Die Entwicklung des Schädels und des Gehirns eines Säuglings ist ein komplexer Prozess, der anfällig für verschiedene Einflüsse ist. Eine der möglichen Abweichungen ist die Asymmetrie des Schädels, die sogenannte Plagiozephalie. In seltenen Fällen kann auch eine unterschiedliche Größe der Hirnhälften festgestellt werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Folgen solcher Asymmetrien, insbesondere wenn die linke Hirnhälfte kleiner als die rechte ist.
Was ist Plagiozephalie?
Plagiozephalie, umgangssprachlich auch als Schiefkopf bezeichnet, ist eine Verformung des Schädels bei Säuglingen. Der Schädel eines Babys besteht aus mehreren Knochenplatten, die durch Knorpelfugen (Suturen) verbunden sind. Diese Konstruktion ermöglicht es dem Schädel, sich während der Geburt zu verformen und dem schnell wachsenden Gehirn im ersten Lebensjahr Platz zu bieten. Die Kehrseite ist, dass der Schädel anfällig für Verformungen durch äußere Einflüsse ist.
Die Diagnose eines Plagiocephalus erfolgt in der Regel durch eine visuelle Beurteilung des Schädels. Um die Schwere der Asymmetrie zu bestimmen, kann der Cranial Vault Asymmetry Index (CVAI) berechnet werden. Hierbei werden die Schädeldurchmesser an zwei Stellen gemessen und verglichen. Ein CVAI unter 3 mm gilt als normal, Werte zwischen 3 und 12 mm deuten auf eine leichte bis moderate Asymmetrie hin, während Werte über 12 mm eine schwere Asymmetrie anzeigen.
Der ICD-10-Code für Plagiozephalie ist Q67.3. Zusätzlich gibt es die Einteilung nach Argenta, die die occipitale, posteriore Plagiozephalie in fünf Typen klassifiziert.
Ursachen für Schädelasymmetrien
Schädelasymmetrien können verschiedene Ursachen haben:
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- Lagerungsbedingte Plagiozephalie: Diese Form entsteht durch einseitigen Druck auf den Schädel, meist durch bevorzugtes Liegen auf dem Rücken oder auf einer bestimmten Seite. Da Babys lange Zeit nicht selbstständig ihre Position verändern können, kann dies zu einer Abflachung des Hinterkopfes führen. Man spricht von einem lagerungsbedingten Plagiozephalus erst bei Säuglingen ab der 6. bis 8. Lebenswoche.
- Pränatale Ursachen: Bereits im Mutterleib kann es zu Schädelverformungen kommen, beispielsweise durch eine ungünstige Lage des Babys im Becken der Mutter oder durch Druck eines Zwillings. In seltenen Fällen können sich auch die Knorpelfugen zwischen den Schädelknochen vorzeitig verfestigen (Kraniosynostose), was zu einer Asymmetrie führt.
- Torticollis (Schiefhals): Ein Schiefhals kann dazu führen, dass das Baby den Kopf nicht frei zur Seite drehen kann und somit eine bevorzugte Liegeposition einnimmt. Dies begünstigt wiederum die Entstehung einer Plagiozephalie.
Mikrozephalie und unterschiedliche Größe der Hirnhälften
In seltenen Fällen kann eine Schädelasymmetrie mit einer unterschiedlichen Größe der Hirnhälften einhergehen. Eine Mikrozephalie, definiert als ein deutlich kleinerer Kopfumfang als normal, kann auf eine verminderte Gehirnmasse hindeuten. Die Ursachen für Mikrozephalie sind vielfältig und können genetisch bedingt sein (primäre Mikrozephalie) oder durch äußere Einflüsse wie Infektionen während der Schwangerschaft (z.B. Zika-Virus), Sauerstoffmangel bei der Geburt oder vorzeitige Verknöcherung der Schädelnähte entstehen.
Wenn die linke Hirnhälfte kleiner als die rechte ist, können sich spezifische Auswirkungen zeigen, da die beiden Hemisphären unterschiedliche Funktionen haben.
Funktionen der Hirnhälften
Das Großhirn besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind. Jede Hemisphäre ist für bestimmte Funktionen zuständig:
- Linke Hirnhälfte: Sprache, Denkprozesse, Mathematik, Logik, grammatikalische Verarbeitung der Sprache (Broca-Areal), lexikalisches Wissen (Wernicke-Zentrum).
- Rechte Hirnhälfte: Visuell-räumliche Wahrnehmung, Gefühle, Kreativität, Fantasie, Kunst, Musik, Verarbeitung von Emotionen.
Eine Verkleinerung der linken Hirnhälfte könnte sich daher potenziell auf die Sprachentwicklung, das logische Denken und die mathematischen Fähigkeiten auswirken. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass das Gehirn eine hohe Plastizität besitzt, insbesondere im frühen Kindesalter. Das bedeutet, dass andere Hirnbereiche die Funktionen der betroffenen Region teilweise übernehmen können.
Mögliche Folgen von Schädelasymmetrien und unterschiedlicher Hirnhälftengröße
Die Folgen einer Schädelasymmetrie und einer potenziellen unterschiedlichen Größe der Hirnhälften können vielfältig sein und hängen von der Schwere der Ausprägung ab. Mögliche Auswirkungen sind:
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- Motorische Entwicklungsverzögerungen: Durch die Verschiebung der Ohrachse (Ear Shift) kann der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt werden, was die motorische Entwicklung erschwert.
- Hörprobleme: Die Belüftung des Mittelohres kann eingeschränkt und der Gehörgang verengt werden, was das Hörvermögen vermindern kann.
- Kieferprobleme: Asymmetrien des Ober- und Unterkiefers können zu Fehlbissen führen, die später kieferorthopädisch behandelt werden müssen.
- Haltungsschäden: Die Verformung des Schädels kann sich auf die Halswirbelsäule auswirken und zu einer reduzierten Kopf- und Wirbelsäulenmobilität führen. Dies kann eine skoliotische Fehlhaltung begünstigen.
- Entwicklungsverzögerungen: Bei einer Mikrozephalie ist das Gehirn oft zu klein, was zu Entwicklungsverzögerungen, geistigen Behinderungen, Sprachproblemen und motorischen Beeinträchtigungen führen kann.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Kinder mit Schädelasymmetrien oder unterschiedlicher Hirnhälftengröße diese Probleme entwickeln. Viele Kinder kompensieren die Defizite durch die Plastizität ihres Gehirns und entwickeln sich normal.
Prävention und Therapie
Um lagerungsbedingten Schädelasymmetrien vorzubeugen, werden folgende Maßnahmen empfohlen:
- Variable Lagerung: Das Baby sollte abwechselnd auf der rechten und linken Seite gelagert werden.
- Bauchlage in Wachphasen: Mehrmals täglich sollte das Baby unter Aufsicht für einige Minuten in Bauchlage gelegt werden, um die Nackenmuskulatur zu stärken und den Druck auf den Hinterkopf zu vermeiden.
- Ergonomisches Tragen: Das Tragen in einer ergonomischen Babytrage fördert eine gesunde Entwicklung von Kopf und Wirbelsäule.
- Geeignete Babywippen: Babywippen sollten über einen Neugeborenen-Einsatz mit ausreichend Platz und Unterstützung im Kopfbereich verfügen, damit das Baby den Kopf frei drehen kann.
Die Therapie von Schädelasymmetrien richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad. In den meisten Fällen ist eine konservative Behandlung ausreichend:
- Lagerungstherapie: Durch gezielte Lagerung kann das Wachstum des Schädels gelenkt werden.
- Physiotherapie: Bei einem Schiefhals kann Physiotherapie helfen, die Nackenmuskulatur zu entspannen und die Kopfbeweglichkeit zu verbessern.
- Helmorthese: In schweren Fällen kann eine Helmorthese eingesetzt werden, um das Schädelwachstum gezielt zu lenken.
Bei einer Mikrozephalie ist die Behandlung abhängig von der Ursache und den Begleiterscheinungen. Es gibt keine spezifische Therapie, die die Gehirngröße vergrößern kann. Die Behandlung konzentriert sich auf die Förderung der Entwicklung und die Linderung der Symptome.
Die emotionale Seite: Seitenvorliebe beim Tragen von Babys
Interessanterweise gibt es eine beobachtete Seitenvorliebe beim Tragen von Babys. Studien haben gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen, insbesondere Rechtshänder und Frauen, dazu neigen, ein Baby mit dem linken Arm zu halten. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Emotionen vorrangig in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet werden, die mit der linken Körperseite verknüpft ist.
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