Rotwein oder Weißwein: Der Zusammenhang mit Migräne und Kopfschmerzen

Viele Menschen erleben nach dem Genuss von Wein Kopfschmerzen. Oft wird die Menge des konsumierten Alkohols als Ursache vermutet, doch es gibt auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Kopfschmerzen nach Weingenuss, insbesondere im Zusammenhang mit Rot- und Weißwein, und gibt Ratschläge zur Vorbeugung.

Alkohol als Hauptursache für Kopfschmerzen

Wer nach dem Weingenuss Kopfschmerzen verspürt, hat meist das gesunde Maß überschritten. Der Kater lässt sich in aller Regel auf zu viel Alkohol zurückführen. Die Leber ist für 90 Prozent des Alkoholabbaus zuständig. Dabei produziert sie das Enzym Aldehyd-Dehydrogenase (ADH). Es zerlegt den Alkohol erst in Acetaldehyd und anschließend in Essigsäure, die vom Körper abgebaut und schließlich ausgeschieden wird. Acht bis zehn Gramm Alkohol pro Stunde kann die Leber in der Regel abbauen, dies entspricht 100 Milliliter Wein mit einem Alkoholvolumen von 10 bis 13 Prozent.

Trinkt ein Mensch also mehr als 100 Milliliter oder einen stärkeren Wein innerhalb einer Stunde, kommt die Leber mit dem Abbauprozess nicht hinterher. Der wasserlösliche Acetaldehyd dringt ins Gewebe ein und erweitert die Zellen, sodass diese Flüssigkeit an ihre Umgebung abgeben. Der Körper reagiert hierauf unter anderem mit Schwitzen, gleichzeitig sammelt sich aber auch Wasser in der Hirnregion. Weil es dort nicht entweichen kann, führt der entstehende Überdruck zu Kopfschmerzen.

Sie können Kopfschmerzen durch zu viel Alkohol vorbeugen, indem Sie innerhalb einer Zeitspanne nicht mehr Wein trinken, als Ihre Leber gleichzeitig verarbeiten kann. Genießen Sie den Wein stattdessen lieber langsam und in aller Ruhe und trinken Sie zwischendurch Wasser.

Weitere Ursachen für Kopfschmerzen nach Weingenuss

Die Kopfschmerzen können in wenigen Fällen aber auch andere Ursachen haben. Ist der Alkohol nicht schuld an den Kopfschmerzen kann dies am Histamin liegen. Schweflige Säure kann bei empfindlichen Menschen ebenfalls zu Kopfschmerzen führen. Allerdings kommt dies nur in sehr seltenen Fällen vor. Wein wird geschwefelt, um die Haltbarkeit zu verbessern. Weine, die nach dem 25. November 2005 abgefüllt wurden, müssen bei einer Konzentration von mehr als 10 mg/l den Zusatz „enthält Sulfite“ tragen. Meistens führt Schwefel eher zu Bauchschmerzen. Der Schwefelanteil ist jedoch zumindest in deutschen Weinen sehr gering.

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  • Histamin: Der Naturstoff ist in den meisten Rotweinen enthalten. Manche Menschen reagieren darauf empfindlich und bekommen neben juckendem Hautausschlag und Übelkeit zum Teil auch migräneartige Kopfschmerzen. Wer auf histaminfreien Wein zurückgreift, muss auf den Weingenuss dennoch nicht verzichten. Viele Weißweine - insbesondere trockene - sind zudem von Natur aus frei von oder zumindest sehr arm an Histamin. Auch für andere Lebensmittelkategorien stehen Menschen mit Histaminintoleranz zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, um histaminarme Rezepte zuzubereiten.
  • Schwefel: Schweflige Säure kann bei empfindlichen Menschen ebenfalls zu Kopfschmerzen führen. Allerdings kommt dies nur in sehr seltenen Fällen vor. Wein wird geschwefelt, um die Haltbarkeit zu verbessern. Weine, die nach dem 25. November 2005 abgefüllt wurden, müssen bei einer Konzentration von mehr als 10 mg/l den Zusatz „enthält Sulfite“ tragen. Meistens führt Schwefel eher zu Bauchschmerzen. Der Schwefelanteil ist jedoch zumindest in deutschen Weinen sehr gering.
  • Biogene Amine: Erst seit wenigen Jahren weiß man, woher die beschriebenen Beschwerden kommen und man forscht intensiv an deren Ursprung und Wirkung: Es geht um biogene Amine. Biogene Amine sind Eiweißabbauprodukte. Sie sind natürliche Bestandteile in vielen Nahrungsmitteln, vor allem in gereiftem Käse, Wein, Bier, dort vor allem im Weißbier, im Sauerkraut und, in hoher Dosierung, in Fischprodukten und Salami. Die häufigste Lebensmittelunverträglichkeit, die von biogenen Aminen ausgeht, bezieht sich auf das bekannte Histamin, doch es ist nicht das einzige Amin, das empfindlichen Personen zusetzt, da einige Amine synergetische Effekte auslösen. Im Wein sind biogene Amine gut dokumentiert. Histamin wird im menschlichen Körper aktiv gebildet und ist an der Steuerung verschiedener Körperfunktionen wie Magensaftsekretion, Zellwachstum und Zelldifferenzierung beteiligt. Wer auf Histamine reagiert ist nicht allergisch, sondern man spricht von einer Intoleranz. Die Diaminoxidase ist ein empfindliches körpereigenes Enzym, das von biogenen Aminen, Alkohol und dessen Abbauprodukt Acetaldehyd in seiner Wirkung gehemmt werden kann. Das Enzym, das im Körper den Abbau des Alkohols bewirkt, die sogenannte Alkoholdehydrogenase (ADH), konkurriert mit anderen Enzymen um den benötigten Sauerstoff. Bei gleichzeitiger Aufnahme von Alkohol und biogenen Aminen hat der Abbau des Alkohols Priorität und das Histamin beginnt sich im Körper anzureichern. Obwohl Wein im Vergleich zu Käse, Rohwurst und Fisch (für Fisch gibt es in der EU bereits einen Histamin-Grenzwert) normalerweise geringe Mengen Histamin enthält, wird er am häufigsten als Auslöser oben genannter Beschwerden genannt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der gleichzeitige Genuss von Alkohol und histaminreichen Nahrungsmitteln wie z.B. Käse und Salami zu Rotwein kann also bei dafür disponierten Menschen schnell zu besagten Beschwerden führen.
  • Quercetin: Forschende der University of California sind dem Rätsel jetzt auf den Grund gegangen. Der Name des Hauptverdächtigen: Quercetin. Der Pflanzenstoff gehört zu den sogenannten Flavanolen. Eigentlich gilt er als besonders gesund: Er wirkt antioxidativ und damit zellschützend. In Kombination mit Alkohol aber kann Quercetin offenbar Probleme bereiten. Wenn Quercetin in den Blutkreislauf gelangt, wandelt der Körper es in eine andere Form um, die Quercetin-Glucuronid genannt wird. In dieser Form blockiert es aber die Verstoffwechselung von Alkohol. Normalerweise wird Alkohol im menschlichen Körper zunächst zu Acetaldehyd umgewandelt. Dabei handelt es sich um einen Giftstoff, der in höheren Konzentrationen Gesichtsrötungen, Kopfschmerzen und Übelkeit verursachen kann. Den Giftstoff wandelt der Körper mithilfe des Enzyms Aldehyd-Dehydrogenase (ALDH) in das unschädlichere Acetat um. Quercetin-Glucuronid scheint eben diesen Schritt zu hemmen. Infolgedessen kann sich Giftstoff im Körper anreichern. Wie hoch der Quercetingehalt von Rotwein ist, hängt vor allem davon ab, wie viel Sonne die Trauben während der Reifung abbekommen haben. Bei Weinen aus sehr sonnigen Lagen kann er vier bis fünfmal höher sein als bei weniger sonnenverwöhnten Weinen. Auch die Lagerung in Holzfässern steigert den Quercetingehalt von Rotwein: Die Substanz ist auch im Holz enthalten und geht während der Lagerung langsam in den Wein über.

Rotwein als Migräne-Trigger

Das Leben von Migräne-Patienten ist stark beeinträchtigt. Jeder Anfall ist einer zu viel. Deshalb wird alles versucht, um Attacken zu verhindern. Eine Möglichkeit ist die Vermeidung möglicher Auslöser, zu denen bei vielen Patientinnen und Patienten auch Alkohol gehört. Mit dem Verzicht auf Rotwein & Co. sind Betroffene gut beraten, denn Alkohol ist ein Migräne-Trigger. Ob und welche Trigger infrage kommen, muss jeder Patient für sich selbst testen, indem er versucht, alle potenziellen Migräne-Auslöser auszuschalten.

Ganz neu ist die Erkenntnis nicht, dass Alkohol, insbesondere Rotwein, oft in Kombination mit anderen möglichen Auslösern einer der Triggerfaktoren für Migräne-Attacken ist. Trotzdem werden die Zusammenhänge von Migräne und Alkohol in der Fachwelt z. T. kontrovers diskutiert, weil zuweilen auch angezweifelt wird, dass Alkohol ein eigenständiger Migräne-Trigger ist. So meinen die Autoren einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2019, dass Rotwein als Auslöser von Migräne-Attacken überbewertet werde. Die Studie zeigte, dass Rotwein zwar bei einem Großteil der rund 2.000 befragten erwachsenen Migräne-Patienten oft schon kurz nach dem Genuss einen Anfall auslöst, auch wenn nur bei rund neun Prozent der Patienten immer und jedes Mal der Fall ist. Keinesfalls, sagt der Neurologe Professor Dr. Hans-Christian Diener, Seniorprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Für ihn wie auch für andere Experten steht das Triggerpotenzial von Alkohol außer Frage, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie groß der Einfluss gerade von Rotwein wegen besonders hoher Anteile an Migräne-auslösenden Inhaltsstoffen tatsächlich ist. Ratsam sei vielmehr, alle vermeidbaren möglichen Migräne-Auslöser so gut es geht zu meiden. Und so wenig wie möglich Alkohol zu trinken, statt eine Attacke zu riskieren, dürfte im Vergleich zu anderen Auslösern für die meisten eine der leichteren Übungen sein.

Manche Menschen vertragen Rotwein schlecht: Schon ein kleines Glas verursacht bei ihnen heftige Kopfschmerzen. Am Alkohol allein liegt es oft nicht - denn Weißwein wird von denselben Personen häufig besser vertragen.

Aktuelle Studienlage zum Thema Migräne und Alkohol

Eine aktuelle Studie zeigte, dass Rotwein nur bei 8,8% der Patienten immer eine Migräneattacke auslöst. Die Studienautoren zweifeln daher an, dass Alkohol/Rotwein ein eigenständiger Migräne-Trigger ist. Die neue Studie belegt, dass der Konsum von Rotwein bei „nur“ knapp neun Prozent der Mirgäne-PatientInnen konstant einen Migräne-Anfall auslöst. Die StudienleiterInnen zweifeln daher, ob alkoholische Getränke eigenständige Trigger für Migräne seien.

Professor Dr. „Selten ist nur ein einziger Trigger für den Ausbruch eines Migräneanfalls verantwortlich, meist kommen mehrere Auslöser zusammen. Rotwein kann man leicht umgehen, andere Migräneauslöser, wie z.B. Hormonschwankungen oder Wetterumschwünge, aber nicht. Deswegen ist es klug, auf vermeidbare Auslöser zu verzichten, um das Risiko für das Auftreten von Migräneattacken geringer zu halten. Die Studie sollte keinesfalls so interpretiert werden, dass Migränepatienten ruhig Rotwein trinken sollten - Alkohol, insbesondere Rotwein, bleibt ein Migräne-Trigger, nicht geklärt ist nur, wie groß sein Einfluss tatsächlich ist. Migränepatienten sind immer gut beraten, jeden vermeidbaren Auslöser einer Migräneattacke zu umgehen.“

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Weitere mögliche Trigger für Migräne

Migräne zählt zu den neurologischen Erkrankungen, deren Ursachen noch nicht vollständig erforscht sind. Auch ungewohnte, „extreme“ Sinneswahrnehmungen wie Lärm, visuelle Reize oder Gerüche können Migräneanfälle auslösen. 1.547 von den 2.197 Befragten gaben an, Alkohol zu konsumieren. Von den Befragten erklärten insgesamt 783 Patienten (35,6%), dass Alkohol bei ihnen Kopfschmerzattacken auslöst. Unter den 1.547 Befragten, die gelegentlich Alkohol trinken, war der Anteil sogar noch höher: In dieser Gruppe gaben 42,5% an, dass Alkohol bei ihnen ein Migräne-Trigger sei. Die Studie untersuchte auch, welche alkoholischen Getränke besonders häufig zu Migräneattacken führen. Am häufigsten wurde Wein, insbesondere Rotwein, genannt. Es wird vermutet, dass bestimmte, in Rotwein enthaltene Inhaltsstoffe wie Histamin, Tyramin oder Phenylethylamin diesen Effekt verursachen könnten. Andererseits berichteten aber nur 8,8% der Studienteilnehmer, dass Rotwein bei ihnen immer und ausnahmslos zu Migräneanfällen führt. Die Studienautoren zweifeln daher an, dass Alkohol/Rotwein ein eigenständiger Trigger ist. Fakt sei aber, dass Migräne das Konsumverhalten von Alkohol verändert, viele Patienten nehmen Abstand.

Was tun bei Kopfschmerzen nach Weingenuss?

  • Viel Wasser trinken: Übermäßiger Alkoholkonsum dehydriert den Körper. Versuchen sie deshalb möglichst viel Wasser zum Wein zu trinken, das hilft enorm.
  • Langsam genießen: Sie können Kopfschmerzen durch zu viel Alkohol vorbeugen, indem Sie innerhalb einer Zeitspanne nicht mehr Wein trinken, als Ihre Leber gleichzeitig verarbeiten kann. Genießen Sie den Wein stattdessen lieber langsam und in aller Ruhe und trinken Sie zwischendurch Wasser.
  • Histaminarme Weine wählen: Wer auf histaminfreien Wein zurückgreift, muss auf den Weingenuss dennoch nicht verzichten. Viele Weißweine - insbesondere trockene - sind zudem von Natur aus frei von oder zumindest sehr arm an Histamin.
  • Auf andere Trigger achten: Migränepatienten sind immer gut beraten, jeden vermeidbaren Auslöser einer Migräneattacke zu umgehen.

Der Einfluss des Klimawandels und moderner Weinbereitung

Der Klimawandel hat zu früherer Reife mit besser ausgereiften Trauben geführt. Dies führt zu schnellerem Abbau der Apfelsäure in der Traube und damit zu höheren pH-Werten. Zeitgleich mit dem Klimawandel haben sich die Geschmacksgewohnheiten in Richtung eines Geschmackbildes mit milder, weicher Säure, sattem, fast süßem Körper und möglichst schwarzer Farbe verändert. Die für das modische Geschmacksbild typischen hohen pH-Werte fördern die Vermehrung von Bakterien, weil die mikrobielle Wirkung des Schwefeldioxids exponentiell abnimmt. Früher wurde die Schwelle von pH 3.4, ab der die Vermehrung der Schadbakterien einsetzt, kaum erreicht. Heute gibt es kaum noch Rotweine mit niedrigeren pH-Werten und auch viele Weißweine liegen darüber. Die Schadbakterien sind die Hauptproduzenten der biogenen Amine. In den warmen Klimazonen der EU und allen außereuropäischen Weinländern dürfen zu hohe pH-Werte durch systematische Aufsäuerung ‚korrigiert’ werden und so künstlich auf sicheren Schutz gegen Schadbakterien eingestellt werden. Die zahlreichen Untersuchungen zu biogenen Aminen im Wein ergaben, dass nicht nur Art und Dauer der Weinbereitung, sondern auch Klima und Nährstoffversorgung, ja sogar die Rebsorte Einfluss auf die Konzentration an Polyaminen haben. Histamin, das gesundheitlich bedenklichste Amin, kommt dabei im Ausgangsmost nur in geringer Konzentration vor. Seine Bildung erfolgt während der Hauptgärung, mehr noch aber während des biologischen Säureabbaus, sowie während der Reifephase im Keller. Durch Bakterien auf den Trauben und durch falsche Mikroflora im Weinkeller kann es zu Kontaminationen mit schädlichen Milchsäurebakterien kommen, aber auch bestimmte wilde Hefen, die sich in der frühen Phase der alkoholischen Gärung vermehren, können Histamin produzieren.

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