Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Die Erkrankung kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Müdigkeit, Koordinationsstörungen, Sehstörungen und Muskelschwäche.
COVID-19 und MS: Herausforderungen und Impfungen
Die COVID-19-Pandemie hat Menschen mit MS vor besondere Herausforderungen gestellt. Infektionen bergen generell ein Risiko für MS-Patienten, da sie nicht nur einen Pseudoschub auslösen können, sondern auch mit Krankheitsprogression und reduzierter Lebenserwartung assoziiert sind. Dieses infektionsassoziierte Risiko kann sich durch entsprechende Begleiterkrankungen und krankheitsmodifizierende Therapien (DMTs) nochmals weiter erhöhen.
Daher ist es wichtig, dass MS-Patienten sich vor COVID-19 schützen. Eine Impfung ist derzeit der beste Weg, um das Risiko einer Infektion mit COVID-19 zu minimieren. Es gibt jedoch Bedenken, dass eine COVID-19-Impfung MS-Schübe verursachen könnte.
Aktuelle Studienlage: Kein erhöhtes Schubrisiko durch COVID-19-Impfung
Eine neue Studie im Fachmagazin „Neurology“ zeigt, dass diese Sorge unbegründet ist. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine Impfung gegen COVID-19 nicht zu einem erhöhten Risiko für MS-Schübe führt. Dies galt sowohl für Erst- als auch für Folgeimpfungen. Auch bei einem Vergleich von MS-Patienten mit und ohne Schübe war kein Zusammenhang mit der Impfung zu erkennen. Im Gegenteil: Nach COVID-Impfungen kam es sogar etwas seltener zu Schüben.
An der Studie hatten 124.545 Menschen mit MS in Frankreich teilgenommen. Ihre MS-Diagnose lag durchschnittlich 14 Jahre zurück.
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Ausnahme: Hohe MS-Aktivität in den letzten zwei Jahren
Eine Ausnahme bilden Patienten mit hoher MS-Aktivität. Bei Menschen mit hoher MS-Aktivität, die in den letzten zwei Jahren mindestens zwei Rückfälle hatten, war das Risiko für einen Schub nach einer dritten Impfung geringfügig erhöht. Daher rät Dr. Xavier Moisset von der Universität Clermont Auvergne in Clermont-Ferrand: „Vorsicht ist bei Patienten mit der höchsten Entzündungsaktivität geboten. Sie sollten vor einer Auffrischungsimpfung eine krankheitsmodifizierende Behandlung erhalten.“
AstraZeneca-Impfstoff und Myelitis: Einzelfälle und Nutzen-Risiko-Abwägung
Im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff gab es Berichte über seltene Fälle von akuter transverser Myelitis (ATM), einer akuten Entzündung des Rückenmarks. Eine Übersichtsarbeit zeigte, dass die meisten Fälle von ATM mit dieser Komplikation durch eine Infektion mit SARS CoV2 ausgelöst wurden. Lediglich 3 Fälle einer ATM wurden im Zusammenhang mit einer COVID19 Impfung beschrieben, und zwar ausschließlich mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca, der für die Impfkampagne in Deutschland derzeit von untergeordneter Bedeutung ist.
Es kann zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, dass es sich bei den drei Fällen um eine immunologische Kreuzreaktion handelt, aber diese wenigen Fälle haben derzeit keine Auswirkung auf die grundsätzliche Nutzen-Risiko-Bewertung der COVID19 Impfung. Das belegt auch der aktuelle Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI), der die bisher in Deutschland im Zusammenhang mit der Impfung aufgetretenen Myelitisfälle systematisch auflistet.
Zerebrale Venenthrombose (CVT) nach AstraZeneca-Impfung
Bis zum 04.04.2021 wurden insgesamt 169 Fälle von zerebraler Venenthrombose (CVT) und 53 Fälle von splanchnischer Venenthrombose an EudraVigilance nach AstraZeneca (®Vaxzevria) gemeldet, bei über 34 Mio. geimpften Menschen in der EU und Großbritannien. Diese Daten ändern nichts an den Empfehlungen des Sicherheitsausschusses (PRAC) der EMA für den Impfstoff AstraZeneca (®Vaxzevria), dass der Nutzen dem Risiko klar überwiegt.
So hat beispielsweise die STIKO in Deutschland die Empfehlung herausgegeben, dass Menschen unter 60 Jahren nicht mehr mit diesem Impfstoff geimpft werden sollen und Personen mit einer bereits erhaltenen Impfung als 2. Impfung einen mRNA-Impfstoff im Sinne eines heterologen Impfschemas erhalten sollen.
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Impfempfehlungen für MS-Patienten
Insgesamt sind alle bis dato in der EU zugelassenen SARS-CoV-2-Impfstoffe für MS-Patienten zu empfehlen. Angesichts der 3 Myelitisfälle in den AstraZeneca-Impfstoffstudien sowie der CVT-Fälle als auch der tendenziell höheren Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe, ist hier eine gewisse Überlegenheit der mRNA-Impfstoffe gegeben. Dies entspricht auch den jeweiligen regionalen Empfehlungen.
Da es sich bei diesen 4 Impfstoffen um keine Lebendimpfstoffe handelt, besteht keine Gefahr einer Erkrankung, durch die Impfung. Gegebenenfalls kann es bei Patienten unter Immuntherapie zu einer reduzierten Immunantwort kommen. Insbesondere im Falle einer zyklischen Immuntherapie (Ocrelizumab, Rituximab, Alemtuzumab, Cladribin), kann ein entsprechender Aufschub der nächsten Gabe sinnvoll sein, um möglichst eine protektive Immunantwort generieren zu können.
Impfung trotz Immuntherapie
Ebenso wenig stellt die Anwendung einer MS-Immuntherapie - gleich welcher Art - eine Kontraindikation gegen die COVID19 Impfung dar. Die in Deutschland verwendeten Impfstoffen, bei denen es sich nicht um Lebendimpfstoffe handelt, können somit auch gefahrlos bei immunsupprimierten Patienten angewendet werden - und sollten dies auch aufgrund der oben genannten Vorteile. Es besteht unter Behandlung allenfalls das Problem, dass die Impfantwort ggf. beeinträchtigt ist, weshalb Boosterimpfungen erwogen werden können.
Fazit
Die aktuelle Studienlage zeigt, dass eine Impfung gegen COVID-19 für MS-Patienten sicher ist und nicht zu einem erhöhten Risiko für MS-Schübe führt. In seltenen Fällen kann es im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff zu Komplikationen wie Myelitis oder zerebraler Venenthrombose kommen. Insgesamt überwiegt jedoch der Nutzen der Impfung deutlich die Risiken.
MS-Patienten sollten sich daher impfen lassen, um sich vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Die Entscheidung für einen bestimmten Impfstoff sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden.
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Weitere Aspekte
- Wirksamkeit der Impfstoffe bei MS-Patienten unter Immuntherapie: Es gibt Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe bei MS-Patienten unter Immuntherapie geringer sein kann. In einer Kohortenstudie in den Annals of Neurology (2021; DOI: 10.1002/ana.26251) wurde mit den meisten Wirkstoffen eine Serokonversion erreicht. Die Ausnahmen bildeten CD20-Antikörper und Fingolimod, für die jedoch manchmal eine T-Zellantwort nachgewiesen werden konnte.
- Individuelle Risikobewertung: Es mag dennoch (seltene) individuelle Konstellationen geben, in denen bei MS Patienten eine Impfung ausgesetzt bzw. verzögert werden muss. Diese Entscheidung sollte allerdings in Absprache mit einem erfahrenen MS-Behandler auf der Basis der individuellen Krankengeschichte getroffen werden.
- Überwachung von Impfreaktionen: Seit Beginn der Impfkampagne sammeln Überwachungsbehörden auf der ganzen Welt Meldungen über Impfreaktionen und -schäden. Je länger die Kampagne dauert - inzwischen sind allein in Deutschland mehr als 180 Millionen Dosen verimpft - desto besser zeigt sich, wie selten schwere Folgen sind.
- Forschung zu Impfreaktionen: Forschende versuchen zu ergründen, warum es bei manchen Menschen zu solchen Impfreaktionen kommt. Ein deutsches Medizinerteam hat beispielsweise gezeigt, welcher Antikörper hinter den seltenen Fällen stecken dürfte, wenn Menschen nach einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff eine Herzmuskelentzündung - eine Myokarditis - entwickeln.
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