Viele Menschen, die sich einer Bandscheibenoperation unterziehen mussten, kennen die damit verbundenen Ängste und Sorgen. Yvonne, eine Betroffene, erzählte: "Die Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall ist bleibend." Nach einer nicht optimal verlaufenen Bandscheiben-OP kämpfte sie zwei Jahre lang mit starken Rückenschmerzen und ausstrahlenden Beschwerden. Doch sie fand einen Weg, ihre Schmerzen zu reduzieren, Schmerzmedikamente abzusetzen und ihre Lebensqualität zurückzugewinnen. Dieser Artikel soll Betroffenen helfen, die Mechanismen von Nervenschädigungen nach einer Bandscheiben-OP zu verstehen und Strategien zur Verbesserung ihrer Situation kennenzulernen.
Wichtiger Hinweis: Die Informationen in diesem Artikel dienen lediglich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung.
Wie entsteht eine Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall?
Oftmals nehmen sich Ärzte nicht ausreichend Zeit, um das Problem einer Nervenschädigung nach einem Bandscheibenvorfall zu erklären. Betroffene hören dann Sätze wie: "Da drückt etwas auf den Nerv." Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn Nervenschädigung ist nicht gleich Nervenschädigung. Die moderne Schmerzforschung unterscheidet zwei Arten von Beschwerden:
- Radikuläre Schmerzen: Hier drückt nichts auf den Nerv. Stattdessen ist die Nervenwurzel oder eine benachbarte Struktur entzündet, was zu ausstrahlenden Nervenschmerzen führt.
- Radikulopathie: In diesem Fall drückt etwas auf den Nerv, beispielsweise Bandscheibenmaterial. Dies führt zu einer Kompression, wodurch der Nerv nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Die Folge sind Taubheit, Kraftverlust usw.
In der Realität können beide Mechanismen gleichzeitig auftreten. Für die Therapie ist es jedoch wichtig zu wissen, welcher Mechanismus im Vordergrund steht. Bei radikulären Schmerzen liegt der Fokus auf der Behandlung der Entzündung, während bei einer Radikulopathie die Kompression des Nervs behandelt werden muss. Moderne Leitlinien empfehlen bei radikulären Schmerzen übrigens keine Operation. Eine Operation wird nur bei Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall empfohlen, wenn eine Radikulopathie mit spezifischen Symptomen auftritt.
Wann ist eine OP bei Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall notwendig?
Eine Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall kann zu starken Rückenschmerzen, ausstrahlenden Beschwerden und Taubheit führen. Es ist normal, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Auch wenn ausstrahlende Schmerzen im Bein belastend sind, ist der natürliche Verlauf sehr gut. In der Regel verbessern sich die Beschwerden innerhalb von 6 Wochen. Falls nicht, kann eine Injektion mit Corticosteroiden unterstützend helfen. Ebenso ist der Verlauf einer Radikulopathie gut. Wenn "nur" Taubheit auftritt, verbessern sich die Beschwerden bei 4 von 5 Betroffenen innerhalb von 6 Wochen. Nach 24 Wochen haben 93% keine Beschwerden mehr. Das gilt auch, wenn nur ein leichter Kraftverlust vorliegt, der den Alltag nicht einschränkt. Der Durchschnitt für die meisten Betroffenen liegt irgendwo bei 16 Wochen, also rund 4 Monate.
Lesen Sie auch: Therapeutische Ansätze zur Nervenregeneration
Das Problem: Bei einer Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall ist der Erfolg einer OP höher, je früher sie durchgeführt wird. Daher sollte bei den folgenden Symptomen lieber zu früh als zu spät gehandelt werden:
- Inkontinenz oder Schwierigkeiten, den Stuhl zu halten
- Stark eingeschränkte oder nicht vorhandene Reflexe
- Massive Kraftverluste, die den Alltag einschränken
- Beschwerden, die länger als 6 Wochen bestehen und/oder
- Ausstrahlende Beschwerden, die mit der Zeit zunehmen
Einfach gesagt: Je stärker die motorischen Einschränkungen, desto eher ist eine OP angeraten. Wenn du dir unsicher bist, ob eines der genannten Symptome auf dich zutrifft, besprich dich bitte mit einem Arzt!
Konservative Therapie vs. Operation: Was sagt die Wissenschaft?
Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass die konservative Therapie in jedem Fall besser sei. Es ist wichtig festzustellen, dass die konservative Therapie nicht den Bandscheibenvorfall, die Spinalkanalstenose oder die Zyste im Wirbelkanal behandelt. Es handelt sich lediglich um eine Reduzierung der Schmerzen, also um eine Form der Schmerztherapie. Die Ursache der Schmerzen wird nicht therapiert! Bei einem Bandscheibenvorfall kann es im günstigsten Fall zu einer Schrumpfung des Bandscheibenvorfalles kommen, so dass der Druck auf die Nervenwurzel nachlässt. Dies macht die Natur jedoch ganz alleine, auch ohne jegliche Therapie. Zur Effektivität der meisten Therapieformen bei der Behandlung eines Bandscheibenvorfalles liegen keinerlei seriöse wissenschaftliche Daten über deren Nutzen vor, obwohl ein Großteil dieser Behandlungsformen schon seit sehr vielen Jahren existiert. Viele unabhängige Studien haben gezeigt, dass es den operierten Patienten sowohl im Kurzzeitverlauf als auch im Langzeitverlauf besser geht als den Patienten, die sich einer konservativen Therapie unterzogen haben. Zusätzlich sind die operierten Patienten schneller beschwerdefrei und auch wieder schneller in den Alltag und in das Berufsleben integriert. Eine Unzufriedenheit mit dem Operationsergebnis entsteht meist dann, wenn die Patienten vor der Operation nicht ausreichend über das Krankheitsbild aufgeklärt wurden.
Minimalinvasive Methoden: Der Goldstandard?
Der mikrochirurgische Eingriff, d.h. eine Operation über einen kleinen Hautschnitt, durchgeführt über das Mikroskop in Schlüssellochtechnik, ist sicherlich aktuell der Goldstandard. Alle anderen Methoden müssen sich an ihm messen. Bisher konnte noch in keiner Studie gezeigt werden, dass Methoden, bei denen „nur eine Nadel eingeführt wird“ auch nur annähernd gleichgute Ergebnisse bringen.
Narbenbildung nach der OP: Ein Grund zur Sorge?
Wenn im Verlauf nach der Operation (Kurzzeitverlauf oder Langzeitverlauf) weiter Beschwerden bestehen oder wieder Beschwerden auftreten, so hat dies nichts mit der Narbe zu tun. Die Ergebnisse mehrerer Studien sprechen dagegen. Bei jedem operierten Patienten entsteht eine Narbe. Dies ist ein normaler Vorgang und Teil der Heilung. In 70% der Fälle ist diese Narbe in der Kernspintomografie sichtbar. 84 % aller operierten Patienten sind jedoch komplett beschwerdenfrei. Auch diese Patienten haben eine Narbe unterschiedlicher Größe und Ausdehnung, sind aber trotzdem schmerzfrei. Angst vor der Narbenbildung braucht niemand zu haben.
Lesen Sie auch: Regeneration nach Schlaganfall
3 hilfreiche Strategien bei einer Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall
Eine Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall macht Angst. Oftmals fühlt man sich dem Ganzen hilflos ausgeliefert. Umso wichtiger ist es, den Schmerzmechanismus zu verstehen, um aktiv etwas tun zu können. Die folgenden drei Strategien haben sich in der Praxis bewährt:
Strategie #1: Der Foramen Opener
Diese Übung öffnet die Lendenwirbelsäule auf der betroffenen Seite, wodurch der Druck auf den Nerv reduziert und die Durchblutung verbessert wird.
- Lege dich auf die Seite, wobei unter deiner LWS ein Kissen liegt.
- Das Bein, in das deine Ausstrahlungen sind, liegt oben.
- In den Hüft- und Kniegelenken hast du jeweils 90°.
- Lass nun beide Unterschenkel vor der Liegefläche nach unten hängen.
Strategie #2: Der McKenzie Ansatz
Wenn du deine Symptome mit einer Rückbeuge lindern kannst, deutet dies auf eine gute Prognose hin. Der "Prone Press Up" kann in deine Routine eingebaut werden:
- Lege dich auf den Bauch.
- Platziere die Hände auf Schulterhöhe und drücke dich sanft nach oben.
- Komme nur so weit nach oben, wie es sich für dich gut anfühlt.
- Halte die Endposition kurz und kehre dann in die Ausgangsposition zurück.
- Wiederhole diese Bewegung bis zu 10 Mal.
Wenn sich deine Beschwerden zum Beispiel aus dem Fuß in den Rücken zurückziehen, ist das ein gutes Zeichen!
Strategie #3: Ketogene Ernährung
Bei einer Nervenschädigung nach Bandscheibenvorfall haben Nerven ein Problem: Durch die Kompression bekommen sie weniger Sauerstoff, als sie bräuchten. Die ketogene Ernährung kann hier helfen, da Zellen auch in einer sauerstoffarmen Umgebung ausreichend Energie gewinnen können. Eine Untersuchung an der Stanford University School of Medicine in Kalifornien konnte die positiven Effekte einer ketogenen Ernährung auf die Regeneration von Nerven zeigen.
Lesen Sie auch: Erholung der Nerven nach Bandscheibenoperation
Was Sie in der Heilungsphase nach der Operation beachten sollten
Gerade in der ersten postoperativen Phase stehen die Wundheilung, die Schmerzprophylaxe, die Regelung der Verdauung und die vorsichtige Mobilisierung unter Vermeidung von Fehlbewegungen im Vordergrund.
Wundheilung und Wundmanagement: Eine Wirbelsäulenoperation kann sehr blutig sein, weil das Venengeflecht im Spinalkanal blutreich ist. Deshalb wird häufig ein kleiner Schlauch (Redon) in die Wunde eingelegt, damit das Blut abfließen kann. Dieser Schlauch wird 1-2 Tage nach der Operation gezogen. Wunden, die stark Flüssigkeit absondern (sezernieren), sind infektionsgefährdet, weil hier Keime und Bakterien von außen in den Rückenmarkskanal eindringen können. Die Wunde am Rücken bzw. am Hals können Sie nicht selbst versorgen, dies muss bis zur Fäden- bzw. Klammerentfernung von Fachleuten durchgeführt werden. Duschen ist 10-14 Tage lang nur mit einem wasserfesten Pflaster erlaubt. Nach dem Duschen sollten Sie wieder ein luftdurchlässiges Pflaster anbringen, denn unter den meisten Duschpflastern kann sich Sekret ansammeln, das einen Nährboden für Bakterien bildet. Die Gefahr einer Infektion der Wunde, vielleicht sogar des Spinalkanals, durch eindringende Bakterien darf man nicht unterschätzen. Achtung: Rötet sich die Haut um die Wunde zunehmend und tritt vermehrt Flüssigkeit (oder sogar Eiter) aus, müssen Sie sich unversehens zum Arzt begeben.
Nervenregeneration: Gefühlsstörungen oder gar Lähmungen, die vor der OP bestanden, sind postoperativ meist noch vorhanden, vielleicht aber schon in geminderter Ausprägung, weil sich der Nerv nun langsam erholen kann. Ein starker Druck oder eine andere Verletzung können die Nervenfasern teilweise (Stadium 1) oder ganz (Stadium 2) unterbrechen. In beiden Fällen wachsen glücklicherweise innerhalb der Hüllstruktur die Nervenfasern wieder nach - ähnlich wie die Wurzeln bei einem Baum - und zwar mit einer Geschwindigkeit von etwa 5-8 Millimetern pro Woche. Die Nervenregeneration kann bis zu 2 Jahre dauern. Ist auch die Hüllstruktur des Nervs komplett zerrissen (Stadium 3), kann die Regeneration auch ganz verhindert sein. Auch zu langes Abwarten über viele Wochen kann in den Schädigungsstadien 1 und 2 die Nervenregenration hemmen.
Nervenaktivierung mit elektrischem Strom: Bei einer Elektro-Myo-Stimulation (EMS) des Muskels führen schwache Stromimpulse von Elektroden, die auf der Haut liegen, zu einer Kontraktion des Muskels. Dies macht man sich bei Lähmungen bzw. Teillähmungen eines Muskels zunutze, um einen Muskel trotz fehlender Nervenversorgung (etwa bei einem geschädigten Nerven im Rückenbereich) zu trainieren. Daher sollte so früh wie möglich mit der täglichen Elektro-Myo-Stimulation (EMS) begonnen werden.
Unterstützung der Nervenregeneration durch Nährstoffe
"Man hört häufig, dass sich Nerven schlecht regenerieren können", sagte Dr. med. Martin Wimmer, Neurologe aus München. "Dabei sieht man speziell im peripheren Nervensystem immer wieder erstaunliche Wiederherstellungsprozesse." Wird die Ursache der Nervenschädigung etwa bei chronischen Rückenschmerzen, Polyneuropathie oder Karpaltunnel Syndromen behoben, können sich Nerven regenerieren. Dabei ist die Gabe einer Nährstoffkombination aus Uridinmonophosphat (UMP), Vitamin B12 und Folsäure eine geeignete unterstützende Behandlungsoption.
Uridinmonophosphat (UMP): UMP unterstützt die Nervenregeneration, indem es die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen anregt und den Wiederaufbau der Myelinschicht unterstützt. Zusätzlich fördert UMP als RNA-Baustein die Biosynthese von Strukturproteinen und Enzymen. Insgesamt trägt die gezielte Stimulation des Nervenstoffwechsels zur Unterstützung der physiologischen Reparaturmechanismen nach Nervenläsionen bei. UMP ist sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Um aber die benötigte Menge zu sich zu nehmen, können Nahrungsergänzungsmittel mit entsprechend hoher UMP-Konzentration in die Therapie zur Unterstützung der Nervenregeneration einbezogen werden. Diese sollten regelmäßig und über einen längeren Zeitraum von mindestens 60 Tagen eingenommen werden, da die Regeneration zerstörter Nervenfasern Zeit benötigt.
Verhalten nach der Operation
Nach der Operation sollten Sie noch nicht allein aufstehen, da eine Sturzgefahr durch Schwindel bestehen könnte. Das erste Aufstehen nach der OP findet nur in Begleitung des Pflegepersonals statt.
Schmerzen: Das Pflegepersonal wird Sie in regelmäßigen Abständen nach Schmerzen fragen. Angegeben wird dies in einer Schmerzskala von 0 bis 10, wobei 0 „kein Schmerz“ und 10 „größtmöglicher Schmerz“ bedeutet.
Drainage und Blasenkatheter: Falls Sie eine Drainage und/oder einen Blasenkatheter liegen haben, werden diese in der Regel am ersten bzw. zweiten Tag nach der OP entfernt.
Sitzen sollten Sie vermeiden, dürfen dies allerdings anfangs zum Essen. Dies kann beschwerdeabhängig gesteigert werden. Gehen ist die beste Schmerzmedizin und ein gutes Training. Deswegen empfehlen wir Ihnen mehrmals über den Tag verteilt zu gehen. Die Dauer hängt von Ihrem Empfinden und den Beschwerden ab. Das Treppensteigen soll erst am 2. Duschen ist erst nach 48 Stunden nach der OP wieder gestattet.
Wichtig im Liegen: keine Bauchlage, nur Rücken- und Seitenlage: im Liegen ist es wichtig, dass die gesamte Wirbelsäule die natürliche Form behält; Kopf und Nacken deswegen ggf. Kopfteil max.
Mit Krankengymnastik können Sie erst 14 Tage nach Ihrer OP beginnen. Sport mit Drehbewegungen der Wirbelsäule (Tennis, Golf, etc.) sowie Kontaktsportarten (Fußball, Handball, etc.) sollten Sie erst frühestens 3 Monaten nach der OP wieder aufnehmen.
tags: #regeneration #nerven #nach #bandscheiben #op #blog