Bauchschmerzen sind ein weit verbreitetes Phänomen. Sie können krampfartig, dumpf sein oder in andere Körperbereiche ausstrahlen. In den meisten Fällen sind sie harmlos und verschwinden schnell. Millionen von Menschen leiden jedoch unter ständigen Krämpfen, Grummeln oder Blähungen. Treten diese Beschwerden gehäuft auf, beeinträchtigen sie die Lebensqualität über einen Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten und andere Krankheiten sind ausgeschlossen, sprechen Experten von einem Reizdarmsyndrom (RDS).
Was ist ein Reizdarmsyndrom?
Für das Reizdarmsyndrom gibt es verschiedene Synonyme wie Reizdarm-Syndrom oder kurz Reizdarm. Untersuchungen zufolge wird in Deutschland bei mindestens einer Million Menschen ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Schätzungen zufolge könnten jedoch bis zu elf Millionen Erwachsene unter chronischem Durchfall, Krämpfen oder Verstopfung leiden, da viele Betroffene sich aus Scham nicht zum Arzt begeben.
Das Reizdarmsyndrom ist eine chronische Erkrankung, die meist über einen langen Zeitraum oder immer bestehen bleibt. Es handelt sich um eine funktionelle Störung des Darms, bei der keine organischen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden können. Die Symptome können vielfältig sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Symptome des Reizdarmsyndroms
Zu den typischen Symptomen des Reizdarmsyndroms zählen:
- Blähungen
- Durchfall
- Verstopfung
- Krampfartige Bauchschmerzen
Nicht selten leiden Betroffene auch unter einem Druckgefühl, einem aufgeblähten Bauch, Übelkeit, Erbrechen und Schluckstörungen. Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Betroffene alle diese Beschwerden gleichzeitig hat. Einige Patienten neigen eher zu Durchfall, andere zu Verstopfung oder nur zu Krämpfen.
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Ursachen des Reizdarmsyndroms
Die Ursachen für die Entstehung eines Reizdarms (Reizdarmsyndrom) sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Forscher gehen von einem multifaktoriellen Geschehen aus. Neben Umweltfaktoren und einer familiären Veranlagung haben viele Betroffene eine sogenannte Barrierestörung. Auch das Gleichgewicht der Darmflora, die eine wichtige Rolle bei der Darmbarriere spielt, ist wahrscheinlich gestört. Wenn diese gestört ist, können Reizstoffe vermehrt in die Darmschleimhaut eindringen und dort das Nervensystem stören. Dadurch sammeln sich vermehrt Abbauprodukte im Darm, die beispielsweise Wasser anziehen, den Stuhl verflüssigen oder Gase bilden, die dann blähend wirken und Beschwerden wie Bauchkrämpfe verursachen.
Experten halten auch eine verstärkte Wahrnehmung der Betroffenen für entscheidend. Viele Patienten haben bei normalen Verdauungsprozessen vermehrte Missempfindungen und ständig das Gefühl, permanent verstopft oder aufgetrieben zu sein.
Mehrere Studien belegen, dass ein Reizdarm die Folge von Magen- und Darminfektionen („Magen-Darm-Grippe“) sein kann. Möglicherweise lösen Darminfektionen mit bestimmten Bakterien (wie Campylobacter jejuni, Clostridum difficile, schädliche E.coli) eher einen Reizdarm aus als andere Erreger. Eine enterale (= den Darm betreffende) Infektion ist nur für einen von zehn Fällen verantwortlich. Wenn ein Darminfekt die Ursache des Reizdarms ist, entwickeln die Betroffenen typischerweise ausgesprochene Durchfallsymptomatik. In Gewebeproben der Darmschleimhaut betroffener Menschen kann eine erhöhte Immunaktivität festgestellt werden. So werden in der Schleimhaut vermehrt Abwehrzellen des Immunsystems und deren Botenstoffe (Entzündungsmediatoren wie Interleukine) nachgewiesen.
In der Darmschleimhaut sind benachbarte Zellen jeweils über eine „Haftstelle“ (engl. „Tight Junction“) miteinander verbunden. Sie dichten die Zellen gegeneinander ab, so dass keine Fremdstoffe oder Krankheitserreger zwischen den Zellen hindurchgelangen können. Solange diese „Darmbarriere“ intakt ist, bildet die Gesamtheit der Darmschleimhautzellen ein regelrechtes Schutzschild, wodurch ein Eindringen von Fremdstoffen aus dem Darmraum in den Körper verhindert wird.
Eine Dysbiose des Darm-Mikrobioms, eine Störung der Darmmuskulatur, unterschwellige Entzündungsprozesse in der Darmwand und überempfindliche Darmnerven könnten ebenfalls zu einem Reizdarmsyndrom beitragen. Auch psychische Belastungen werden als begleitender Faktor diskutiert.
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Diagnose des Reizdarmsyndroms
Es gibt viele Anzeichen, die auf ein Reizdarmsyndrom hindeuten können, hinter denen sich aber auch andere Ursachen verbergen können. Das Reizdarmsyndrom ist eine sogenannte "Ausschlussdiagnose". Bevor der Arzt die Diagnose stellt, müssen andere in Frage kommende Krankheiten mit Hilfe von Laboruntersuchungen, Ultraschall und Magen- oder Darmspiegelung ausgeschlossen werden.
Viele Menschen mit Reizdarm haben Angst vor Darmkrebs. Diese Befürchtung ist jedoch unbegründet: Reizdarm ist nicht gefährlich oder ein Vorbote bösartiger Erkrankungen.
Die Reizdarmsyndrom Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose. Unsere Spezialisten werden im Rahmen der Diagnostik zunächst andere Ursachen ausschließen. Unsere Fachärzte für Innere Medizin mit Spezialisierung auf Gastroenterologie sind Ihr richtiger Ansprechpartner.
Zunächst wird eine Anamnese zur Einschätzung aktueller Beschwerden und Abklärung von Vorerkrankungen durchgeführt und folgende Fragen gestellt:
- Wo und in welchen Situationen treten die Schmerzen auf?
- Leiden Sie unter Verstopfung oder Durchfall?
- Besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen den Beschwerden und dem Verzehr bestimmter Lebensmittel?
- Sind die aktuellen Lebensumstände von Stress geprägt?
- Haben Sie Blut im Stuhl festgestellt?
- Ist Ihr Gewicht gesunken, ohne dass es gewollt war?
- Leiden Sie unter Fieber?
Ein Ernährungsprotokoll sowie ein Tagebuch über die Beschwerden können Hinweise auf genauere Beschwerden liefern.
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Da bei einem Reizdarm Beschwerden vor allem im Verdauungstrakt auftreten, steht bei der körperlichen Untersuchung der Bauchraum im Fokus. Mit dem Stethoskop wird zunächst der Bauch abgehört und so die Darmtätigkeit beurteilt. Danach klopft der Arzt leicht mit den Fingern auf die Bauchdecke. Der Klang unterscheidet sich je nachdem, ob der Darm mit Luft oder Stuhl gefüllt ist. Abschließend tastet der Arzt den Bauch zunächst oberflächlich und dann tiefer mit den Händen ab und kann so feststellen, ob an bestimmten Darmabschnitten Verdickungen vorhanden sind und Schmerzen auftreten.
Zur Beurteilung einer möglichen Reizdarm-Symptomatik kommen noch weitere diagnostische Verfahren in Betracht:
- Bauch-Ultraschall zum Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Erkrankungen der Gallenblase, der Leber, der Niere oder der Bauchspeicheldrüse),
- Laboruntersuchungen (z. B. von Blut, Urin und Stuhl) zur Feststellung möglicher Infektionen oder Entzündungen (Laborwerte sind bei Reizdarm in der Regel unauffällig),
- Magen- und Darmspiegelung (vor allem bei unklaren Beschwerden) und Biopsie der Schleimhaut oder
- Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Entsprechend den Empfehlungen der DGVS (Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten) handelt es sich um ein Reizdarmsyndrom, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind:
- Sie leiden unter chronischen Beschwerden (länger als drei Monate andauernd), die sich auf den Darm beziehen und Probleme wie Bauchschmerzen und Blähungen verursachen. Auch Durchfall oder Verstopfung sind vorhanden.
- Die Lebensqualität wird durch die Beschwerden teils deutlich beeinträchtigt.
- Die Beschwerden lassen sich nicht auf andere vorliegende Krankheitsbilder zurückführen.
Behandlung des Reizdarmsyndroms
Reizdarm hat nicht den einen Auslöser. Bei allen Betroffenen kommen unterschiedliche Faktoren individuell zusammen. Um ihren geplagten Patienten zu helfen, verfolgen Reizdarm-Spezialisten heute einen ganzheitlichen Ansatz. Zunächst empfehlen sie eine spezielle Ernährung mit möglichst wenigen individuell unverträglichen Nahrungsbestandteilen. Ärzte raten den Patienten, den überempfindlichen Nerven im Darm und Hirn mit Entspannungsverfahren entgegenzuarbeiten. Zur Behandlung spezieller Beschwerden wie Durchfall, Verstopfung oder Bauchschmerzen ergänzen Arzt und Ärztin eine gezielte Behandlung mit Medikamenten. Wer Verstopfung hat, kann zudem Prokinetika zur Harmonisierung der Darmmotorik oder Flohsamenpräparate ausprobieren.
Allgemeingültige Therapieansätze gibt es für die Reizdarmsyndrom Behandlung nicht. Entscheidend sind die Symptome sowie Ursachen für die Beschwerden und die individuelle Situation des einzelnen Patienten. Im Zusammenhang mit möglichen Behandlungsoptionen sollten Sie die Reaktionen Ihres Körpers genau beobachten. Ein Tagebuch über Ernährung und Tagesablauf ist hier sinnvoll und macht Sie zudem zum Experten für die eigene Erkrankung. Gemeinsam mit Ihrem Arzt können Sie so eine optimale Behandlung finden.
Typischerweise werden folgende Behandlungsansätze in Erwägung gezogen:
- bei Durchfall: Einsatz von Gerbstoffen, Wirkstoffen wie Loperamid oder Gallensäurebindern, ballaststoffreiche Ernährung z. B. Flohsamen, Pektive), Elektrolytlösung bei starkem Durchfall oder auch bei Kindern mit Durchfallsymptomatik
- bei Verstopfung: körperliche Bewegung, Flüssigkeitsaufnahme (drei Liter täglich), Abführmittel (nicht ohne ärztlichen Rat),
- bei Krämpfen pflanzliche Mittel (z. B. Kümmel, Anis, Fenchel, Pfefferminze), Medikamente mit Wirkstoffen wie Butylscopolamin, krampflösende Mittel wie Mebeverin oder Trospiumchlorid
- bei Blähungen: pflanzliche Mittel(z. B. Kümmel- oder Pfefferminzöl, Fenchel und Anis), entschäumende Medikamente (z. B. Dimethicon, Simethicon)
Je nach Auslöser können noch andere Verhaltensweisen die Reizdarmsyndrom Behandlung unterstützen. Dazu gehören:
- Anwendung von Probiotika zur Verbesserung der Darmflora
- Entspannung, vor allem bei Stress oder chronischer Überlastung
- Einnahme von Antidepressiva oder Durchführung einer Psychotherapie
- Anpassung der Ernährung an die bestehende Symptomatik (z. B. Ballaststoffe, ausreichend Flüssigkeit, keine fetten Speisen)
- Anpassung der Essgewohnheiten (z. B. mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt)
Ernährung bei Reizdarm
Viele Reizdarmpatienten profitieren von einem genauen Blick auf ihre tägliche Ernährung. Experten empfehlen bei Reizdarm für eine gewisse Zeit die sogenannte Low-FODMAP-Diät. Die englische Abkürzung steht für Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole. FODMAPs sind niedermolekulare Zucker, die im Dünndarm nicht ausreichend abgebaut werden, unverdaut in den Dickdarm gelangen und dort zu starker Gasbildung führen. Zu den FODMAPs zählen etwa Fruktose, die in Früchten wie Äpfeln, in Honig und Maissirup vorkommt; die Laktose in Milchprodukten; bestimmte Zucker in Getreide, Hülsenfrüchten, einigen Kohlsorten, Zwiebeln und Lauch sowie weitere Stoffe in Kaugummis, Diätprodukten, Pilzen und Obstsorten wie Birnen, Pflaumen und Nektarinen.
Das Ziel der Low-FODMAP-Diät ist, dass der Darm einmal komplett zur Ruhe kommt und die Darmflora sich wieder ausbalanciert. Mittlerweile empfehlen Ärzte die Diät weltweit - wenn auch ausdrücklich nicht als Dauerernährung.
Mit vielen Lebensmitteln lässt sich die Darmgesundheit auf natürliche Art fördern. Milchsauer vergorenes Gemüse und fermentierte Getränke regulieren die Darmbakterien. Dazu zählen Kimchi, Sauerkraut, Tempeh, Kefir, Kombucha, ungesüßter Bionaturjoghurt mit lebenden Kulturen. In der Apotheke gibt es "Reizdarm-Produkte", die eben diese Darmregulierung durch synthetisch produzierte Darmbakterien wiederherstellen wollen.
Abzuraten ist von Ballaststoffen aus Weizenkleie oder Leinsamen. Sie fördern die Gasbildung. Verdächtig ist auch normales Brot. Brot aus Urgetreiden wie Einkorn, Emmer, Dinkel und Durum vertragen Patienten und Patientinnen mit Reizdarmsyndrom hingegen deutlich besser.
Hausmittel bei Reizdarm
Bei leichten Schmerzen durch Reizdarm können beispielsweise Belladonnatinktur, Pfefferminzöl oder japanisches Heilpflanzenöl helfen. Hausmittel bei krampfartigen Bauchbeschwerden mit Blähungen ist eine Kombi aus Kümmel, Fenchel, Pfefferminz und Kamillenblüten. Baldriantropfen mit Kümmelöl entspannen. Wickel und Auflagen mit Kümmelöl lindern akute Blähungen und Bauchkrämpfe. Vor allem bei Verstopfung kann eine tägliche Bauchmassage mit knetenden oder aber streichenden Bewegungen helfen. Sie fördert die Bewegung des Darms.
Stressreduktion und Entspannung
Neben dem Meiden individuell verantwortlicher Faktoren wie bestimmte Lebensmittel hilft vielen Betroffenen regelmäßige "Seelenpflege". Achtsamkeit (Mindfulness) und Meditation helfen, besser mit Stress umzugehen. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Die Pandemie, der Job, Verpflichtungen bei Familie und Freunden - es gibt viele Quellen für Stress und baut sich der Druck immer weiter auf, stehen Körper & Psyche unter Dauerstrom.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf des Reizdarmsyndroms ist definitionsgemäß chronisch, in der Regel aber nicht fortschreitend. Die Beschwerden können sich über die Jahre allmählich zurückbilden.
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