Reizung von Nerven im Leistenkanal: Ursachen und Behandlung

Leistenschmerzen sind ein häufiges Problem, das viele Ursachen haben kann. Sie können akut auftreten, beispielsweise nach einer plötzlichen Überlastung, oder sich langsam entwickeln und chronisch werden. Die Leistengegend ist eine komplexe Region, in der verschiedene anatomische Strukturen wie Muskeln, Sehnen, Bänder, Nerven, Blutgefäße und Lymphknoten zusammenlaufen. Eine Reizung oder Schädigung einer dieser Strukturen kann zu Schmerzen führen. Dieser Artikel beleuchtet insbesondere die Reizung von Nerven im Leistenkanal als Ursache für Leistenschmerzen, ihre Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.

Die Anatomie der Leiste und des Leistenkanals

Die Leiste (Regio inguinalis) bezeichnet den Übergang vom Bauch zum Oberschenkel. Der Leistenkanal selbst ist ein etwa vier bis fünf Zentimeter langer Kanal, der durch die Bauchwand verläuft. Bei Männern zieht der Samenstrang durch diesen Kanal, bei Frauen das Mutterband. Zudem verlaufen Muskeln und Blutgefäße durch den Leistenkanal. Die vordere Beckenringstruktur, bestehend aus Symphyse und Schambein, spielt eine stabilisierende Rolle für die Rumpf-, Becken- und Oberschenkelmuskulatur.

Ursachen für Leistenschmerzen

Leistenschmerzen können vielfältige Ursachen haben. Hier sind einige der häufigsten Ursachen aufgeführt:

Muskel- und Sehnenprobleme

Muskelzerrungen oder Überbeanspruchungen sind häufige Ursachen für Leistenschmerzen, insbesondere bei sportlich aktiven Menschen. Sportarten wie Fußball, Hockey oder Laufen, die eine starke Beanspruchung der Leistenmuskulatur erfordern, sind prädestiniert für Leistenzerrungen und Sportlerleisten. Die Adduktoren, also die Muskeln an der Innenseite der Oberschenkel, sind besonders anfällig, da sie bei fast jeder Beinbewegung mitarbeiten. Eine plötzliche Belastung, falsche Bewegungen oder fehlendes Aufwärmen können zu Überlastungen, Zerrungen oder sogar kleinen Muskelfaserrissen führen.

Leistenbrüche

Ein Leistenbruch (Hernia inguinalis) ist eine weitere häufige Ursache von Leistenschmerzen. Dabei tritt Bauchinhalt durch eine Schwachstelle in der Bauchdecke in den Leistenkanal. Dies kann nicht nur schmerzhaft sein, sondern auch gefährlich werden, wenn sich Eingeweide einklemmen und die Durchblutung gestört wird. Männer sind häufiger von Leistenbrüchen betroffen als Frauen, wobei die Symptome oft als tastbare Schwellung in der Leistengegend erscheinen. Eine verwandte, aber seltener auftretende Form ist der Schenkelbruch (Hernia femoralis), der häufiger bei Frauen vorkommt und eine ähnliche Ursache hat, jedoch zu Beschwerden im unteren Teil der Leiste führt.

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Erkrankungen des Hüftgelenks

Erkrankungen des Hüftgelenks wie Hüftarthrose oder ein Hüftimpingement können ebenfalls Leistenschmerzen verursachen. Diese Schmerzen resultieren aus degenerativen Veränderungen oder strukturellen Anomalien im Hüftgelenk, die zu einer Überbelastung und Reizung der umliegenden Strukturen führen. Verschleiß (Arthrose), Gelenkentzündungen oder Verletzungen der Gelenklippe (Labrum) in der Hüfte können Schmerzen verursachen, die in die Leiste ausstrahlen. Das liegt daran, dass Hüfte und Leistenbereich über Nervenbahnen eng miteinander verbunden sind.

Nervenprobleme

Nervenprobleme wie das Einklemmen eines Nerven oder eine Nervenreizung können ebenfalls Leistenschmerzen verursachen. Ein eingeklemmter Nerv in der Lendenwirbelsäule kann Schmerzsignale in die Leistengegend senden, was als ausstrahlender Schmerz wahrgenommen wird. Auch Überspannungen im Bereich der Wirbelsäule können bestimmte Nervenbahnen, beispielsweise den Ischiasnerv in der Lendenwirbelsäule, so stark einengen, dass die Signalübertragung beeinträchtigt ist. Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen, Nervenwurzelentzündungen und Verengungen des Spinalkanals können unmittelbare Auswirkungen auf den Leistenbereich haben.

Urologische und Gynäkologische Ursachen

Bei Männern können urologische Probleme wie eine Entzündung der Prostata, Hoden- oder Nebenhodenentzündungen oder eine Hodenstieldrehung Leistenschmerzen verursachen. Bei Frauen können gynäkologische Probleme wie Eierstockzysten, Endometriose oder eine Eileiterschwangerschaft ähnliche Beschwerden hervorrufen.

Weitere Ursachen

Weitere mögliche Ursachen für Leistenschmerzen sind Fußfehlstellungen, Beinlängenunterschiede, Muskelungleichgewichte, Haltungsfehler und Überlastungen. Auch geschwollene Lymphknoten können Schmerzen in der Leiste verursachen.

Reizung von Nerven im Leistenkanal

Die Reizung von Nerven im Leistenkanal ist eine spezifische Ursache für Leistenschmerzen, die oft übersehen wird. Verschiedene Nervenstränge durchziehen die Leiste bzw. den Leistenkanal. Eine Kompression oder Reizung dieser Nerven kann Schmerzen auslösen, die in den Oberschenkel oder die Hüfte ausstrahlen. Das dicke Nervengeflecht, das in der Leistenregion verläuft, trägt neben den Drüsen, Schleimbeuteln und anderem Weichteilgewebe dazu bei, dass die Leiste äußerst sensibel auf Veränderungen reagiert.

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Ursachen für Nervenreizungen im Leistenkanal

  • Sportlerleiste: Bei der Sportlerleiste liegt eine umschriebene Schwäche im medialen Anteil der Leistenkanalhinterwand vor. Hierdurch kommt es zu einer lokalisierten Vorwölbung der Transversalisfaszie nach ventral in den Leistenkanal hinein. Dies führt bei Anspannung der Bauchdeckenmuskulatur und bei abrupten Bewegungen zu einem für die Sportlerleiste typischen Schmerz, welcher durch Kompression des R. genitalis des N. genitofemoralis hervorgerufen wird.
  • Narbenbildung: Nach Operationen im Leistenbereich kann es zu Narbenbildung kommen, die auf die Nerven drückt und sie reizt.
  • Entzündungen: Entzündungen in der Leiste, beispielsweise durch eine Sehnenentzündung, können ebenfalls Nerven reizen.
  • Muskuläre Dysbalancen: Ungleichgewichte in der Muskulatur können zu einer Fehlbelastung und damit zu einer Nervenreizung führen.

Symptome einer Nervenreizung im Leistenkanal

Die Symptome einer Nervenreizung im Leistenkanal können vielfältig sein:

  • Schmerzen: Die Schmerzen können stechend, brennend oder ziehend sein und in den Oberschenkel, die Hüfte oder den Unterbauch ausstrahlen.
  • Taubheitsgefühle: Betroffene können Taubheitsgefühle oder Kribbeln in der Leistengegend, im Oberschenkel oder in den Genitalien verspüren.
  • Bewegungseinschränkungen: Die Schmerzen können sich bei bestimmten Bewegungen verstärken und die Beweglichkeit einschränken.
  • Druckempfindlichkeit: Die Leistengegend kann druckempfindlich sein.

Diagnose von Leistenschmerzen und Nervenreizungen

Die Diagnose von Leistenschmerzen und Nervenreizungen im Leistenkanal erfordert eine sorgfältige Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls bildgebende Verfahren.

Anamnese

Der Arzt wird zunächst nach der Art, Dauer und Intensität der Schmerzen sowie nach möglichen Auslösern fragen. Auch Vorerkrankungen und frühere Verletzungen sind wichtige Informationen.

Körperliche Untersuchung

Bei der körperlichen Untersuchung wird der Arzt die Leistengegend abtasten, um Schwellungen, Druckschmerzhaftigkeit und Bewegungseinschränkungen festzustellen. Auch die Beweglichkeit der Hüfte und des Rückens wird überprüft. Zum Ausschluss der häufigsten Differenzialdiagnosen der „Sportlerleiste“ sollte bei der klinischen Untersuchung vor allem auf Dysfunktionen des Iliopsoaskomplexes, der Adduktoren und des M. rectus abdominis geachtet werden. Bei Leistenschmerzen sollte stets das Hüftgelenk auf klinische Auffälligkeiten untersucht werden. Die spezifische Untersuchung der Leiste selbst beginnt mit einer Palpation, zunächst mit flachen Fingern über der Leiste in Ruhe, dann gefolgt von einer intermittierenden intraabdominellen Druckerhöhung durch den Patienten, z. B. durch Husten oder Pressen.

Bildgebende Verfahren

  • Ultraschall: Eine Ultraschalluntersuchung kann helfen, Weichteile wie Muskeln, Sehnen und Lymphknoten darzustellen. Auch ein Leistenbruch kann mit einer Ultraschall-Untersuchung dargestellt werden. Aufgrund der statischen als auch dynamischen Untersuchungsbedingungen kommt dem Ultraschall in der Abklärung der Sportlerleiste eine besondere Bedeutung zu. Besonders wichtig ist auch während der Untersuchung die intermittierende Erhöhung des intraabdominellen Druckes durch wiederholtes Pressen (Valsalva-Manöver). Häufig gelingt erst durch dieses Manöver, eine Vorwölbung der Leistenkanalhinterwand oder einen Fasziendefekt darzustellen.
  • Röntgen: Ein Röntgenbild kann knöcherne Strukturen und Gelenkstellungen beurteilen. Beim Vorkommen von Leistenschmerzen ist besonders das Hüftgelenk interessant, da es anatomisch getrachtet direkt unterhalb der Leiste liegt und sich Erkrankungen desselbigen oftmals durch Leistenschmerzen äußern.
  • MRT: Eine MRT (Magnetresonanztomografie) kommt immer dann zum Einsatz, wenn es notwendig ist weichgewebige Strukturen wie Muskeln, Sehnen oder Bänder mit hohem Weichteilkontrast in starker Auflösung darzustellen. Je nach Fragestellung kommen verschiedene Untersuchungstechniken zum Einsatz, die selbst die Darstellung kleinster Wasseransammlungen als Hinweise für krankhafte Prozesse darstellen können.

Weitere Untersuchungen

In einigen Fällen können weitere Untersuchungen wie eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung oder eine Muskelbiopsie erforderlich sein, um die Ursache der Nervenreizung zu identifizieren. Zur Differenzierung Pubalgie und Leistenschmerz können probatorische Infiltrationen hilfreich sein. Eine Osteitis pubis lässt sich nicht durch einen Ileoinguinalen Block beeinflussen.

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Behandlung von Leistenschmerzen und Nervenreizungen

Die Behandlung von Leistenschmerzen und Nervenreizungen im Leistenkanal hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Beschwerden ab. Es gibt sowohl konservative als auch operative Behandlungsmöglichkeiten.

Konservative Behandlung

  • Ruhe und Schonung: Vermeiden Sie Aktivitäten, die die Schmerzen verstärken.
  • Kühlen: Kühlen Sie die Leistengegend mehrmals täglich für 10-15 Minuten mit einem Eisbeutel oder einem Kühlpack (in ein Tuch gewickelt). Die Kühlung sollte nicht direkt auf die Haut aufgelegt werden und mehrmals über den Tag verteilt, nicht länger als 15 Minuten am Stück erfolgen.
  • Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können helfen, Schmerzen und Entzündungen zu lindern.
  • Physiotherapie: Ein Physiotherapeut kann Ihnen Übungen zeigen, um die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nerven zu entlasten. Intensive physiotherapeutische Programme mit Stretching und Friktionsbehandlungen sowie Massagen haben einen wichtigen Stellenwert im Rahmen der sportlichen Rehabilitation.
  • Osteopathie: Die Osteopathie ist eine manuelle Therapie, bei der der Osteopath einzig mit den Händen arbeitet, um so eine sanfte aber effektive Behandlung durchzuführen. Das Hauptziel der Osteopathie ist es, die Ursachen der Leistenschmerzen und Rückenschmerzen im unteren Rücken durch sanfte Methoden zu behandeln.
  • Injektionen: In einigen Fällen können Injektionen mit Kortikosteroiden oder Lokalanästhetika helfen, die Schmerzen zu lindern. Häufig können durch antiinflammatorische Medikation und/oder lokale Injektion von Kortikosteroiden, Traumeel und Dextrose die Beschwerden gebessert werden. Ergebnisse zur Eigenblutbehandlung/plättchenreichem Plasma (PRP) liegen noch nicht in größerer Fallzahl vor.

Operative Behandlung

Eine Operation ist in der Regel nur dann erforderlich, wenn die konservative Behandlung nicht erfolgreich ist oder wenn eine strukturelle Ursache wie ein Leistenbruch oder ein Nervenkompressionssyndrom vorliegt. Prinzipiell werden drei unterschiedliche operative Verfahren diskutiert, welche die verschiedenen pathophysiologischen Ansätze widerspiegeln, die aber auch häufig kombiniert werden:

  • Leistenbruchoperation: Bei einem Leistenbruch wird der Bruch verschlossen und die Bauchwand verstärkt.
  • Nervenentlastung: Bei einem Nervenkompressionssyndrom wird der Nerv entlastet, um die Schmerzen zu lindern. Geht man von einer Nervenkompression aus, so sollte eine lokale Neurolyse oder Neurektomie erfolgen.
  • Minimal-Repair-Technik nach Muschaweck: Hierbei wird selektiv der Hinterwanddefekt unter Schonung der intakten Anteile mittels einer Fasziendopplung repariert. Durch Einbeziehung des lateralen Rektusrandes in die Nahtreihe wird dieser lateralisiert und die bei einer Sportlerleiste erhöhte Spannung am Schambeinansatz reduziert. Wichtig ist hierbei die Möglichkeit, eine Schädigung des komprimierten R. genitalis zu erkennen und ggf. eine Neurolyse oder Neurektomie zeitgleich durchzuführen.

Vorbeugung von Leistenschmerzen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Leistenschmerzen aktiv vorzubeugen:

  • Aufwärmen vor dem Sport: Wärmen Sie sich vor dem Sport gründlich auf, um die Muskeln und Sehnen auf die Belastung vorzubereiten.
  • Dehnen: Dehnen Sie regelmäßig die Muskeln in der Leistengegend, um die Beweglichkeit zu verbessern und Muskelverspannungen zu lösen. Hierfür eignet sich beispielsweise der sogenannte Prinzenstand, bei dem sie die Leistenregion und die Oberschenkelmuskeln dehnen.
  • Kräftigung: Kräftigen Sie die Muskeln in der Leistengegend, um die Stabilität zu verbessern und Überlastungen vorzubeugen. Breite Kniebeuge: Richtig durchgeführt, kräftigen sie die Innenseiten der Oberschenkel und die Bauchmuskulatur. Seitlicher Ausfallschritt: Diese Übung kräftigt die vordere Oberschenkelmuskulatur. Diagonaler Ausfallschritt: Der diagonale Ausfallschritt trainiert die vordere Oberschenkelmuskulatur, die Gesäßmuskeln und die Muskeln an der Innenseite der Oberschenkel (Adduktoren).
  • Ergonomie: Achten Sie auf eine gute Körperhaltung im Alltag, insbesondere beim Sitzen.
  • Gewichtskontrolle: Übergewicht belastet die Gelenke und Muskeln zusätzlich.
  • Gutes Schuhwerk: Tragen Sie gutes Schuhwerk und gegebenenfalls Einlagen, um Fehlstellungen der Füße und der Beinachse zu korrigieren.
  • Laufbandanalyse: Eine Laufbandanalyse kann helfen, evtl. die Ursache zu finden und Beschwerden zukünftig zu verhindern. Sowohl ein falscher Laufstil, eine Fehlstatik, als auch nicht zum individuellen Laufstil passendes Schuhwerk lassen sich so identifizieren und es können Möglichkeiten zur Optimierung aufgezeigt werden.

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