Die Frage, ob Aspirin vor Alzheimer schützt, ist ein viel diskutiertes Thema in der medizinischen Forschung. Zahlreiche Studien wurden durchgeführt, um den potenziellen präventiven Effekt von Acetylsalicylsäure (ASS), dem Wirkstoff in Aspirin, auf die Entwicklung von Demenz, insbesondere Alzheimer, zu untersuchen. Die Ergebnisse sind jedoch nicht eindeutig und geben Anlass zu differenzierten Betrachtungen.
Die potenziellen Wirkmechanismen von ASS bei Alzheimer
Die Forschung konzentriert sich auf verschiedene Mechanismen, durch die ASS möglicherweise vor Alzheimer schützen könnte:
- Entfernung schädlicher Proteine aus dem Gehirn: Einige Studien deuten darauf hin, dass Aspirin Zellen aktivieren könnte, die für die Alzheimer-Krankheit schädliche Proteine aus dem Gehirn entfernen. US-Forscher des „Rush University Medical Centers“ in Chicago fanden in Tierversuchen heraus, dass Aspirin ein Protein namens TFEB einschalten kann, das eine Kette von „Putz-Wirkstoffen“ triggert, die Lysosomen genannt werden. Diese Lysosomen sind in der Lage, schädliche Proteine im Gehirn abzubauen.
- Entzündungshemmende Wirkung: Acetylsalicylsäure wirkt entzündungshemmend. Da Entzündungen im Gehirn eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen könnten, wird vermutet, dass ASS durch die Reduktion von Entzündungsprozessen potenziell schützend wirken könnte.
- Verbesserung der Durchblutung des Gehirns: Acetylsalicylsäure verringert die Blutgerinnung. So soll es Schädigungen der Blutgefäße im Gehirn und Schlaganfälle verhindern. Diese gelten nämlich als Risikofaktoren für vaskuläre Demenz.
Studienergebnisse zur präventiven Wirkung von ASS auf Demenz
Die wissenschaftliche Evidenz zur präventiven Wirkung von ASS auf Demenz ist jedoch gemischt.
Positive Hinweise aus frühen Studien
- Tierversuche: In Experimenten an Mäusen konnte gezeigt werden, dass eine niedrige Dosis Aspirin die toxischen Proteine zerstören kann, die Neuronen im Gehirn töten.
- Niederländische Studie: Eine groß angelegte niederländische Studie ergab, dass Aspirin-ähnliche Schmerzmittel wie Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac das individuelle Risiko für die Krankheit bis zu achtzig Prozent senken können. Teilnehmer, die im Untersuchungszeitraum jedoch wenigstens zwei Jahre ein Aspirin-ähnliches Medikament eingenommen hatten, bekamen nur selten Alzheimer: Sie hatten ein um achtzig Prozent verringertes Risiko für diese Form der Demenz.
- Women's Health Study: Die Women's Health Study untersuchte primär den präventiven Effekt von Acetylsalicylsäure (ASS) hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse bei über 45-jährigen Frauen. In einer weiterführenden Studie wurde untersucht, ob die Einnahme von ASS zur Prävention eines Rückgangs der Leistungsfähigkeit des Wortgedächtnisses verantwortlich ist. Verzögerte oder verminderte Wortfindungen des Sprachzentrums wurden als zu messender Faktor zugrunde gelegt, weil Veränderungen in diesem Bereich als starker Prädiktor für das Auftreten einer Demenz gelten. In der randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Studie bekamen die Patientinnen jeden zweiten Tag 100 mg ASS. Die Kohorte bestand insgesamt aus 7 175 Frauen, die im Zeitraum von 1998 bis 2004 in Zweijahresabständen in 3 Telefoninterviews mithilfe von 5 verschiedenen Tests auf ihre kognitive Leistungsfähigkeit untersucht wurden. Zielparameter war ein Wert, der aus den 5 eingesetzten Tests ermittelt wurde.
Ernüchternde Ergebnisse aktueller Studien
Neuere und umfangreichere Studien konnten diese positiven Hinweise jedoch nicht bestätigen.
- ASPREE-Studie: Die "Aspirin in Reducing Events in the Elderly" (ASPREE)-Studie, eine internationale, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit über 19.000 Teilnehmern über 70 Jahren, zeigte, dass ASS ein gesundes Leben nicht verlängert. Das Sterberisiko stieg unter ASS sogar leicht an. Die Studie ergab auch, dass in der Aspirin-Gruppe schwere Blutungskomplikationen häufiger auftraten.
- ASCEND-Studie: Die beim AHA-Kongress präsentierten Sekundärergebnisse der randomisierten ASCEND-Studie zeigten, dass die Einnahme von ASS im Rahmen der Primärprävention keine signifikanten Auswirkungen auf das Auftreten von Demenzerkrankungen hat.
- Studie von Joanne Ryan und Kolleginnen (2020): Neue Analysen der Studiendaten der ASPREE-Studie untersuchten, ob Aspirin Anzeichen von Alzheimer-Demenz vorbeugen kann. Es konnte aber wieder keine vorbeugende Wirkung durch Aspirin festgestellt werden.
Cochrane-Analyse
Das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane hat »keine Evidenz gefunden, die für den Einsatz von Aspirin zur Vorbeugung spricht«. Die Daten reichen also nicht, um daraus eine Empfehlung abzuleiten; weitere Studien sind abzuwarten.
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Risiken und Nebenwirkungen von ASS
Es ist wichtig zu betonen, dass die Einnahme von ASS nicht ohne Risiken ist. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören:
- Erhöhtes Blutungsrisiko: ASS hemmt die Blutgerinnung, was das Risiko für Blutungen, insbesondere im Magen-Darm-Trakt und im Gehirn, erhöhen kann.
- Magenschleimhautreizungen und -verletzungen: ASS kann die Magenschleimhaut reizen und zu Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen.
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: ASS kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen, wie z.B. Ibuprofen, Gerinnungshemmern, Blutdrucksenkern und Gichtmitteln.
- Weitere Nebenwirkungen: In seltenen Fällen kann ASS zu allergischen Reaktionen, Ohrensausen, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Benommenheit, Schwindel und Verwirrung führen. Für Menschen mit Asthma kann der Wirkstoff ebenfalls gefährlich sein, da er die Bronchienverengung verstärkt. Für Kinder und Jugendliche ist das Mittel ebenfalls tabu, da es zum Reye-Syndrom kommen kann, das mit Hirn- und Leberschäden einhergeht.
Aktuelle Empfehlungen zur Einnahme von ASS
Aufgrund der gemischten Studienergebnisse und der potenziellen Risiken wird die vorbeugende Einnahme von ASS zur Demenzprävention derzeit nicht empfohlen.
- Keine generelle Empfehlung zur Primärprävention: Weder in Deutschland noch in den USA gibt es eine generelle Empfehlung zur Einnahme von ASS zur Primärprävention von Demenz.
- Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung: Ob die Einnahme von ASS im Einzelfall sinnvoll ist, sollte immer von einem Arzt beurteilt werden. Dabei müssen die individuellen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz sowie das individuelle Blutungsrisiko berücksichtigt werden.
- Beschränkung auf Dosen von weniger als 150 Milligramm: Wer tatsächlich regelmäßig ASS nehmen müsse, »sollte sich auf Dosen von weniger als 150 Milligramm beschränken«, sagt Poli.
- Ärztliche Beratung bei Beschwerden: Bei allergischen Reaktionen, Unwohlsein oder Magenschmerzen sollte ein Arzt um Rat gefragt werden. »Teerstuhl, als ganz schwarzer Stuhl, ist ein Alarmzeichen, das auf innere Blutungen hindeutet.«
Alternativen zur Vorbeugung von Demenz
Die beste Alternative zur Vorbeugung von Demenz ist ein gesunder Lebensstil. Dazu gehören:
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Sport und Bewegung fördern die Durchblutung des Gehirns und können die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann das Gehirn vor Schäden schützen.
- Geistige Aktivität: Kognitives Training, wie z.B. Lesen, Kreuzworträtsel lösen oder das Erlernen einer neuen Sprache, kann die geistige Leistungsfähigkeit erhalten.
- Soziale Kontakte: Soziale Interaktionen und ein aktives soziales Leben können das Gehirn stimulieren und vor Demenz schützen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Die Vermeidung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie z.B. Rauchen, Übergewicht, hoher Blutdruck und hohe Cholesterinwerte, kann auch das Risiko für Demenz senken.
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