Riesenaxon und Myelin: Ein Vergleich der Nervenleitungsstrategien

Nervenfasern spielen eine entscheidende Rolle bei der schnellen und präzisen Übertragung elektrischer Signale im Körper. Diese "Kabel" des Nervensystems ermöglichen es Organismen, rasch auf Reize aus der Umwelt zu reagieren und koordinierte Aktionen auszuführen. Die Art und Weise, wie Nervenfasern aufgebaut sind, beeinflusst maßgeblich die Geschwindigkeit und Effizienz dieser Signalübertragung. Im Laufe der Evolution haben sich unterschiedliche Strategien entwickelt, um die Nervenleitgeschwindigkeit zu optimieren. Zwei bemerkenswerte Beispiele sind das Riesenaxon, das vor allem bei Wirbellosen vorkommt, und die Myelinisierung, die im Nervensystem von Wirbeltieren eine zentrale Rolle spielt.

Grundlagen der Nervenfasern

Eine Nervenfaser ist im Wesentlichen ein Fortsatz einer Nervenzelle (Neuron), genauer gesagt das Axon. Axone sind lange, dünne Strukturen, die elektrische Impulse vom Zellkörper zu anderen Neuronen oder Zielzellen (z. B. Muskelzellen oder Drüsenzellen) leiten. Diese Impulse ermöglichen die Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen des Körpers und die Steuerung von Körperfunktionen.

Struktur und Funktion von Nervenfasern

Nervenfasern können in zwei Haupttypen unterteilt werden: myelinisierte und nicht-myelinisierte Fasern. Myelinisierte Axone sind von einer isolierenden Schicht, der Myelinscheide, umgeben, während nicht-myelinisierte Axone diese Schicht nicht besitzen. Die Myelinscheide besteht aus spezialisierten Gliazellen: Oligodendrozyten im zentralen Nervensystem (ZNS) und Schwann-Zellen im peripheren Nervensystem (PNS).

Die Hauptfunktion der Nervenfaser besteht darin, elektrische Signale durch den Körper zu leiten. Efferente Fasern leiten Informationen vom ZNS in die Peripherie und sind in der Regel motorisch, während afferente Fasern sensible Informationen aus der Peripherie zum ZNS leiten. Entscheidend für die Einteilung sind die Myelinisierung, der Durchmesser der Faser und die Leitungsgeschwindigkeit. So werden die Fasern in Typ A, B und C eingeteilt.

Typen von Nervenfasern

Je nach Aufbau und Leitungsgeschwindigkeit lassen sich verschiedene Typen von Nervenfasern klassifizieren. Entscheidend für diese Einteilung sind der Grad der Myelinisierung und der Durchmesser der Faser.

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  • Typ A-Fasern: Diese myelinisierten Fasern sind in verschiedene Untergruppen unterteilt (Aα, Aβ, Aγ, Aδ) und zeichnen sich durch unterschiedliche Durchmesser und Leitungsgeschwindigkeiten aus. Aα-Fasern sind die schnellsten und dicksten, während Aδ-Fasern dünner sind und eine geringere Myelinisierung aufweisen.
  • Typ B-Fasern: Diese myelinisierten Fasern sind dünner als die meisten A-Fasern und leiten Signale langsamer.
  • Typ C-Fasern: Diese nicht-myelinisierten Fasern sind sehr dünn und leiten Signale am langsamsten. Sie sind typischerweise für die Übertragung von dumpfen, späten Schmerzen verantwortlich.

Das Riesenaxon: Eine Lösung für schnelle Signalübertragung bei Wirbellosen

Wirbellose Tiere, wie Tintenfische und Regenwürmer, haben eine andere Strategie entwickelt, um schnelle Nervenleitgeschwindigkeiten zu erreichen. Anstatt auf Myelin zu setzen, haben sie Axone mit extrem großen Durchmessern entwickelt, die sogenannten Riesenaxone.

Funktionsweise des Riesenaxons

Sind die Axone dicker, setzen sie dem elektrischen Reiz weniger Widerstand entgegen, wodurch er schneller weitergeleitet werden kann.

Vor- und Nachteile des Riesenaxons

Diese Strategie hat jedoch auch Nachteile. Dicke Axone verbrauchen mehr Energie und Platz, was die Entwicklung komplexer Nervensysteme einschränken kann.

Myelinisierung: Die effiziente Lösung der Wirbeltiere

Im Gegensatz zu Wirbellosen haben Wirbeltiere im Laufe der Evolution die Myelinisierung entwickelt, um die Nervenleitgeschwindigkeit zu erhöhen. Myelin ist eine mehrlagige, fettreiche Schicht, die die Nervenfasern umgibt und sie elektrisch isoliert.

Bildung der Myelinscheide

Im zentralen Nervensystem (ZNS) bilden Oligodendrozyten die Myelinscheide, wobei ein einzelner Oligodendrozyt mehrere Axone myelinisieren kann. Im peripheren Nervensystem (PNS) sind Schwann-Zellen für die Myelinisierung zuständig, wobei jede Schwann-Zelle nur eine Myelinscheide bildet.

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Ranviersche Schnürringe und saltatorische Erregungsleitung

Die Myelinscheide ist nicht durchgehend, sondern weist in regelmäßigen Abständen Unterbrechungen auf, die als Ranviersche Schnürringe bezeichnet werden. An diesen Schnürringen ist das Axon unbedeckt und enthält eine hohe Konzentration an spannungsgesteuerten Natriumkanälen.

Die Myelinscheide ermöglicht eine sprunghafte (saltatorische) Erregungsleitung. Das Aktionspotential "springt" quasi von dem einen Schnürring zum nächsten Schnürring. Die Zeitspanne für diesen "Sprung" ist sehr kurz, und wenn am benachbarten Schnürring das Aktionspotenzial entstanden ist, wird bereits am übernächsten Schnürring ein neues Aktionspotenzial induziert. Dies führt zu einer deutlich schnelleren Signalübertragung als bei nicht-myelinisierten Axonen, bei denen sich das Aktionspotential kontinuierlich entlang der gesamten Axonmembran ausbreiten muss.

Vorteile der Myelinisierung

Die Myelinisierung bietet mehrere Vorteile:

  • Schnellere Nervenleitgeschwindigkeit: Die saltatorische Erregungsleitung ermöglicht eine deutlich schnellere Signalübertragung im Vergleich zu nicht-myelinisierten Axonen.
  • Energieeffizienz: Da Aktionspotentiale nur an den Ranvierschen Schnürringen generiert werden müssen, wird weniger Energie verbraucht.
  • Platzersparnis: Myelinisierte Axone können dünner sein als Riesenaxone, was eine höhere Packungsdichte von Nervenfasern ermöglicht und die Entwicklung komplexer Nervensysteme fördert.

Die Rolle der Oligodendrozyten bei der Energieversorgung der Axone

Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Oligodendrozyten im Gehirn noch eine weitere Aufgabe haben: Sie versorgen die Nervenzellfortsätze, die so genannten Axone, gezielt mit Energie. Sie nehmen aus den Blutgefäßen energiereiche Stoffe, vor allem Glukose, auf. Diese verarbeiten sie in die leichter verdauliche Milchsäure und geben diese wiederum über die Myelinscheiden direkt an die Axone ab.

Vergleich von Riesenaxon und Myelin

MerkmalRiesenaxon (Wirbellose)Myelin (Wirbeltiere)
MechanismusErhöhter AxondurchmesserIsolierende Myelinscheide und saltatorische Erregungsleitung
LeitungsgeschwindigkeitSchnellSehr schnell
EnergieverbrauchHochGeringer
PlatzbedarfHochGeringer
VorkommenWirbellose TiereWirbeltiere
Zelluläre BeteiligungNeuronOligodendrozyten (ZNS) oder Schwann-Zellen (PNS)
Zusätzliche FunktionenKeineEnergieversorgung der Axone (Oligodendrozyten)

Klinische Bedeutung der Myelinisierung

Die Myelinisierung ist für die normale Funktion des Nervensystems unerlässlich. Erkrankungen, die die Myelinscheide schädigen, können zu schwerwiegenden neurologischen Störungen führen.

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Multiple Sklerose (MS)

Ein bekanntes Beispiel ist die Multiple Sklerose (MS), eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden im ZNS angreift und zerstört. Dies führt zu einer verlangsamten oder blockierten Nervenleitgeschwindigkeit und einer Vielzahl von Symptomen, darunter Sehstörungen, Muskelschwäche, Koordinationsprobleme und kognitive Beeinträchtigungen.

Charcot-Marie-Tooth-Syndrom (CMT)

Das Charcot-Marie-Tooth-Syndrom (CMT) ist eine weitere neurologische Erkrankung, die durch Schäden an den Myelinscheiden oder den Axonen peripherer Nerven verursacht wird. CMT ist eine erbliche sensomotorische Polyneuropathie, bei der es zum Untergang peripherer Nervenfasern kommt. Der Untergang wird entweder durch eine direkte axonale Degeneration oder einem Schaden an den Myelinscheiden der Nervenfasern verursacht. Dies führt zu Muskelschwäche,Sensible Störungen und Schmerzen können im Verlaufe der Erkrankung hinzutreten.

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