Schmerzmittel helfen nicht bei Nervenschmerzen: Ursachen und Alternativen

Viele Menschen greifen bei Schmerzen zu frei verkäuflichen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, ASS oder Paracetamol. Doch diese Medikamente sind nicht immer wirksam, insbesondere bei Nervenschmerzen. Zudem bergen sie gesundheitliche Risiken und können in manchen Fällen sogar selbst Schmerzen auslösen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nervenschmerzen, erklärt, warum herkömmliche Schmerzmittel oft nicht helfen und stellt alternative Behandlungsmöglichkeiten vor.

Die Grenzen herkömmlicher Schmerzmittel

Frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen, ASS, Paracetamol, Diclofenac und Naproxen sind beliebt bei Kopfschmerzen, Rückenproblemen und Gelenkbeschwerden. Sie hemmen die Signalübertragung des Schmerzes, bekämpfen aber nicht die Ursache. Bei Rückenschmerzen, die oft durch Muskelverspannungen aufgrund von Fehlbelastungen und Bewegungsmangel entstehen, sind Schmerzmittel daher nur bedingt wirksam.

Dr. Astrid Gendolla, Ärztin für spezielle Schmerztherapie, erklärt: "Statt über einen langen Zeitraum Schmerzmittel zu schlucken, ist es in einem solchen Fall ratsamer, die Rückenmuskulatur gezielt zu stärken und Verspannungen mit Hilfe von Bewegung zu lösen." Schmerzmittel können zwar zu Beginn sinnvoll sein, um die nötige Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, sind aber keine dauerhafte Lösung. Es ist wichtig, die Ursache der Schmerzen abzuklären, da Schmerz immer ein Zeichen dafür ist, dass im Körper etwas nicht stimmt.

Im Akutfall kann man Schmerzmittel durchaus auch mal mehrere Tage am Stück einnehmen, ohne dass es kritisch wird, sofern man die Einnahmeempfehlungen beachtet. Bessern sich die Beschwerden nicht, sollte man einen Arzt aufsuchen. Die Schmerzmittelregel lautet: "So viel wie nötig, so wenig wie möglich."

Laut der Schmerzexpertin helfen bei Migräne und Rückenschmerzen vor allem Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS). Bei Nasennebenhöhlenentzündungen kann ASS helfen, da der Wirkstoff antientzündlich wirkt. Menstruationsbeschwerden kann die Einnahme von Naproxen lindern, während Paracetamol häufig bei Fieber Anwendung findet.

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Es ist wichtig zu beachten, dass die Einnahme von Schmerzmitteln nie ohne Risiken ist. Ibuprofen kann vor allem für die Nieren kritisch sein, Paracetamol kann die Leber angreifen und ASS ist für den Magen eine Belastung und kann zu inneren Blutungen führen. In manchen Fällen können Schmerzmittel sogar selbst zu chronischen Dauerkopfschmerzen führen, den sogenannten Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen (MÜK).

Was sind Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen)?

Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, entstehen durch Schädigungen des peripheren oder zentralen Nervensystems. Im Gegensatz zu anderen Schmerzarten, wie Rücken-, Kopf- oder Tumorschmerzen, entstehen die Schmerzimpulse nicht im Bereich der Nervenendigungen von Schmerzfasern in den Geweben des Körpers, sondern direkt durch die Nervenschädigung. Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an neuropathischen Schmerzen.

Ursachen von Nervenschmerzen

Die Ursachen für Nervenschmerzen sind vielfältig:

  • Operationen und Unfälle: Nervenschmerzen können nach Operationen (z.B. Bypass-OPs) oder Unfällen auftreten, insbesondere wenn das Rückenmark verletzt ist.
  • Amputationen: Auch Phantomschmerzen, die nach einer Amputation auftreten, zählen zu den neuropathischen Schmerzen.
  • Diabetes: Zu viel Zucker im Blut kann die Nerven angreifen und ihre Funktion beeinträchtigen, was zu diabetischer Neuropathie führt.
  • Gürtelrose-Infektion: Eine Gürtelrose-Infektion kann Nervenschmerzen verursachen.
  • Bandscheibenvorfälle: Ein Bandscheibenvorfall kann auf eine Nervenwurzel drücken und Nervenschmerzen verursachen.
  • Alkoholmissbrauch: Alkoholmissbrauch kann Nervenschäden verursachen, die zu Nervenschmerzen führen.
  • Chemotherapie: Eine Chemotherapie kann Nervenschmerzen als Nebenwirkung haben.
  • Engpass-Syndrome: Nerven können durch Engpass-Syndrome wie das Karpaltunnel-Syndrom am Handgelenk zusammengedrückt werden, was zu Nervenschmerzen führt.

Symptome von Nervenschmerzen

Lädierte Nerven machen sich auf sehr unterschiedliche Weise bemerkbar:

  • Einschießende Schmerzen
  • Brennen
  • Stechen
  • Missempfindungen
  • Unangenehmes Kribbeln
  • Taubheitsgefühle
  • Veränderung der Hautsensibilität (Reize wie Kälte, Hitze oder Berührungen werden stärker oder kaum empfunden)
  • Schmerzen treten unabhängig von Belastungen auf
  • Zunahme der Schmerzen bei Temperaturwechsel, Druck oder nachts

Diagnose von Nervenschmerzen

Die Diagnose "neuropathischer Schmerz" kann mit umso größerer Sicherheit gestellt werden, je mehr übereinstimmende Hinweise auf eine Nervenschädigung im Rahmen der Untersuchung und Befragung des Patienten gefunden werden.

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Der Arzt befragt den Patienten zunächst nach den Beschwerden und prüft die Empfindlichkeit der betroffenen Hautareale, indem er sie mit verschiedenen Gegenständen berührt. Ein Schmerztagebuch dient dazu, eventuelle Schmerzauslöser aufzuspüren. Durch einen Fragebogen lässt sich überdies abklären, wie stark der Patient die Schmerzen empfindet und wie hoch der Leidensdruck dadurch ist.

Zusätzlich können folgende diagnostische Verfahren eingesetzt werden:

  • Schmerzzeichnung und Schmerzfragebögen: Zur Erfassung von Verteilungsmuster, Stärke und Qualität der Schmerzen.
  • Quantitative sensorische Testung (QST): Zur Prüfung der Hautempfindlichkeit.
  • Neurographie: Zur Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit.
  • Somatosensibel evozierte Potenziale (SEP): Zur Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn.
  • Bildgebende Verfahren (CT oder MRT): Um eine Nervenschädigung direkt sichtbar zu machen.

Warum helfen herkömmliche Schmerzmittel nicht bei Nervenschmerzen?

"Rezeptfreie Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac wirken vor allem dann gut, wenn der Schmerz durch eine Entzündung hervorgerufen wird", erklärt Prof. Dr. Dr. Achim Schmidtko. Da Nervenschmerzen jedoch durch eine Schädigung des Nervensystems entstehen, sind diese Schmerzmittel in der Regel nicht wirksam.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten bei Nervenschmerzen

Wer Nervenschmerzen bei sich vermutet, sollte einen Arzt aufsuchen, um die Grunderkrankung festzustellen und optimal zu therapieren. Es gibt verschiedene Arzneimittel zur Behandlung von Nervenschmerzen:

  • Antiepileptika: Medikamente, die Ärzte in anderer Dosierung auch gegen Epilepsie einsetzen, können helfen, die Reize aus den geschädigten Nervenregionen zu verringern.
  • Antidepressiva: Diese werden in anderer Dosierung als bei Depressionen eingesetzt.
  • Opioide: Starke, klassische Schmerzmittel wie die Abkömmlinge des Morphins (z.B. Tramadol und Oxycodon) können bei Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose und bei diabetischer Neuropathie eine gute Wirksamkeit zeigen.

Die medikamentöse Therapie erfolgt nach einem festen Zeitschema, beginnt in der Regel in geringer Dosierung und wird langsam gesteigert. Daher dauert es zum Teil bis zu drei Monate, bis sich Erfolge zeigen. Einzelne Substanzen lassen sich auch kombiniert einsetzen. Durch eine medikamentöse Behandlung lassen sich die Schmerzen in der Regel um 30 bis 50 Prozent reduzieren.

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Neben Tabletten gibt es auch andere Behandlungsformen:

  • Capsaicin-Pflaster: Pflaster mit dem hochdosierten Wirkstoff aus der Chilischote (Capsaicin) werden für etwa 30 Minuten auf die schmerzende Stelle geklebt. Der Wirkstoff dringt durch die Haut ein und löst kleinste Nervenfasern auf, die den Schmerz verursachen. Die Symptome gehen nach wenigen Tagen für rund drei Monate spürbar zurück.
  • Lidocain-Pflaster: Wer Nervenschmerzen aufgrund einer Gürtelrose-Infektion hat, kann zusätzlich auf Pflaster mit dem Wirkstoff Lidocain zurückgreifen.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Sie reizt die Nerven mithilfe von Strom und erhält so deren Funktion.
  • Kneippsche Anwendungen: Kaltwasserbäder verschaffen manchen Patienten Linderung.
  • Ergotherapie: Berührungsreize können helfen.

Forschung an neuen Therapien

Forscher arbeiten an alternativen Therapien für die frühzeitige Behandlung von neuropathischen Schmerzen. Sie konnten nachweisen, dass verschiedene Lipide, die als Signalmoleküle bei Verletzungen freigesetzt werden, die Entzündungsreaktionen an den beschädigten Nerven steuern. Indem man Signalwege unterbricht, die Immunzellen anlocken, können die Schmerzen deutlich verringert werden.

Eine aktuelle Studie der Forschungsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. med. Angelika Lampert zeigt, welche Rolle der spannungsgesteuerte Natrium-Kanal (Nav) 1.7 bei der Schmerzentstehung in menschlichen Neuronen spielt. Mittels eines Spinnentoxins konnten die Forscher zeigen, dass die Inhibition des Kanals vermutlich keine Lösung des Problems darstellt. Mit den Stammzell-abgeleiteten Nervenzellen von Patienten stellen sie nun ein menschliches System zur Verfügung, das die Entwicklung neuer, besserer Medikamente hoffentlich wesentlich unterstützen wird.

Chronische Schmerzen und die Rolle des Schmerzgedächtnisses

Bei Schmerzen, die länger als drei Monate andauern, spricht man von chronischen Schmerzen. Diese können verschiedene Probleme nach sich ziehen, wie eingeschränkte Beweglichkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, psychische Belastung und Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit.

Länger anhaltende Schmerzen können im Nervensystem "Schmerzspuren" hinterlassen, die die Nervenzellen immer empfindlicher machen. Manchmal wird in diesem Zusammenhang von einem "Schmerzgedächtnis" gesprochen.

Multimodale Schmerztherapie

Fachleute aus Schmerzforschung und -medizin sind sich einig, dass bei chronischen Schmerzen meist andere Behandlungen nötig sind als bei akuten Schmerzen. Wichtig ist, Strategien zu entwickeln, die dabei helfen, im Alltag besser mit den Schmerzen zurechtzukommen. Dies kann die Schmerzen zwar nicht beseitigen, sie aber bei manchen Menschen lindern.

Bei chronischen Schmerzen sind vor allem Bewegung, Entspannung und Methoden zur Schmerzbewältigung aus der kognitiven Verhaltenstherapie hilfreich. Oft werden sie in einer sogenannten multimodalen Schmerztherapie kombiniert.

Die Bedeutung von Bewegung und Entspannung

Bei chronischen Schmerzen wird heute dazu geraten, körperlich aktiv zu bleiben und sich regelmäßig zu bewegen. Durch Bewegung werden körpereigene Stoffe freigesetzt, die eine schmerzlindernde Wirkung haben. Außerdem regt Bewegung die Durchblutung und den Stoffwechsel an und sorgt dafür, dass Knochen und Knorpel ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden.

Auch Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

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