Schlaffe Hemiparese: ICD-10-GM, Ursachen und Kodierung

Die schlaffe Hemiparese, im ICD-10-GM unter G81.0 (schlaffe Hemiplegie) klassifiziert, ist eine Form der Halbseitenlähmung, die durch eine verminderte Muskelspannung (Hypotonie) gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu steht die spastische Hemiparese (G81.1), bei der eine erhöhte Muskelspannung (Hypertonie oder Spastik) vorliegt. Die korrekte Diagnose und Kodierung dieser Zustände ist entscheidend für die angemessene Behandlung und Vergütung im Gesundheitswesen.

Was ist eine Lähmung?

Eine Lähmung (Plegie oder Parese) ist der vollständige oder teilweise Verlust der willkürlichen Muskelfunktion. Sie kann verschiedene Ursachen haben und unterschiedliche Körperteile betreffen. Eine Hemiparese bezeichnet die Schwächung einer Körperhälfte, während eine Hemiplegie den vollständigen Verlust der Bewegungsfähigkeit einer Körperhälfte beschreibt.

Formen der Lähmung

Lähmungen werden nach verschiedenen Kriterien unterschieden, darunter:

  • Betroffene Körperregion: Hemiplegie (Halbseitenlähmung), Paraplegie (Lähmung der unteren Extremitäten), Tetraplegie (Lähmung aller vier Extremitäten).
  • Art der Muskeltonusveränderung: Schlaffe Lähmung (Hypotonie), spastische Lähmung (Hypertonie).
  • Ursache: Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Rückenmarksverletzung,Multiple Sklerose, etc.

Ursachen der schlaffen Hemiparese

Die schlaffe Hemiparese entsteht durch Schädigungen im zentralen oder peripheren Nervensystem. Häufige Ursachen sind:

  • Schlaganfall: Insbesondere in der akuten Phase nach einem Schlaganfall kann eine schlaffe Hemiparese auftreten.
  • Hirnverletzungen: Traumatische Hirnverletzungen können zu Schädigungen von Nervenbahnen führen, die die Motorik steuern.
  • Rückenmarkserkrankungen: Verletzungen oder Entzündungen des Rückenmarks können ebenfalls eine schlaffe Lähmung verursachen.
  • Periphere Nervenschädigungen: Schädigungen der Nerven, die die Muskeln versorgen, können zu einer schlaffen Lähmung führen.
  • Neuromuskuläre Erkrankungen: Erkrankungen wie z.B. die Kinderlähmung(Poliomyelitis)

Diagnose der schlaffen Hemiparese

Die Diagnose einer schlaffen Hemiparese umfasst eine gründliche neurologische Untersuchung. Dabei werden folgende Aspekte beurteilt:

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  • Muskelkraft: Beurteilung der Kraft in verschiedenen Muskelgruppen.
  • Muskeltonus: Beurteilung der Muskelspannung (Hypotonie bei schlaffer Lähmung).
  • Reflexe: Prüfung der Reflexe (sind bei schlaffer Lähmung oft abgeschwächt oder nicht auslösbar).
  • Sensibilität: Prüfung der Sensibilität, um begleitende sensorische Ausfälle festzustellen.

Zusätzlich können bildgebende Verfahren wie CT oder MRT des Gehirns oder Rückenmarks eingesetzt werden, um die Ursache der Lähmung zu identifizieren.

Therapie der schlaffen Hemiparese

Die Therapie der schlaffen Hemiparese zielt darauf ab, die verlorene Funktion wiederherzustellen oder zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Die Behandlung umfasst in der Regel:

  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Kräftigung der Muskulatur, Verbesserung der Koordination und Förderung der Beweglichkeit.
  • Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten, um die Selbstständigkeit im täglichen Leben zu verbessern.
  • Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen, die häufig bei Hemiparesen auftreten.
  • Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente zur Behandlung der Grunderkrankung oder zur Linderung von Begleitsymptomen eingesetzt werden.
  • Rehago: Ergänzend zur therapeutischen Regelversorgung können Patient:innen die Intervention täglich (5 Tage pro Woche, 30 min) zu Hause durchführen und ein Tagebuch über diese Aktivität führen. Dies findet insgesamt 42 Tage lang statt.

ICD-10-GM Kodierung und Vergütung

Die Kodierung der Hemiparese erfolgt nach dem ICD-10-GM (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification). Hierbei ist eine möglichst spezifische Kodierung anzustreben.

  • G81.0: Schlaffe Hemiplegie
  • G81.1: Spastische Hemiplegie
  • G81.9: Hemiplegie, nicht näher bezeichnet

Problematik der unspezifischen Kodierung (G81.9)

In bestimmten Konstellationen kann es vorkommen, dass eine unspezifische Kodierung mit G81.9 zu einer höheren Vergütung führt als die spezifischen Kodes G81.0 oder G81.1. Dies liegt daran, dass im australischen Originalsystem, auf dem das deutsche DRG-System (Diagnosis Related Groups) basiert, möglicherweise nur der Kode G81.9 als CC-relevant (Complication or Comorbidity) eingestuft wurde. CC-relevante Kodes können den Schweregrad eines Falles erhöhen und somit zu einer höheren DRG-Einstufung und Vergütung führen.

Es wird jedoch allgemein geraten, so spezifisch wie möglich zu kodieren, um die tatsächliche Erkrankung des Patienten korrekt abzubilden. Der Kodierleitfaden Schlaganfall der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft verweist auf die DKR (Deutsche Kodierrichtlinien) 009a und 013a, die eine möglichst spezifische Kodierung einfordern.

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CCL-Bewertung und zukünftige Änderungen

Es wird erwartet, dass die CCL-Bewertung in Deutschland angepasst wird, um die spezifischen Kodes G81.0 und G81.1 ebenfalls als CC-relevant einzustufen. Dies würde die Anreize für eine unspezifische Kodierung reduzieren und eine korrektere Abbildung der Krankheitslast ermöglichen.

Aktuelle Empfehlungen zur Kodierung

  • Akuter Apoplex: In Einzelfällen kann bei akutem Apoplex zunächst G81.9 (Hemiplegie, nicht näher bezeichnet) verschlüsselt werden. Erst bei älterem Apoplex (nach abgeschlossener Behandlung) sollte nach schlaff/spastisch differenziert werden.
  • Allgemein: Es sollte jedoch immer eine möglichst spezifische Kodierung angestrebt werden, um die tatsächliche Erkrankung des Patienten korrekt abzubilden.

Heilungschancen

Die Heilungschancen bei einer schlaffen Hemiparese hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache und Schwere der Lähmung, das Alter des Patienten und die Qualität der Rehabilitation. In der Regel verbessern sich die Symptome durch Selbstheilungsprozesse im Körper und gezieltes Training. Junge Menschen ohne Restsymptomatik tendieren bei behandelter Ursache und behobenen Risikofaktoren zu einer guten Prognose.

Studien und Forschung

Es gibt zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit verschiedener Therapieansätze bei Hemiparesen untersucht haben. Dazu gehören Studien zur Physiotherapie, Ergotherapie, Robotik-gestützten Therapie und zur Bedeutung des motorischen Lernens.

Einige relevante Studien sind:

  • Feigin et al. (2008, 2014): Untersuchen die globale Belastung durch Schlaganfälle und deren Auswirkungen.
  • Nowak (Hrsg.) (2011): Behandelt Handfunktionsstörungen in der Neurologie und verschiedene Therapieansätze.
  • Mehrholz (2008): Untersucht die Frühphase der Schlaganfallrehabilitation.
  • Platz (2011): Behandelt Schlaganfall und Neurorehabilitation.
  • Wulf (2010): Untersucht motorisches Lernen in der Physiotherapie.

Zusammenfassung

Die schlaffe Hemiparese ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die eine umfassende Diagnostik und Therapie erfordert. Die korrekte Kodierung nach ICD-10-GM ist entscheidend für die angemessene Vergütung im Gesundheitswesen. Obwohl in bestimmten Fällen eine unspezifische Kodierung kurzfristig zu einer höheren Vergütung führen kann, sollte langfristig eine möglichst spezifische Kodierung angestrebt werden, um die tatsächliche Erkrankung des Patienten korrekt abzubilden und die Qualität der Versorgung zu verbessern. Die Therapie umfasst in der Regel Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung. Die Heilungschancen hängen von verschiedenen Faktoren ab, können aber durch gezielte Rehabilitation verbessert werden.

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Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autorin: Christiane Fux, Medizinredakteurin

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