Candesartan zur Migräneprophylaxe: Eine vielversprechende Option

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der bis zu jede/r Siebte weltweit betroffen ist. Frauen leiden mehr als doppelt so häufig darunter wie Männer. Neben Triptanen und neuen Wirkstoffen aus der Gruppe der Gepante werden auch andere Medikamente zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt. Ein vielversprechender Kandidat ist Candesartan, ein Angiotensin-II-Rezeptorblocker, der ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck entwickelt wurde.

Hintergrund: Candesartan und seine Wirkung

Candesartan gehört zur Wirkstoffgruppe der Angiotensin-II-Rezeptorblocker und wird hauptsächlich zur Behandlung von Hypertonie, Herzinsuffizienz und Nierenerkrankungen eingesetzt. Es wirkt, indem es selektiv die Wirkung von Angiotensin II am AT1-Rezeptor hemmt, einem Hormon, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bluthochdruck spielt. Darüber hinaus fördert Candesartan die Natrium-Ausscheidung und die Reabsorption von Kalium. Studien deuten darauf hin, dass Sartane wie Candesartan auch organoprotektive und antiateriosklerotische Wirkungen haben könnten. Als möglicher Mechanismus für die Migräneprophylaxe wird postuliert, dass Candesartan zu einer Stabilisierung der Gefäßspannung und einer verbesserten Durchblutung im Gehirn führt.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Candesartan bei Migräne

Mehrere Studien haben die Wirksamkeit von Candesartan bei der Migräneprophylaxe untersucht. Eine randomisierte, dreifachblinde, Placebo-kontrollierte Studie der Phase 2 mit 457 Teilnehmern (Durchschnittsalter 38,7 Jahre; 86 % Frauen) untersuchte die Wirkung von Candesartan in Dosen von 8 mg oder 16 mg / Tag im Vergleich zu Placebo. Die Studienteilnehmer litten unter 2 bis 8 Migräneattacken mit/ohne Aura pro Monat.

Die Ergebnisse zeigten, dass die mittlere Anzahl der Migränetage / 4 Wochen unter der höheren Dosierung von 16 mg Candesartan um 2,04 Tage sank (95%-Konfidenzintervall 1,65 bis 2,41; p < 0,0001). Unter der niedrigen Dosierung von 8 mg waren es 2,20 Tage (95%-KI - 2,58 bis - 1,81; p < 0,0001) gewesen, und unter Placebo 0,83 Tage (95%-KI -1,23 bis - 0,38; P = 0,0003). Der Unterschied zwischen 16 mg Candesartan und Placebo betrug - 1,22 Tage und war statistisch signifikant (p < 0,0001).

Eine frühere Vergleichsstudie mit 72 Patienten bestätigte ebenfalls die Wirksamkeit von Candesartan bei der Prophylaxe von Migräne-Attacken. Die Substanz erwies sich dabei als ähnlich wirksam wie der in dieser Indikation häufig verschriebene Beta-Blocker Propranolol. In der norwegischen Cross-over-Studie erhielten die Patienten dreimal über jeweils zwölf Wochen entweder 16 Milligramm Candesartan, 160 Milligramm Propranolol oder Placebo. Beide Wirkstoffe reduzierten die Anzahl der Migränetage von unbehandelt 4,82 auf 2,95 (Candesartan) beziehungsweise 2,91 Tage (Propranolol) und waren damit signifikant wirksamer als Placebo (3,53). Auch die Zahl der Responder war unter beiden Blutdruckmitteln mit 43 und 40 Prozent deutlich höher als unter Placebo (23 Prozent).

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Eine Analyse von 50 Studien mit 4 310 Teilnehmern ergab, dass Sartane im Vergleich zu Placebo eine signifikante Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage bewirkten (-0,9 Tage; 95%-KI -1,6 bis -0,1).

Verträglichkeit und Nebenwirkungen

In der oben genannten Phase-2-Studie war die häufigste Nebenwirkung unter 16 mg Candesartan Schwindel, der bei 30 % der Patienten auftrat gegenüber 13 % in der Placebo-Gruppe. Schwere Nebenwirkungen berichteten 4 Patienten unter 16 mg Candesartan und einer unter Placebo; Studienabbrüche wegen Nebenwirkungen waren mit jeweils 4 Teilnehmern gleich verteilt.

Die detaillierte Erfassung der Nebenwirkungen in der Vergleichsstudie mit Propranolol zeigte unterschiedliche Profile. Körperschmerzen traten bei Propranolol doppelt so häufig auf wie unter Candesartan, beim Schwindel war das Verhältnis umgekehrt. Eine niedrige Herzfrequenz nach Belastung fand sich nur unter Propranolol, dafür gab es unter Candesartan doppelt so oft Parästhesien.

Klinische Bedeutung und Empfehlungen

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Candesartan eine wirksame und gut verträgliche Option zur Vorbeugung von episodischer Migräne sein könnte. Insbesondere für Patienten, die Betablocker nicht vertragen, wie beispielsweise Asthmatiker, stellt Candesartan eine wichtige Alternative dar.

Professor Dr. Andreas Straube von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft betont, dass dank der Studienlage in Zukunft noch besser auf individuelle Bedürfnisse und Begleiterkrankungen eingegangen und damit mehr Patienten vor den Migräneattacken geschützt werden können.

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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Candesartan in Deutschland nicht zugelassen ist für die Prophylaxe von Migräneanfällen. Daher ist der Einsatz von Candesartan zur Migräneprophylaxe derzeit ein Off-Label-Use, der einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung bedarf. Weitere Studien sind wünschenswert, um die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von Candesartan bei Migräne zu bestätigen.

Weitere Aspekte der Migräneprophylaxe

Neben Candesartan gibt es eine Reihe weiterer Medikamente, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können. Dazu gehören:

  • Betarezeptorenblocker: Diese sind besonders geeignet bei tachykarden Rhythmusstörungen oder Vorliegen eines essenziellen Tremors. Allerdings können sie eine vorbestehende Psoriasis verschlechtern und sollten deswegen vorsorglich nicht bei Psoriasis eingesetzt werden.
  • Antikonvulsiva (Topiramat, Valproinsäure): Topiramat kann zu deutlichen Stimmungsschwankungen mit Ängsten und depressiven Verstimmungen führen. Es sollte daher bei vorbekannten affektiven Störungen nur nach sorgfältiger Aufklärung unter Abwägung von Nutzen und Risiko verordnet werden. Zudem kann Topiramat zu einer Gewichtsabnahme führen. Es kann daher bei übergewichtigen Patienten eine Option darstellen, sollte aber bei Anorexie vermieden werden. Jedoch müssen die Einschränkungen zur Anwendung berücksichtigt werden. Topiramat ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine hochwirksame Empfängnisverhütung anwenden, kontraindiziert. Valproinsäure darf nur noch off-label zur Migräneprophylaxe und nur noch bei Patienten, bei denen keine Schwangerschaft möglich ist, eingesetzt werden.
  • Flunarizin: Dieses Medikament kann zu extrapyramidal-motorischen Störungen, Gewichtszunahme und depressiven Verstimmungen führen. Über das potenzielle Auftreten dieser nach Absetzen reversiblen Nebenwirkungen sollte immer aufgeklärt werden. Liegen entsprechende Komorbiditäten vor, ist Flunarizin zu vermeiden.
  • Amitriptylin: Dieses Antidepressivum wird ebenfalls häufig zur Migräneprophylaxe eingesetzt.

Die Auswahl der migräneprophylaktischen Substanz sollte begleitende Komorbiditäten eines Patienten immer berücksichtigen.

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