Schluckstörungen bei Kindern: Ursachen und Auswirkungen auf das Nervensystem

Einleitung:Der Schluckvorgang ist ein komplexer Mechanismus, der bis zu 3.400-mal täglich abläuft und bei dem zentrale und periphere Nervensysteme zusammenarbeiten. Wenn dieser Vorgang beeinträchtigt ist, spricht man von einer Dysphagie, einer schmerzlosen Störung des Nahrungstransports von der Mundhöhle in den Magen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Schluckstörungen bei Kindern, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nervensystem, und bietet einen umfassenden Überblick über Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist eine Schluckstörung (Dysphagie)?

Dysphagie ist der medizinische Fachbegriff für eine schmerzfreie Störung beim Schlucken von fester Nahrung und Flüssigkeiten. Sie kann in jedem Alter auftreten, wobei Kinder mit neurologischen Erkrankungen oder angeborenen Fehlbildungen besonders anfällig sind. Je nach Schweregrad kann die Dysphagie die Nahrungsaufnahme erschweren oder sogar unmöglich machen. Im schlimmsten Fall kann sie bis zur völligen Schluckunfähigkeit führen. Davon abzugrenzen ist die Odynophagie, die schmerzhafte Schluckstörung.

Ursachen von Schluckstörungen bei Kindern

Schluckstörungen bei Kindern können vielfältige Ursachen haben. Da der Schluckprozess komplex ist und viele Körperteile beteiligt sind, können Störungen an verschiedenen Stellen auftreten. Oftmals sind neurologische Erkrankungen, also Störungen an Nerven, im Rückenmark oder im Gehirn, Auslöser einer Schluckstörung.

Neurologische Ursachen

Sämtliche neurologische Krankheiten können eine Dysphagie verursachen. Besonders häufig tritt eine Schluckstörung bei Patientinnen und Patienten mit z. B. Morbus Parkinson oder nach einem Schlaganfall auf. Auch die Lähmung wichtiger Nerven wie bspw. des N. glossopharyngeus, N. vagus und des N. hypoglossus beeinträchtigt die Koordination der Schluckmuskulatur.

Angeborene Fehlbildungen

Angeborene Fehlbildungen wie bspw. Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten stören die Schluckeffizienz und den Bolustransport. Auch eine angeborene Fazialisparese und andere Dysformationen können Schluckstörungen verursachen.

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Medikamentöse Nebenwirkungen

Medikamentöse Nebenwirkungen, insbesondere durch trizyklische Antidepressiva, SSRI, opioide Analgetika und Anticholinergika können Xerostomie oder Hypersalivation auslösen. Dies verschlimmert die Schluckprobleme.

Weitere Ursachen

  • Infektionen und Entzündungen im Mund- und Rachenraum
  • Akute Tumore
  • Allgemeine Fehlbildungen
  • Erkrankungen der Speiseröhre
  • Erkrankungen der Halswirbelsäule (HWS-Syndrom)

Symptome von Schluckstörungen

Die Symptome einer Schluckstörung können je nach Lokalisation der Störung variieren. Es ist wichtig, auf bestimmte Anzeichen zu achten, insbesondere bei Kindern, bei denen es schwierig sein kann, eine pathologische Schluckstörung von eigenwilligem Essverhalten zu trennen.

Oropharyngeale Dysphagie

Die oropharyngeale Dysphagie äußert sich u. a. durch Schwierigkeiten bei der Einleitung des Schluckvorgangs. Während des Essens husten oder würgen Betroffene häufig. Es kommt auch zum „Drooling“ - Bolusbestandteile laufen aus dem Mund heraus. Weitere Symptome sind:

  • Häufiges Verschlucken und Husten beim Essen
  • Probleme, den Schluckvorgang richtig einzuleiten
  • Speichelfluss aus dem Mund während des Essens
  • Nahrung bleibt im Hals stecken
  • Nahrung kommt durch Nase oder Mund wieder hoch
  • Vermehrtes Räuspern
  • Stimmveränderungen während oder nach dem Essen

Ösophageale Dysphagie

Für eine ösophageale Dysphagie charakteristisch sind bspw. Halsschmerzen, thorakale Schmerzen und ein Brennen in der Herzregion. Betroffene erleben Hustenattacken beim Hinlegen nach dem Essen. Nahrung bleibt im Hals und hinter dem Brustbein stecken und es kommt zu rezidivierenden Pneumonien. Weitere Symptome sind:

  • Halsschmerzen
  • Schmerzen/Brennen im Brust- und Herzbereich
  • Fremdkörpergefühl (Globusgefühl) im Hals, „Kloß im Hals“
  • Hustenattacken beim Hinlegen nach dem Essen
  • Erbrechen

Allgemeine Symptome

  • Veränderte Trink- und Essgewohnheiten
  • Räuspern oder Husten
  • Kloßgefühl
  • Wiederhochbringen von Nahrungsbestandteilen
  • Verstärkter Speichelfluss
  • Unerklärliche Gewichtsabnahme

Diagnose von Schluckstörungen

Die Diagnostik der Schluckstörung umfasst neben der gründlichen Anamnese unter Zuhilfenahme verschiedener Frage- und Screeningbögen klinische Untersuchungen (schluckbezogene Tests wie bspw. der 90-ml-Wasser-Schluck-Test) und die flexible (video)endoskopische Schluckdiagnostik als Goldstandard. Zusätzlich können u. a. folgende Untersuchungen durchgeführt werden:

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Anamnese

Im Erstgespräch klärt der Arzt, welche Art von Schluckstörung vorliegt und wo diese genau liegt. Er fragt nach Auslösern bei der Nahrungsaufnahme, dem Zeitpunkt des ersten Auftretens und bisherigen Veränderungen. Notizen aus dem Pflegealltag können hierbei sehr hilfreich sein. Wenn Krankheiten vorliegen oder die Schluckstörung Folge eines Schlaganfalls ist, wird dies bei der Diagnostik entsprechend berücksichtigt.

Körperliche Untersuchung

In der Regel untersucht der Arzt zur Feststellung der körperlichen Ursache einer Schluckstörung die Mundhöhle und den Rachenraum des Betroffenen. Der Arzt überprüft die Beschaffenheit der Schleimhäute und tastet die Schilddrüse sowie die Lymphknoten ab. Entscheidend für die Diagnose einer Schluckstörung ist auch die genaue Beschreibung der Symptome der Störung, besonders in Bezug auf die Nahrungsaufnahme.

Weiterführende Diagnostik

  • Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie): Um den Rachen und Kehlkopf genauer zu untersuchen, nutzt der Arzt oder die Ärztin ein schlauchartiges, flexibles Gerät (Endoskop), das über die Nase eingeführt wird.
  • Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie): Besteht der Verdacht auf ein Problem in der Speiseröhre, ist eine Endoskopie der Speiseröhre sinnvoll.
  • Biopsie: Bei Bedarf können Ärztinnen und Ärzte bei der endoskopischen Untersuchung von Kehlkopf oder Speiseröhre zusätzlich eine Gewebeprobe entnehmen.
  • Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES): Sie erlaubt es, den Schluckvorgang in Echtzeit zu beobachten und herauszufinden, wie die Beschaffenheit der Nahrung, die Schlucktechnik oder die Körperhaltung den Vorgang beeinflussen.
  • Videofluoroskopie (VFSS): Hier werden die Phasen des Schluckens mithilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmittel sichtbar gemacht.

Behandlung von Schluckstörungen

Grundsätzlich richtet sich die Behandlung von Schluckstörungen nach der diagnostizierten Grunderkrankung. Je nach gestörter Schluckphase gibt es verschiedenste therapeutische Ansätze. Das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten reicht von motorischen Übungen einzelner Muskelpartien über Veränderungen der Körperhaltung beim Essen bis hin zur Anpassung der Ernährungsgewohnheiten.

Konservative Behandlung

Die konservative Dysphagiebehandlung umfasst Übungen, die die Schluckkoordination verbessern und gestörte Schluckabläufe normalisieren sollen (bspw. externe Stimulation, um zentrale Innervierungsmuster zu trainieren). Unterstützend können Atemübungen zur Kräftigung der Atemmuskulatur,Medikamente (z. B.

Schlucktherapie

Betroffene, bei denen ein Schlaganfall als Ursache der Schluckstörung ausgemacht wurde, können im Rahmen einer speziellen Schlucktherapie ihre Schluckfähigkeit verbessern. Ziel des Schlucktrainings ist es, mit gezielten motorischen Übungen die Abläufe einer funktionsfähigen Nahrungsaufnahme bewusst zu machen, zu korrigieren und zu stärken. Im klinischen Umfeld sind an der Therapie von Schluckstörungen hauptsächlich Sprachtherapeuten (Logopäden) beteiligt.

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Ernährungstherapie

Letztere verfolgt das Ziel, die Ernährung des Betroffenen an die individuelle Schluckfähigkeit anzupassen. Das bedeutet, die Konsistenz der Nahrung an die individuellen Schluckfähigkeiten anzupassen. So lassen sich beispielsweise Flüssigkeiten andicken oder feste Speisen pürieren. Empfehlenswert ist weiche, aber nicht zu flüssige Kost. Damit die Ernährung nicht zu einseitig und langweilig wird, können Sie ruhig auch Nahrungsmittel pürieren, bei denen Sie das sonst nicht tun würden.

Medikamentöse Therapie

Manche Begleiterscheinungen von Dysphagie lassen sich mit bestimmten Wirkstoffen abmildern. Andere Medikamente verringern konkret den Speichelfluss, wenn dieser verstärkt auftritt und eine gesundheitliche Gefahr darstellt.

Operative Eingriffe

Wenn Mund, Rachen oder Speiseröhre physisch blockiert sind und deshalb keine Nahrung weitertransportiert werden kann, bietet sich manchmal ein operativer Eingriff an. In schwerwiegenden Fällen, bei denen Nahrung, Flüssigkeit und Speichel in die Atemwege gelangen (aspiriert werden), nehmen Ärzte eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) inklusive Versorgung des Patienten mittels spezieller Kanülen vor, um den Betroffenen über ein Tracheostoma die Atemwege zu sichern und ggf.

Künstliche Ernährung

Bei schwerer Dysphagie oder wenn die orale Nahrungsaufnahme blockiert ist, bleibt oft nur die Ernährung über klinische Sonden. Dafür legen Ärztinnen und Ärzte häufig eine PEG-Sonde. Das ist ein elastischer Schlauch, der über die Bauchdecke in den Magen eingeführt wird.

Tipps für den Alltag mit Schluckstörungen

  • Aufrechte Körperhaltung: Sehr wichtig und vergleichsweise einfach umzusetzen ist eine aufrechte Haltung des Körpers beim Essen und Trinken, um die Nahrungsaufnahme zu vereinfachen. Ist der von Dysphagie Betroffene bettlägerig, sollten Sie ihn zu jeder Mahlzeit und auch zum Trinken in eine aufrechte Liegeposition bringen.
  • Aspirationsprophylaxe: Die sogenannte Aspirationsprophylaxe umfasst Maßnahmen, mit denen Sie einer Aspiration vorbeugen können.
  • Mundpflege: Eine sorgfältige Mundpflege kann Munderkrankungen wie diese vorbeugen und das Risiko für Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien deutlich reduzieren.
  • Medikamentenmanagement: Bei der Medikamentenverschreibung gilt es, zu große oder dicke Tabletten zu vermeiden und mögliche Nebenwirkungen, die die Dysphagie verschärfen könnten, im Auge zu behalten. Ein Mörsern der Tabletten ist nur bedingt empfehlenswert, da die Gefahr der Aspiration von Teilchen besteht.
  • Vermeidung von Ablenkungen: Sprechen Sie während des Essens nicht übermäßig, fangen Sie nicht an zu plaudern.
  • Nachschlucken: Lassen Sie den Patienten nach dem eigentlichen Schlucken noch mehrmals „leer“ nachschlucken, sprich Speichel schlucken. Husten Sie nach dem Essen mehrmals und schlucken Sie mehrmals leer nach.

Auswirkungen auf die Lebensqualität

Eine Schluckstörung ist nicht nur eine schwere gesundheitliche Störung. Sie bedeutete auch eine deutliche Minderung der Lebensqualität. Die Nahrungsaufnahme dient nicht nur der Sättigung, sondern ist auch Teil des sozialen Lebens. Bei einer Dysphagie muss der Betroffene und seine Angehörigen viele Gewohnheiten umstellen. Es muss auf die Art der Nahrung genau geachtete werden und der Patient muss sich stark auf das Schlucken konzentrieren.

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