Einführung
Der Flüssigkeitsbedarf ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, das im Alter und insbesondere bei Demenz besondere Aufmerksamkeit erfordert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für verändertes Trinkverhalten bei Demenz, die potenziellen Folgen von Flüssigkeitsmangel und gibt umfassende Hilfestellungen für Betroffene und ihre Betreuer. Dabei werden sowohl physiologische Aspekte als auch praktische Tipps zur Förderung einer ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme berücksichtigt.
Warum ist Trinken wichtig?
Der menschliche Körper besteht zu 50 bis 60 Prozent aus Wasser. Wasser ist an nahezu allen Vorgängen im Körper beteiligt. Es ist Bestandteil aller Zellen und Körperflüssigkeiten, dient als Lösungs- und Transportmittel für Nährstoffe und Stoffwechselprodukte, wirkt bei wichtigen Prozessen mit und hilft, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Außerdem ist Wasser erforderlich für das Quellen des Speisebreies im Darm. Der Körper scheidet ständig Flüssigkeit über Haut, Niere, Darm und Atmung aus. Diese Verluste müssen durch Trinken und Essen ausgeglichen werden.
Veränderungen des Trinkverhaltens im Alter und bei Demenz
Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil an Körperwasser auf 40 bis 50 Prozent des Körpergewichts. Zudem lässt das Durstempfinden nach. Dies kann durch physiologische Veränderungen, wie eine verminderte Harn-Konzentrationsfähigkeit der Nieren, verstärkt werden. Auch Medikamente können das Trinkverhalten beeinflussen. Menschen mit Demenz vergessen oft zu trinken oder verspüren kein Durstgefühl. Starke Verwirrungszustände können die Folge sein.
Ursachen für vermindertes Trinken bei Demenz
- Vermindertes Durstgefühl: Menschen mit Demenz verspüren oft weniger Durst, was dazu führt, dass sie seltener trinken.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit können dazu führen, dass Betroffene vergessen zu trinken oder nicht mehr wissen, wie sie sich ein Getränk holen können.
- Schluckstörungen (Dysphagie): Schluckstörungen treten im fortgeschrittenen Stadium einer Demenzerkrankung häufig auf und können die Flüssigkeitsaufnahme erschweren.
- Motorische Unruhe: Stereotype Bewegungen und ein starker Bewegungsdrang können dazu führen, dass Betroffene "keine Zeit" zum Trinken haben.
- Medikamente: Einige Medikamente können Mundtrockenheit verursachen oder das Durstgefühl beeinträchtigen.
- Angst vor Inkontinenz: Die Angst vor häufigem Harndrang, insbesondere bei bestehender Harninkontinenz oder Prostatabeschwerden, kann dazu führen, dass Betroffene weniger trinken.
- Verändertes Geschmacksempfinden: Der Geschmackssinn kann sich verändern, wodurch bestimmte Getränke abgelehnt werden.
Folgen von Flüssigkeitsmangel (Dehydration)
Ein Mangel an Flüssigkeit kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben:
- Verwirrtheit: Dehydration kann zu akuter Verwirrtheit und Desorientierung führen.
- Harnwegsinfekte: Eine unzureichende Flüssigkeitsaufnahme erhöht das Risiko von Harnwegsinfekten.
- Verstopfung: Flüssigkeitsmangel kann zu Verstopfung führen.
- Erhöhte Sturzneigung: Dehydration kann Schwindel und Gleichgewichtsstörungen verursachen und somit das Sturzrisiko erhöhen.
- Kreislaufprobleme: Flüssigkeitsmangel kann zu niedrigem Blutdruck und Kreislaufbeschwerden führen.
- Nierenversagen: In schweren Fällen kann Dehydration zu Nierenversagen führen.
- Trockene Haut und Schleimhäute: Flüssigkeitsmangel äußert sich oft durch trockene Haut und Schleimhäute.
- Konzentrierter Urin: Dunkler und stark riechender Urin ist ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel.
- Mundtrockenheit: Eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr kann zu Mundtrockenheit führen, was das Kauen, Schlucken und Sprechen erschwert.
Empfohlene Flüssigkeitsmenge
Es wird empfohlen, etwa 1,5 Liter Flüssigkeit täglich zu trinken. Im Sommer oder bei starker körperlicher Aktivität darf es gerne mehr sein. Bei einigen Krankheiten, wie schwerer Herzinsuffizienz, bestimmten Nierenschäden oder Leberzirrhose, ist die Flüssigkeitsmenge zu begrenzen. Die empfohlene Menge kann individuell variieren, daher sollte im Zweifelsfall Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden.
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Geeignete Getränke
- Wasser: Leitungswasser oder stilles Mineralwasser sind ideale Durstlöscher.
- Tee: Ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees sind eine gute Alternative. Grüner Tee kann in Maßen konsumiert werden.
- Saftschorlen: Saftschorlen (Mischung aus Saft und Wasser) sind eine schmackhafte Option, sollten aber aufgrund des Zuckergehalts nicht in großen Mengen getrunken werden.
- Kaffee: Kaffee kann in Maßen (bis zu 4 Tassen täglich) getrunken werden, sollte aber nicht die Hauptquelle der Flüssigkeitszufuhr sein.
- Malzbier: Malzbier kann eine Alternative sein, sollte aber aufgrund des Zuckergehalts nicht in großen Mengen getrunken werden.
Milch und Milchprodukte sowie Säfte (100 % Fruchtsaftgehalt) zählen aufgrund ihres Energiegehalts nicht zur Gruppe der Getränke, können aber bei Flüssigkeitsmangel zur Bilanzierung der Flüssigkeitszufuhr herangezogen werden.
Praktische Hilfestellungen zur Förderung der Flüssigkeitsaufnahme
Eine umfassende und fürsorgliche Betreuung älterer Menschen mit Demenz erfordert Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen und Kreativität.
Allgemeine Tipps
- An das Trinken erinnern: Regelmäßige Erinnerungen ans Trinken sind essentiell, da das Durstempfinden oft eingeschränkt ist.
- Trinkprotokoll führen: Ein Trinkprotokoll kann helfen, den Überblick über die tägliche Flüssigkeitsaufnahme zu behalten.
- Rituale schaffen: Feste Trinkrituale, wie ein Glas Wasser am Morgen oder vor dem Schlafengehen, können helfen, das Trinken zur Gewohnheit zu machen.
- Trinkstationen einrichten: An verschiedenen Stellen in der Wohnung Getränke bereitstellen, um den Zugang zu erleichtern.
- Abwechslung bieten: Verschiedene Getränke anbieten, um den individuellen Vorlieben gerecht zu werden.
- Appetit anregen: Bunte Getränke, wie Früchte- oder Kräutertees, können attraktiver wirken als farbloses Wasser.
- Gemeinsam trinken: Vorbild sein und gemeinsam mit der betreuten Person trinken.
- Trinksprüche verwenden: Trinksprüche können das Trinken spielerischer gestalten.
- Geeignete Trinkgefäße verwenden: Tassen, Gläser oder Becher mit gutem Griff und eventuell mit speziellem Design verwenden.
- Auf die Temperatur achten: Getränke nicht zu heiß oder zu kalt anbieten.
- Mundpflege: Bei Mundtrockenheit regelmäßig den Mund befeuchten oder spezielle Mundpflegeprodukte verwenden.
Spezielle Maßnahmen bei Schluckstörungen (Dysphagie)
- Andicken von Flüssigkeiten: Getränke oder flüssige Speisen mit geschmacksneutralen Dickungsmitteln andicken, um das Verschlucken zu vermeiden. Auf eine exakte Dosierung achten, um eine einheitliche Konsistenz zu erzielen.
- Logopädische Behandlung: Bei Schluckstörungen eine logopädische Behandlung in Anspruch nehmen. Logopäden können Übungen zur Stärkung der Schluckmuskulatur zeigen und Tipps zur Anpassung der Konsistenz der Nahrung geben.
- Geeignete Konsistenz der Nahrung: Mahlzeiten sollten eine weiche, homogene und gut formbare Konsistenz haben. Püriertes Gemüse, weiche Kartoffelgerichte, Rührei, cremige Suppen, Pudding oder Joghurt sind gut geeignet. Krümelige, faserige oder trockene Speisen sollten vermieden werden.
Hilfsmittel
- Trinkbecher mit speziellem Design: Es gibt Trinkbecher mit speziellem Design, wie z.B. Nasenbecher oder Becher mit Sicherheitsfuß, die das Trinken erleichtern.
- Trinkhalme: Trinkhalme können das Trinken erleichtern, insbesondere bei motorischen Einschränkungen.
- Saugflaschen: Im fortgeschrittenen Demenzstadium kann eine Saugflasche helfen, da sie den Saugreflex nutzt und das Verschluckungsrisiko senkt.
Maßnahmen in Senioreneinrichtungen
- Trink-Oasen oder Getränkeautomaten: Für mobile Bewohner Selbstbedienungsangebote schaffen (Achtung: Hygiene beachten).
- Regelmäßige Getränkeangebote: Das Personal sollte regelmäßig Getränke anbieten und zum Trinken animieren.
- Trinkprotokolle: Das Trinkverhalten der Bewohner über einen längeren Zeitraum beobachten und dokumentieren, um geeignete Maßnahmen ableiten zu können.
Ernährung bei Nahrungsverweigerung
Im Laufe einer Demenz kann es aus unterschiedlichen Gründen zur Nahrungsverweigerung kommen. Zahnschmerzen, eine schlecht sitzende Zahnprothese oder Entzündungen im Mund-Rachen-Raum können dazu führen, dass das Essen abgelehnt wird. Auch Schluckstörungen können Angst vor dem Ersticken auslösen und zur Nahrungsverweigerung führen. Depressionen können ebenfalls eine Rolle spielen.
Umgang mit Nahrungsverweigerung
- Ursachenforschung: Zunächst die Ursachen für die Nahrungsverweigerung abklären (Zahnschmerzen, Schluckstörungen, Depressionen etc.).
- Zahnärztliche Behandlung: Bei Verdacht auf Zahnprobleme einen Zahnarzt aufsuchen.
- Logopädische Behandlung: Bei Schluckstörungen eine logopädische Behandlung verordnen lassen.
- Appetit anregen: Kleine Schälchen mit Obst-, Gemüse- oder Schokoladenstückchen in der Wohnung verteilen.
- Feste Essenszeiten: Feste Essenszeiten einhalten, um das Essen nicht zu vergessen.
- Unterstützung anbieten: Unterstützung beim Essen anbieten, z.B. beim Schneiden der Speisen oder beim Führen des Löffels.
- Fingerfood anbieten: Mahlzeiten in Form von Fingerfood anbieten, um die Selbstständigkeit zu fördern.
- Auf Zwang verzichten: Niemals zum Essen zwingen! Lebensmittel und Getränke immer wieder ohne Druck anbieten.
Individuelle Tischkultur
In der fortgeschrittenen Phase der Demenz können manche Betroffene nicht mehr mit Messer und Gabel umgehen und führen deshalb die Nahrung mit den Händen zum Mund. Das eigenständige Essen hat unbedingt Vorrang vor Sauberkeit und allgemeinen Verhaltensregeln am Tisch. Daher sollten dann möglichst viele Mahlzeiten in Form von „Fingerfood“ beziehungsweise kleinen Häppchen angeboten werden. Auch vergessen manche Menschen mit Demenz, wofür sie welches Besteck benutzen sollten. Um zu verhindern, dass sie beispielsweise vergeblich versuchen, mit dem Messer die Suppe zu essen, sollte nur das Besteck aufgedeckt werden, dass für die jeweilige Mahlzeit benötigt wird. Zusätzlich ist es leichter, wenn immer nur ein Teller mit Essen auf dem Tisch steht. Ein vollgestelltes Tablett oder ein vollgestellter Essensplatz mit Vorspeise, Hauptgericht, Salat und Dessert überfordert manche Betroffene und kann zu ungewollten Situationen führen. Im weiteren Verlauf kann es notwendig sein, Menschen mit fortgeschrittener Demenz beim Essen zu unterstützen. Dabei kann es auch zu Verunreinigungen wie Kleckern oder einem verschmierten Mund kommen. Verzichten Sie möglichst darauf, den Betroffenen nach jedem Bissen ungefragt den Mund abzutupfen. Jeder Mensch ist im Bereich des Mundes sehr sensibel. Je nach vorhandenen Fähigkeiten können Sie der oder dem Betroffenen eine Serviette anreichen. Somit kann sich der Mensch mit Demenz bei Bedarf selbständig den Mund säubern. Wenn sich der oder die Betroffene nicht mehr selbstständig den Mund abwischen kann, können Sie dies natürlich übernehmen. Seien Sie hierbei behutsam und kündigen Sie Ihre Handlungen vorher an, damit Ihr Gegenüber versteht, was Sie vorhaben.
Horten von Nahrungsmitteln
Manche Menschen mit Demenz beginnen, Essen für Notzeiten zu horten. Dies geschieht oft an Orten, die für eine sichere Lagerung ungeeignet sind. Manchmal können Menschen mit Demenz durch Argumente nicht dazu bewegt werden, damit aufzuhören. Deswegen wird dazu geraten, dies als lobenswerte Vorsorgemaßnahme für schlechte Zeiten wertzuschätzen. In vielen Fällen kann man versuchen, das Sammeln als solches dadurch zu kontrollieren, dass eine Absprache getroffen wird: Die Betroffenen dürfen horten, aber einmal in der Woche wird gemeinsam kontrolliert, ob die zusammengetragenen Lebensmittel noch genießbar sind. Es ist dabei aber wichtig, Vertrocknetes, Verfaultes oder Verschimmeltes nicht einfach wegzuwerfen, sondern durch etwas Frisches zu ersetzen.
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Basale Stimulation
In der Praxis hat sich das Konzept der „basalen Stimulation“ auch bei der Essensaufnahme als sehr wirksam bei Menschen mit Demenz erwiesen. Basale Stimulation bezeichnet die gezielte und systematische Förderung von Wahrnehmung und Kommunikation auf elementarer Ebene. Dabei steht nicht der Ausgleich von Defiziten im Vordergrund, sondern die Stärkung vorhandener Fähigkeiten. Wählen Sie eine Kommunikationsform, die der Betroffene wahrnehmen und verarbeiten kann. Begeben Sie sich auf die Erlebnisebene des Erkrankten, indem Sie mit ihm auf einer elementaren Ebene kommunizieren, die es ihm ermöglicht, sich selbst wahrzunehmen. Demenzerkrankte Personen, die ihre Selbstständigkeit bei der Nahrungsaufnahme teilweise oder ganz verloren haben oder z. B. an Appetitmangel leiden, können durch das Medium Essen, mittels ihrer basalen Instinkte, aktiviert werden. Essen kann und soll positive Erinnerungen wachrufen.
Eat by Walking
„Eat by Walking“ (das Essen im Gehen) eignet sich oftmals auch für Menschen mit Demenz. Dieses Angebot können vor allem noch Demenzerkrankte umsetzen, die sich im frühen Stadium befinden, nicht mehr ruhig am Tisch sitzen und essen können und ruhelos umherwandern. In den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für Menschen mit Demenz ist Fingerfood oder „Eat by Walking“ eine wichtige Komponente. Bieten Sie folglich Menschen mit Demenz einige Speisen in Form von Fingerfood an. Fingerfood verbessert die Selbstständigkeit und die Selbstbestimmung. Finden Sie zuerst die bevorzugten Laufwege der betroffenen Menschen heraus und positionieren Sie auf diesen Wegen optisch gut sichtbar Essstationen.
Sterbebegleitung
In der Sterbephase ist es besonders wichtig, die Selbstbestimmung der Menschen zu respektieren. Die meisten Menschen empfinden in dieser Phase keinen Durst mehr. Statt auf forcierte Flüssigkeitszufuhr sollte der Fokus auf die Linderung von Beschwerden gelegt werden. Das Befeuchten der Lippen oder das Anbieten von kleinen Eiswürfeln kann wohltuend sein. In bestimmten Fällen kann eine parenterale Flüssigkeitsversorgung sinnvoll sein, um Symptome wie Unruhe oder Verwirrtheit zu lindern. Eine Magensonde sollte nur in Ausnahmefällen in Betracht gezogen werden.
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