Rasmussen-Enzephalitis: Prognose, Diagnose und Therapieoptionen

Die Rasmussen-Enzephalitis (RE), erstmalig 1958 beschrieben, ist eine seltene, chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, die vorwiegend Kinder betrifft. Sie ist durch eine fortschreitende Atrophie einer Gehirnhälfte, schwer behandelbare epileptische Anfälle und neurologische Defizite gekennzeichnet. Die Erkrankung führt unbehandelt zu erheblichen Beeinträchtigungen, weshalb eine frühzeitige Diagnose und adäquate Therapie von entscheidender Bedeutung sind.

Was ist Enzephalitis?

Enzephalitis ist eine Entzündung des Gehirns. In den meisten Fällen werden sie durch Viren verursacht. Die Entzündung kann auf das Gehirn beschränkt bleiben oder sich auf Meningen und Rückenmark ausdehnen. Je nach betroffener Region werden Polioenzephalitis, Leukenzephalitis und Panenzephalitis unterschieden. Eine kombinierte Entzündung von Gehirn und Meningen wird als Meningoenzephalitis bezeichnet. Sind Gehirn und Rückenmark betroffen, spricht man von einer Enzephalomyelitis.

Die häufigsten auslösenden Krankheitserreger sind Viren, insbesondere Herpesviren (HSV), Varicella-Zoster-Viren (VZV) oder Zytomegalieviren (ZV). Eine Enzephalitis kann aber auch bakteriell, mykotisch oder parasitär verursacht werden oder im Rahmen von Autoimmunerkrankungen entstehen. Infektiöse Enzephalitiden und immunvermittelte Gehirnentzündungen weisen ähnliche klinische Anzeichen auf. Leitsymptome sind allgemeines Krankheitsgefühl mit Schwäche und Abgeschlagenheit, Fieber, Kopfschmerzen und Bewusstseinseinschränkungen. Häufig kommt es zu Krampfanfällen und diversen neurologischen Defiziten. Eine Enzephalitis sollte grundsätzlich stationär behandelt und intensivmedizinisch betreut werden. Je nach Erreger werden beispielsweise Virustatika, Antibiotika oder Antihelminthika gegeben.

Die epidemiologischen Angaben bei Enzephalitis variieren sehr. In Studien reicht die Spanne von 0,7 bis 13,8 Fälle pro 100.000 Personen pro Jahr. Nach Literaturrecherche in der Medline-Datenbank liegt die jährliche Inzidenz einer infektiösen Enzephalitis weltweit bei 1,5 bis 7 Fälle pro 100.000 Einwohner (ausgenommen Epidemien). Die Inzidenz der HSV-Enzephalitis beträgt in Westeuropa jährlich 5 pro 100.000 Einwohner. Ein Drittel aller Patienten sind unter 20 Jahre. Für die Hälfte aller Enzephalitis-Todesfälle ist das HSV I verantwortlich.

Epidemiologie und Ursachen der Rasmussen-Enzephalitis

Die Rasmussen-Enzephalitis ist eine seltene Erkrankung, von der weniger als 50 neue Fälle jährlich in Deutschland festgestellt werden. Sie betrifft vor allem Kinder unter zehn Jahren, kann aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen auftreten. Die genaue Ursache der RE ist noch nicht vollständig geklärt, jedoch deuten Forschungsergebnisse auf einen autoimmunologischen Prozess hin. Es wird angenommen, dass das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen im Gehirn angreift.

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Forscher der Universität Münster identifizierten 2009 bestimmte Immunzellen, die sogenannten zytotoxischen CD8-T-Zellen, als Hauptverursacher der Schäden im Gehirn. Diese Zellen vermehren sich stark und zerstören bestimmte Zellen. Über die Blut-Hirn-Schranke gelangen sie auch ins Gehirn, wo es schließlich zu irreversiblen Schäden kommt.

Klinische Manifestation und Symptome

Die Rasmussen-Enzephalitis manifestiert sich durch eine Reihe neurologischer Symptome, die sich im Laufe der Zeit verschlimmern. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Epileptische Anfälle: Oftmals in Form einer Epilepsia partialis continua, bei der es zu wiederholten, fokalen Anfällen kommt, die sich über Stunden, Tage oder sogar Wochen hinziehen können. Diese Anfälle sind in der Regel schwer medikamentös zu kontrollieren.
  • Hemiparese: Eine fortschreitende Schwäche oder Lähmung einer Körperhälfte, die durch die Schädigung der betroffenen Hirnhemisphäre verursacht wird.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis, der Aufmerksamkeit, der Sprache und anderen kognitiven Funktionen. Bei Befall der sprachdominanten Hemisphäre kann es zu einer Aphasie kommen.
  • Hemianopsie: Ein Gesichtsfeldausfall auf einer Seite, der durch die Schädigung der Sehbahn in der betroffenen Hirnhemisphäre verursacht wird.

Die Symptome entwickeln sich typischerweise über Monate oder Jahre, wobei die Atrophie der betroffenen Hemisphäre parallel zur Verschlechterung der neurologischen Funktionen fortschreitet.

Diagnostik

Die Diagnose der Rasmussen-Enzephalitis basiert auf einer Kombination aus klinischen Befunden, bildgebenden Verfahren und Laboruntersuchungen.

  • Klinische Untersuchung: Eine sorgfältige neurologische Untersuchung ist entscheidend, um die Art und den Schweregrad der neurologischen Defizite zu beurteilen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Das MRT des Gehirns zeigt typischerweise eine Atrophie einer Hirnhemisphäre, die mit Entzündungszeichen einhergehen kann.
  • Elektroenzephalographie (EEG): Das EEG kann epileptiforme Aktivität in der betroffenen Hirnhemisphäre zeigen.
  • Liquoruntersuchung: Die Analyse des Liquors (Hirnwasser) kann Entzündungszeichen und in einigen Fällen spezifische Autoantikörper aufdecken.
  • Biopsie: In einigen Fällen kann eine Hirnbiopsie erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen und andere Ursachen der Enzephalitis auszuschließen.

Prognose und Therapie

Die Prognose der Rasmussen-Enzephalitis ist ohne Behandlung ungünstig. Die fortschreitende Atrophie der Hirnhemisphäre führt zu schweren neurologischen Defiziten und einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität.

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Therapieoptionen

Die Therapie der Rasmussen-Enzephalitis zielt darauf ab, die epileptischen Anfälle zu kontrollieren, die Entzündung zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Zu den wichtigsten Therapieoptionen gehören:

  • Antiepileptika: Medikamente zur Kontrolle der epileptischen Anfälle. Allerdings sind die Anfälle bei der Rasmussen-Enzephalitis oft schwer medikamentös zu behandeln.
  • Immuntherapie: Immunsuppressive Medikamente wie Kortikosteroide, Immunglobuline oder Tacrolimus können eingesetzt werden, um die Entzündung im Gehirn zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Eine frühe Immuntherapie kann den Hemisphärenabbau signifikant vermindern und den neurologischen Behandlungserfolg verbessern.
  • Hemisphärektomie: In schweren Fällen, in denen die Anfälle nicht kontrolliert werden können und die neurologischen Defizite fortschreiten, kann eine Hemisphärektomie (operative Entfernung der betroffenen Hirnhemisphäre) in Erwägung gezogen werden. Dieser Eingriff kann zu Anfallsfreiheit führen, hat aber auch erhebliche neurologische Folgen.
  • Funktionelle Hemisphärotomie: Eine weniger invasive Alternative zur Hemisphärektomie, bei der die Verbindung der betroffenen Hirnhemisphäre unterbrochen wird, ohne sie vollständig zu entfernen. Dies kann die Anfälle reduzieren und gleichzeitig die neurologischen Defizite minimieren.

Die Wahl der Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter dem Alter des Patienten, dem Schweregrad der Erkrankung und dem Ansprechen auf die Behandlung.

Aktuelle Forschung

Die Forschung zur Rasmussen-Enzephalitis konzentriert sich auf das Verständnis der Pathogenese der Erkrankung und die Entwicklung neuer Therapieansätze. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die gezielt die zytotoxischen CD8-T-Zellen angreifen, die für die Schädigung des Gehirns verantwortlich sind.

Forscher der Uni Münster haben die biochemische und genetische Zusammensetzung der zytotoxischen CD8-T-Zellen entschlüsselt, die vermutlich die Rasmussen-Enzephalitis (RE) auslösen. "Überraschenderweise haben wir diese krankhaft vermehrten Zellen auch im Blut festgestellt, obwohl der Krankheitsprozess selbst ja ausschließlich im Gehirn abläuft", erläutert Arbeitsgruppenleiter Privatdozent Dr.

Das optimale Medikament würde dafür sorgen, dass sich die CD8-T-Zellen gar nicht erst ausbreiten oder nur geschwächt ins Hirngewebe eindringen können. Das können auch die neueren Immuntherapeutika bislang nicht leisten: "Wir haben einzelne Patienten untersucht, die mit unterschiedlichen Medikamenten behandelt wurden: Keines der Präparate veränderte die CD8-Zellen oder machte sie unschädlich. Die Zahl der Zellen in der Peripherie zu beschränken, könnte eine Möglichkeit sein, die Krankheit einzudämmen. Zur Entwicklung eines wirksamen Medikaments ist es also noch ein langer Weg. "Mit Hilfe des genetischen Codes der schädlichen CD8-Zellen können wir vielleicht herausfinden, gegen welche speziellen Proteine im Gehirn sich die Krankheit richtet", wird Professor Heinz Wiendl aus Münster zitiert. Das sei der nächste wichtige Schritt im Verständnis der Krankheit, auf dem dann eine Therapie aufbauen könne.

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Fallbeispiel: Brianna und die funktionelle Hemisphärotomie

Ein bemerkenswertes Beispiel für den Erfolg der funktionellen Hemisphärotomie ist der Fall der sechsjährigen Brianna aus den USA. Bei ihr wurde die Rasmussen-Enzephalitis diagnostiziert, nachdem sie plötzlich Schwierigkeiten beim Gehen hatte und nächtliche Anfälle erlitt. In einer zehnstündigen Operation schalteten die Ärzte um Neurochirurg Aaron Robinson von der Loma Linda University Health in Kalifornien die betroffene Gehirnhälfte ab. Dafür nutzten sie die natürliche Öffnung des Gehirns an der Großhirnfurche (Sulcus lateralis).

„Allein die Unterbrechung der Verbindung reicht aus, um die Krankheit vollständig zu stoppen und sie im Wesentlichen zu heilen“, sagte Robinson dem Sender. Die linke Gehirnhälfte funktioniere und übernehme nun die Aufgaben der rechten. Brianna habe die OP gut überstanden, lediglich das periphere Sehen ist nun nur noch mit dem rechten Auge möglich. Dennoch betont der Arzt: „Brianna bleibt dieselbe Person, auch wenn eine Hälfte ihres Gehirns abgeschaltet wurde.“

Abgrenzung zu anderen Enzephalitiden

Es ist wichtig, die Rasmussen-Enzephalitis von anderen Formen der Enzephalitis zu unterscheiden, da die Ursachen, die Behandlung und die Prognose unterschiedlich sein können. Einige wichtige Differenzialdiagnosen sind:

  • Herpes-simplex-Enzephalitis (HSE): Eine akute, oft schwerwiegende Enzephalitis, die durch das Herpes-simplex-Virus verursacht wird. Die HSE betrifft typischerweise den Temporallappen und führt zu neurologischen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen und Krampfanfällen.
  • Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME): Eine durch Zecken übertragene virale Enzephalitis, die in bestimmten Regionen Europas vorkommt. Die FSME kann zu grippeähnlichen Symptomen, Meningitis und Enzephalitis führen.
  • Autoimmun-Enzephalitiden: Eine Gruppe von Enzephalitiden, die durch Autoantikörper verursacht werden, die gegen bestimmte Proteine im Gehirn gerichtet sind. Zu den bekannten Autoimmun-Enzephalitiden gehören die limbische Enzephalitis und die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

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