Schlaganfall-Statistik: Eine Analyse der Geschlechterverteilung

Schlaganfälle stellen eine erhebliche Herausforderung für Gesundheitssysteme weltweit dar, und es wird erwartet, dass die Fallzahlen in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Gleichzeitig existieren geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Häufigkeit, Ursachen, Symptomatik, Therapie und Outcome von Schlaganfällen. Dieser Artikel beleuchtet die Schlaganfall-Statistik unter Berücksichtigung der Geschlechterverteilung und analysiert die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Risikofaktoren, Prävalenz und Outcome. Die Berücksichtigung dieser Aspekte ist entscheidend für eine geschlechtsspezifische Medizin und die Entwicklung gezielter Präventionsstrategien.

Einführung

Das weibliche Geschlecht wurde in der modernen Medizin lange Zeit vernachlässigt. Erst in den letzten Jahren hat sich ein Trend zu einer geschlechtsspezifischen Medizin entwickelt. Wie bei vielen anderen Erkrankungen gibt es auch bei Schlaganfällen geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Häufigkeit, Ursachen, Symptomatik, Therapie und Ergebnis.

Allgemeine Schlaganfall-Statistik

Im Jahr 2014 lag die Lebenszeitprävalenz für Schlaganfall in Deutschland bei 3,3 % (Frauen: 3,3 %; Männer: 3,3 %). Die Prävalenz stieg mit zunehmendem Alter deutlich an. Bei 18- bis 44-Jährigen lag die Prävalenz bei 0,9 % und bei 45- bis 64-Jährigen bei 2,8 %. Personen im Alter zwischen 65 und 79 Jahren waren zu 7,5 % und Personen ab 80 Jahren zu 14,6 % betroffen. Die Prävalenz von Schlaganfall bei Erwachsenen lag im Jahr 2014 bei rund 3 %. Auf ähnlichem Niveau bewegen sich die Analysen auf der Grundlage von Abrechnungsdaten gesetzlich Versicherter für den aktuelleren Zeitraum von 2017 - 2022 (WIdO 2024).

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Schlaganfall-Häufigkeit

Weltweit erleiden immer mehr Menschen einen Schlaganfall, was in erster Linie auf die alternde Gesellschaft zurückzuführen ist. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Frauen sind in der Regel etwa zehn Jahre älter als Männer, wenn sie einen Schlaganfall erleiden. Gleichzeitig leben sie auch länger als Männer, wodurch gerade im höheren Alter absolut gesehen mehr Frauen als Männer von einem Schlaganfall betroffen sind; innerhalb der jeweiligen Altersgruppe haben aber Männer das höhere Schlaganfallrisiko. Schätzungen zufolge hatten 2,4 % der Frauen und 2,6 % der Männer in Deutschland im Laufe ihres Lebens bereits einen Schlaganfall.

Risikofaktoren für Schlaganfall bei Frauen

Über das gesamte Leben jedoch sind Frauen durch zusätzliche Risikofaktoren gefährdet. Dazu zählt die Einnahme von Hormonen, unabhängig davon, ob sie vor einer ungewollten Empfängnis oder vor den Beschwerden der Wechseljahre schützen sollen. Auch eine Schwangerschaft an sich erhöht das Risiko für einen Hirnschlag. Treten beispielsweise durch die Schwangerschaft ausgelöste Komplikationen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder aber eine Präeklampsie auf, so erhöht dies das Risiko, später im Leben einen Schlaganfall zu erleiden gegenüber den Frauen, die diese Komplikationen nicht hatten.

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Neben den traditionellen Risikofaktoren wie Rauchen, Adipositas, Bewegungsmangel, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Diabetes rücken zunehmend sogenannte nicht-traditionelle Risikofaktoren in den Fokus. Unter diesen nicht-traditionellen Risikofaktoren werden Stress, Müdigkeit, Schlafstörungen und Erschöpfung aufgeführt. Auf der European Stroke Organisation (ESO) Conference 2021 präsentierte ein Team aus der Schweiz Daten, welche einen Anstieg dieser nicht-traditionellen Risikofaktoren vor allem bei Frauen zeigten. Die Forscher ermittelten den Anstieg von Stress, Schlafstörungen & Co. aus Daten von insgesamt 22.000 Männern und Frauen. Diese wurden im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2007, 2012 und 2017 erhoben. Bei der Auswertung der Daten verzeichneten die Wissenschaftler einen „alarmierenden“ Anstieg in der Anzahl von Frauen, die über diese nicht-traditionellen Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen berichteten. Der Trend fiel mit der Zunahme von Vollzeitarbeit bei Frauen zusammen. Während im Jahr 2007 38% der Frauen in Vollzeit arbeiteten, waren es fünf Jahre später bereits 44%.

Geschlechtsspezifische Auswirkungen von Risikofaktoren

Auch wenn viele Risikofaktoren gleich sind, wirken sich diese bei Frauen und Männern unterschiedlich auf die Häufigkeit sowie die Schwere eines Schlaganfalls aus. Ein Beispiel dafür ist die Stoffwechselstörung Diabetes mellitus. Es wird davon ausgegangen, dass das weibliche Geschlecht allein bereits einen Risikofaktor dafür darstellt, als Folge einer Diabeteserkrankung einen tödlichen Schlaganfall zu erleiden. Zum einen, weil Frauen mit dieser Erkrankung ein bis zu 27 Prozent höheres Risiko als Männer mit der gleichen Erkrankung haben, einen Schlaganfall zu erleiden, zum anderen verläuft der Schlaganfall beim weiblichen Geschlecht zudem bis zu zweimal häufiger tödlich als bei Männern - und das unabhängig vom Alter und der Blutzucker- bzw. Blutdruckkontrolle. Interessant zu wissen: Das Risiko für einen tödlichen Schlaganfall ist bei Frauen mit Diabetes mellitus genauso hoch wie bei Frauen, die bereits zuvor einen Schlaganfall hatten und nicht an dieser Stoffwechselerkrankung leiden.

Ähnliches gilt auch für Vorhofflimmern: Ein fortgeschrittenes Alter begünstigt diese Herzerkrankung bei Männern wie bei Frauen. Da Frauen in der Regel aber älter werden als Männer, sind durch Vorhofflimmern ausgelöste Schlaganfälle besonders bei Frauen fortgeschrittenen Alters häufig. Gerade auch aufgrund des Alters verlaufen diese Schlaganfälle meist schwerer als bei Männern und nehmen öfter einen tödlichen Ausgang. Auch ist die Gefahr von weiteren Schlaganfällen höher.

Studienergebnisse zu Geschlechterunterschieden bei Schlaganfällen

Eine stichwortbasierte Abfrage der Datenbank für den Zeitraum von 2004 bis 2021 ergab 16.787 Datensätze. Nach Ausschluss irrelevanter Daten verblieben 11.003 Fälle für die weitere Auswertung. Die Auswertung der Daten ergab, dass Frauen im Durchschnitt später Schlaganfälle erlitten als Männer, wobei insgesamt mehr Männer als Frauen betroffen waren. Bei Betrachtung der vaskulären Risikofaktoren zeigten sich in der Altersgruppe der 71- bis 90-Jährigen besonders ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede. Im Hinblick auf kardiale Vorerkrankungen hatten Männer in fast allen Altersgruppen ein höheres Risiko, bereits einen Herzinfarkt erlitten zu haben oder an einer KHK erkrankt zu sein. Bei Betrachtung des prämorbiden Funktionsniveaus der Patienten wiesen Männer in der Altersgruppe der 71- bis 90-Jährigen häufiger einen mRS < 1 auf. Hinsichtlich der sozialen Situation lebten Frauen ab dem 51. Lebensjahr häufiger allein und waren in der Gruppe der 71- bis 90-Jährigen öfter auf pflegerische Unterstützung angewiesen. Gleichzeitig waren Frauen ab dem 51.

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass insbesondere das 7. und 8. Lebensjahrzehnt als kritischer Zeitraum hinsichtlich geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Schlaganfällen betrachtet werden kann. Dies steht weitgehend im Einklang mit den Beobachtungen verschiedener Studien und unterstreicht die Existenz von Unterschieden zwischen den Geschlechtern in der Krankengeschichte.

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Vorhofflimmern und Schlaganfallrisiko bei Frauen

Vorhofflimmern ist mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko assoziiert. Ob es dabei geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, ist in einer Metaanalyse von 30 Kohortenstudien mit insgesamt mehr als 4,3 Millionen Teilnehmern untersucht worden. Das gepoolte relative Risiko (RR) für die Gesamtmortalität war bei Patienten mit Vorhofflimmern verglichen mit solchen ohne die Rhythmusstörung bei Frauen höher als bei Männern (RR: 1,69; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 1,50-1,90 vs. 1,47, 95-%-KI: 1,32-1,65). Das gepoolte Risikoverhältnis war bei Frauen damit 12 % größer als bei Männern. Außerdem war bei Frauen das Risiko für einen Schlaganfall signifikant gegenüber Männern gesteigert (RR: 4,05; 95-%-KI: 2,52-6,50 vs. 1,77; 95-%-KI: 1,40-2,24).

Nicht-traditionelle Risikofaktoren bei Frauen

Durch die Arbeitsbelastung ausgelöster Stress wurde von Männern und Frauen berichtet, wobei sich eine Steigerung für beide Geschlechter von 59% im Jahr 2012 auf 66% im Jahr 2017 zeigte. Gleichzeitig stiegen Müdigkeit und Erschöpfung von 23% auf 29% an. Hier war die Verteilung zwischen den Geschlechtern unterschiedlich. 33% der Frauen und 26% der Männer klagten über Müdigkeit und Erschöpfung. Schlafstörungen stiegen ebenfalls an, von 24% auf 29%. Dabei berichteten Frauen häufiger über schwere Schlafstörungen als Männer (8% vs. 5%).

Die Studienautoren Dr. Martin Hänsel, Neurologe am Universitätsspital Zürich, und Professor Dr. Susanne Wegener von der Universität Zürich sagten zu den Ergebnissen der Studie: „Unsere Studie ergab, dass Männer eher rauchen und fettleibig sind als Frauen. Frauen berichteten jedoch über einen größeren Anstieg der nicht-traditionellen Risikofaktoren für Herzinfarkte und Schlaganfälle, wie Arbeitsstress, Schlafstörungen und das Gefühl von Müdigkeit und Erschöpfung". "Dieser Anstieg fällt mit der Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen zusammen. Das Jonglieren mit Arbeit und häuslichen Pflichten oder andere soziokulturelle Aspekte können ein Faktor sein, ebenso wie die besonderen gesundheitsbezogenen Ansprüche von Frauen, die in unserem geschäftigen Alltag vielleicht nicht berücksichtigt werden“, so die Autoren weiter. Wegener weist in Anbetracht der Studienergebnisse darauf hin, dass Frauen in einigen Ländern bereits häufiger Schlaganfälle oder Herzinfarkte erleiden.

Prävention und Empfehlungen

Das Präventionspotenzial für das Schlaganfallrisiko ist hoch angesichts der in Deutschland noch bestehenden Defizite, etwa bei der Eindämmung des Tabakkonsums oder der Förderung eines gesunden Lebensstils. Die Unterschiede in den Bildungsgruppen verdeutlichen, dass verhaltens- und verhältnisbezogene Präventionsangebote insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen sollten.

Um das Gewicht zu halten oder überschüssige Pfunde abzubauen, ist regelmäßige Bewegung wichtig, zudem wirkt sich körperliche Aktivität positiv auf die verschiedenen Blutwerte aus. Um das Entstehen oder das Ausmaß der Vorerkrankung einwirken - beispielsweise durch eine ausgewogene Ernährung, die Salz-, Fett- und Zucker-reduziert und reich an Ballast- und Mineralstoffen sowie Vitaminen ist.

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