Hochsensibilität ist ein faszinierendes und oft missverstandenes Phänomen, das etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung betrifft. Menschen mit Hochsensibilität nehmen Reize intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer als andere. Dies kann sowohl eine Herausforderung als auch eine Bereicherung sein. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Hochsensibilität, insbesondere im Zusammenhang mit der Aktivität der rechten Gehirnhälfte, und bietet Einblicke in die Stärken und Herausforderungen, die damit verbunden sind.
Was bedeutet Hochsensibilität?
Hochsensibilität, in der Forschung als "sensory processing sensitivity" bezeichnet, ist mehr als nur ein bisschen empfindlicher zu sein als andere. Es bedeutet, dass das gesamte Nervensystem auf einem anderen Level arbeitet. Reize kommen schneller an, werden intensiver verarbeitet, und der innere Alarmknopf springt leichter an.
Elaine Aron, eine kalifornische Psychologin, hat den Begriff der Hochsensibilität maßgeblich geprägt. Sie distanzierte sich von der Annahme, dass es einen "Filter" gibt, der bei einer hochsensiblen Person (HSP) nicht in der Lage sei, Irrelevantes zu filtern. Stattdessen argumentiert sie, dass der Filter einer HSP einfach nicht oder nicht so viel filtert. Es gelangen mehr Reize bzw. Differenzierungsmerkmale hindurch.
Der "Filter" im Nervensystem
Jeder Mensch genießt es, wenn seine Nerven nicht unter- aber auch nicht überfordert werden, wenn wir ein ausgewogenes Maß an Stimulation des Nervensystems genießen. Ist das Nervensystem aber überreizt, weil zu viele Reize darauf einwirken, so hat dies Folgen für das Wohlbefinden; wir fühlen uns müde, genervt, überfordert, werden manchmal auch tollpatschig und hibbelig. Die optimale Reizschwelle einer HSP ist viel schneller überschritten als bei Anderen. Diese abweichende Erregbarkeit wird größtenteils vererbt.
Es ist wichtig zu verstehen, dass HSPs nicht unbedingt mehr riechen, schmecken oder hören. Die Forschung zeigt, dass sie Wahrgenommenes anders verarbeiten. Ihr Nervensystem muss sich mit deutlich mehr Differenzierungsmerkmalen und Feinheiten auseinandersetzen, was schnell zu starker Erregung führt. Dies kann durch Gerüche, Geräusche, aber auch durch Gefühle wie Angst, Freude oder Neugierde geschehen. Vieles findet auch unterbewusst statt, sodass man gar nicht merkt, warum man nun Erregungssymptome wie Herzrasen, Zittern, Schwitzen oder Erröten hat. Wichtig ist, zu begreifen, dass Erregung nicht immer automatisch Angst bedeutet.
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Die Rolle der rechten Gehirnhälfte
Das Nervensystem hochsensibler Menschen unterliegt größtenteils der Steuerung durch die rechte Gehirnhälfte. Die rechte Gehirnhälfte ist unter anderem für Intuition, Kreativität, Spiritualität und bildhaftes Denken zuständig.
Hochsensibilität und Ängste
Die Forschung zeigt, dass hochsensible Menschen ein erhöhtes Risiko haben, bestimmte Arten von Ängsten zu entwickeln. Dies liegt daran, dass ihr Nervensystem wie ein Verstärker wirkt, der permanent auf elf gedreht ist. Ihr Gehirn registriert jedes Piepen an der Kasse, jede Stimme im Gang, jeden Lichtreflex auf den Kühlregalen - und verarbeitet das alles gleichzeitig auf Hochtouren.
Die Psychologin Elaine Aron hat das Konzept in den Neunzigerjahren geprägt und wissenschaftlich untersucht. Seitdem wissen wir: Hochsensible Menschen haben tatsächlich eine andere Hirnaktivität. Bestimmte Bereiche - wie die Insula und der präfrontale Cortex, die für Empathie, Bewusstheit und tiefe Verarbeitung zuständig sind - zeigen bei ihnen stärkere Aktivierung.
Soziale Ängste
Von allen Ängsten, die bei hochsensiblen Menschen auftreten können, sind soziale Ängste am besten erforscht. Höhere sensory processing sensitivity geht mit stärkerer sozialer Ängstlichkeit einher. Während die meisten Menschen bei einem Gespräch hauptsächlich den Inhalt verarbeiten, registriert das hochsensible Gehirn gleichzeitig den Gesichtsausdruck, jede minimale Veränderung in der Mimik, die Tonlage, die Körpersprache, die Pause zwischen zwei Sätzen, die subtile Anspannung oder Entspannung im Raum.
Menschenmassen-Panik
Ein weiteres Phänomen, das viele hochsensible Menschen kennen, sind intensive Angstreaktionen in Menschenmengen, vollen öffentlichen Verkehrsmitteln oder überfüllten Einkaufszentren. In einer vollen U-Bahn prasseln gleichzeitig unzählige Reize auf dich ein: Lärm von allen Seiten, Menschen, die sich bewegen, verschiedenste Gerüche, visuelle Überreizung durch Werbung und grelle Lichter, physische Enge, die Hitze, das Gefühl, nicht schnell wegzukommen. Für ein hochsensibles Nervensystem ist das wie eine Tsunami-Welle aus Informationen.
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Geräuschempfindlichkeit
Geräuschempfindlichkeit ist eines der häufigsten Merkmale von Hochsensibilität. Hochsensible Menschen berichten oft, dass Geräusche wie kauende Menschen, tropfende Wasserhähne, Baustellenlärm, Kindergeschrei oder sogar das Tippen von Kollegen auf der Tastatur für sie nahezu unerträglich sind. Studien bestätigen: Menschen mit hoher sensorischer Sensitivität reagieren deutlich stärker auf auditive Reize. Der Grund liegt in der Art, wie ihr Gehirn Hintergrundgeräusche verarbeitet. Während die meisten Menschen in der Lage sind, unwichtige Sounds auszublenden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, funktioniert dieser kognitive Filter bei hochsensiblen Menschen weniger effizient.
Persönliche Erfahrungen und Herausforderungen
Viele HSP haben Schwierigkeiten, ihre Hochsensibilität im Alltag zu akzeptieren und zu vertreten. Sie fühlen sich oft unverstanden und als "Sensibelchen" abgestempelt. Der Druck, sich an eine Welt anzupassen, die nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, kann zu einem Gefühl des Versagens führen.
Schmerzempfindlichkeit
Einige HSP reagieren sehr sensibel auf Schmerzreize. Schon als Kind konnten sie es beispielsweise nicht ausstehen, wenn man ihnen die Haare kämmte. Sie reagieren auch sensibel auf Berührung, wenn sie beispielsweise jemand spielerisch am Arm packt. Das kann bereits Schmerzen hervorrufen. Sie reagieren außerdem empfindlich auf Druckstellen.
Menschengruppen
Wenn sich HSP in Menschengruppen befinden, werden sie von einer Welle von Reizen überrollt. Sie riechen die Parfüms, sehen die Mimik und Gestik, hören das Gesprochene, spüren Emotionen, und ihr Filter lässt so viele Feinheiten durch, dass sie irre viel verarbeiten. Je größer die Gruppe, desto größer die Überreizung. Und diese Reize müssen auch nach der Situation noch verarbeitet werden, was oft den Schlaf raubt.
Das Gedankenkarussell
HSPs denken über Vieles sehr viel ausführlicher nach, analysieren es und versuchen, es zu begreifen. Insbesondere unangenehme Situationen lassen sie nicht los. Andere sagen dann häufig: "Ist doch jetzt vorbei, also egal. Kannst du doch eh nicht mehr ändern, was soll’s." Aber es setzt sich immer wieder in Bewegung, das Gedankenkarussell.
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Bedürfnis nach Rückzug
Viele HSP haben schon immer gerne viel Zeit für sich gehabt und sich viel zurückgezogen. Sie brauchen ihren Mittagsschlaf und sind gerne abends auf der Couch. Wenn sie doch etwas Aufregendes unternehmen, planen sie bereits immer einen Tag "Pause" dazwischen ein, an dem nichts außer der Reihe anliegt.
Einkaufen als Tortur
Einkaufen kann für HSP eine richtige Tortur sein. Da prasseln so viele Reize auf sie ein, dass sie sogar schnell grantig und ungeduldig werden. Häufig macht sich die Hochsensibilität bei ihnen bemerkbar, indem sie müde, antriebslos und ruhig werden. Wenn jedoch zu viel in zu kurzer Zeit auf sie einwirkt, dann werden sie übellaunig.
Harmoniebedürfnis
Viele HSP sind absolut harmoniebedürftige Menschen. Sie mögen es, wenn alle gut drauf sind, alle ausgeschlafen sind, keiner Hunger hat, keiner keinem was Böses möchte usw. Sie legen viel Wert darauf und werden stark von der Stimmung anderer beeinflusst. Ist jemand krank oder schlecht gelaunt, sinkt ihre Laune und ihre Motivation sofort.
Dieses Bedürfnis nach Harmonie hat allerdings auch zur Folge, dass sie Konflikten gerne ausweichen. Sie sind nicht der Mensch, der andere mit ihren Untaten oder Fehltaten konfrontiert, sie sind nicht rebellisch. Sie mögen das Gefühl nicht, dass ihnen jemand vielleicht böse sein könnte, selbst, wenn sie wissen, dass es moralisch angebracht wäre, sich aufzubäumen oder auf etwas hinzuweisen.
Reizüberflutung im Alltag
Durch die stark differenzierten Reize und die dadurch fixe Überreizung treiben HSP häufig auch schon augenscheinlich kleinste Dinge im Alltag (zumindest innerlich) zur Weißglut. Klapperndes Geschirr, mehrere Geräuschquellen gleichzeitig, schnelles Sprechen, ständiges Pfeifen von Liedern, lautes Kauen oder lautes Gehen, verbrauchte Luft, in ihren Ohren nervige Lieder, zu laut eingestellte Fernseher, Schaben mit Geschirr über Teller oder Brettchen, ständiges Hochziehen und Vieles mehr zählt dazu, was Andere vermutlich gar nicht bewusst wahrnehmen.
Die positiven Seiten der Hochsensibilität
Trotz der vielen Herausforderungen hat die Hochsensibilität auch viele positive Seiten. HSP sind oft sehr kreativ, gewissenhaft und empathisch. Sie können sich unfassbar gut konzentrieren (ohne Ablenkung), lernen schnell und erkennen mögliche "Katastrophen" aufgrund der vielen Feinheiten, die ihr Filter durchlässt, im Voraus und wissen, wie sie sie umgehen können.
Talente und Fähigkeiten
Aufgrund ihrer Feinfühligkeit können HSP emotionale Schwingungen gut wahrnehmen, Mitarbeiter entsprechend auffangen und motivieren. Häufig sind sie Frühaufsteher und schnell bereit, Leistung zu erbringen. Außerdem unterliegt ihr Nervensystem größtenteils der Steuerung durch die rechte Gehirnhälfte, weshalb sie sehr kreativ sind.
Stärken im Beruf
HSPs sind eigentlich sehr gute MitarbeiterInnen, gerade weil sie sehr gewissenhaft sind und ihre Aufgaben auch dementsprechend erledigen. Sie können sich unfassbar gut konzentrieren (ohne Ablenkung), lernen schnell, manchmal ohne den Lernprozess wahrgenommen oder begriffen zu haben, erkennen mögliche "Katastrophen" aufgrund der vielen Feinheiten, die ihr Filter durchlässt, im Voraus und wissen, wie sie sie umgehen können. Aufgrund ihrer Feinfühligkeit können sie emotionale Schwingungen gut wahrnehmen, Mitarbeiter entsprechend auffangen und motivieren. Häufig sind sie Frühaufsteher und schnell bereit, Leistung zu erbringen.
Strategien für den Umgang mit Hochsensibilität
Es gibt verschiedene Strategien, die hochsensible Menschen nutzen können, um besser mit ihrer Empfindsamkeit umzugehen.
Reizmanagement
Reizmanagement ist eine Kernkompetenz. Das bedeutet: bewusst Pausen einplanen, Reizüberflutung wo möglich reduzieren oder vermeiden, dem Nervensystem ausreichend Zeit zur Regeneration geben. Viele Hochsensible profitieren von Routinen, die helfen, das Erregungsniveau zu regulieren - regelmäßige Zeit in der Natur, Meditation, achtsame Bewegung wie Yoga oder kreative Tätigkeiten.
Achtsamkeit
Techniken aus der Achtsamkeit können beispielsweise helfen, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen, wertfrei zu akzeptieren und sie abklingen zu lassen. Denn sicher ist: Auch das intensivste Gefühl ebbt irgendwann ab.
Stressbewältigung
Um einer Überreizung im Alltag entgegenzuwirken, ist es zudem hilfreich, einen guten Umgang mit Stress zu finden. Auch dadurch fühlt sich das Gehirn nicht so schnell von Reizen überflutet.
Smalltalk meistern
Smalltalk ist die Starthilfe für die Kontaktaufnahme. Er ist vergleichbar mit dem ersten Beschnuppern bei Tieren. Wie freundlich ist jemand, gibt es Gemeinsamkeiten, wie ist der generelle erste Eindruck, fühle ich mich mit dieser Person sicher? Er kann dazu dienen, sich die Zeit zu vertreiben (z. B. im Bus) oder, wenn die Gesprächsatmosphäre stimmt, die Grundlage einer tieferen Unterhaltung sein.
HSPs können Smalltalk besser meistern, indem sie durch entsprechende Fragen sehr schnell in das Terrain wechseln, in dem sie zu Hause sind. Sie können sich innerlich sagen, bevor sie den Smalltalk beginnen: "Jetzt mache ich es uns mal schön!" Sie sollten negative oder eventuell polarisierende Themen vermeiden und stattdessen Gemeinsamkeiten suchen.
Entschleunigung
Hochsensible Gehirne sind aufgrund ihrer genetischen Disposition sehr aktiv, denn aufgrund unserer erniedrigten Reizschwelle bekommen wir mehr mit und denken auch gründlicher darüber nach. Das ist auf der einen Seite eine Gabe. Andererseits bringt dies aber den Nachteil mit sich, dass wir nicht leicht zur Ruhe kommen. Da dürfen wir gut auf uns aufpassen und gegensteuern, gerade in der heutigen Zeit, die durch das Internet, die Digitalisierung der Arbeitsplätze und die sozialen Netzwerke eine immer größere Beschleunigung mit sich bringt.
Die erste Einsicht zur Entschleunigung besteht darin, dass einen das Bewusstmachen des „Genug“ in den allermeisten Fällen weiter bringt als die Hetze nach „mehr“. Wie viel Information tut einem wirklich gut? Ein Zuviel treibt einen nur in die Reizüberflutung, weil man dieses Mehr an Information gar nicht verarbeiten kann. Man sollte Nachrichten und Infotainment nur genießen, wenn sie das Leben bereichern; das gleiche gilt für das Internet und die sozialen Netzwerke.
Hochsensibilität als Superkraft
Wenn Menschen eine Hochsensibilität bei sich erkennen, können sie diese für sich nutzen und zu einer richtigen Superkraft entwickeln. Aufgrund der vertieften Informationsverarbeitung können viele hochsensible Personen z.B. neues Wissen besonders gut abspeichern. Sie gelten deshalb auch als gute Zuhörer, da sie sich viele Einzelheiten eines Gesprächsverlaufs merken können. Hinzu kommt, dass sie sich in ihr Gegenüber einfühlen und mitdenken können. Zudem erleben Menschen mit Hochsensibilität ihre Umwelt oft als detail- und facettenreicher als nicht-hochsensible Menschen. Das kann z.B. in kreativen Bereichen genutzt werden. Und auch die verstärkte Emotionalität kann von Vorteil sein, wenn angenehme Emotionen vertieft erlebt und ausgekostet werden.
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