Schlaganfall nach COVID-19-Impfung: Ursachen, Risiken und aktuelle Erkenntnisse

Die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen COVID-19-Impfungen und Schlaganfällen hat in der Bevölkerung Besorgnis ausgelöst und zu Impfskepsis beigetragen. Dieser Artikel untersucht die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema, beleuchtet mögliche Ursachen, identifiziert Risikogruppen und gibt einen Überblick über Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten.

Erhöhtes Schlaganfallrisiko nach COVID-19-Impfung?

Anfang 2023 wurde im "Vaccine Safety Datalink" von FDA (Food and Drug Administration) und CDC (Centers for Disease Control and Prevention) ein erhöhtes Risiko von Schlaganfällen nach einer Auffrischung mit dem bivalenten Biontech-Impfstoff beobachtet. Das "Vaccine Safety Datalink" (VSD) ist eine umfangreiche Datenbank, die medizinische Informationen von Millionen von Menschen enthält. Das Hauptziel des VSD besteht darin, die Sicherheit von Impfstoffen zu überwachen und mögliche Impfstoffnebenwirkungen zu erfassen. Das VSD sammelt und analysiert Daten aus verschiedenen Quellen, darunter Krankenakten, Impfprotokolle und andere Gesundheitsdaten. Es ermöglicht den Gesundheitsbehörden, Trends und Muster in Bezug auf Impfstoffreaktionen und -nebenwirkungen zu erkennen. Wenn ungewöhnliche oder potenziell gefährliche Muster auftreten, können diese genauer untersucht werden.

Eine Studie unter der Leitung von Steven Anderson vom Center for Biologics Evaluation and Research der FDA analysierte die Krankenakten von 5,4 Millionen Patienten, die im Herbst des letzten Jahres eine Auffrischungsimpfung erhalten hatten. Die Ergebnisse aus dem "Vaccine Safety Datalink", die ein erhöhtes Risiko für alle über 65-Jährigen aufzeigten, konnten nur teilweise bestätigt werden. Nach der Auffrischung mit dem Biontech-Impfstoff war das Risiko nur bei Menschen über 85 Jahren um 36 % erhöht. Das bedeutet, dass es 11,92 zusätzliche Schlaganfälle pro 100.000 Impfungen gab. Für den Moderna-Booster war das Risiko in der Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren um 23 % erhöht, mit einem attributablen Risiko von 3,26 Schlaganfällen pro 100.000 Impfungen. Fraglich ist noch, warum der höher dosierte Moderna-Impfstoff das Risiko weniger verstärkt als der Biontech-Impfstoff, und warum in diesem Fall ältere Senioren von dem Effekt ausgenommen sind.

Interessanterweise wurde das erhöhte Risiko hauptsächlich bei Personen beobachtet, die gleichzeitig eine Grippeimpfung mit hoher Dosis erhalten hatten. Nach der Auffrischung mit dem Biontech-Impfstoff wurde ein um 20 % erhöhtes Risiko für nicht-hämorrhagische Schlaganfälle festgestellt. Mit dem Moderna-Impfstoff war nur das Risiko für eine vorübergehende ischämische Attacke erhöht. Bei Personen, die keinen Grippeimpfstoff mit hoher Dosis erhielten, wurde kein erhöhtes Risiko beobachtet.

Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Vektorimpfung

Ende März letzten Jahres wurde eine schwere, wenn auch seltene Nebenwirkung nach COVID-19-Impfung mit Vektor-basierten Vakzinen beobachtet: Impfassoziiert traten vor allem bei jüngeren Frauen Sinus- und Hirnvenenthrombosen auf, es kam zu Todesfällen. Der Vektor-basierte Impfstoff ChAdOx1 (AstraZeneca) wurde daraufhin nicht mehr jungen Frauen verabreicht, außerdem wurden Geimpfte für das Leitsymptom Kopfschmerzen nach Impfung sensibilisiert und Ärztinnen und Ärzte auf das Phänomen der Bildung von anti-PF4-Antikörpern hingewiesen.

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Die DGN-Studie „Cerebral venous thrombosis associated with vaccination against COVID-19“[1] zeigt, dass es nach Impfung mit dem SARS-CoV-2-AstraZeneca-Impfstoff zu signifikant mehr zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT) kam als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen. Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit Vakzinierung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.

Im Rahmen der Abfrage gingen insgesamt 87 Meldungen ein, von denen 62 durch das Expertenteam bestätigt wurden. In 95,2 Prozent der Fälle waren die unerwünschten Ereignisse nach erster Gabe des Impfstoffs aufgetreten: bei 45 Fällen handelte es sich um zerebrale Venenthrombosen, bei neun um ischämische Schlaganfälle, bei vier um Hirnblutungen und bei weiteren vier um andere thrombotische Ereignisse. 53 der insgesamt 62 bestätigten Fälle (85,5 Prozent) waren nach Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff ChAdOx1 aufgetreten, neun Fälle (14,5 Prozent) nach Impfung mit dem BioNTech-Vakzin BNT162b2. Es wurden keine Ereignisse nach Gabe des Impfstoffs mRNA-1273 von Moderna beobachtet.

Bei Frauen unter 60 Jahren, die eine Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin erhalten hatten, betrug die Ereignisrate für CVT innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung 24,2/100.000 Personenjahre, bei gleichaltrigen Männern 8,9/100.000, lag damit also deutlich niedriger. Bei unter 60-Jährigen, die den BioNTech-Impfstoff erhalten hatten, betrug die Ereignisrate 3,6/100.000 Personenjahre bei Frauen und 3,5/100.000 bei Männern.

Nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Vakzine-induzierten immunogenen thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) kommen. Der Pathomechanismus dieser seltenen Impf-Nebenwirkung ähnelt der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der es zur Antikörperbildung gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin kommt.

Ursachen und Mechanismen

Die genauen Ursachen für das erhöhte Schlaganfallrisiko nach COVID-19-Impfungen sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Hypothesen und Forschungsergebnisse, die mögliche Mechanismen beleuchten:

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  • Immunreaktion: Bei einer Impfung gegen SARS-CoV-2 kommt es zu Reaktionen des Immunsystems. Experten der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie e.V. (DGTI) haben herausgefunden, warum es zu solchen Reaktionen kommt und wie diese behandelt werden können. Nach einer Impfung bildet der Körper Abwehrstoffe. In sehr seltenen Fällen bilden Geimpfte spezielle Antikörper, die sich an Thrombozyten, auch Blutplättchen genannt, binden. Die Blutplättchen werden durch die Bindung aktiviert. Werden Blutplättchen aktiviert, ohne dass eine Blutung besteht, können sich Gerinnsel im Blut bilden, welche die Gefäße verstopfen können. Es kommt zu einer sogenannten Thrombose.
  • Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT): Nach Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 kann es in sehr seltenen Fällen zu einer VITT kommen. Der Pathomechanismus dieser seltenen Impf-Nebenwirkung ähnelt der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der es zur Antikörperbildung gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin kommt.
  • Entzündungsreaktionen: Atherosklerose ist eine entzündliche Erkrankung. Influenza und andere Atemwegsinfektionen befeuern systemische Entzündungen und Plaque-Destabilisierungen. Die systemische entzündliche Reaktion auf Pneumokokken-Infekte führt bei Personen mit KHK oder Atherosklerose zu einem erhöhten kardiovaskulären Risiko, das nach einer Lungenentzündung über mehrere Wochen bis Monate anhält, oder sogar über mehrere Jahre hinweg, falls die Lungenentzündung mit einer Sepsis verbunden war. Auch das weit verbreitete Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) verursacht Atemwegsinfektionen. Der Zusammenhang zwischen RSV und CVD ist ebenfalls bidirektional und umfasst inflammatorische Pathomechanismen wie die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine, die die Endothelfunktion angreifen und einen hyperkoagulierbaren Zustand induzieren mit erhöhtem Risiko für Thrombosen, Plaque-Destabilisierungen und -Rupturen.

Risikofaktoren und -gruppen

Bestimmte Personengruppen scheinen einem höheren Risiko für Schlaganfälle nach COVID-19-Impfungen ausgesetzt zu sein:

  • Ältere Menschen: Insbesondere Personen über 85 Jahre scheinen nach der Auffrischung mit dem Biontech-Impfstoff ein erhöhtes Risiko zu haben.
  • Frauen: Insbesondere jüngere Frauen hatten ein höheres Risiko für zerebrale Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem Vakzin ChAdOx1 (AstraZeneca), aber auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden.
  • Personen mit Vorerkrankungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) stellen die häufigste Todesursache dar und sind für 13 % aller Todesfälle weltweit verantwortlich. Infektionskrankheiten zählen ebenfalls zu den 10 häufigsten globalen Todesursachen, insbesondere COVID-19- und Atemwegsinfektionen. Die Pathomechanismen einer akuten Infektion können kurzfristig das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Personen mit CVD dramatisch erhöhen, während umgekehrt aber auch ein erhöhtes Infektionsrisiko bei chronischen Krankheiten besteht.
  • Gleichzeitige Grippeimpfung: Das Risiko für Schlaganfälle schien erhöht, wenn gleichzeitig eine Grippeimpfung mit hoher Dosis verabreicht wurde.

Prävention und Behandlung

Obwohl die Datenlage noch nicht vollständig ist, gibt es einige Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Schlaganfällen im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen:

  • Aufklärung und Information: Es ist entscheidend, die Bevölkerung proaktiv über den Nutzen von Impfungen aufzuklären und gleichzeitig transparent über mögliche Risiken zu informieren.
  • Risikobewertung: Vor der Impfung sollte eine individuelle Risikobewertung durchgeführt werden, insbesondere bei älteren Menschen, Frauen und Personen mit Vorerkrankungen.
  • Impfstoffauswahl: Das sehr geringe Risiko für Hirnvenenthrombosen ließe sich weiter minimieren, wenn Frauen grundsätzlich bevorzugt mit den mRNA-Vakzinen geimpft würden.
  • Beobachtung nach der Impfung: Menschen, die nach der Impfung Schmerzen im Bein oder ungewöhnlich starke Kopfschmerzen spüren, sollten umgehend einen Arzt aufsuchen. Hierbei ist die Immunreaktion, die ein bis zwei Tage nach der Impfung auftritt, zu unterscheiden von Komplikationen, die sich in der Regel erst ab Tag vier nach der Impfung bemerkbar machen.
  • Behandlung von Thrombosen: Transfusionsmediziner haben eine Behandlungsmethode gefunden. Durch ein intravenöses Immunglobulin (ivIgG) können die Blutplättchen blockiert werden, sodass der Mechanismus gehemmt wird. Die Blutgerinnsel können dann durch gerinnungshemmende Medikamente aufgelöst werden. Die Diagnosestellung erfolgt durch den behandelnden Arzt vor Ort, die Therapie sollte in jedem mittelgroßen Krankenhaus verfügbar sein.

Schlaganfallprävention unabhängig von Impfungen

Unabhängig von möglichen Impfnebenwirkungen ist die Prävention von Schlaganfällen von großer Bedeutung. Viele Schlaganfälle wären durch Präventivmaßnahmen vermeidbar. Der wichtigste Risikofaktor ist Bluthochdruck, aber auch Diabetes, hohe Cholesterinspiegel, Übergewicht, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Rauchen tragen zu den vermeidbaren oder behandelbaren Risikofaktoren bei.

Nutzen der COVID-19-Impfung überwiegt weiterhin

Trotz der genannten Risiken betonen Experten, dass der Nutzen der COVID-19-Impfung weiterhin die sehr geringen Risiken um ein Vielfaches überwiegt. Die SARS-CoV-2-Infektion selbst ist mit einer höheren Schlaganfallrate assoziiert, und die Impfung schützt somit vor Schlaganfällen.

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