Reizdarm und Vegetatives Nervensystem: Eine Komplexes Zusammenspiel

Einführung

Der Reizdarm ist eine weit verbreitete funktionelle Störung des Magen-Darm-Trakts, von der weltweit mindestens 10 Prozent der Menschen betroffen sind. Er ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung und Durchfall. Lange Zeit wurde der Reizdarm als rein gastrointestinale Störung betrachtet, doch neuere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass eine komplexe Interaktion zwischen dem Darm und dem Gehirn, die sogenannte Darm-Hirn-Achse, eine entscheidende Rolle spielt. Diese Achse umfasst das zentrale und vegetative Nervensystem und beeinflusst die Darmfunktion und umgekehrt.

Symptome des Reizdarms

Die Symptome eines Reizdarms können vielfältig sein und individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Typische Beschwerden sind:

  • Abdominale Schmerzen
  • Durchfall und/oder Verstopfung
  • Blähungen
  • Übelkeit und Völlegefühl
  • Krämpfe
  • Schlafstörungen

Diese Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Bei manchen Menschen schlägt Stress im wahrsten Sinne auf den Magen und den Darm.

Die Darm-Hirn-Achse: Eine Bidirektionale Kommunikation

Unser Darm und unser Gehirn kommunizieren über verschiedene Wege miteinander, darunter:

  • Darmmikroben: Die Darmmikrobiota beeinflusst eine Reihe von Substanzen, die für die Kommunikation zwischen unserem Darm und dem Gehirn verantwortlich sind. Reizdarmbetroffene haben eine veränderte Darmmikrobiota und leiden somit an einer Störung der Interaktion zwischen Darm und Hirn.
  • Hormone:
  • Botenstoffe:
  • Sensorische Neuronen:

Diese Kommunikation ist bidirektional, d.h. der Darm beeinflusst das Gehirn und umgekehrt. Das hat sicherlich jeder schon einmal bemerkt: Sind wir aufgeregt, ist uns flau im Magen.

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Das Vegetative Nervensystem und der Reizdarm

Das vegetative Nervensystem spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Darmfunktion. Es besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  • Sympathikus: Der Sympathikus ist für die "Kampf-oder-Flucht"-Reaktion verantwortlich und kann die Verdauung verlangsamen oder stoppen.
  • Parasympathikus: Der Parasympathikus fördert die Verdauung und Entspannung ("Ruhe und Verdauung").

Bei einem Reizdarm kann das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus gestört sein, was zu einer Überaktivität des Darms oder einer verminderten Darmmotilität führen kann. Stress übt einen massiven Einfluss aus auf das vegetative Nervensystem und löst dann in ähnlichen Situationen einen Automatismus aus. Eine durch stressige Situationen ausgelöste Darmsymptomatik mit heftigen Durchfällen kann sich also mit der Zeit manifestieren.

Ursachen des Reizdarms

Die genauen Ursachen des Reizdarms sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus verschiedenen Faktoren eine Rolle spielt:

  • Störung der Darm-Hirn-Achse: Bei einem Reizdarmsyndrom ist die Kommunikation zwischen dem Nervensystem des Darms und dem zentralen und vegetativen Nervensystem verändert. Eine Reihe von Substanzen wie Lebensmittelallergene und Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, aber auch emotionale Faktoren wie Stress und Angst können daher Symptome des Reizdarms auslösen.
  • Veränderte Darmmikrobiota: Eine Dysbiose der Darmmikrobiota ist typisch für viele Reizdarm-Patientinnen und -Patienten.
  • Erhöhte Darmpermeabilität (Leaky-Gut-Syndrom): Hohe Mengen an Histamin machen den Darm durchlässig (Leaky-Gut-Syndrom) und wirken entzündungsfördernd.
  • Psychische Faktoren: Manche Menschen reagieren auf Stress mit einer erhöhten Produktion von Magensäure. Psychische Belastung kann wirkt sich auch auf die Darmtätigkeit auswirken.
  • Genetische Veranlagung:
  • Vorherige Magen-Darm-Infektionen: Nach einer Salmonelleninfektion beispielsweise ist deshalb das RDS-Risiko um das Achtfache erhöht, aber auch andere Darmkeime wie Yersinien, Campylobacter oder EHEC können die Beschwerden auslösen.

Diagnose des Reizdarms

Die Diagnose des Reizdarms erfolgt in der Regel durch Ausschluss anderer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen. Dazu können folgende Untersuchungen gehören:

  • Anamnese und körperliche Untersuchung:
  • Blutuntersuchungen: Mit einer Blutuntersuchung lässt sich Parasitenbefall ausschließen.
  • Stuhluntersuchungen: Eine Stuhlprobe kann Aufschluss zum Status der Darmschleimhaut geben.
  • Magen- und Darmspiegelung:
  • Ultraschall des Bauches:

Behandlung des Reizdarms

Ein Reizdarm kann sich zurückbilden, verläuft aber meistens chronisch. Er ist nicht heilbar, aber gut therapierbar. Die Behandlung des Reizdarms zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Da das RDS sich individuell sehr unterschiedlich äußert, gibt es nicht die eine allgemeingültige Therapie, die in jedem Fall hilft. Die Therapie kann folgende Elemente umfassen:

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  • Ernährungsumstellung: Nach australischen Studien kann eine spezielle Diät den gereizten Darm sehr effektiv beruhigen. Die sogenannte FODMAP-reduzierte Ernährung bringt jedoch einige drastische Einschränkungen mit sich: Betroffene verzichten dabei ein paar Wochen lang komplett auf alle potenziell reizenden Kohlenhydrate und spezielle Arten von Zucker. Während der FODMAP-reduzierten Diät lassen RDS-Beschwerden wie Schmerzen, Blähungen und Durchfall oftmals rasch nach oder verschwinden sogar ganz. Wichtig ist, die FODMAP-haltigen Nahrungsmittel nach der Auslassphase schrittweise wieder einzuführen, damit keine Mangelerscheinungen auftreten, und im Ernährungstagebuch dabei festzuhalten, welche Symptome nun nach dem Verzehr welcher Lebensmittel auftreten.
  • Psychotherapie: Patient:innen in schwierigen Lebenssituationen können psychotherapeutische Maßnahmen dabei unterstützen, besser mit ihren Problemen zurechtzukommen.
  • Medikamente: Es gibt verschiedene Arzneimittel, die sich zur Behandlung des Reizdarmsyndroms eignen. Diese sollten nur in Absprache mit den behandelnden Fachärzt:innen und nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Bei besonders hartnäckigen Beschwerden können zudem sehr niedrig dosierte Antidepressiva zur Anwendung kommen.
  • Probiotika: Da bei manchen Menschen mit Reizdarmsyndrom die Darmflora verändert ist, lohnt sich der Versuch, die Darmfunktion mit Probiotika zu unterstützen. Hierbei handelt es sich um bestimmte, meist lebende Darmbakterien, die in Form von Tabletten, Kapseln oder Trinklösungen eingenommen werden.
  • Pflanzliche Mittel: Zu Darmberuhigung haben sich außerdem einige pflanzliche Wirkstoffe wie Pfefferminzöl oder der Extrakt aus Melissenblättern bewährt.

Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik

Unsere gezielte Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik untersucht vier Parameter im Stuhl, die grundlegend die Symptome eines Reizdarms beeinflussen: Histamin, GABA, Tryptophan und Serotonin. Die Bestimmung von diesen Substanzen im Stuhl ist eine wichtige diagnostische Grundlage, um das komplexe Krankheitsbild des Reizdarmsyndroms zu behandeln.

  • Histamin: Histamin ist ein Gewebshormon und kann den Reizdarm verstärken. Es wird vom Körper selbst produziert, von unseren Darmbakterien gebildet, aber auch über bestimmte Nahrungsmittel wie Wein und Käse aufgenommen. Hohe Mengen an Histamin machen den Darm durchlässig (Leaky-Gut-Syndrom) und wirken entzündungsfördernd. Histamin kann außerdem Reizdarmschmerzen, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen auslösen. eine FODMAP- und Histamin-arme Ernährung kann hohe Histaminspiegel senken und Reizdarmsymptome lindern. Erhöhte Histaminwerte im Stuhl können auch auf eine Histaminintoleranz hindeuten. Eine mögliche Ursache ist die verringerte Aktivität des Histamin-abbauenden Enzyms Diaminooxidase (DAO). Bei einem hohen Histaminspiegel sollte eine Unverträglichkeit abgeklärt werden, um eine entsprechende Behandlung auszuwählen.
  • GABA: Die γ-Aminobuttersäure (gamma-aminobutyric acid, GABA) ist ein Neurotransmitter, der unter anderem von bestimmten Darmbakterien aus den Gruppen der Bifidobakterien und Laktobazillen gebildet wird. GABA reguliert Angst und Stress, verbessert den Schlaf, das Gedächtnis und die Stimmung. Zudem beeinflusst der Neurotransmitter das Schmerzempfinden, da er die neuronale Weiterleitung von Schmerzreizen aus dem Darm zum Gehirn blockiert. GABA kann demnach das Schmerzempfinden von Reizdarmbetroffenen lindern.
  • Tryptophan: Tryptophan ist eine essentielle Aminosäure. Der menschliche Körper kann Tryptophan nicht selbst bilden, sondern ist auf die Zufuhr über die Nahrung und durch Tryptophan-bildende Darmbakterien wie E. coli angewiesen. Die Aminosäure unterstützt die Neubildung und Reparatur der Darmschleimhaut und trägt so zu ihrem Schutz bei. Tryptophan wirkt entzündungshemmend, unterstützt einen guten Schlaf und wirkt sich positiv auf die Stimmung aus.
  • Serotonin: Serotonin ist ein Neurotransmitter, der die Darmbewegungen und das Schmerzempfinden beeinflusst. Ein hoher Serotoninspiegel kann Durchfall und Übelkeit auslösen. Ein niedriger Level kann hingegen Verstopfungenbegünstigen.

Selbsthilfestrategien

Darmgesundheit und Allgemeinbefinden beeinflussen sich gegenseitig. Selbsthilfestrategien und komplementäre, auch psychotherapeutische Heilverfahren leisten daher einen wichtigen Beitrag in der RDS-Behandlung. Bewegung und leichte sportliche Aktivität sind allgemein zu empfehlen, Entspannungsverfahren können zur Stressreduktion hilfreich sein. Als häufig wirksam hat sich in Studien die Darmhypnose erwiesen, um die wechselseitige Interaktion von Darm und Gehirn positiv zu beeinflussen. Bisher bieten noch nicht viele Kliniken oder Praxen das Verfahren an, neuerdings gibt es aber auch Darm-Hypnose-CDs.

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