Einführung
Das Gehirn, die zentrale Steuereinheit des Körpers, wird maßgeblich von Hormonen beeinflusst. Hormone, kleine Botenstoffe mit großer Wirkung, spielen eine Schlüsselrolle bei zahlreichen Körperfunktionen, darunter Stoffwechsel, Wachstum, Sexualität und Gefühlslage. Das Hormonsystem, auch endokrines System genannt, wirkt als Kommunikationssystem des Körpers, indem es chemische Signale zwischen den Nervenzellen überträgt. Diese Signale können die Struktur und Funktion des Gehirns verändern und somit das Verhalten, die Kognition und die allgemeine Gesundheit beeinflussen.
Das Hormonsystem: Ein Überblick
Der menschliche Organismus besteht aus Billionen von Zellen, die zusammen ein hochkomplexes Ganzes bilden. Um die unzähligen Prozesse im Körper zu regulieren, ist ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem erforderlich. Hier kommt das Hormonsystem ins Spiel. Hormone werden in endokrinen Drüsen gebildet und ins Blut abgegeben. Zu diesen Drüsen gehören unter anderem die Bauchspeicheldrüse, die Keimdrüsen (Hoden und Eierstöcke), die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die Zirbeldrüse im Zwischenhirn und die Nebennieren. Einige Hormone gelangen frei im Blut an ihren Bestimmungsort, während andere auf Trägerstoffe angewiesen sind.
Die Hormone docken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an spezielle Rezeptoren an den Zielzellen an. Einmal angedockt, wird die „Botschaft“ übermittelt und eine entsprechende Aktion in den Zellen ausgelöst. Dazu reichen schon winzige Mengen eines Hormons aus. Der Begriff „Hormon“ leitet sich vom griechischen Verb „horman“ ab, was „anregen“ oder „antreiben“ bedeutet.
Hormone haben Einfluss auf zahlreiche Körperfunktionen, darunter:
- Energiehaushalt
- Wasser- und Salzhaushalt
- Knochenstoffwechsel
- Entwicklung und Sexualität
- Tag-Nacht-Rhythmus
- Verdauung
- Gefühlslage
Arten von Hormonen
Die zahlreichen Hormone, die zusammen den Hormonhaushalt ausmachen, lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten unterscheiden. Die beiden Hauptkriterien für diese Unterscheidung sind der Entstehungsort und die Zusammensetzung der Hormone. Nach ihrer stofflichen Zusammensetzung lassen sich drei Haupttypen von Hormonen unterscheiden:
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- Eiweiße (Proteo- und Peptidhormone)
- Amine und Abkömmlinge von Aminosäuren
- Steroidhormone
Einzelne Hormone und ihre Wirkung auf das Gehirn
Verschiedene Hormone haben spezifische Auswirkungen auf das Gehirn. Einige wichtige Beispiele sind:
- Insulin und Glukagon: Diese Hormone, die von der Bauchspeicheldrüse gebildet werden, sind am Energiehaushalt beteiligt. Insulin regt die Körperzellen an, Glukose aus dem Blut aufzunehmen, wodurch der Blutzuckerspiegel sinkt. Glukagon, der Gegenspieler des Insulins, sorgt für die Abgabe von im Körper gespeichertem Zucker ins Blut, um einen niedrigen Blutzuckerspiegel anzuheben. Ein stabiler Blutzuckerspiegel ist für die optimale Funktion des Gehirns unerlässlich.
- Adrenalin, Noradrenalin und Acetylcholin: Adrenalin, ein Amin aus den Nebennieren, ist ein Stresshormon, das den Körper kurzfristig leistungsfähiger macht. Es beschleunigt den Herzschlag und erweitert die Bronchien. Noradrenalin unterstützt Adrenalin bei der Erhöhung des Blutdrucks. Acetylcholin, der Gegenspieler des Adrenalins, senkt den Blutdruck und verlangsamt den Herzschlag. Diese Hormone beeinflussen die Aufmerksamkeit, die Wachheit und die Reaktion auf Stressoren.
- Melatonin und Cortisol: Melatonin, ein Amin, das in der Zirbeldrüse gebildet wird, ist der Antagonist des Steroid- und Stresshormons Cortisol aus der Nebennierenrinde. Beide beeinflussen den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers. Melatonin fördert den Schlaf, während Cortisol tagsüber dafür sorgt, dass wir wach und aufmerksam sind. Störungen in der Melatonin- und Cortisolproduktion können zu Schlafstörungen und anderen gesundheitlichen Problemen führen.
- Testosteron: Dieses Steroidhormon, das hauptsächlich in den Hoden produziert wird, ist für die Entwicklung der männlichen Geschlechtsmerkmale und die Regulierung der Spermienproduktion verantwortlich. Testosteron beeinflusst auch das Verhalten, die Stimmung und die Kognition.
- Östrogen: Östrogene, Steroid- und weibliche Sexualhormone, die vor allem in den Eierstöcken gebildet werden, sind maßgeblich an der Regulation des weiblichen Zyklus beteiligt. Sie sind auch wichtig für den gesunden Aufbau der Knochen und beeinflussen die Stimmung, die Kognition und das Gedächtnis.
- Schilddrüsenhormone T3 und T4: Diese Amine sind besonders wichtig für das Wachstum und die Entwicklung des Gehirns. Sie regulieren die Körpertemperatur, erhöhen Puls und Blutdruck und können den Abbau von Energiereserven beschleunigen. Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen kann zu Entwicklungsstörungen und kognitiven Beeinträchtigungen führen.
- Somatotropes Hormon (auch Somatotropin): Dieses Peptidhormon aus der Hirnanhangdrüse ist als „Wachstumshormon“ bekannt. Es fördert den Stoffwechsel und stimuliert das Wachstum von Knochen und Muskeln. Somatotropin beeinflusst auch die Gehirnfunktion und die Kognition.
Die Rolle des Hypothalamus und der Hirnanhangdrüse
Der Hypothalamus und die Hirnanhangdrüse spielen eine zentrale Rolle bei der Regulation des Hormonsystems und somit auch bei der Beeinflussung des Gehirns. Der Hypothalamus, ein Gehirnbereich im Zwischenhirn, koordiniert Wasser-, Salzhaushalt und Blutdruck. Er sorgt dafür, dass unsere Körpertemperatur konstant bleibt und regelt die Nahrungsaufnahme. Der Hypothalamus beeinflusst unser Gefühls- und Sexualverhalten und bestimmt, wann wir schlafen und wann wir wach sind.
Der Hypothalamus ist ein wichtiges Steuerorgan innerhalb des Hormonsystems, denn er reguliert, wann welche Menge eines Hormons gebildet wird. Im Hypothalamus werden in bestimmten Nervenzellen verschiedene Hormone gebildet. Einige Hormone heißen „releasing" Hormone: Sie bewirken, dass in der Hirnanhangsdrüse Hormone produziert und ausgeschüttet werden. Releasing Hormone des Hypothalamus sind das Gonadotropin-releasing Hormon (GnRH), das Thyreotropin-releasing Hormon (TRH), das Growth hormone-releasing Hormon (GH-RH) und das Corticotropin-releasing Hormon (CRH).
Die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) ist eine nur etwa kirschkerngroße endokrine Drüse, die sich auf Höhe der Nasenwurzel in einer kleinen Knochenmulde direkt unterhalb des Gehirns befindet. Sie produziert im Hypophysenvorderlappen insgesamt sechs glandotrope Steuerhormone, die die Hormonproduktion nachgeordneter endokriner Drüsen steuern. Der Hypophysenhinterlappen ist strenggenommen Teil des Zwischenhirns. Die Hormone des Hypophysenhinterlappens werden vom Hypothalamus produziert und von der Hypophyse zwischengespeichert.
Hormonelle Störungen und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt kann erhebliche Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und die psychische Gesundheit haben. Einige Beispiele für hormonelle Störungen und ihre Auswirkungen sind:
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- Diabetes mellitus: Beim Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin, was zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führt. Beim Typ-2-Diabetes kann der Körper das Insulin nicht mehr richtig nutzen. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel kann Blutgefäße, Organe und die Nerven schädigen und somit die Gehirnfunktion beeinträchtigen.
- Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose): Bei einer Schilddrüsenüberfunktion werden zu viele Schilddrüsenhormone produziert, was zu Zittern, Herzrasen, verstärktem Schwitzen und Gewichtsverlust führen kann. Eine Schilddrüsenüberfunktion kann auch Angstzustände, Reizbarkeit und Schlafstörungen verursachen.
- Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose): Bei einer Schilddrüsenunterfunktion werden zu wenig Schilddrüsenhormone gebildet, was zu Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit führen kann. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann auch Depressionen, Gedächtnisprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten verursachen.
- Morbus Addison: Bei der Addison-Krankheit produziert die Nebennierenrinde zu wenig Hormone, was unter anderem zu Müdigkeit, Schwäche, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit und niedrigem Blutdruck führt. Ein Mangel an Cortisol kann auch Depressionen, Angstzustände und Reizbarkeit verursachen.
- Cushing-Syndrom: Eine gesteigerte Hormonproduktion der Nebennierenrinde mit entsprechendem Cortisolüberschuss ist wiederum Auslöser des Cushing-Syndroms. Typische Folgen eines zu hohen Cortisolspiegels sind Bluthochdruck, Muskelschwäche und die sogenannte Stammfettsucht. Ein zu hoher Cortisolspiegel kann auch Depressionen, Angstzustände, Gedächtnisprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten verursachen.
- Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS): Beim PCOS produzieren die Eierstöcke zu viele männliche Geschlechtshormone. Dieses hormonelle Ungleichgewicht kann zu Zyklusstörungen, Unfruchtbarkeit, vermehrter Körperbehaarung und Haarausfall führen. PCOS kann auch Angstzustände, Depressionen und Stimmungsschwankungen verursachen.
- Kleinwuchs und Riesenwuchs: Bei einer krankhaften Veränderung der Hirnanhangdrüse kann es im Kindesalter zu einem Mangel am Wachstumshormon Somatotropin kommen, was zu Kleinwuchs führt. Umgekehrt kann es bei einem Überschuss des somatotropen Hormons zu einem übermäßigen Wachstum kommen, das als Riesenwuchs oder Gigantismus bezeichnet wird. Störungen des Wachstumshormons können auch die Gehirnfunktion und die Kognition beeinträchtigen.
- Hypophysenadenome: Ein Hypophysenadenom ist ein gutartiger Hirntumor an der Hirnanhangdrüse. Dieser kann sich auf den Hormonhaushalt auswirken und zu einer Über- oder Unterproduktion von Hormonen führen. Je nachdem, welches Hormon betroffen ist, können verschiedene Symptome auftreten, darunter Zyklusstörungen, Milchbildung ohne Stillen/Schwangerschaft, Libido-Verlust, Riesenwuchs, unverhältnismäßiges Wachstum der Hände, Füße, des Kopfumfangs und einiger Weichteile im Gesicht. Ein großer Hypophysentumor kann auch auf verschiedene Nerven und Hirnstrukturen drücken und so Sehstörungen, Kopfschmerzen und andere neurologische Probleme verursachen.
Behandlung von Hormonstörungen
Die konkreten therapeutischen Maßnahmen hängen von der jeweiligen hormonellen Störung ab. In vielen Fällen können fehlende Hormone durch Medikamente ersetzt werden. Hypophysenadenome können operativ entfernt oder medikamentös behandelt werden. Die Behandlung von Hormonstörungen erfordert oft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Endokrinologen, Neurologen, Neurochirurgen und anderen Spezialisten.
Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Angesichts der komplexen Zusammenhänge zwischen Hormonen und Gehirnfunktion ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Diagnose und Behandlung von Hormonstörungen unerlässlich. Endokrinologen können die Hormonspiegel messen und die Ursache der Störung identifizieren. Neurologen können die Auswirkungen der Hormonstörung auf das Gehirn beurteilen und neurologische Symptome behandeln. Neurochirurgen können Hypophysenadenome operativ entfernen. Durch die Zusammenarbeit dieser Spezialisten kann eine umfassende und individualisierte Behandlung gewährleistet werden.
Protonentherapie bei Hypophysenadenomen
Die Protonentherapie ist eine moderne und besonders schonende Bestrahlungsmethode, die bei der Behandlung von Hypophysenadenomen eingesetzt werden kann. Bei der Protonentherapie werden Protonen verwendet, um den Tumor gezielt zu bestrahlen und das umliegende Gewebe zu schonen. Dies ist besonders wichtig bei der Behandlung von Hirntumoren, da sich im Kopf- und Schädelbasis-Bereich gleich mehrere heikle Risikostrukturen befinden. Durch die Zielgenauigkeit der Protonen reduziert sich die Strahlenbelastung von Gehirn-, Rückenmark-, Hör- oder Sehstrukturen jedoch auf ein absolutes Minimum.
Die Protonentherapie kann eineAlternative sein, wenn eine Operation nicht möglich ist oder wenn der Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte. Studien haben gezeigt, dass eine postoperative Bestrahlung mit Protonen die Gefahr von Rezidiven minimiert.
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