Gefährliche Heilsversprechen: Wenn Alternativmedizin Leben kostet

Der Fall Maria Signer, beleuchtet durch Recherchen von RTL und Correctiv.org, wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Seite der Alternativmedizin und die potenziell verheerenden Folgen, wenn Patienten sich von evidenzbasierten Behandlungen abwenden. Die Geschichte von Maria Signer ist eine tragische Mahnung, wie falsche Heilsversprechen und der Glaube an unbewiesene Methoden Menschen in den Ruin treiben und sogar das Leben kosten können.

Der Beginn einer Suche

Maria Signer, eine Radiomoderatorin, war eine Frau auf der Suche. Nach einer schweren Kindheit und dem Verlust ihrer an Krebs erkrankten Mutter, kämpfte sie mit Rastlosigkeit und einem schwierigen Charakter. In Günther Reimann fand sie einen Partner, der sie glücklich machen wollte, ihr Temperament liebte und ihre Suche nach Erfüllung unterstützte. Doch Maria suchte ihr Glück außerhalb der Beziehung, in der Spiritualität.

Der Abstieg in die Alternativmedizin

Durch Paartherapie, Persönlichkeitscoaching und Energiearbeit geriet Maria in den Dunstkreis der Geistheiler-Szene. Sie lernte Sabine Rohwer kennen, eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Reimann beobachtete mit Sorge, wie Maria immer ängstlicher wurde und sich von der Schulmedizin abwandte. Sie fürchtete sich vor angeblich krebsauslösenden Pilzen im Schwimmbad, trank kein Wasser mehr aus Plastikflaschen und verbannte das Handy aus dem Auto. Fernsehen wurde tabu.

Die fatale Krebsdiagnose

Im Jahr 2012 erkrankte auch Maria Signers Schwester an Krebs und verstarb. Kurz darauf erhielt Maria selbst die Diagnose Brustkrebs. Entschlossen, es anders zu machen als ihre Mutter und Schwester, wandte sie sich der Alternativmedizin zu. Sie lehnte Chemotherapie, Hormonbehandlung oder Bestrahlung ab, obwohl mindestens eine dieser Behandlungen angebracht gewesen wäre, so Professor Gerhard Ehninger vom Uniklinikum Dresden. Stattdessen fastete sie drei Monate lang und glaubte, den Krebs besiegt zu haben.

Die Rückkehr des Krebses und die Animata Charité

2014 kamen Reimann und Signer wieder zusammen. Doch Ende des Jahres entdeckte sie Knoten an Schulter und Kopf. Sie suchte ihre Heilerin auf, die die Knoten als unproblematisch einstufte und auf eine Übersäuerung des Körpers zurückführte. Im Januar 2015 erlitt Maria einen Zusammenbruch und wurde ohnmächtig. Ein Besuch in der Notaufnahme brachte die schreckliche Wahrheit ans Licht: Der Brustkrebs war zurück, hatte sich auf Haut, Lymphknoten, Lunge und Gehirn ausgebreitet.

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In ihrer Verzweiflung willigte Maria ein, sich im Zentrum der Heilerin behandeln zu lassen, der Animata Charité in Eutin. Reimann übernahm die Kosten, die sich auf etwa 18.000 Euro im Monat beliefen. Doch schon bald hatte er den Eindruck, dass die Heilerin andere Behandlungen unterbinden wollte und er ständig hinterher sein musste, damit Maria die richtigen Medikamente bekam.

Isolation und Manipulation

Reimann wurde zunehmend kritischer gegenüber den Methoden der Heilerin. Diese schien jedoch einen Keil zwischen ihn und Maria zu treiben, indem sie seine negative Einstellung für Marias fehlende Fortschritte verantwortlich machte. Die Sektenkennerin Sabine Riede von der Beratungsstelle „Sekteninfo NRW“ bestätigt, dass Heiler bei Kritik häufig versuchen, Patienten von ihren Angehörigen zu isolieren, um ihre Kontrolle zu festigen.

Im April 2015 schlug Sabine Rohwer vor, dass Maria und Günther heiraten sollten. Reimann war begeistert und bereitete alles vor. Doch Rohwer riet Maria, den Ehevertrag nicht zu unterschreiben, was zum Bruch zwischen Reimann und der Heilerin führte. Reimann durfte Maria nicht mehr besuchen.

Das tragische Ende

Als sich Marias Zustand weiter verschlechterte, suchte Reimann eine Pflegerin aus, die sich um sie kümmern sollte. Doch auch hier schien Rohwer die Nähe zwischen Pflegerin und Patientin zu stören. Im Mai 2016, als Maria todkrank war, verließ sie das Heilzentrum und irrte mit Reimann durch Kliniken. Im Juli schlug eine Kombination aus Hormon- und Immuntherapie zunächst an, musste aber aufgrund einer Infektion abgebrochen werden.

Am 25. August, im Hospiz, wollte Maria ein letztes Mal Sabine Rohwer sehen. Nach dem Gespräch erhielt Reimann eine Rechnung über 4.000 Euro. Maria Signer starb am 30. August.

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Die bittere Bilanz

Reimann hatte in 16 Monaten fast 290.000 Euro an die Animata GmbH und die Animata Charité bezahlt. Maria Signer war spätestens seit der Tumor ins Hirn metastasierte wohl nicht mehr heilbar. Eine angemessene Chemotherapie und Bestrahlung aber hätten ihr Leben um Monate oder Jahre verlängert, so der Onkologe Gerhard Ehninger.

Die Rolle der Sabine Rohwer

Sabine Rohwer war während der Tragödie Vorsitzende des „Dachverbands Geistiges Heilen e.V.“, der wichtigsten Organisation von Geistheilern Deutschlands. Sie hat viele Heiler selbst ausgebildet und ist eine zentrale Figur der Szene. Für Reimann ist sie mehr als nur ein schwarzes Schaf. Er erstattete Strafanzeige wegen gewerbsmäßigen Betruges, Wuchers, Misshandlung Schutzbefohlener, unterlassener Hilfeleistung und vorsätzlicher Körperverletzung.

Die unterschätzte Gefahr der Geistheilerei

Für die Sektenkennerin Sabine Riede sind Geistheiler eine unterschätzte Gefahr. Die Problemfälle, die an ihr Büro gemeldet werden, häufen sich. Die Branche ist gesetzlich kaum geregelt. Um sich rechtlich abzusichern, reicht es, wenn die Geistheiler in ihren Räumen ein Schild aufstellen, dass sie nicht vom Arztbesuch abraten und keine Diagnosen durchführen. Was dem Patienten im Gespräch suggeriert wird, weiß niemand.

Die Reaktion des Dachverbands

Reimann wandte sich mit einem Brief an den Dachverband der Geistheiler und fragte, ob Rohwer nicht klar gegen den Ethikkodex verstoßen habe. Der Verband antwortete, man sei nicht zuständig, da Rohwer persönlich beim Verband Mitglied sei, nicht die Animata GmbH.

Die Konsequenzen

Reimann findet keine Ruhe und braucht therapeutische Hilfe. Sabine Rohwer praktiziert immer noch und ist Geschäftsführerin eines neuen Zentrums, Holistic Care GmbH in Hamburg. Als Anwendungsbereiche werden alle möglichen Krankheiten genannt: Herzprobleme, Rheuma, Multiple Sklerose, Demenz.

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Die Lehren aus dem Fall Maria Signer

Der Fall Maria Signer zeigt auf tragische Weise, wie gefährlich es sein kann, sich von der Schulmedizin abzuwenden und auf unbewiesene Methoden der Alternativmedizin zu vertrauen. Es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen, welche Versprechungen gemacht werden und sich nicht von falschen Hoffnungen blenden zu lassen. Eine fundierte medizinische Beratung und eine evidenzbasierte Behandlung sind unerlässlich, um die bestmögliche Chance auf Heilung oder Linderung zu haben.

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