Risikofaktoren und Ursachen der Neuropathie: Ein umfassender Überblick

Die Neuropathie, insbesondere die diabetische Neuropathie, ist eine weit verbreitete und oft schwerwiegende Komplikation, die mit verschiedenen Risikofaktoren und Ursachen verbunden ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Neuropathie, von den zugrunde liegenden Ursachen und Risikofaktoren bis hin zu Symptomen, Diagnose, Verlauf, Therapie und Prävention.

Einführung in die Neuropathie

Neuropathie, im medizinischen Fachjargon als Nervenkrankheit definiert, betrifft das periphere Nervensystem. Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Sind viele Nerven gleichzeitig betroffen, spricht man von Polyneuropathie. Diese Störung beeinträchtigt die Fähigkeit des Nervensystems, Signale zwischen Gehirn, Rückenmark und Körper zu übertragen. Die Symptome variieren je nachdem, welche Nerven betroffen sind, und können sowohl Männer als auch Frauen jeden Alters betreffen, wobei die Häufigkeit mit zunehmendem Alter steigt.

Diabetische Neuropathie: Eine häufige Folge von Diabetes

Die diabetische Neuropathie ist eine der häufigsten Folgen von Diabetes. Sie entsteht durch Nervenschäden, die durch langfristig erhöhte Blutzuckerwerte verursacht werden. Fast die Hälfte aller Diabetespatienten über 60 Jahre hat eine Neuropathie. Menschen mit Typ-1-Diabetes und Menschen mit Typ-2-Diabetes sind gleichermaßen betroffen.

Formen der diabetischen Neuropathie

Man unterscheidet hauptsächlich zwischen zwei Formen:

  • Sensomotorische Polyneuropathie: Hierbei werden Nerven geschädigt, die für Empfindungen und Berührungen zuständig sind. Dies führt zu Störungen des Berührungs-, Schmerz- und Temperaturempfindens.
  • Autonome Neuropathie: Betrifft Nerven des vegetativen Nervensystems, die Organfunktionen steuern. Eine Schädigung kann sich auf das Herz-Kreislauf-System oder den Magen-Darm-Trakt auswirken.

Daneben gibt es weniger häufige atypische Formen, bei denen bestimmte Nervenwurzeln oder einzelne Nerven geschädigt sind.

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Ursachen der diabetischen Neuropathie

Bei der Entstehung von Nervenschäden spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Die Hauptursache ist ein über lange Zeit erhöhter Blutzuckerspiegel. Eine langjährige Diabeteserkrankung und hohe Blutzuckerwerte begünstigen daher eine Neuropathie. Bei Diabetes Typ 2 ist auch eine Störung des Fettstoffwechsels beteiligt.

Weitere Risikofaktoren sind:

  • Bluthochdruck
  • Gefäßerkrankungen
  • Diabetische Retino- oder Nephropathie
  • Erhöhte Blutfette
  • Alkohol
  • Nikotin
  • Übergewicht
  • Wenig Bewegung
  • Falsche Ernährung

Symptome der diabetischen Neuropathie

Am häufigsten äußert sich eine diabetische Neuropathie als eine Empfindungsstörung in den Gliedmaßen. Meistens sind die Füße betroffen, aber auch in Händen, Unterschenkeln und Unterarmen können Symptome auftreten. Typische Beschwerden sind:

  • Schmerzen
  • Kribbeln
  • Brennen
  • Taubheit

Manche Patienten reagieren überempfindlich auf Berührungen. Häufig sind die Missempfindungen nachts schlimmer als tagsüber. Auch Schmerzen treten meistens in der Nacht auf und werden als blitzartig und stechend beschrieben.

Sind die Nerven der Organe geschädigt, können viele unterschiedliche Symptome entstehen, je nachdem welche Nerven und Organsysteme betroffen sind:

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  • Magen-Darm-Trakt: Schluckstörungen, Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall
  • Herz-Kreislauf-System: Niedriger Blutdruck, schneller Herzschlag in Ruhe, Herzrhythmusstörungen
  • Harn- oder Geschlechtsapparat: Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase, Blasenschwäche, Erektionsstörungen
  • Weitere Symptome: Extremes Schwitzen oder Schwitzen im Gesicht und Hals beim Essen

Symptome atypischer Formen können einseitige Schmerzen, Gewichtsverlust oder Schwäche sein.

Diagnose der diabetischen Neuropathie

Menschen mit Diabetes sollten sich regelmäßig auf Anzeichen einer diabetischen Neuropathie untersuchen lassen. Hierfür gibt es Screeninguntersuchungen, die bei Typ-2-Diabetikern ab der Diagnose und bei Typ-1-Diabetikern spätestens fünf Jahre nach Diabetesbeginn einmal jährlich durchgeführt werden sollten.

Bei diesen Untersuchungen erkundigt sich der Arzt nach Beschwerden und schaut sich Hände und Füße an. Er testet, ob die Patienten sehr leichte Berührungen oder Vibrationen fühlen, und überprüft die Muskelreflexe. Wenn sie diese Berührungen und Vibrationen nicht wahrnehmen oder die Muskelreflexe schwächer sind, ist das ein Hinweis auf eine beginnende diabetische Neuropathie.

Gibt es bei diesen Tests Auffälligkeiten, überprüft der Arzt außerdem das Schmerz- und Kälteempfinden. Er beurteilt den Gang und untersucht die Füße auf Verletzungen.

Der Arzt fragt auch nach Symptomen einer autonomen Neuropathie. Um andere Erkrankungen auszuschließen oder bei untypischen Symptomen sind manchmal weitere Untersuchungen notwendig, etwa eine Laboruntersuchung oder eine Echokardiografie (EKG).

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Verlauf der diabetischen Neuropathie

Der Verlauf einer diabetischen Neuropathie ist unterschiedlich.

  • Subklinische diabetische Neuropathie: Patienten haben keine Beschwerden, aber es liegen bereits Nervenschädigungen vor, die in neurologischen Tests erkennbar sind.
  • Chronisch schmerzhafte Neuropathie: Schmerzen und Taubheitsgefühle. Wenn nach Monaten oder Jahren schmerzleitende Nervenfasern absterben, können die Schmerzen abnehmen.
  • Akute schmerzhafte Neuropathie: Symmetrische Schmerzen in den Füßen und Beinen.
  • Schmerzlose Neuropathie: Keine Beschwerden oder Taubheitsgefühle und Missempfindungen. Empfindungsverlust und fehlende Muskeleigenreflexe bereiten den Patienten Schwierigkeiten zu gehen. Verletzungen und Druckstellen an den Füßen werden oft nicht oder zu spät wahrgenommen.

Menschen mit diabetischer Neuropathie neigen zu Infektion und Geschwüren an den Füßen. Auch Schäden an Knochen und Gelenken kommen vor. Das kann schlimmstenfalls dazu führen, dass der Fuß amputiert werden muss.

Therapie der diabetischen Neuropathie

Eine gute Blutzuckereinstellung kann den Verlauf der Erkrankung bei Typ-1-Diabetes verlangsamen. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ist sind gute Blutzuckerwerte allein weniger gut wirksam, um die diabetische Neuropathie aufzuhalten. Hier spielen auch Blutfette, Blutdruck und Körpergewicht eine Rolle. Bei Typ-2-Diabetes sind daher eine gesunde Ernährung und Lebensweise wichtig, um einem Fortschreiten der Erkrankung entgegenzuwirken.

Bei Schmerzen können die Patienten Medikamente nehmen. Allerdings wirken gängige Schmerzmittel wie Aspirin oder Ibuprofen nicht gut bei diabetischer Neuropathie. Zur Schmerztherapie werden Medikamente eingesetzt, die üblicherweise zur Behandlung von Depressionen und Epilepsie verwendet werden, zum Beispiel Pregabalin oder Duloxetin. Diese verändern auch die Schmerzwahrnehmung: Sie hemmen die Weiterleitung von Schmerzreizen an das Gehirn und helfen besser gegen die Schmerzen bei diabetischer Neuropathie.

Außerdem sollen Alpha-Liponsäure und Benfotiamin, eine Vorstufe von Vitamin B12, einen günstigen Einfluss auf die Nerven haben.

Neben der medikamentösen Schmerztherapie gibt es alternative Behandlungsansätze, zum Beispiel die elektrische Nervenstimulation (TENS) oder Akupunktur. Bisher konnten Studien die Wirksamkeit bei diabetischer Neuropathie jedoch nicht eindeutig belegen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Behandlung ist die Vorbeugung von Fußkomplikationen. Menschen mit diabetischer Neuropathie haben oft rissige und trockene Haut und kleine Verletzungen werden häufig nicht bemerkt. Daher sollten sie täglich die Füße untersuchen, um Verletzungen, Geschwüre und Hautinfektionen rechtzeitig zu bemerken.

Prognose der diabetischen Neuropathie

Eine diabetische Neuropathie ist nicht heilbar, denn die Nervenschäden lassen sich meist nicht rückgängig machen, aber man kann den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. Vor allem durch eine gute Blutzuckereinstellung und gesunde Lebensweise kann die Erkrankung aufgehalten werden.

Hat sich eine Neuropathie manifestiert, können die Schmerzen durch eine Behandlung gelindert werden, aber der Empfindungsverlust bleibt. Für Patienten mit einer fortgeschrittenen Neuropathie ist wichtig zu lernen, mit den körperlichen Einschränkungen umzugehen und im Alltag selbstständig zu bleiben - zum Beispiel durch eine Ergotherapie und Physiotherapie.

Prävention der diabetischen Neuropathie

Bei Typ-1-Diabetes lässt sich einer diabetischen Neuropathie vor allem durch einen gut eingestellten Blutzuckerwert vorbeugen.

Bei Typ-2-Diabetes ist eine gesunde Lebensweise die beste Maßnahme zur Vorbeugung. Dazu gehört eine gesunde Ernährung, viel Bewegung, Gewichtsreduktion bei Übergewicht und der Verzicht auf Alkohol und Nikotin.

Weitere Ursachen und Risikofaktoren der Neuropathie

Neben Diabetes gibt es zahlreiche andere Ursachen und Risikofaktoren für Neuropathie:

Alkoholbedingte Neuropathie

Langjähriger, hoher Alkoholkonsum kann eine Neuropathie auslösen. Alkohol gilt als „Nervengift“ und stört die Weiterleitung von Reizen und Signalen. Bei der Polyneuropathie aufgrund chronischen Alkoholmissbrauchs könnte auch eine Mangelernährung eine Rolle spielen - sie führt zu einem Vitaminmangel, unter anderem zu einer Unterversorgung mit Vitamin B1.

Vitaminmangel

Ein Mangel an Vitamin B12, etwa durch eine einseitige Ernährung oder nach einer Magenoperation, kann eine Polyneuropathie hervorrufen.

Nierenerkrankungen

Nierenerkrankungen können die peripheren Nerven schädigen, da wichtige Nährstoffe vermehrt ausgeschieden werden.

Lebererkrankungen

Auch Lebererkrankungen können eine Neuropathie verursachen.

Schilddrüsenerkrankungen

Sowohl eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) als auch eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) können die Nerven schädigen.

Infektionen

Infektionen mit Viren und Bakterien, z. B. Borreliose, Herpes simplex, Pfeiffersches Drüsenfieber, können eine Neuropathie auslösen.

Autoimmunerkrankungen

Autoimmunkrankheiten, z. B. das Guillain-Barré-Syndrom, können die Nervenscheiden der peripheren Nerven schädigen.

Krebserkrankungen und Chemotherapie

Eine Krebserkrankung selbst oder die Chemotherapie zur Behandlung von Krebs können eine Neuropathie verursachen. Besonders platinhaltige Zytostatika wie Cisplatin fördern die Polyneuropathie.

Gifte und chemische Lösungsmittel

Gifte wie Arsen oder Blei sowie chemische Lösungsmittel wie Kohlenwasserstoffe können eine toxische Polyneuropathie verursachen.

Genetische Faktoren

Seltener sind Nervenschädigungen genetisch bedingt. So gibt es verschiedene angeborene Erkrankungen, die von einer Polyneuropathie begleitet werden, wie z. B. die HMSN (hereditäre motorisch-sensible Neuropathie).

Umweltfaktoren

Aktuelle Studienergebnisse assoziieren erstmals umweltbedingte Risikofaktoren mit der Entstehung distaler sensomotorischer Polyneuropathien (DSPN). Forscher*innen des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Kooperation mit Helmholtz Munich konnten feststellen, dass Menschen mit Adipositas ein erhöhtes Risiko haben, eine DSPN zu entwickeln. Unter den gemessenen Umweltfaktoren der Studie zeigten Luftverschmutzung und insbesondere ultrafeine Partikel die stärkste Assoziation mit der Entwicklung einer DSPN.

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnostik der Krankheit erfordert einige Erfahrung. Der behandelnde Arzt wird Sie zunächst zu Ihrer medizinischen Vorgeschichte und der Intensität und Dauer der Beschwerden befragen, um Hinweise auf mögliche Ursachen zu finden. Gegebenenfalls wird der Neurologe auch untersuchen, ob eine schwere Nierenerkrankung vorliegt, die ebenfalls als Verursacher einer Polyneuropathie in Frage kommt.

Für die Diagnose Polyneuropathie werden verschiedene neurologische Tests und Untersuchungen durchgeführt:

  • Test auf Berührungsempfindlichkeit
  • Test auf Vibrationsempfindlichkeit (Stimmgabeltest)
  • Untersuchung der Muskeleigenreflexe
  • Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie)
  • Untersuchung der Aktivität von Muskeln mithilfe der Elektromyografie
  • Bei Bedarf werden auch Proben des Nervengewebes (Nervenbiopsien) und ggfls. Proben des Muskelgewebes, welches mikroskopisch und histochemisch untersucht wird, sowie das Druck- und Temperaturempfinden untersucht.

Behandlung der Polyneuropathie

Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der festgestellten Ursache und nach dem Beschwerdebild. Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten.

Weitere Behandlungsansätze sind:

  • Physiotherapie und physikalische Maßnahmen: Als langfristige Behandlungen am effektivsten.
  • Rehabilitation: Bei bisherigen Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung.

Prävention und Lebensqualität bei Polyneuropathie

  • Blutzucker kontrollieren: Menschen mit Diabetes kontrollieren am besten regelmäßig ihren Blutzucker und nehmen ärztlich verordnete Medikamente ein.
  • Füße kontrollieren: Eine Polyneuropathie an Beinen oder Füßen erhöht das Risiko für Fußgeschwüre - eine regelmäßige Kontrolle auf Wunden ist also wichtig.
  • Bewegen: Menschen mit Polyneuropathie können bei Schmerzen und Missempfindungen von verschiedenen Angeboten wie Aquagymnastik oder Gehtraining profitieren.
  • Auf Alkohol verzichten: Bei einer durch Alkohol verursachten Polyneuropathie sollte auf Alkohol verzichtet werden, um eine Verschlimmerung zu verhindern.
  • Regelmäßige Bewegung oder Physiotherapie: Sind sehr wichtig, um die Symptome einer Polyneuropathie zu lindern.
  • Ausgewogene Ernährung: Ebenso wichtig wie die Substitution von Vitaminen.

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