Ein nasser Fleck auf dem Kissen am Morgen - ein Phänomen, das viele kennen: Sabbern im Schlaf. Während es bei Babys und Kleinkindern als normal gilt, kann es bei Erwachsenen unangenehm und belastend sein. In den meisten Fällen ist es harmlos, es kann aber auch ein Symptom für zugrunde liegende Erkrankungen sein, insbesondere neurologischer Natur.
Was ist Sabbern im Schlaf?
Sabbern im Schlaf, medizinisch als Sialorrhö oder Hypersalivation bezeichnet, bedeutet, dass unkontrolliert Speichel aus dem Mund während des Schlafens ausfließt. Ein gesunder Erwachsener produziert täglich 0,7 bis 1,5 Liter Speichel, der zu 99,5 Prozent aus Wasser besteht. Der Großteil davon stammt aus den drei großen, paarig angelegten Kopfspeicheldrüsen: Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis), Unterkieferspeicheldrüse (Glandula submandibularis) und Unterzungenspeicheldrüse (Glandula sublingualis). Der Speichel enthält Proteine, Elektrolyte, Bakterizide und Antikörper, die für die Befeuchtung der Schleimhäute, die Immunabwehr und die Vorbereitung der Verdauung wichtig sind.
Ursachen von Sabbern im Schlaf
Die Ursachen für das Sabbern im Schlaf sind vielfältig. In vielen Fällen ist es auf harmlose Faktoren zurückzuführen:
- Schlafposition: Besonders die Seiten- oder Bauchlage begünstigt das Abfließen von Speichel, da der Mund im Schlaf leicht geöffnet bleibt.
- Mundatmung: Eine verstopfte Nase, beispielsweise durch eine Erkältung oder Allergien, zwingt dazu, durch den Mund zu atmen, was das Sabbern wahrscheinlicher macht.
- Tiefer Schlaf: In einem tiefenentspannten Schlaf erschlafft die Gesichtsmuskulatur, wodurch sich der Mund unwillkürlich öffnet.
Allerdings kann das Sabbern im Schlaf auch ein Hinweis auf ernstere Erkrankungen sein:
- Neurologische Störungen: Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Zerebralparese oder Multiple Sklerose können die Muskelkontrolle beeinträchtigen, die für das Schlucken und den Speichelfluss verantwortlich ist. Auch ein Schlaganfall kann die Funktion des Gehirns beeinträchtigen und zu Schluckstörungen und Sabbern führen.
- Schluckstörungen (Dysphagie): Entzündungen im Rachenraum, Medikamente oder Tumore im Kopf-Hals-Bereich können den Schluckreflex stören und dazu führen, dass sich Speichel im Mund ansammelt und ausläuft.
- Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere Neuroleptika wie Clozapin, können die Speichelproduktion anregen und so das Sabbern verstärken. Auch Parasympathomimetika wie Carbachol und Pilocarpin, die die Speichelproduktion über Muscarinrezeptoren anregen, können eine vermehrte Speichelbildung verursachen.
- Weitere Erkrankungen: Allergien, chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes insipidus, Autoimmunerkrankungen, Vitaminmangel (Pellagra), Karies, Parodontose, Zahnfehlstellungen und Vergiftungen (z.B. durch Blei) können ebenfalls zu vermehrtem Speichelfluss und Sabbern im Schlaf führen.
- Gastroösophagealer Reflux: Dieser kann die Speichelproduktion stimulieren.
Neurologische Ursachen im Detail
Neurologische Erkrankungen spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Sialorrhö. Schädigungen des Gehirns oder der Nervenbahnen können die Steuerung der Speichelproduktion und des Schluckvorgangs beeinträchtigen:
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- Morbus Parkinson: Bei Parkinson-Patienten ist oft nicht die Speichelproduktion erhöht, sondern der Schluckreflex gestört. Durch den Dopaminmangel kommt es zu einer verminderten Beweglichkeit der Mund- und Rachenmuskulatur, wodurch sich Speichel im Mund ansammelt, bis er überläuft.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Auch bei ALS ist die Steuerung der Muskeln, die für das Schlucken zuständig sind, beeinträchtigt.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall kann zu Schädigungen im Gehirn führen, die die Nervenbahnen, die für das Schlucken zuständig sind, beeinträchtigen.
- Neuropathien und Muskelerkrankungen: Auch periphere Nervenschäden (Neuropathien) oder Muskelerkrankungen wie Myasthenia gravis können Schluckstörungen und Sialorrhö verursachen.
Bei neurologischen Erkrankungen ist meist nicht die Speichelproduktion erhöht, sondern der Abfluss behindert durch Schluckstörungen oder erniedrigte Schluckfrequenzen.
Diagnose
Wenn das Sabbern im Schlaf über einen längeren Zeitraum auftritt und als störend empfunden wird, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Dieser kann die Ursache abklären und eine geeignete Behandlung einleiten. Die Diagnose umfasst in der Regel:
- Anamnese: Der Arzt wird Fragen zu den Schlafgewohnheiten, der Schlafposition, der Atmung, der Medikamenteneinnahme und eventuellen Vorerkrankungen stellen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird den Mund- und Rachenraum untersuchen, um mögliche Entzündungen, Zahnfehlstellungen oder andere Auffälligkeiten festzustellen.
- Neurologische Untersuchung: Bei Verdacht auf eine neurologische Ursache wird der Arzt eine neurologische Untersuchung durchführen, um die Funktion der Nerven und Muskeln zu überprüfen.
- Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen wie eine fiberoptische endoskopische Schluckuntersuchung (FEES), eine Gastroskopie oder ein "Breischluck" durchgeführt werden, um die Schluckfunktion genauer zu beurteilen. Fragebögen wie die Drooling Severity and Frequency Scale (DSFS) oder die Sialorrhea Clinical Scale for PD (SCS-PD) können ebenfalls eingesetzt werden.
Was kann man gegen Sabbern im Schlaf tun?
Die Behandlung des Sabberns im Schlaf richtet sich nach der Ursache. In vielen Fällen können einfache Maßnahmen helfen:
- Schlafposition ändern: Schlafen auf dem Rücken kann helfen, da der Speichel nicht so leicht aus dem Mund fließen kann. Ein Lagerungskissen kann dabei unterstützen.
- Nase frei halten: Bei einer verstopften Nase können Nasensprays oder ätherische Öle helfen, die Nasenatmung zu erleichtern.
- Nasenatmung trainieren: Atemübungen oder Autogenes Training können helfen, die Nasenatmung zu fördern.
- Kissen anpassen: Ein etwas dickeres Kissen kann den Kopf leicht erhöhen und so den Speichelfluss reduzieren.
- Entspannung: Stress und Verspannungen können die Gesichtsmuskulatur beeinflussen und das Sabbern begünstigen. Entspannungsmaßnahmen wie Yoga, Meditation oder Spaziergänge können helfen.
- Ernährung anpassen: Vermeiden Sie schwere, scharfe oder sehr saure Speisen vor dem Schlafengehen, da diese die Speichelproduktion anregen können. Auch Alkoholkonsum sollte reduziert werden, da er die Muskelspannung senkt.
- Mundhygiene: Achten Sie auf eine gute Mundhygiene, um Entzündungen im Mundraum vorzubeugen.
Medizinische Behandlungsmöglichkeiten
Wenn die oben genannten Maßnahmen nicht ausreichen, können medizinische Behandlungen in Betracht gezogen werden:
- Medikamente:
- Anticholinergika: Medikamente wie Scopolamin, Atropin oder Glycopyrronium können die Speichelproduktion reduzieren. Allerdings haben diese Medikamente auch Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Sehstörungen und Verstopfung. Scopolamin kann als Pflaster direkt hinter dem Ohr aufgeklebt werden.
- Botulinumtoxin: Botulinumtoxin (Botox) kann direkt in die Speicheldrüsen injiziert werden, um die Speichelproduktion zu reduzieren. Die Wirkung hält in der Regel mehrere Monate an.
- Logopädie: Eine logopädische Behandlung kann helfen, die Schluckmuskulatur zu stärken und die Schlucktechnik zu verbessern.
- Chirurgische Maßnahmen: In seltenen Fällen kann eine Operation in Betracht gezogen werden, um die Speicheldrüsen zu verkleinern oder zu entfernen.
- Bestrahlung: In einigen Fällen kann eine Bestrahlung der Speicheldrüsen in Betracht gezogen werden, um die Speichelproduktion zu reduzieren.
Spezielle Therapie bei neurologischen Ursachen
Bei Sialorrhö aufgrund neurologischer Erkrankungen liegt der Fokus oft auf der Behandlung der Grunderkrankung und der Linderung der Symptome.
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- Morbus Parkinson: Neben der medikamentösen Behandlung von Parkinson kann Botulinumtoxin zur Reduktion des Speichelflusses eingesetzt werden. Auch eine logopädische Therapie zur Verbesserung der Schluckfunktion ist wichtig.
- Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall ist eine intensive Rehabilitation erforderlich, um die beeinträchtigten Funktionen, einschließlich des Schluckens, wiederherzustellen. Logopädie spielt dabei eine zentrale Rolle.
Was tun bei Clozapin-induzierter Hypersalivation?
Bei Clozapin-induzierter Hypersalivation kann die Kombination mit Antidepressiva wie Amisulprid oder Sulpirid Linderung bringen. Auch die Gabe von Clonidin, bei der als Nebenwirkung Mundtrockenheit beobachtet wurde, kann einen Versuch wert sein.
Sialorrhoe bei Kindern
Bei kleinen Kindern ist das Sabbern im Schlaf oft normal, insbesondere während des Zahnens. Es ist wichtig zu beachten, dass Kinder sich koordinatorisch und motorisch noch in der Entwicklung befinden und erst noch das Schlucken des Speichels lernen müssen. Wenn das Sabbern jedoch über das normale Maß hinausgeht oder mit anderen Symptomen wie Schluckbeschwerden oder Husten einhergeht, sollte ein Arzt aufgesucht werden.
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