Querschnittlähmung: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Eine Querschnittlähmung ist eine schwerwiegende Schädigung des Rückenmarks, die zu Lähmungen, Empfindungsstörungen und Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktion führt. Die Bezeichnung Querschnittlähmung ist zwar griffig, aber ungenau, denn jede Querschnittlähmung ist anders. Sie entsteht meist durch eine Verletzung des Rückenmarks, seltener durch andere Ursachen wie Bandscheibenvorfälle, Rückenmarkentzündungen oder -tumoren. In Deutschland leben schätzungsweise 40.000 Menschen mit Querschnittlähmung.

Was ist das Rückenmark?

Das Rückenmark ist eine Art Verbindungsleitung zwischen Gehirn und Körper. Es befindet sich in einem knöchernen Kanal in der Wirbelsäule und wird in funktionelle Einheiten, sogenannte Segmente, unterteilt. Insgesamt gibt es 31 Rückenmarkssegmente, in denen jeweils die Wurzelfasern der Nerven aus- bzw. eintreten.

Das Rückenmark gehört zum zentralen Nervensystem (ZNS), einem komplexen Netzwerk, das unseren Körper steuert. Im Rückenmark verlaufen wichtige Nervenbahnen, die vom Gehirn elektrische Impulse zu den Muskeln funken. Umgekehrt leiten bestimmte aufsteigende Nerven im Rückenmark sensorische Wahrnehmungen wie Druck, die Empfindung von Wärme und Kälte, Schmerzen und Signale von den Muskeln „hoch“ an das Gehirn. Autonome Nerven sorgen dafür, dass z.B. Blase und Darm funktionieren. Diese Funktionsbereiche des Rückenmarks sind bei einer Querschnittslähmung mehr oder weniger gestört.

Ursachen einer Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung kann verschiedene Ursachen haben. Man unterscheidet traumatische und nicht-traumatische Ursachen.

Traumatische Ursachen

Traumatische Querschnittlähmungen entstehen durch äußere Gewalteinwirkung auf die Wirbelsäule und das Rückenmark. Häufige Ursachen sind:

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  • Verkehrsunfälle
  • Stürze
  • Sportunfälle
  • Gewaltverbrechen

In Deutschland sind jährlich rund 2.000 Menschen oftmals aufgrund eines Unfalls im Straßenverkehr oder beim Sport neu querschnittsgelähmt. Man spricht in diesen Fällen von einer traumatischen Querschnittslähmung; sie trifft vor allem Männer um die 40. Da das Rückenmark geschützt in dem knöchernen Wirbelkanal liegt, werden seine Nervenbahnen i.d.R. nicht direkt durchtrennt. Bei den anderen Betroffenen dagegen - sie machen gut die Hälfte aus - sind Tumoren, Durchblutungsstörungen, Entzündungen des Rückenmarks, die bei der Kinderlähmung oder Multiplen Sklerose auftreten können, ein Bandscheibenvorfall, Infektionskrankheiten oder Autoimmunerkrankungen Ursache einer sog.

Nicht-traumatische Ursachen

Nicht-traumatische Querschnittlähmungen werden durch Erkrankungen oder Schädigungen des Rückenmarks verursacht, die nicht auf äußere Gewalteinwirkung zurückzuführen sind. Dazu gehören:

  • Bandscheibenvorfälle
  • Rückenmarkentzündungen (Myelitis)
  • Tumoren des Rückenmarks
  • Durchblutungsstörungen des Rückenmarks
  • Multiple Sklerose
  • Kinderlähmung
  • Infektionskrankheiten
  • Autoimmunerkrankungen
  • Angeborene Fehlbildungen (z. B. Spina bifida)

In seltenen Fällen ist die Querschnittslähmung angeboren, und zwar wenn sich in der embryonalen Entwicklung im Mutterleib das Neuralrohr, das sich später zum Rückenmark entwickelt, nicht schließt und ein Wirbelspalt offenbleibt.

Formen der Querschnittlähmung

Je nachdem, auf welcher Höhe und wie schwer das Rückenmark der Betroffenen beschädigt ist, ist das Querschnittsyndrom komplett oder inkomplett. Im ersten Fall sind unterhalb der letzten beiden Wirbelkörper (Kreuzbeinwirbel 4 und 5) sämtliche motorische und sensible Funktionen ausgefallen. Das heißt, in der Anus-Region funktioniert der Schließmuskel nicht. Die Betroffenen fühlen dort auch nichts mehr.

Die wichtigsten Unterschiede der verschiedenen Querschnitt-Formen sind:

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Tetraplegie (Tetraparalyse)

Bei einer kompletten oder inkompletten Tetraplegie ist das Rückenmark im Halsbereich verletzt. Arme, Beine und der gesamte Rumpf sind ganz oder zum Teil gelähmt, wobei auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann. Liegt der Rückenmarkschaden z. B. oberhalb des vierten Halswirbels, kann es zu einer Zwerchfelllähmung kommen, die eine künstliche Beatmung erforderlich macht.

Paraplegie (Paraparalyse)

Hat das Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule Schaden erlitten, sind beide Beine und Teile des Rumpfes gelähmt. Diese Form der Querschnittslähmung wird in der Fachsprache Paraplegie genannt.

So gibt es vier Hauptformen der Querschnittslähmung: Paraparese, Tetraparese, Paraplegie und Tetraplegie, wobei es sich hierbei lediglich um eine grobe Einteilung handelt. Die individuelle Ausprägung kann sehr unterschiedlich ausfallen.

  1. Paraparese tritt häufig infolge von Schädigungen des Rückenmarks im Bereich der unteren Wirbelsäule auf und führt zu einer abgeschwächten Muskelfunktion in den Beinen, was das Gehen und Stehen beeinträchtigt.
  2. Tetraparese entsteht durch Schädigungen des oberen Rückenmarks oder des Gehirns und führt zu einer verminderten Muskelkraft in allen vier Gliedmaßen.
  3. Paraplegie resultiert aus einer kompletten Durchtrennung oder schweren Schädigung des Rückenmarks im Bereich der unteren Wirbelsäule, was zu einer vollständigen Lähmung und dem Verlust der Sensibilität in den Beinen führt.
  4. Tetraplegie ist die Folge einer schweren Schädigung des oberen Rückenmarks oder des Gehirns, die eine vollständige Lähmung der Arme und Beine verursacht.

Komplette und inkomplette Querschnittlähmung

Bei einer kompletten Querschnittlähmung ist das Rückenmark auf einer Höhe komplett durchtrennt. Wird das Rückenmark durch eine Verletzung vollständig durchtrennt, können keine Befehle vom Gehirn über die verletzte Region hinweggeleitet werden. Folge ist ein spinaler Schock - unterhalb der verletzten Stelle "tut sich gar nichts mehr", die Muskeln sind gelähmt und völlig schlaff, die Reflexe vollkommen erloschen.

Bei einer inkompletten Querschnittlähmung sind noch einige Nervenfasern intakt. Dies führt zu unterschiedlichen Ausfallerscheinungen, je nachdem welche Nervenbahnen betroffen sind.

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Schlaffe und spastische Lähmung

Eine schlaffe Lähmung ist eine Form der Muskellähmung, bei der die betroffenen Muskeln schlaff und kraftlos sind, oft infolge einer Schädigung der Nerven, die diese Muskeln versorgen.

Eine spastische Lähmung zeichnet sich durch eine erhöhte Muskelspannung (Tonus) und unwillkürliche Muskelkontraktionen aus, die durch Schädigungen im zentralen Nervensystem verursacht werden. Man spricht von einer Tetraspastik, wenn Arme und Beine aufgrund einer Schädigung der Bahnen der Willkürmotorik gelähmt sind. Diese auch als Pyramidenbahnen bezeichneten Bündel von Nervenfasern gehen von verschiedenen Regionen der Großhirnrinde aus, verlaufen überwiegend zum Rückenmark und aktivieren motorische Nerven. Durch das Fehlen der willkürlichen Kontrolle über die Bewegungen kommt es zu einer Enthemmung einfacher primitiver Verschaltungen innerhalb des Rückenmarks.

Symptome einer Querschnittlähmung

Welche Folgen eine Rückenmarkverletzung hat, hängt davon ab, wo das Rückenmark geschädigt wurde: Je höher die Verletzung liegt, desto mehr Leitungsbahnen vom oder zum Gehirn sind betroffen und desto umfangreicher sind die Ausfälle. Bei 60 % der Querschnittgelähmten ist die Armbeweglichkeit erhalten (Paraplegie). Ungefähr 40 % der Querschnittgelähmten haben eine Tetraplegie, d. h. Neben Armen und Beinen sind auch andere Muskeln von einer Querschnittlähmung betroffen. So zum Beispiel die Muskulatur von Bauch und Rücken sowie die Atemhilfsmuskulatur (Hals-, Brust- und Bauchmuskeln) und die Atemmuskulatur (Zwerchfell).

Die Symptome einer Querschnittlähmung sind vielfältig und hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Schädigung ab. Grundsätzlich lassen sich motorische, sensible und vegetative Störungen unterscheiden.

Motorische Störungen

Die motorischen Störungen äußern sich in Lähmungen der Muskulatur unterhalb der Verletzungshöhe. Je nach Höhe der Schädigung können die Beine (Paraplegie) oder Arme und Beine (Tetraplegie) betroffen sein.

Sensible Störungen

Durch Schädigung der sensiblen Nerven empfindet der Betroffene keine Berührung mehr, außerdem werden auch Schmerzen oft nicht weitergeleitet. Dadurch besteht die Gefahr, dass lebensbedrohliche Erkrankungen wie z. B. eine Blinddarmentzündung nicht bemerkt werden.

Vegetative Störungen

Besondere Bedeutung hat auch die Schädigung der vegetativen Nerven: Typische Folgen der Nervenschädigung sind Störungen der Blasenfunktion, die sich entweder in Urinverhalt (d. h. der Patient kann spontan kein Wasser lassen), in Inkontinenz (der Betroffene kann den Urin nicht halten) oder auch in einer Kombinationen aus beidem äußert. Außerdem verliert der Patient meist die Kontrolle über den Stuhlgang.

Weitere mögliche Symptome sind:

  • Spastik (Muskelverkrampfungen)
  • Schmerzen
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Kreislaufstörungen
  • Atemprobleme
  • Verdauungsprobleme
  • Psychische Probleme (z. B. Depressionen)

Der spinale Schock

Der sog. spinale Schock tritt unmittelbar, meist 30 bis 60 Minuten, nachdem das Rückenmark bei einem Unfall schwer verletzt wurde, auf. Unterhalb dieser Verletzung fallen alle sensiblen, motorischen und vegetativen Nervenfunktionen aus, und zwar unabhängig davon, wie schwer und wie dauerhaft die Schädigung in Wirklichkeit ist. Der Verlust der zentralen Kontrolle über die Gefäßsteuerung führt zu einem „Versacken“ des Blutvolumens im Körper. Die Herzfrequenz kann nur bedingt gesteuert werden und der Blutdruck fällt ab.

Der spinale Schock, der mit einer schlaffen Lähmung der Muskeln einhergeht, kann wenige Stunden, aber auch Tage oder Wochen andauern. Neben den Lähmungen der Gliedmaßen und Rumpfmuskulatur leiden viele Betroffene an einer Harninkontinenz und/oder Stuhlinkontinenz. Sie können die Blase nicht kontrollieren und sie nicht aktiv entleeren. Es kommt zu einer maximalen Fühlung der Blase mit mehr als 1,5 Liter Urin. Erst dann gehen kleinere Urinmengen durch den Überdruck ab. Der Stuhlgang ist in der frühen Phase meist nur mit Hilfen wie Abführmittel, Einläufen und Darmmassage möglich. Erst später kommt es zu spontanem unkontrolliertem Stuhlabgang.

Erst wenn sich der Kreislauf wieder stabilisiert hat und sich der spinale Schock nach und nach löst, können die Fachärzte den wirklichen Grad der Behinderung feststellen, denn dann werden Rückenmarksnerven unterhalb der verletzten Stelle wieder aktiv. Besteht ein vollständiger Ausfall aller Funktionen über 24 Stunden nach der Verletzung und Stabilisierung des Kreislaufs hinaus, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Rückbildung der Lähmung stark ab. In anderen Fällen zeigt sich erst im Laufe der ersten Tage das vollständige Ausmaß der Schädigung, denn sowohl der spinale Schock als auch die Begleitverletzungen verschleiern oft das Ausmaß der Beeinträchtigung.

Diagnose einer Querschnittlähmung

Bei Verdacht auf eine Rückenmarkverletzung laufen Diagnose und Behandlung fast gleichzeitig ab. Zuerst steht die Sicherung von Herz-Kreislauf- und Atemfunktion im Vordergrund, denn eine gute Sauerstoffversorgung ist auch bei Rückenmarkverletzungen für das Überleben von Nervenzellen wichtig. Gerade beim spinalen Schock ist der Herzschlag jedoch oft zu langsam und der Blutdruck zu niedrig, was kontrolliert behandelt werden muss.

Röntgenaufnahmen, ein CT oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) dienen der Suche nach Wirbelsäulen- und Rückenmarkverletzungen und ermöglichen die Entscheidung, ob eine Operation, z. B. zur Stabilisierung von Wirbelkörpern, notwendig ist.

Von zentraler Bedeutung bei der Diagnose einer akuten Querschnittslähmung ist der Zeitfaktor. Eine Chance auf eine Rückbildung einer kompletten Querschnittlähmung besteht nur innerhalb der ersten 24 Stunden. Eine wesentliche Rolle spielen die bildgebenden Verfahren. Nach Erheben der Verdachtsdiagnose sollte zeitnah zumindest ein Computertomogramm (CT) und falls erforderlich ein Magnetresonanztomogramm (MRT) erfolgen. Bei einem Unfall muss allerdings zuerst nach lebensbedrohlichen Verletzungen der Lunge, des Bauches oder des Kopfes geschaut werden.

Bilder der Computer- und Magnetresonanztomografie zeigen, wo und in welchem Ausmaß das Rückenmark beschädigt ist. Anhand der bildgebenden Verfahren können die Ärzte auch entscheiden, ob und wie dringend der Betroffene operiert werden muss. Besteht noch eine Chance, das Rückenmark durch eine Entlastung, in der Fachsprache Dekompression genannt, zu retten, erfolgen die Eingriffe mit hoher Dringlichkeit zum ersten vertretbaren Zeitpunkt. Das ist besonders bei instabilen Wirbelbrüchen der Fall, das heißt, wenn Bruchstücke des Wirbels auf das Rückenmark drücken und weitere Schäden hervorrufen können. Ist das Rückenmark jedoch unwiederbringlich zerstört, dient ein Eingriff nur der Herstellung der Stabilität und ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Rehabilitation.

Menschen mit einer Verletzung des Rückenmarks sollten in einem spezialisierten Querschnittszentrum versorgt werden. Vor der Therapieentscheidung nehmen die Ärzte umfassende Untersuchungen vor: Sie bestimmen, wie viel restliche Muskelkraft in den Körperbereichen unterhalb der Rückenmarksverletzung und inwieweit noch Reflexe und Empfindungsvermögen vorhanden sind. Beeinträchtigungen der Organe stellen sie u.a. durch spezielle Untersuchungen fest.

Behandlung einer Querschnittlähmung

Die akute Therapie der Querschnittlähmung erfordert eine intensivmedizinische Behandlung mit Stabilisierung von Kreislauf und Atmung. Wenn nötig erfolgt eine Operation, z. B. um Wirbelkörper zu stabilisieren.

In der Phase des spinalen Schocks muss der Verletzte oft auf einer Intensivstation betreut werden. Er ist extrem komplikationsgefährdet, da er nicht nur gelähmt ist, sondern auch viele vegetative Funktionen wie etwa die Gefäß- und Temperaturregulation ausfallen. Um einem Wundliegen vorzubeugen, wird der Patient regelmäßig umgelagert, was wegen der knöchernen Wirbelsäulenverletzungen oft nur mit Spezialbetten möglich ist. Die Atmung ist lähmungsbedingt oft beeinträchtigt (bis hin zur Beatmungsnotwendigkeit), es drohen Herzrhythmusstörungen.

Eng verzahnt mit der Akut-Behandlung sind erste Schritte der Rehabilitation, die i.d.R. schon in der Akutphase auf der Intensivstation vorgenommen werden.

Mit zunehmender Stabilisierung seines Zustands lernt der Betroffene in spezialisierten Kliniken und unter Einsatz von Hilfsmitteln, seine Restfunktionen bestmöglich zu nutzen. Möglicherweise ist es sinnvoll, bewegungsfähige Muskeln operativ "umzusetzen", damit sie wichtige ausgefallene Funktionen übernehmen können. Manchmal kann die Hand-, Atem- oder Blasenfunktion durch elektrische Stimulationsgeräte unterstützt werden. Bislang gelingt es aber nicht, das Rückenmark, z. B. durch Medikamente, zu heilen.

Konservative Behandlung

Die konservative Behandlung umfasst verschiedene Maßnahmen, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

  • Physiotherapie: zur Stärkung derRestfunktionen und zur Vorbeugung von Komplikationen
  • Ergotherapie: zum Erlernen vonAlltagstätigkeiten und zumAnpassen derUmgebung
  • Logopädie: bei Schluck- undSprachstörungen
  • Psychotherapie: zur Bewältigung der seelischen Belastung
  • Medikamentöse Therapie: zur Behandlung von Schmerzen, Spastik, Blasenfunktionsstörungen und anderen Symptomen

Operative Behandlung

Eine Operation kann erforderlich sein, um die Wirbelsäule zu stabilisieren, das Rückenmark zu entlasten oder Komplikationen zu behandeln.

Rehabilitation

Die Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Querschnittlähmung. Ziel ist es, die Betroffenen in die Lage zu versetzen, ein möglichst selbstständiges und aktives Leben zu führen. Die Rehabilitation umfasst verschiedene Therapieansätze, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.

Grundlegend in der Behandlung ist das Umgehen mit Blase und Darm, denn die Betroffenen leiden aufgrund der Lähmung an einer Harn- und Stuhlinkontinenz bzw. Verstopfung. Diese Beschwerden werden mit einem Blasenkatheter, Medikamenten oder Einläufen therapiert. Die Betroffenen lernen, die Blase vier- bis fünfmal täglich mit einem Einmalkatheter vollständig zu entleeren. Nach standardisierter Diagnostik wird das Lähmungsbild der Harnblase klassifiziert. Häufig müssen regelmäßig Medikamente zur Senkung des Blasendrucks, der „Blasenspastik“, eingenommen werden. Diese können als Tablette eingenommen oder in die Blase nach dem Katheterismus eingespritzt werden. Auch Botoxeinspritzungen in den Blasenmuskel können erfolgreich sein. Operationen an den blasensteuernden Nerven oder an Harnblase und Schließmuskel runden die Behandlungsmöglichkeiten ab, die individuell für den Patienten ausgewählt werden müssen. Ziel ist es, eine gesunde Harnspeicherphase mit Kontinenz wieder herzustellen, um lebensbegrenzende urologische Komplikationen zu vermeiden.

Zentral in der Rehabilitation ist das Rollstuhl-Training, in dem die Betroffenen lernen, den Rollstuhl anzutreiben und mit ihm in unterschiedlichen Situationen im Alltag zurecht zu kommen. Der Rollstuhl und das notwendige, druckentlastende Spezialsitzkissen müssen individuell angepasst sein, damit der Betroffene in seiner selbstbestimmten Mobilität nicht eingeschränkt ist. Mit der Auswahl des Hilfsmittels müssen mögliche Folgekomplikationen an Haut und Bewegungsapparat sowie Wirbelsäule bei schlechter Sitzhaltung, unzureichender Druckentlastung etc. vermieden werden. Das Ausprobieren unterschiedlicher Modelle, Sitzdruckprüfungen, richtiges Ausmessen und Anpassen sind nur ein Teil notwendiger Maßnahmen.

Ein wesentlicher Aspekt in der Behandlung ist die psychologische Begleitung, um sich mit der Behinderung, die das bisherige Leben völlig auf den Kopf stellt, auseinanderzusetzen. In der Ergotherapie lernen die Patienten, im Haushalt selbstständig klarzukommen. Dazu gehört es, sich trotz der Behinderung anzuziehen, zu waschen, Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen. Je nach Lähmungsausmaß lernen sie z.B., einen Löffel oder eine Gabel zu halten, zum Mund zu führen.

Die Rehabilitation im Krankenhaus dauert je nach Verletzung etwa 6-10 Monate. Bei einer Tetraplegie bleibt der Patient pflegebedürftig und ist möglicherweise auf künstliche Beatmung angewiesen.

Forschung

In den letzten Jahren gab es immer wieder Meldungen, die Querschnittgelähmte hoffen lassen. Nun berichten gleich zwei Forschergruppen von einer neuen Therapie, mit der Gelähmte wieder gehen können.

Das funktioniert mit einer Kombination aus Elektrostimulation und spezieller Physiotherapie. Unabhängig voneinander wurden einem Patienten in Minnesota und vier Patienten in Kentucky ein sogenannter "Epiduraler Rückenmarkstimulator" implantiert. Das ist ein Gerät, das im Prinzip so funktioniert wie ein Herzschrittmacher, nur eben fürs Rückenmark. Es wird unterhalb der lähmenden Verletzung in die Wirbelsäule eingesetzt. Und damit können die Nerven und damit letztlich auch die Muskeln, die vom Gehirn abgeschnitten sind, wieder aktiviert werden. Mit der Kombination aus Elektrostimulation und Physiotherapie werden die durch die Rückenmarksverletzung stillgelegten Nervenschaltkreise in den Beinen darauf trainiert, sich wieder an die Bewegung zu erinnern. Nach mehreren Wochen Training können die Patienten dann selbständig Bewegungen erzeugen - allerdings nur, wenn der Stimulator an ist und sie selbst auch die Absicht haben, sich zu bewegen. Gerade diese Intention - und das berichten die Forscher übereinstimmend - ist ganz wichtig.

Es gibt viele verschiedene Ansätze: Brain-Machine-Interface gelenkte Exoskelette, die Überbrückung des geschädigten Rückenmarks mit Elektroden oder Hirnimplantate. Noch andere Forscher versuchen, Medikamente zu entwickeln, die das Rückenmark wieder zusammenwachsen lassen können. Bisher hat noch kein noch so spektakuläres Verfahren Querschnittlähmung heilbar gemacht. Aber alle haben neues Wissen gebracht.

Leben mit Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung ist für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen ein extremer Einschnitt in das normale Leben. Nach Beherrschung der akuten Situation bewirkt die Aussicht auf ein Leben mit einer Para- oder gar Tetraplegie meist Angst, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Heute werden die Betroffenen schon in der Klinik und während der Rehabilitation massiv unterstützt, und es gibt eine Reihe von Anlaufstellen, die Hilfe und Informationen bieten. Suchen Sie als Betroffener und als Angehöriger aktiv Hilfe, Unterstützung und vor allem immer wieder das Gespräch.

Von großer Bedeutung ist die psychische Betreuung der Betroffenen, deren Leben sich schlagartig drastisch verändert hat. Das Personal in den Querschnittzentren kann dank seines medizinischen und technischen Know-hows zwar vieles anstoßen und bewirken. Eine zuverlässige Abschätzung der Dauerfolgen und Planung der weiteren Rehabilitationsmaßnahmen ist erst nach Abklingen des spinalen Schocks möglich.

Betroffenen und Angehörigen ist sehr zu empfehlen, sich beraten zu lassen, für welche Hilfsmittel die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen (müssen). Die Unterstützung durch die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland e.V. und ggf. die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe sind dafür hilfreich. Ebenfalls hilfreich ist der Austausch der Betroffenen unter sich. Peers der Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmte in Deutschland e.V. (FGQ) unterstützen die Frischbetroffenen in der Klinik und später auch zuhause bei Bedarf. Gerade in Selbsthilfegruppen können „erfahrene“ Querschnittspatienten ihre Tricks weitergeben.

Vorbeugung

Etwa die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen sind Folgen von Unfällen oder Stürzen. Dazu zählen vor allem Verkehrs-, Freizeit- und Arbeitsunfälle.

Tipps, um Verletzungen zu vermeiden:

  • Tragen Sie bei Sportarten wie Mountainbiken oder Skifahren stets Rückenpanzer und Helm.
  • Springen Sie nicht kopfüber in unbekannte Gewässer.
  • Achten Sie am Arbeitsplatz auf Sicherheitsvorkehrungen (vor allem beim Arbeiten in großer Höhe wie beispielsweise als Dachdecker).
  • Fahren Sie mit Bedacht Auto oder Motorrad.
  • Fixieren Sie Leitern, stapeln sie keine Möbelstücke als Leiterersatz übereinander.

Ist die Querschnittslähmung Folge einer anderen Erkrankung, ist eine Vorbeugung nur bedingt - bei angeborenen Erkrankungen gar nicht - möglich.

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