Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat sich intensiv mit dem menschlichen Nervensystem auseinandergesetzt und dabei traditionelle Sichtweisen in Frage gestellt. Dieser Artikel beleuchtet Steiners Ansatz zum Nervensystem, seine Verbindung zu anderen Organsystemen und seine Bedeutung für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit.
Rudolf Steiners Sichtweise auf das Nervensystem
Wolfgang Schad, ein Biologe, Chemiker, Physiker und Pädagoge, betont, dass Rudolf Steiner die übliche Interpretation dualer Nervenleitungen wiederholt und mit Nachdruck angefochten hat. Steiner argumentierte, dass im Nervensystem nicht zwei Arten von Nerven existieren - eine für die Wahrnehmung und eine für den Bewegungswillen -, sondern dass alle Nerven Wahrnehmungen vermitteln.
Historischer Kontext der Nervenlehre
Bruno Sandkühler und Irene Buchanan geben einen historischen Überblick über die Entwicklung des Verständnisses der Nervenfunktion. Sie zeigen, wie sich die Anschauung von der Antike bis zur Gegenwart gewandelt hat, von religiös geprägten Vorstellungen hin zu anatomisch-physiologischen Wissenschaften. Die Autoren beschreiben, wie sich das Interesse vom Miterleben der im Menschen wirksamen Kräfte über die gedankliche Erfassung bis hin zur experimentellen Untersuchung verlagerte.
Nerven und Stoffwechsel
Otto Wolff beleuchtet die physiologischen und biochemischen Grundlagen von Wille und Bewegung einerseits sowie Wahrnehmung und Denken andererseits. Er stellt fest, dass überall dort, wo Wahrnehmung und Denken im Vordergrund stehen, der Stoffwechsel zurücktritt. Das Denken ist an die weiße Substanz (Myelin) des Gehirns gebunden, einer metabolisch inaktiven Substanz. Der Wille hingegen ist auf den Stoffwechsel angewiesen.
Nervensystem und soziale Frage
L.F.C. Mees stellt die Polarität von Wille und Nervenprozess in einen größeren sozialpolitischen Zusammenhang. Er sieht Amerika und den Westen als Quelle des Formenden, den Osten als Quelle des Wollens. Diese Polarität gilt es im Menschen in seinem qualitativen Zusammenwirken zu verstehen.
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Bewegung und Inkarnation
Georg von Arnim zeigt, wie wir in der Plastizität der Motorik einen unmittelbaren Ausdruck der Inkarnation des Menschen vor uns haben. Verhaltensstörungen sind demnach immer mit Bewegungsstörungen verbunden.
Das Ich und seine Doppelnatur
Wolfgang Schad fasst natur- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und betont die Doppelnatur des Ich. Er unterscheidet zwischen dem lebendig aktiven Wesensteil und der leibgebundenen Vorstellung davon, die traditionell im Gehirn verortet wird.
Die Dreigliederung des menschlichen Organismus
Steiner entwickelte das Konzept der Dreigliederung des menschlichen Organismus:
- Das Nerven-Sinnes-System: Es ist vor allem im Kopf lokalisiert und dient der Wahrnehmung und dem Denken.
- Das rhythmische System: Es umfasst Herz und Lunge und vermittelt zwischen Nerven-Sinnes-System und Stoffwechsel-Gliedmaßen-System.
- Das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System: Es ist für Stoffwechsel und Bewegung zuständig.
Diese drei Systeme stehen in ständiger Wechselwirkung miteinander.
Funktionelle Dreigliederung der Organsysteme
Johannes W. Rohen betont, dass sich die funktionellen Systeme des menschlichen Organismus nach der Geburt zeitlich und strukturell sehr unterschiedlich entwickeln. Er beschreibt eine funktionelle Dreigliederung der Organsysteme:
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- Das Nervensystem: Es dient dem Informationsaustausch und der Orientierung.
- Das Stoffwechselsystem: Es umfasst das Darmsystem und die inneren Organe und ist für Stoffabbau, Stoffaufbau und Stoffumsätze zuständig.
- Das Herz-Kreislauf- und Atmungssystem: Es vermittelt zwischen Nerven- und Stoffwechselsystem und ist für die Gesunderhaltung des Körpers von entscheidender Bedeutung.
Die Dreigliederung im Seelisch-Geistigen
Auch im seelisch-geistigen Bereich existiert eine Dreigliederung:
- Denken und Vorstellen
- Fühlen
- Wille
Steiner erkannte, dass diese drei seelischen Kräfte mit entsprechenden Funktionsprozessen im menschlichen Organismus in Zusammenhang stehen. Das Vorstellen beruht hauptsächlich auf Gehirnfunktionen, während für Willensprozesse vor allem Stoffwechselprozesse entscheidend sind. Das Gefühlsleben steht in besonderem Zusammenhang mit dem Kreislauf- und Atmungssystem.
Die Bedeutung für die Pädagogik
Die Steinersche Entdeckung hat große Bedeutung für die Pädagogik. Die Waldorfschule versucht, die Kinder nicht nur intellektuell zu erziehen, sondern auch ihre Gefühls- und Willenskräfte weiterzuentwickeln.
Stress und das Nervensystem
Stress ist ein weitverbreitetes Phänomen, das sowohl positive (Eustress) als auch negative (Dysstress) Auswirkungen haben kann.
Eustress und Dysstress
Christian Schopper erläutert, dass das Konzept von Eustress und Dysstress gut in Rudolf Steiners Menschenkunde übersetzt werden kann. Steiner beschreibt Phänomene, die wir auf diese Weise ganz anders begreifen können und die mit Grundfragen des Ätherischen zusammenhängen.
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Das vegetative Nervensystem
Das vegetative Nervensystem schwingt zwischen Aktivierung und Hemmung, zwischen Eustress und Dysstress hin und her. Jede Anspannung, jede Angst kann durch körperliche Symptome sichtbar werden.
Das rhythmische System als Urquell der Ausgeglichenheit
Eine positive Aktivierung wirkt vor allem aus dem Seelischen und damit aus dem rhythmischen System. Schopper betont, dass der Rhythmus die feine Verbindung ins Ätherische ist und dieses dadurch wirksam wird.
Rhythmus und Wiederholungen im Alltag
Sowohl im Arbeitsleben als auch privat sind ein ausgewogener Rhythmus und heilsame Wiederholungen wichtig − als Voraussetzung für Ausgeglichenheit und Gesundheit.
Anthroposophische Medizin und körperbasierte Anwendungen
Die Anthroposophische Medizin setzt auf eine Rhythmisierung des Leibes und des vegetativen Nervensystems. Körperbetonte Therapien und Anwendungen wirken gesundend auf das rhythmische System.
Selbstfürsorge und Kraftquellen im Alltag
Viele Menschen haben keine Orte, an denen sie auftanken können, weil sie keine Rituale mehr haben. Schopper betont, wie wichtig es ist, das eigene rhythmische System zu ernähren und Kraftquellen im Alltag zu finden.
Anthroposophische Medizin
Die Anthroposophische Medizin basiert auf der durch Rudolf Steiner begründeten anthroposophischen Menschenkunde. Kern der Anthroposophie als „Wissenschaft vom Menschen“ bildet die Entwicklung von Erkenntnisfähigkeit durch eine Verstärkung des Denkens, die Vertiefung der Wahrnehmungsfähigkeit und das Übertragen von Erkenntnissen der Anthroposophie in die Lebenspraxis.
Der Mensch als Einheit von Leib, Seele und Geist
„Der Mensch ist, was er ist, durch Leib, Ätherleib, Seele (astralischer Leib) und Ich (Geist).
Die Dreigliedrigkeit des menschlichen Organismus
„Das Nerven- und Sinnessystem, wie es im Kopfe zentralisiert ist, ist im menschlichen Organismus ein eigenes, für sich bestehendes, selbständiges Glied. Was als Lungen- und Herzsystem, als Zirkulationssystem vorliegt, ist wiederum ein für sich bestehendes, selbständiges Glied. Ebenso das Stoffwechselsystem… Das ist das Charakteristische im menschlichen Organismus, dass seine Systeme gerade dadurch ihre rechte Entfaltung und Wirksamkeit entfalten, dass sie nicht zentralisiert sind, sondern dass sie nebeneinander bestehen und frei zusammenwirken.
Anerkennung der Anthroposophischen Medizin
Die Anthroposophische Medizin ist eine anerkannte „besondere Therapieform“ im Sinne des Sozialgesetzbuches. Seit 1978 bekennt sich der deutsche Gesetzgeber im Arzneimittelgesetz zum Wissenschaftspluralismus der Medizin.