Betroffene können daher ähnliche Symptome aufweisen, aber völlig andere Einschränkungen in ihrem Alltag erleben. Eine individuelle Betrachtung der Symptome einer spastischen Lähmung ist somit unerlässlich. Das zwanghafte Beugen und Verkrampfen von Zehen oder Fußgelenk ist charakteristisch für eine spastische Bewegungsstörung. Oft tritt in diesem Zusammenhang eine Steifheit auf, die die Beweglichkeit einschränkt. Die dauerhafte Muskelanspannung macht es beispielsweise schwierig, den Fuß auf den Boden zu setzen.
Typische Anzeichen
- Erhöhte Muskelspannung im Fuß
- Unwillkürliche Muskelkrämpfe und -kontraktionen
- Versteifung der Fußgelenke
- Schwierigkeiten beim Abrollen des Fußes
- Zehenkrallenbildung
- Schmerzen im Fuß und Bein
- Eingeschränkte Beweglichkeit
Dystonie im Fuß als Ursache
Die Dystonie im Fuß (Extremitätendystonie) ist eine Form der fokalen Dystonie, die sich durch unkontrollierte Muskelkontraktionen, Verkrampfungen und Fehlhaltungen des Fußes äußert. Diese unwillkürlichen Bewegungen können sowohl in Ruhe als auch bei Belastung auftreten und führen oft zu erheblichen Einschränkungen im Alltag. Betroffene haben häufig Schwierigkeiten beim Gehen oder Stehen, da die Muskeln nicht wie gewünscht entspannen oder kontrahieren. Dies kann nicht nur Schmerzen verursachen, sondern auch zu einer Fehlbelastung anderer Körperregionen führen. Die genaue Ursache dieser Bewegungsstörung ist nicht immer bekannt, jedoch wird eine fehlerhafte Signalübertragung im Gehirn als Hauptfaktor vermutet.
Symptome der Dystonie im Fuß
Die Symptome der Dystonie im Fuß können von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie entwickeln sich meist schleichend und werden mit der Zeit stärker. Typische Beschwerden sind plötzliche oder anhaltende Muskelverkrampfungen, Fehlstellungen der Zehen oder des gesamten Fußes sowie Schwierigkeiten bei der Bewegungsausführung. Einige Betroffene berichten zudem über Missempfindungen wie Taubheitsgefühle oder Kribbeln, die durch eine veränderte Nervenaktivität im betroffenen Bereich entstehen.
- Krampf in der Fußsohle: Viele Betroffene klagen über wiederkehrende oder anhaltende Krämpfe in der Fußsohle. Diese Muskelverkrampfungen treten häufig bei Belastung auf, können aber auch in Ruhephasen bestehen bleiben.
- Taubheitsgefühl im Fuß: Neben Verkrampfungen berichten einige Betroffene über ein Taubheitsgefühl im Fuß oder ein unangenehmes Kribbeln. Diese Empfindungsstörungen können durch die gestörte Muskelkontrolle und eine veränderte Nervenaktivität im betroffenen Bereich verstärkt werden.
Ursachen der Dystonie im Fuß
Die Ursachen der Dystonie im Fuß sind nicht vollständig geklärt, jedoch gibt es verschiedene Faktoren, die zur Entstehung beitragen können. Forschungen zeigen, dass neurologische Fehlsteuerungen, genetische Veranlagungen und äußere Einflüsse eine Rolle spielen.
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- Fehlsteuerung in den Basalganglien: Bei Dystonie-Patienten scheint es in diesen Hirnregionen zu einer Fehlsteuerung zu kommen, sodass die Muskeln unkontrolliert aktiviert oder gehemmt werden.
- Genetische Veranlagung: In einigen Fällen gibt es Hinweise auf eine familiäre Häufung von Dystonien, was darauf hindeutet, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen können.
- Überlastung und wiederholte Bewegungsmuster: Eine dauerhafte Fehlbelastung oder wiederholte Bewegungen können die Entstehung einer Dystonie im Fuß begünstigen.
Auswirkungen der Fußdystonie auf den Alltag
Die Dystonie im Fuß kann das tägliche Leben erheblich beeinflussen. Je nach Schweregrad der Symptome kann es zu erheblichen Einschränkungen kommen. Die Erkrankung kann nicht nur die Mobilität beeinträchtigen, sondern auch psychische Belastungen mit sich bringen, die das Wohlbefinden der Betroffenen negativ beeinflussen.
Diagnose der Spastik
Zur Diagnose einer Spastik untersucht der Arzt den Patienten zunächst körperlich. Zusätzlich wird er wahrscheinlich einige neurologische Tests durchführen und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) anwenden. Der Muskeltonus (Messung des Grades der Anspannung der Muskulatur z.B. Die SchmerzintensitätDie Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen. Ferner kann anhand von Bewertungsskalen das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden.
Ashworth-Skala
Die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987) ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.
Behandlungsmöglichkeiten der Spastik im Fuß
Spastik kann nicht geheilt werden, aber sie kann behandelt werden. Die Prävention ist sehr wichtig, um größere Störungen wie dauerhafte Kontrakturen oder Knochendeformationen zu vermeiden. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die darauf abzielen, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern.
Konservative Behandlungsmethoden
- Physiotherapie: Krankengymnastik (Bobath, Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation/PNF, Vojta)Repetitives, aufgabenspezifisches TrainingDehnen, Funktionstraining, MassageWärme-/Kälte-Therapie, Fango, Infrarot, med.
- Ergotherapie: Mit welchen alltäglichen Tätigkeiten kann ich meine Feinmotorik fördern?
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken (Krankengymnastik) können bei Inkontinenz gute Hilfestellung leisten.
- Hilfsmittel: Spezielle Schuheinlagen oder orthopädische Schuhe können helfen, die Belastung zu reduzieren und das Gehen zu erleichtern.
Medikamentöse Behandlung
- Orale Medikamente: Die Verabreichung von verschriebenen Medikamenten wie Baclofen, Benzodiazepinen, Dantrolen oder Tizanidin. Obwohl diese Therapie wirksam ist, hat sie verschiedene Nebenwirkungen, wie Schläfrigkeit, Übelkeit oder Müdigkeit.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Botulinumtoxin (Botox) kann in die betroffenen Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
- Intrathekale Baclofen-Therapie: Bei schweren Fällen von Spastik kann Baclofen direkt in den Rückenmarkskanal verabreicht werden.
Operative Behandlung
- Sehnenverlängerung: In manchen Fällen kann eine operative Verlängerung der Sehnen notwendig sein, um die Beweglichkeit zu verbessern.
- Selektive dorsale Rhizotomie: Bei dieser Operation werden bestimmte Nervenfasern im Rückenmark durchtrennt, um die Muskelspannung zu reduzieren.
Selbsthilfemaßnahmen
Zusätzlich zu den ärztlichen Behandlungen können Betroffene auch selbst aktiv werden, um ihre Spastik zu lindern.
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Vermeidung von Auslösern
Es ist wichtig, die individuellen Auslöser für Spastik zu identifizieren und zu vermeiden. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Temperaturextreme: Vor allem große Kälte aber auch Hitze können extreme Reize darstellen, die das Auftreten von Spastik begünstigen.
- Müdigkeit und Erschöpfung: In der oben genannten Studie wurde beobachtet, dass sich die Spastiksymptome bei bis zu 80 % der Patienten bei Müdigkeit verschlimmern.
- Stress und intensive Gefühlsregungen: Stress (siehe: Stress - Nur eine beiläufige Komponente bei Querschnittlähmung?) und intensive Gefühlsregungen (ob nun positiver oder negativer Natur) können Spastik ebenfalls verschlimmern.
- Infektionen: „Es wurde beobachtet, dass es bei Menschen mit Spastik zu einer Verschlimmerung der Symptome kommt, wenn eine Infektion vorliegt“, so Dr. Tirisham Gyang, Neurologin am Ohio State University Wexner Medical Center (Miller, 2021).
- Volle Blase oder Darm: Nicht nur eine Blasenentzündung, auch eine volle Blase oder sogar ein Dauerkatheter, können Spastik verstärken. Dies gilt auch für eine Volumenzunahme im Darm.
- Schlechte Körperhaltung: Eine dauerhaft schlechte Körperhaltung kann Spastik verstärken.
Entspannungstechniken
- Achtsamkeit: Es besteht die Möglichkeit, dass Menschen, die von Spastik betroffen sind, in einem wachen, ausgeruhten Zustand Einfluss auf den Muskeltonus nehmen können, indem sie sich auf die Entspannung des betreffenden Muskels oder der Muskelgruppen konzentrieren.
- Progressive Muskelentspannung: Diese Technik hilft, die Muskeln bewusst anzuspannen und wieder zu entspannen.
- Yoga und Tai Chi: Diese sanften Bewegungsformen können helfen, die Muskeln zu dehnen und zu entspannen.
Anpassung des Rollstuhls
Ein Rollstuhl kann eine Quelle für die Hemmung spastischer Reaktionen sein, da er gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Das Prinzip dahinter beruht darauf, dass sich ein Muskel bei Kontraktion in einen „Muskelbauch“ zusammenzieht, wie es etwa bei einem angespannten Bizeps sichtbar wird. Durch gezielte Streckung wird dieser Muskelbauch minimiert, was eine Kontraktion erschwert und spastische Reaktionen hemmt. Dieses Prinzip lässt sich gezielt in der Konfiguration eines Rollstuhls anwenden, insbesondere zur Hemmung von Streckspastiken in den Beinen. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel von etwa 88° bis 92° (anstatt der üblichen 100°) gewählt werden, manchmal ist hier auch eine zusätzliche Rahmenkröpfung sinnvoll. Auch zur Hemmung von Hüftstreckerspastiken kann die Rollstuhlanpassung beitragen. Ein reduzierter Sitzwinkel (z. B. eine Sitzneigung von 5-10°) kombiniert mit einem nach vorne geneigten Rückenwinkel (einstellbar auf unter 90°) kann die Spastik wirksam hemmen. Darüber hinaus können spezielle Positionierungskissen zur Regulierung des Muskeltonus beitragen, indem sie eine anatomisch unterstützende Sitzhaltung fördern.
Hereditäre spastische Spinalparalyse (HSP)
Die hereditäre (erbliche) spastische Spinalparalyse (HSP) oder auch „vererbte Querschnittslähmung“ ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der sich Nervenzellen im Rückenmark fortschreitend abbauen. Es können weitere Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sein und zu individuell unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Ausprägungen der Erkrankung führen.
Formen der HSP
Bei der vererbten Querschnittslähmung unterscheidet man zwischen der reinen und der komplizierten Form. Bei der reinen Form bilden sich Nerven im Rückenmark zurück, was zu einer erhöhten Muskelspannung (Muskeltonus) führt. Aufgrund der unkontrollierbaren Verkrampfungen (Spastiken) versteift die Beinmuskulatur zunehmend und die Kraft beider Beine nimmt ab bis hin zur Lähmung. Häufig treten zusätzlich Blasenstörungen auf. Die Erkrankung entwickelt sich langsam, die ersten Symptome treten meist während der Schul- oder Ausbildungszeit auf. Bei den sehr seltenen komplizierten Formen sind neben den Rückenmarksnerven auch andere Regionen des Nervensystems betroffen.
Diagnose der HSP
Neben einem ausführlichen Gespräch über Ihre Krankengeschichte und Ihre Symptome sowie familiäre Vorbelastungen (Anamnese) gibt uns vor allem die molekulargenetische Untersuchung Hinweise darauf, ob bei Ihnen eine hereditäre spastische Spinalparalyse / Paraplegie vorliegt. Da die Ursache für die Erkrankung in verschiedenen Genen liegen kann und vererbbar ist, kann eine genetische Testung für Sie und betroffene Familienangehörige sinnvoll und hilfreich sein, um die Erkrankung einzuordnen und geeignete Therapien abzuleiten.
Behandlung der HSP
Es gibt verschiedene Ansätze, wie man Menschen mit HSP therapeutisch unterstützen kann. Inwieweit sich diese Behandlungsansätze tatsächlich als hilfreich erweisen, muss individuell getestet werden, da sich die HSP bei jedem Betroffenen anders auswirkt.
Weitere Aspekte
Spastik und Blasenprobleme
Etwa 60 bis 80 % der Personen mit einer Spastik sind zusätzlich von Blasenproblemen betroffen. Die Störung der Blasenfunktion bei HSP-Patienten beruht darauf, dass die regulierenden Nervenbahnen ihre Aufgabe mit fortschreitender Erkrankung nicht mehr wahrnehmen können. Je stärker die Spastik ausgeprägt ist, desto häufiger treten Störungen der Blasenentleerung auf, wobei die Dranginkontinenz wiederum die Spastik steigert.
Spastik und Schmerzen
Um das Gute gleich vorneweg zu nehmen: Es gibt viele HSP-Betroffene, die keine Schmerzen haben! Falls jedoch Schmerzen vorliegen, so bezeichnet man diese als chronisch, sofern sie länger als sechs Monate andauern.
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