Sativex Erfahrungen bei Parkinson: Eine umfassende Betrachtung von Nutzen und Risiken

Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die vor allem motorische Fähigkeiten beeinträchtigt und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich mindern kann. Angesichts der potenziellen Nebenwirkungen herkömmlicher Parkinson-Medikamente suchen viele Patienten nach alternativen Therapieansätzen. In diesem Zusammenhang rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen von Cannabis als Therapie bei Parkinson, wobei insbesondere auf Erfahrungen mit Sativex eingegangen wird.

Was ist Parkinson?

Parkinson ist eine chronische, fortschreitende und neurodegenerative Erkrankung, die die motorischen Funktionen beeinträchtigt und auch nicht-motorische Beeinträchtigungen verursachen kann. Bis zu 2 % der über 65-Jährigen erkranken an Parkinson, wobei die Diagnose meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr gestellt wird.

Ursachen und Symptome

Die Parkinson-Krankheit wird durch das Absterben der Dopamin produzierenden Neuronen in der Substantia nigra verursacht. Dieses Hirnareal ist gemeinsam mit dem Globus pallidus maßgeblich an der Kontrolle von Bewegungen beteiligt. Das Absterben dieser Zellen führt zu einem Dopaminmangel, der sich in verschiedenen Symptomen äußert, darunter:

  • Zittern in Ruhe (Ruhetremor)
  • Muskelversteifung und Verspannungen
  • Bradykinese (Verlangsamung der Bewegungen und des Gesichtsausdrucks)
  • Gleichgewichtsprobleme
  • Verminderte Mimik und Augenbewegungen
  • Veränderungen des Gangs
  • Schwierigkeiten beim Schlucken
  • Chronische Schmerzen
  • Depressionen
  • Schlafstörungen
  • Kognitive Beeinträchtigungen
  • Psychosen
  • Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn

Diagnose

Einen speziellen Test für Parkinson gibt es bisher nicht. Besteht der Verdacht auf Parkinson, wird ein Arzt oder eine Ärztin die Krankheit anhand verschiedener Untersuchungen und Laboranalysen diagnostizieren können. Dazu gehören meist eine körperliche Untersuchung und neurologische Tests. Anhand dieser Methoden kann unter anderem gemessen werden, wie viel Dopamin das Gehirn produziert und ob dessen Funktionsfähigkeit möglicherweise eingeschränkt ist. Der Arzt oder die Ärztin kann dazu folgende Methoden nutzen:

  • MRT (Magnetresonanztomographie)
  • Lumbalpunktion

Standardtherapien bei Parkinson

Die Behandlungsmöglichkeiten mit Parkinson-Medikamenten wie Levodopa richten sich in erster Linie darauf, die Symptome zu lindern. Im Rahmen einer Standardbehandlung bei Parkinson werden Medikamente folgender Wirkstoffgruppen verabreicht:

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  • Levodopa (L-Dopa)
  • Dopaminagonisten
  • COMT-Hemmer
  • MAO-B-Hemmer
  • Amantadin
  • Anticholinergika
  • Budipin

Herausforderungen und Nebenwirkungen

Mitunter können diese oder andere Wirkstoffe jedoch auf Dauer schwere Nebenwirkungen hervorrufen. Einige Patient:innen verweigern daraufhin, die Behandlung fortzusetzen. Angesichts dessen bedarf es alternativer Parkinson-Therapien, die effektiver und weniger belastend für Betroffene sind.

Cannabis als alternative Therapie bei Parkinson

Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass medizinisches Cannabis eine Alternative zu traditionellen Parkinson-Medikamenten sein könnte. Studien fanden, dass Cannabis Symptome wie Tremor, Muskelsteifheit, Angst, Schmerzen und Depressionen mindern konnte.

Das Endocannabinoid-System und seine Rolle

Der menschliche Körper produziert sogenannte Endocannabinoide, die unter anderem zur Regulierung von Gedächtnis, Stimmung, Konzentration, Denken, Bewegung, Konzentration, Sinnes- und Zeitwahrnehmung sowie Appetit und Schmerz beitragen. Die wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid und 2-Arachidonoylglycerin. Sie wirken hauptsächlich an den CB1 und CB2 Rezeptoren im Globus pallidus und der Substantia nigra. Diese Hirnareale sind an der Kontrolle von Bewegungen beteiligt.

Cannabinoide und ihre Wirkung

Auch die Cannabis-Pflanze enthält sogenannte Cannabinoide. Diese chemischen Verbindungen, etwa Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC), sorgen für ihre medizinische Wirkung. CBD wirkt in erster Linie anxiolytisch, antipsychotisch und neuroprotektiv. THC hingegen ist für die psychotrope Wirkung von Cannabis verantwortlich. Aufgrund der Tatsache, dass es viele Cannabinoidrezeptoren in den Basalganglien gibt, haben Cannabinoide das Potenzial, als mögliche Medikamente gegen Parkinson eingesetzt werden zu können.

Studienlage zu Cannabis bei Parkinson

In einem Literatur-Review aus dem Jahr 2021 betrachteten Forscher:innen 5 randomisierte, kontrollierte Studien und 18 nicht randomisierte Studien zur Behandlung von Parkinson-Patient:innen mit Cannabis. Auch wenn in diesem Literatur-Review keine zwingenden Beweise für den Nutzen einer Behandlung mit Cannabis gefunden wurden, wird ihr potenzieller Nutzen dennoch hervorgehoben. So halten Forscher:innen fest, dass Tremor, Angst, Schmerzen und Schlafstörungen durch den Einsatz von Cannabis gelindert werden konnten.

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Eine Studie mit 339 tschechischen Parkinson-Patienten, die routinemäßig Cannabisblätter oral einnahmen (CBD + THC), kam es zu einer signifikanten Verbesserung des Ruhetremors, der Bradykinesie und der Steifigkeit bei insgesamt geringen oder keinen Nebenwirkungen.

Cannabis zur Linderung von Depressionen

Depressionen kommen bei Parkinsonkranken recht häufig vor. Etwa 50 % der Patient:innen sind davon betroffen. Es wird angenommen, dass Endocannabinoide die Stimmungslage regulieren und somit einer Depression entgegenwirken können. Hinzu kommt, dass die neuroprotektiven Eigenschaften von CBD das Fortschreiten der Krankheit unter Umständen verzögern könnten. Wissenschaftler:innen raten daher, Cannabis als Medizin alternativ zu Parkinson Medikamenten oder zusätzlich zur Standardtherapie anzuwenden.

Cannabis zur Reduktion von Nebenwirkungen herkömmlicher Medikamente

Der Konsum von Cannabis gemeinsam mit den verschriebenen Parkinson Medikamenten scheint nicht nur die Wirksamkeit der Parkinson Medikamente zu verbessern, sondern auch deren Nebenwirkungen zu reduzieren. Etwa 46 % der Studienteilnehmer:innen einer Untersuchung aus dem Jahr 2016 berichteten über eine allgemeine Linderung ihrer Symptome und der durch Levodopa induzierten Dyskinesie.

Sativex bei Parkinson

Sativex ist ein Cannabisextrakt, der sowohl THC als auch CBD enthält. Es ist in Deutschland für die Behandlung der therapieresistenten Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. Obwohl es keine Zulassung für die Behandlung von Parkinson gibt, deuten einige Studien darauf hin, dass Sativex auch bei Parkinson-Patienten positive Effekte haben kann, insbesondere bei der Linderung von Schmerzen und Schlafstörungen.

Rechtliche Aspekte und Verschreibung

Bisher gibt es in Deutschland kein zugelassenes Parkinson Medikament, das Cannabis enthält. Mögliche Darreichungsformen sind Rezepturarzneimittel (etwa Tinkturen und Öle) oder Cannabisblüten. Die Inhalation von Cannabisblüten wird hierbei medizinisch empfohlen.

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Ärzte und Ärztinnen können medizinische Cannabis verschreiben, wenn sie die Therapie - etwas als Zusatztherapie - als sinnvoll ansehen. Zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse muss die Entscheidung des Arztes oder der Ärztin folgendermaßen begründet werden:

  • Eine Therapie mit anderen Medikamenten ist nicht möglich.
  • Eine Standardtherapie mit Parkinson Medikamenten hat nicht zum Erfolg geführt oder verliert an Wirkung.
  • Durch den Einsatz von Cannabis ist eine Besserung der Symptome zu erwarten.

Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass tendenziell positive Ergebnisse erzielt werden können. Auch wenn diese definitiv nicht bei allen Patienten auftreten muss. Wie bei allen Medikamenten gibt es auch bei der Verwendung von medizinischem Cannabis zur Behandlung von Parkinson potenzielle Risiken.

Die häufigsten akuten Nebenwirkungen THC-haltiger Präparate sind Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Mundtrockenheit, Angst, Übelkeit und kognitive Beeinträchtigungen. Gelegentlich kommt es zu Euphorie, Verschwommen-Sehen und Kopfschmerzen. Als seltene Nebenwirkungen gelten orthostatische Hypotonie, Psychose, Wahnvorstellungen, Depression, Ataxie, Desorientiertheit, Tachykardie, Cannabis-Hyperemesis-Syndrom und Diarrhö. Als Kontraindikationen gelten eine vorbestehende Psychose, Schwangerschaft und Stillzeit. Sehr streng sollte die Indikation bei Kindern und Jugendlichen gestellt werden.

CBD ist selbst in hohen Dosierungen sehr gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Sedierung, Lethargie, erhöhte Leberenzyme, verminderter Appetit, Durchfall, Ausschlag, Unwohlsein, Schwäche und Schlafstörungen. Einzige Kontraindikation ist eine Überempfindlichkeit.

Fazit

Medizinisches Cannabis scheint bisher ergänzend zu einer Standardtherapie Erfolg zu versprechen. Eine wachsende Zahl von Hinweisen aus der Wissenschaft legt nahe, dass Cannabis bei der Behandlung von Parkinson helfen könnte. Es sind jedoch weitere Forschungsarbeiten erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis bei Parkinson vollständig zu verstehen.

Wenn Sie sich für die Verwendung von Cannabis entschieden haben, dann bitte nur unter medizinischer Betreuung. Behandeln Sie Cannabisprodukte so, wie Sie jedes neue Medikament behandeln würden. Es ist immer eine Frage des Wies und für wen ist diese Therapie auch wirklich geeignet.

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