In den letzten Jahren hat die Wissenschaft bedeutende Fortschritte im Verständnis der komplexen Funktionen des Gehirns gemacht. Dies hat die traditionelle Vorstellung vom Gehirn als einfachem Informationsspeicher in Frage gestellt. Stattdessen wird zunehmend erkannt, dass das Gehirn ein dynamisches Organ ist, dessen beide Hälften auf unterschiedliche Weise zur Kognition, Emotion und zum Verhalten beitragen.
Die Anatomie des Gehirns: Zwei Hälften, eine Einheit
Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hemisphären, der linken und der rechten Gehirnhälfte, die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind. Jede Hemisphäre ist für bestimmte Funktionen und Fähigkeiten verantwortlich, wobei die linke Gehirnhälfte typischerweise mit Logik, Sprache und analytischem Denken in Verbindung gebracht wird, während die rechte Gehirnhälfte oft mit Kreativität, Intuition und räumlichem Denken assoziiert wird. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Unterscheidung nicht absolut ist und beide Gehirnhälften eng zusammenarbeiten, um eine optimale Gehirnleistung zu erzielen.
Die Aufgabenverteilung: Lateralisierung von Funktionen
Die beiden Gehirnhälften sind nicht genau spiegelbildlich und weisen subtile, aber funktionell relevante Unterschiede auf. Diese Spezialisierung wird als Lateralisierung bezeichnet. So ist beispielsweise die Sprachverarbeitung bei den meisten Menschen überwiegend in der linken Hemisphäre lokalisiert, während die rechte Hemisphäre eine wichtigere Rolle bei der Aufmerksamkeit und räumlichen Wahrnehmung spielt. Die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperseite und umgekehrt.
Dr. Sofie Valk, Forschungsgruppenleiterin im Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, erklärt, dass die Sinneswahrnehmung lateralisiert ist, was bedeutet, dass sie bevorzugt oder vollständig in einer der beiden Gehirnhälften verarbeitet wird. Ebenfalls klar lateralisiert ist die Kontrolle der motorischen Funktionen: Die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperhälfte und die linke Gehirnhälfte die rechte.
Die Rolle der rechten Gehirnhälfte
Die rechte Gehirnhälfte ist für eine Vielzahl von Funktionen zuständig, darunter:
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- Körpersprache, Bildersprache und Intuition: Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko.
- Ganzheitliche Informationsverarbeitung: Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich.
- Kontrolle von Körpersprache, Mimik und Gestik: Sie steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
- Räumliches Denken: Die rechte Gehirnhälfte ist wichtig für das Erkennen von Mustern und Gesichtern sowie für das räumliche Denken.
- Emotionale Verarbeitung: Es gibt Hinweise darauf, dass die rechte Gehirnhälfte eine wichtigere Rolle bei der Verarbeitung negativer Emotionen spielt.
Der Mythos der "rechten Gehirnhälfte"
Trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Lateralisierung von Funktionen hält sich hartnäckig der Mythos, dass Menschen entweder "Links-" oder "Rechtshirner" sind. Diese Vorstellung besagt, dass analytisch denkende Menschen eine ausgeprägtere linke Gehirnhälfte haben, während kreative Menschen eine dominante rechte Gehirnhälfte besitzen.
Es stimmt zwar, dass die linke Gehirnhälfte für sprachliche und logische Funktionen zuständig ist und Informationen sequenziell und analytisch verarbeitet, während die rechte Gehirnhälfte für räumliche und kreative Funktionen zuständig ist und Informationen ganzheitlich und intuitiv verarbeitet, aber die beiden Gehirnhälften arbeiten eng zusammen, um uns ein umfassendes Verständnis der Welt um uns herum zu ermöglichen. Die Aufgaben des Gehirns verteilen sich nicht auf eine rechte und eine linke Seite, sondern auf verschiedene Areale, die meistens sowohl links als auch rechts über das Gehirn verteilt sind.
Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften: Ein dynamisches Zusammenspiel
Einige Wissenschaftler vermuten, dass erfolgreiche und kreative Menschen besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren können. Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition.
Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
Es ist wichtig zu beachten, dass Übungen, die angeben, lediglich eine Gehirnhälfte zu trainieren, wissenschaftlich nicht fundiert sind. Bei jeglicher Art von Gehirntraining werden immer beide Hälften aktiv, jedoch in unterschiedlicher Form.
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Die Plastizität des Gehirns: Veränderungen im Laufe des Lebens
Die Lateralisierung von Funktionen ist nicht statisch, sondern kann sich im Laufe des Lebens verändern. Mit zunehmendem Alter nimmt die Lateralisierung von Aufmerksamkeitsaufgaben ab, sodass sich die für die Aufmerksamkeit zuständigen Gehirnareale zunehmend symmetrischer in beiden Gehirnhälften verteilen.
Darüber hinaus ist das Gehirn plastisch, was bedeutet, dass sich seine Struktur und Funktion als Reaktion auf Erfahrungen und Umweltfaktoren verändern können. Dies ermöglicht es dem Gehirn, sich an neue Situationen anzupassen und neue Fähigkeiten zu erlernen.
Die Bedeutung der Forschung: Einblicke in die Gehirnfunktion
Die Forschung zur Lateralisierung von Gehirnfunktionen hat wichtige Einblicke in die Organisation und Funktionsweise des Gehirns geliefert. Diese Erkenntnisse können dazu beitragen, die Ursachen von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen besser zu verstehen und neue Behandlungsmethoden zu entwickeln.
So werden beispielsweise zu schwach asymmetrisch ausgebildete Sprachareale auf der linken Hirnseite als eine mögliche Ursache für Legasthenie vermutet. Auch bei Krankheiten wie Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störungen oder Hyperaktivität bei Kindern wird mit einer zu schwachen Aufgabenteilung zwischen den beiden Hirnhälften in Zusammenhang gebracht.
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