Neurologische Untersuchung bei Schwindel: Ein umfassender Überblick

Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das viele Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren. Um die Ursache des Schwindels zu ermitteln und eine geeignete Therapie einzuleiten, ist eine sorgfältige neurologische Untersuchung unerlässlich. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Einblick in den Ablauf einer solchen Untersuchung, von der Anamnese bis zu speziellen Tests.

Anamnese: Die Grundlage der Diagnose

Am Anfang jeder neurologischen Untersuchung bei Schwindel steht eine ausführliche Anamnese, also die Erhebung der Krankengeschichte. Der Arzt befragt den Patienten detailliert zu seinen Beschwerden, um die Art und den möglichen Ursprung des Schwindels einzugrenzen. Dabei sind folgende Fragen von Bedeutung:

  • Wie macht sich der Schwindel bemerkbar? Ist es ein Drehschwindel, Schwankschwindel, Benommenheitsschwindel oder Liftschwindel?
  • Ist der Schwindel attackenförmig und vorübergehend oder liegt ein Dauerschwindel vor? Dauert der Schwindel Sekunden bis Stunden, Tage bis Monate oder ist er chronisch?
  • Klingt der Schwindel ab oder nimmt er zu?
  • Wann (in welcher Situation) tritt der Schwindel auf? Gibt es bestimmte Auslöser oder Verstärkungsfaktoren?
  • Verstärken bestimmte Umstände das Schwindelgefühl? Zum Beispiel Ruhe, Bewegung, Lagerung oder bestimmte Situationen wie Höhen oder Autofahrten.
  • Kommt es neben dem Schwindel zu Begleitsymptomen? Übelkeit, Kopfschmerzen, Hörprobleme, Angst, Fallneigung oder Scheinbewegungen der Umgebung können wichtige Hinweise liefern.

Die Anamnese ist der Schlüssel zum weiteren Vorgehen. Es ist wichtig, dem Patienten gut zuzuhören, da sich aus seiner Schilderung der Symptome oftmals schon Hinweise auf die Ursache der Beschwerden ergeben. Daher ist es auch ratsam, vor der Anamnese nicht in die Krankenakte zu schauen und keine Befunde von Voruntersuchungen und Bewertungen von Kollegen zu lesen, um nicht durch diese Angaben fehlgeleitet zu werden.

Körperliche Untersuchung: Erste Hinweise erkennen

Nach der Anamnese folgt die körperliche Untersuchung. Dabei achtet der Arzt auf äußere Anzeichen, die auf eine neurologische Erkrankung hindeuten könnten. Dies umfasst die Beobachtung der Art zu gehen, der Körperhaltung, des Gleichgewichts und möglicher Bewegungseinschränkungen. Bei einer kurzen körperlichen Untersuchung hört der Arzt die Lunge und das Herz ab und misst den Puls.

Neurologische Tests: Funktionen des Nervensystems prüfen

Es folgen verschiedene Tests, deren Aufwand und Ablauf vom vermuteten Krankheitsbild abhängen. Grundsätzlich können vom Gehirn bis zum Beinmuskel alle Bereiche des Körpers neurologisch untersucht werden, die von Nervenkrankheiten betroffen sein können.

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Prüfung der Hirnnerven

Jeder Mensch hat zwölf Hirnnerven, die wichtige Funktionen steuern. Sie steuern zum Beispiel die Muskeln der Augen, des Kiefers oder der Zunge. Zudem gibt es je einen Riech-, Seh-, Hör- und Gleichgewichtsnerv. Beeinträchtigtes Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Sprechen können auf eine Nervenerkrankung hindeuten.

  • Geruchssinn: Der Geruchssinn wird mit bestimmten Duftstoffen getestet. Dazu hält die Ärztin oder der Arzt neutral gestaltete Röhrchen mit Proben zum Beispiel von Kaffee, Vanille, Zimt oder Seife einzeln unter jedes Nasenloch. Der Duftstoff ist dann von einer Leerprobe zu unterscheiden.
  • Gesichtsnerv: Auch Naserümpfen oder Zähneblecken gehört zur Untersuchung - so wird der Gesichtsnerv überprüft.
  • Sehvermögen: Wie in der Augenarztpraxis kann das Sehvermögen durch Erkennen von Buchstaben oder Zeichen auf Lesetafeln untersucht werden. Zudem kann die Ärztin oder der Arzt mit einem Fingertest prüfen, ob das Gesichtsfeld eingeschränkt ist.

Untersuchung der Motorik und Koordination

Die allgemeine Beweglichkeit, Feinmotorik und Koordination sind ein weiterer Untersuchungsabschnitt. Wie gut kann man Arme und Beine bewegen, Knopfverschlüsse öffnen oder schreiben? Wie viele Schritte sind nötig, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen? Wie sicher führt man mit geschlossenen Augen und im weiten Bogen einen Finger zur Nase oder berührt im Liegen mit der Ferse das andere Knie?

Die neurologische Untersuchung der Koordination kann durch den sogenannten Finger-Nase-Versuch erfolgen. Dabei muss der Patient mit geschlossenen Augen und zunächst ausgestreckten Armen zuerst den rechten und dann den linken Zeigefinger zur Nase führen.

Stand und Gleichgewicht lassen sich etwa mit dem Romberg-Stehversuch testen. Dabei muss der Patient ein bis zwei Minuten lang mit geschlossenen Augen stehen - mit ausgestreckten Armen und eng nebeneinander stehenden Füßen.

Mit dem Unterberger-Tretversuch testet man Stand, Gang und Gleichgewicht: Hier muss der Patient mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Armen 50 bis 60 Schritte auf der Stelle machen. Die Knie sollen dabei immer auf Hüfthöhe angehoben werden.

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Prüfung der Sensibilität

Ob das Schmerz- und Berührungsempfinden gestört ist, stellt die Ärztin oder der Arzt meist mit einem weichen Stoff und einer Nadel fest. Getestet werden das Berührungs-, Schmerz-, Temperatur-, Vibrationsempfinden sowie Lageveränderungen.

Kognitive Tests

In diesen Bereich gehören Sprach- und Rechentests sowie Fragen und Tests zur Merkfähigkeit und zur Orientierung, etwa nach der Jahreszeit, nach dem Datum, dem Beruf oder dem aktuellen Ort.

Prüfung der Reflexe

Die neurologische Untersuchung beinhaltet auch die Prüfung der Reflexe. Mit Hilfe eines Reflexhammers testet der Arzt die sogenannten Muskeleigenreflexe wie zum Beispiel den Bizepssehnenreflex. Der Arzt legt einen Daumen auf die Bizepssehne und schlägt mit dem Hammer darauf. Beugt sich der Unterarm, sind Verletzungen der beteiligten Nerven nahezu ausgeschlossen.

Bei den sogenannten Fremdreflexen erfolgt die Reflexantwort nicht im reizwahrnehmenden Organ. Bestreicht der Arzt also zum Beispiel den Oberschenkel, sollte es beim Mann zu einer Hebung des Hodens kommen.

Außerdem werden die Primitivreflexe getestet, welche beim Gesunden nicht mehr auslösbar sein sollten und nur bei Neugeborenen und Kleinkindern vorhanden sind. So wird beim Babinski-Reflex der Fußaußenrand kräftig bestrichen.

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Spezielle Tests bei Schwindel

Bei der neurologischen Untersuchung von Schwindelpatienten kommen spezielle Tests zum Einsatz, um die Funktion des Gleichgewichtssystems zu überprüfen.

  • Frenzel-Brille: Die Diagnose wird durch einfache Hilfsmittel gesichert, wie zum Beispiel die „Frenzel-Brille“, die nichts anderes ist als eine Art Vergrößerungsglas mit einer von unten einstrahlenden Beleuchtung. Hierdurch können die, im Zusammenhang mit dem Schwindel auftretenden unnormalen Augenbewegungen (Nystagmen) besser erkannt werden, auch weil durch die Blendung des Patienten jegliche Fixationsmöglichkeit ausgeschaltet wird und sie ihre Nystagmen nicht unterdrücken können.
  • Elektronystagmographie (ENG) und Video-Nystagmographie (VNG): Bei der Video-Nystagmographie (kurz: VNG) werden die Augenbewegungen entweder direkt per Darstellung auf einem vergrößernden Bildschirm oder einer Videobrille mit Hilfe mehrerer, kleiner Infrarotkameras erfasst. Die schnellen, nystagmiformen Augenbewegungen bei Schwindel kann man ebenfalls mit einer sogenannten Elektronystagmographie (kurz: ENG) feststellen.
  • Thermische Vestibularisprüfung: Bei der thermischen Vestibularisprüfung wird im horizontale Bogengang des jeweiligen Ohres der Gleichgewichtssinn angeregt. Diese Reaktion kann entweder mit kaltem oder warmem Wasser ausgelöst werden, das ca. 30-40 Sekunden in den Gehörgang gespült wird. Je nach Wassertemperatur kommt eine Abkühlung bzw.
  • Kopfimpulstest (KIT): Der Kopfimpulstest (KIT) ist ein Verfahren, mit welchem die Funktion jedes einzelnen Bogengangs im Innenohr nahezu isoliert untersucht werden kann. Dies löst einen vestibulo-okulären Reflex (VOR) aus. Gesunde Patienten können den zuvor anvisierten Punkt trotz der ruckartigen Bewegung weiterhin fixieren. Bei Schwindelpatienten reagieren die Augen hingegen mit einer Nachstellbewegung (Sakkade). Der KIT kann auch videogestützt erfolgen.

Lagerungsmanöver

Lagerungsmanöver sind relevant für die Diagnostik des benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels (BPLS).

  • Dix-Hallpike-Test: Beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel hingegen, der zu den mechanischen Störungen gezählt wird, kann der Dix-Hallpike-Test einen Schwindelanfall triggern. Positiv (= v.a. BPLS) bei rasch nach Lagerung einsetzendem vertikalen Nystagmus (v.a. sichtbar mit Frenzel-Brille) mit Übelkeit / Schwindel, teils auch Erbrechen.
  • Epley-Manöver: Beinhaltet Dix-Hallpike-Manöver, ergänzt um weitere Lagerung zur Therapie des posterioren BPLS.
  • Head-Roll-Test: Positiv (= v.a. BPLS des horizontalen Bogenganges) bei rasch nach Seitenlagerung (Schritt 2) und Kopfdrehung auf andere Seite (Schritt 3) einsetzendem horizontalen Nystagmus (v.a. sichtbar mit Frenzel-Brille).
  • Gufoni-Manöver: Lagerung auf die (vermutlich) betroffene Seite, sonst ggf. pragmatisch auf beide Seiten lagern.

Apparative Zusatzuntersuchungen

Unter den apparativen Zusatzuntersuchungen ist die Prüfung der Erregbarkeit der Gleichgewichtsorgane wegweisend. Zu den möglichen Untersuchungen beim Neurologen gehören eventuell eine Funktionsprüfung der Hirnnerven, eine Aufzeichnung der Hirnströme sowie bildgebende Verfahren. In der weiterführenden Diagnostik hat die Magnetresonanztomographie (kurz MRT) einen hohen Stellenwert. Mit Hilfe der MRT können im Rahmen der Schwindelabklärung kleinste Veränderungen der Gleichgewichts- und Hörnerven, des Innenohrs aber auch des Gehirns, der Gefäße und der Schädelkalotte sowie gegebenenfalls der Halswirbelsäule festgestellt werden. Studien zeigen, dass die MRT die diagnostische Sicherheit in der Abklärung des Schwindels deutlich erhöht.

Differenzierung der Schwindelursachen

Nach Erhebung der Anamnese und einer Erstuntersuchung kann bereits eine grobe Differenzierung der Schwindelursachen vorgenommen werden. Hierbei unterscheidet man zwischen:

  • Peripher-/zentral-vestibulärem Schwindel: Im Gleichgewichtssinn oder Gehirn angesiedelt.
  • Nicht vestibulärem Schwindel: Auf körperlichen Ursachen basierend.
  • Psychogenem Schwindel: Aufgrund seelischem Ungleichgewicht aufkommend.

Red Flags: Warnzeichen erkennen

Es gibt bestimmte Warnzeichen (Red Flags), die auf eine gefährliche Ursache des Schwindels hindeuten und eine sofortige Abklärung erfordern:

  • Kardiovaskuläre Symptome: Synkope, Benommenheit, Palpitationen, Dyspnoe, AP.
  • Fokal-Neurologische Symptome: Ausgeprägte Ataxie, Diplopie, faziale Schwäche, Sensibilitätsstörung.
  • Pathologischer Spontannystagmus: Vertikal oder richtungswechselnd.

Ablauf bei akutem Schwindel

Bei akutem Schwindel ist ein strukturiertes Vorgehen wichtig:

  1. Akut kritisches Problem? Vorgehen nach ABCDE (insb. Blässe? Marmorierung? AP? Dyspnoe?)
  2. 12-Kanal EKG: Rhythmusstörung? Ischämiezeichen?
  3. Venöse BGA: Blutzucker, Elektrolyte, Laktat, Hb.
  4. Hinweis auf gefährliche Co-Symptomatik? („Schwindel+1“).
  5. Immer vollständige neurologische Untersuchung: Red Flags?
  6. Bei Neuro-Auffälligkeiten: CCT (+ ggf. Angiografie).
  7. „Purer Schwindel“: Abklärung nach zeitlichem Verlauf und Auslöser.

Spezialisierte Einrichtungen

Deutschlandweit haben Schwindelpatienten die Möglichkeit, sich bei akuten Schwindelanfällen in spezialisierte Schwindelambulanzen und Schwindelzentren zu begeben. Das Ziel ist immer, den Betroffenen, die unter häufigen und starken Schwindelbeschwerden leiden, schnell zu helfen.

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