Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich unter anderem durch Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifigkeit (Rigor), Zittern (Tremor) und Bewegungsverlangsamung (Bradykinese) äußert. Diese Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Obwohl es wirksame Medikamente zur Linderung vieler Symptome gibt, können im Laufe der Erkrankung dennoch Störungen von Gleichgewicht, Gehen, Sprechen und Schlucken auftreten. Aktivierende Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologische Interventionen spielen daher eine wichtige Rolle in der Behandlung von Parkinson.
Die Bedeutung aktivierender Therapien bei Parkinson
Aktivierende Therapien ergänzen die medikamentöse Behandlung und zielen darauf ab, der fortschreitenden Bewegungsverarmung entgegenzuwirken. Viele Probleme, die im Langzeitverlauf auftreten, wie Gang- und Gleichgewichtsstörungen, sprechen oft nur unzureichend auf Medikamente an und sollten gezielt mit aktivierenden Therapien behandelt werden. Es ist wichtig zu wissen, dass bei Parkinson nicht nur die Bewegung verändert ist, sondern auch die Wahrnehmung der Bewegung, der "Bewegungssinn". Betroffene merken oft nicht, wenn sie zu kleine Schritte machen, zu leise sprechen oder den Arm beim Gehen "vergessen" mitzuschwingen.
Besonders geeignet zur Stärkung des Bewegungssinns sind Trainingsverfahren, bei denen großamplitudige Bewegungen, Bewegungsrhythmus und Schnelligkeit geübt werden. Ein Beispiel hierfür ist das Lee Silverman Voice Training (LSVT-LOUD), bei dem in intensiver Einzeltherapie eine Verbesserung der Sprechlautstärke geübt wird. Ausgehend von LSVT-LOUD wurde das neue Behandlungskonzept LSVT-BIG entwickelt, das speziell auf die Verbesserung der Bewegungen bei Parkinson ausgerichtet ist.
Schubstraining: Eine wirkungsvolle Methode zur Verbesserung des Gleichgewichts
Gleichgewichtsstörungen zählen zu den Hauptsymptomen der Parkinson-Krankheit. Sie entstehen durch die parkinsontypische Verminderung der Gleichgewichtsreflexe, die in fortgeschrittenen Krankheitsstadien häufig zu Stürzen und Frakturen führen können. Eine besonders einfache und wirkungsvolle Methode zur Verbesserung des Gleichgewichts ist das sogenannte "Schubstraining", das auch in der häuslichen Umgebung durchgeführt werden kann.
Wie funktioniert das Schubstraining?
Beim Schubstraining werden die Betroffenen wiederholt durch einen Therapeuten mit einem plötzlichen, nach hinten gerichtetem Zug an den Schultern aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Patient muss daraufhin einen Ausfallschritt machen, um der plötzlichen Veränderung der Körperposition entgegenzusteuern und sein Gleichgewicht wiederzuerlangen.
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Der Hintergrund dieser Übung ist folgender: Gesunde Menschen reagieren auf eine plötzliche Verlagerung des Körperschwerpunkts mit einem Ausfallschritt, um einen Sturz zu verhindern. Bei Parkinson-Patienten ist diese Fähigkeit oft beeinträchtigt. Da Ausfallschritte nicht zum täglichen Bewegungsrepertoire gehören, bemerken Betroffene die Störung ihrer posturalen Reflexe oft lange Zeit nicht.
Durchführung und Vorsichtsmaßnahmen
Das Schubstraining sollte nur von einem erfahrenen Physiotherapeuten durchgeführt werden, um Verletzungen vorzubeugen. Der Therapeut steht dabei hinter dem Patienten und fasst diesen zunächst an beiden Schultern. Dann zieht der Therapeut den Patienten mit einem Ruck nach hinten.
Weitere Übungstechniken zur Verbesserung des Gleichgewichts
Neben dem Schubstraining gibt es weitere Übungstechniken, die auf dem Training des Gleichgewichtes auf wechselnden Unterstützungsmodalitäten und -flächen basieren. Hierbei können Plattformen mit walzenförmiger oder runder Auflage eingesetzt werden. Das Gleichgewichtstraining kann durch Krafttraining der Beinmuskulatur ergänzt werden. Ein Aufbau von Muskelmasse durch Kraftübungen führt zusätzlich zur Verbesserung der Balance auch zu einem geringeren Frakturrisiko bei Stürzen.
Weitere aktivierende Therapien bei Parkinson
Neben dem Schubstraining gibt es eine Vielzahl weiterer aktivierender Therapien, die bei Parkinson eingesetzt werden können:
- Physiotherapie: Physiotherapie zielt darauf ab, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern, indem verschiedene Bewegungsstrategien erlernt werden, die dem Patienten erlauben, seinen Alltag einfacher zu bewältigen. Außerdem kann Physiotherapie sekundäre Gesundheitsprobleme wie z.B. das Risiko eines Kraft- und Ausdauerverlusts positiv beeinflussen.
- Ergotherapie: Ergotherapie hilft, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten und zu verbessern. Trainiert wird beispielsweise das Öffnen von Knöpfen oder Reißverschlüssen, um Alltagskompetenzen und Selbstständigkeit zu erhalten.
- Logopädie: Logopädie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Schluckbeschwerden und Schwierigkeiten beim Sprechen, unter denen Parkinsonpatienten häufig leiden.
- Tanz- und Musiktherapie: Musik erleichtert Menschen mit Parkinson, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern. Allein das Hören von lauter und rhythmischer Musik führt zu einer messbaren Verbesserung der Beweglichkeit.
- TaiJi: TaiJi ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die ihren Ursprung in China hat. TaiJi zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.
Alltagstipps zur Sturzprävention
Neben den spezifischen Übungen und Therapien gibt es auch eine Reihe von Alltagstipps, die Parkinson-Patienten helfen können, Stürze zu vermeiden:
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- Analyse der Sturzumstände: Nach Möglichkeit sollte jeder Sturz Anlass für eine Evaluation der Sturzumstände für den Betroffenen sein.
- Anpassung der häuslichen Umgebung: Bei sturzgefährdeten Patienten sollte darauf geachtet werden, die Verletzungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung so gering wie möglich zu halten (Kanten polstern, Engpässe vermeiden, Türschwellen beseitigen, Haltegriffe anbringen).
- Ausreichende Beleuchtung: Ausreichende Beleuchtung (auch nachts!) und offene Türen können das Sturzrisiko senken.
- Hilfsmittelversorgung: Gemeinsam mit einem Physiotherapeuten sollte bei starker Sturzgefahr eine Hilfsmittelversorgung, z. B. mit einem Rollator besprochen werden.
- Vermeidung von Ablenkungen: Da bei Parkinson vermehrt Aufmerksamkeit benötigt wird, um das Gleichgewicht zu kontrollieren, sollten Ablenkungen vermieden werden.
Apps zur Unterstützung der Therapie
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Apps, die Parkinson-Patienten bei der Therapie unterstützen können:
- MoveApp: Die "MoveApp" zur Therapiebegleitung ist auf Parkinson-Patienten zugeschnitten und unterstützt das Bewegungstraining durch spezielle Übungen sowie durch ein Bewegungsprotokoll.
- iPhysio und Therapio: Diese Apps wurden in erster Linie für Therapeuten entwickelt, die auf Basis der App einen optimalen Trainingsplan für den Patienten ausarbeiten und ihren Trainierenden zur Verfügung stellen können.
- Besser Sprechen: Mit der "Besser Sprechen" App wird die Rhetorik trainiert und bietet Patienten eine gute Möglichkeit, um an einer deutlicheren Aussprache zu arbeiten.
- Peak und NeuroNation: Diese Apps fördern auf spielerische Weise Gedächtnis, Konzentration und Logik.
- Einstein Gehirntrainer: Diese App bietet individualisierbare Übungen und tägliche Tests, um den Fortschritt zu überprüfen.
- Notruf-Apps: In brenzligen Situationen sind Notruf-Apps wertvoll, die per Knopfdruck einen Alarm auslösen, Rettungspersonal verständigen und auch Angehörige informieren.
- iPrognosis: Die Nutzer dieser App können dazu beitragen, die Therapie künftig zu verbessern, indem sie Interaktionsdaten des Smartphones zur Forschung an Früherkennungstests zur Verfügung stellen.
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