Tarsaltunnelsyndrom: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Das Tarsaltunnelsyndrom ist ein seltenes Nervenengpasssyndrom, bei dem der Nervus tibialis, der Schienbeinnerv, im Bereich des Tarsaltunnels hinter dem Innenknöchel eingeklemmt oder komprimiert wird. Dies kann zu einer Vielzahl von Beschwerden im Fuß und Unterschenkel führen. Die peripheren Nerven, die in den Armen und Beinen verlaufen, können an natürlich engen Stellen in Muskel- oder Bindegewebsengstellen durch Verschleiß und Abnutzung unter Druck kommen. Selten kommt es durch Verletzungen zu solchen Störungen. Der chronische Druck kann zu einer Funktionsminderung, bei langem Verlauf auch zur Schädigung von Nerven führen. Das äußert sich häufig zunächst mit Missempfindungen und nachfolgend auftretenden Schmerzen. Oft stehen nächtliche Probleme im Vordergrund. Bei längerem, unbehandeltem Verlauf kann es hier auch zu Lähmungen der von dem betroffenen Nerv versorgten Muskulatur führen.

Einführung

Das Tarsaltunnelsyndrom (TTS), auch bekannt als hinteres Tarsaltunnelsyndrom, ist ein Kompressionssyndrom des Nervus tibialis oder eines seiner Äste im Tarsaltunnel. Es ist wichtig, das Tarsaltunnelsyndrom von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden, um eine angemessene Behandlung zu gewährleisten.

Anatomie des Tarsaltunnels

Der Tarsaltunnel ist ein enger, osteofibröser Kanal an der Innenseite des Sprunggelenks, der sich vom Innenknöchel bis zur Fußmitte erstreckt. Er wird von folgenden Strukturen begrenzt:

  • Lateral: Innenknöchel, Sustentaculum tali (ein Knochenfortsatz des Fersenbeins), mediale Kalkaneuswand
  • Medial: Retinaculum flexorum (ein starkes Band, das sich vom Schienbein zum Fersenbein erstreckt)

Durch den Tarsaltunnel verlaufen verschiedene Strukturen:

  • Sehnen der Musculi tibialis posterior, flexor digitorum longus und flexor hallucis longus
  • Arteria und Vena tibialis posterior
  • Nervus tibialis

Im Gegensatz zum Karpaltunnel werden diese Strukturen durch ein Septum voneinander getrennt.

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Ursachen des Tarsaltunnelsyndroms

Es gibt zahlreiche Ursachen, die den Nervus tibialis bedrängen oder einklemmen und somit ein Tarsaltunnelsyndrom auslösen können. In etwa 80 Prozent der Fälle lässt sich eine Ursache für das Tarsaltunnelsyndrom finden. Man unterscheidet intrinsische und extrinsische Faktoren:

Intrinsische Faktoren:

  • Raumfordernde Prozesse innerhalb des Tarsaltunnels, wie z.B.
    • Ganglien
    • Tumoren der Nerven
    • Schwannome (gutartige Tumoren der Nervenscheide)
    • Tendinitiden (Sehnenentzündungen)
    • Gefäßkonvolute
  • Entzündliche Reaktionen bei rheumatoider Arthritis
  • Entzündliche Reaktionen des Kapselbandapparates bei Sprunggelenksarthrosen
  • Raumforderungen durch zusätzliche Gefäßbündel
  • Raumforderungen durch Verdickung der angrenzenden Muskeln und Sehnen
  • Entzündliche Reaktionen der Nerven bei Diabetes mellitus, Gicht, Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose), Fettstoffwechselstörungen und anderen Ursachen
  • Als Folge einer Komplikation bei einer medizinischen Behandlung, vor allem nach operativen Eingriffen
  • Postoperative Folgen durch Schwellungen, Narben etc.
  • Anlagebedingt (etwa 20 Prozent der Fälle)

Extrinsische Faktoren:

  • Kompression durch ein Trauma (Verletzung)
    • Knöcherne Veränderungen nach Brüchen am Innenknöchel, Sprungbein und Fersenbein
    • Bandverletzungen am Innenband und inneren Kapselbandapparat
    • Verletzungen der im Tarsaltunnel befindlichen Strukturen
  • Fußfehlstellungen
    • Starker Knickfuß
    • Knick-Senkfuß
  • Überlastung
    • Funktionelle Überlastungen zum Beispiel beim Joggen (sogenannter Joggerfuß)
    • Funktionelle Überlastungen
    • Enge oder hohe, starre Schuhe wie Berg- oder Skischuhe
  • Ödeme und Schwellung

Symptome des Tarsaltunnelsyndroms

Die Symptome des Tarsaltunnelsyndroms sind sehr vielfältig und können sich im Laufe der Zeit verändern. Sie sind individuell verschieden und können einzeln oder kombiniert auftreten. Typische Symptome sind:

  • Schmerzen:
    • Stechende und brennende Schmerzen am Innenknöchel mit Ausstrahlung in die Wade, die Ferse und den Fuß, teils auch Sensibilitätsstörungen
    • Belastungsabhängige Schmerzen, zum Teil mit brennendem Charakter (neuropathischer Schmerz), in Höhe des Innenknöchels mit Ausstrahlung in den Fuß und auch in die Wade
    • Schmerzen im Fuß, insbesondere im Bereich des Innenknöchels
    • Schmerzen am Fußrücken
    • Heftige Schmerzen im Mittelfuß und in den Zehen
    • Fersenschmerz
  • Missempfindungen:
    • Missempfindungen wie Ameisenlaufen, Brennen, Taubheitsgefühle oder Wärme- bzw. Kälteempfindungen
    • Taubheit oder Kribbeln in den Zehen oder im Fuß
    • Verminderte Schweißsekretion
    • Brennen im Fuß, Taubheitsgefühle und Kribbeln quälen die Betroffenen oft die ganze Nacht
    • Das Gefühl, dass der Fuß "einschläft"
  • Motorische Störungen:
    • Muskelschwächen
    • Schwäche beim Bewegen der Zehen oder des Fußes
    • Zehenspreizerschwäche nachweisbar
    • Eingeschränkte Steuerung des Gaspedals beim Autofahren
  • Weitere Symptome:
    • Schwellung oder Wärme im Bereich des Tarsaltunnels
    • Anlaufschmerzen am Morgen
    • Die Beschwerden treten oft nachts auf und können sich unter Belastung oder durch längere Zwangshaltung mit gebeugtem oberen Sprunggelenk verstärken
    • Chronischer, langsam zunehmender Verlauf über Monate und Jahre
    • Wechselnde Beschwerden in Abhängigkeit von der Belastung

Diagnose des Tarsaltunnelsyndroms

Die Diagnose des Tarsaltunnelsyndroms basiert auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und apparativen Verfahren.

1. Anamnese:

  • Schilderung der Beschwerden durch den Patienten (Art, Lokalisation, Ausstrahlung, Verlauf, auslösende Faktoren)
  • Erhebung der Krankengeschichte (Vorerkrankungen, Verletzungen, Operationen)

2. Klinische Untersuchung:

  • Abtasten des Verlaufs des Nervus tibialis vom Bereich hinter dem Innenknöchel bis zum Fußinnenrand
  • Prüfung der Sensibilität und Motorik des Fußes
  • Auslösen des Tinel-Zeichens: Beklopfen des Nervenverlaufs löst ein elektrisierendes Gefühl in der Fußsohle aus
  • Dorsiflexions-Eversionstest: Verstärkung der Symptome bei maximaler Dorsiflexion im Sprunggelenk und Eversion des Fußes
  • Beurteilung von Fußfehlstellungen und Muskelatrophien

3. Apparative Diagnostik:

  • Röntgen: Erkennung von Fehlstellungen und knöchernen Veränderungen
  • Ultraschall: Darstellung der Nervenkompression, Raumforderungen und Weichteilveränderungen
  • MRT (Magnetresonanztomografie): Goldstandard zur Beurteilung von Raumforderungen und Nervenkompression
  • Elektrophysiologische Untersuchungen (NLG, EMG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität; nicht immer erfolgreich
  • Diagnostische Injektion: Injektion eines Lokalanästhetikums in den Tarsaltunnel zur Bestätigung der Diagnose

Differenzialdiagnosen:

Es ist wichtig, das Tarsaltunnelsyndrom von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen, wie z.B.:

  • (Diabetische) Polyneuropathie
  • Durchblutungsstörungen
  • Schädigungen der Nervenbahn im Unterschenkel, Lenden- und Kreuzbereich oder in Höhe der Wirbelsäule (Bandscheibenvorfall, lumbale Spinalkanalstenose)
  • Fersensporn (Plantarfasziitis)
  • Achillodynie (Schmerzsyndrom der Achillessehne)
  • Morton-Neurom (Engpasssyndrom der Nerven weiter unten am Fuß)
  • Baxter-Nerv-Entrapment für Fersenschmerzen

Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms

Die Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Erkrankung. In der Regel wird zunächst eine konservative Therapie angestrebt.

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1. Konservative Therapie:

  • Ursachenbehandlung: Behandlung der Grunderkrankung (z.B. rheumatoide Arthritis, Hypothyreose)
  • Entlastung:
    • Ruhigstellung des Fußgelenks
    • Vermeidung von Aktivitäten, die die Symptome verschlimmern
    • Hochlagern des Fußes
  • Schuheinlagen und Orthesen:
    • Einlagen mit Supinationskeil zur mechanischen Entlastung des Nervs
    • Sprunggelenksbandagen
    • Nachtschiene
  • Physiotherapie:
    • Muskelaufbau
    • Propriozeptives Training
    • Dehnungsübungen zur Aufrichtung des Fußgewölbes
    • Mobilisation des Sprunggelenks
    • Manuelle Therapie (Myofascial Release) zur Dehnung verspannter Fuß- und Wadenmuskeln
    • Sanfte Massage der Fußsohle (z.B. mit einem Igelball) zur Förderung der Durchblutung
  • Medikamentöse Therapie:
    • Entzündungshemmende Medikamente (NSAR)
    • Schmerzmittel
    • Kortison (oral oder als Injektion) zur Hemmung von Entzündungsprozessen
    • Neurotrope Medikamente
    • Experimentell: Injektion mit Botulinumtoxin zur Behandlung der neuropathischen Schmerzkomponente
  • Weitere Maßnahmen:
    • Kälte- oder Wärmeanwendungen
    • Elektrotherapie
    • Ultraschalltherapie
    • Pulsierende Magnetfeldtherapie
    • Akupunktur
    • Osteopathische Verfahren

2. Operative Therapie:

Wenn die konservative Therapie über einen längeren Zeitraum (in der Regel 6 Monate) keine Besserung bringt, oder wenn eine deutliche Verschlechterung der Nervenleitgeschwindigkeit vorliegt, sollte eine operative Dekompression des Nervs in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, den Druck auf den Nervus tibialis im Tarsaltunnel zu reduzieren, indem das Retinaculum flexorum gespalten und eventuelle Raumforderungen (z.B. Zysten, Tumoren, Knochenauswüchse) entfernt werden.

  • Offene Dekompression:
    • Bogenförmiger Hautschnitt über dem Innenknöchel
    • Eröffnung des Retinaculum flexorum
    • Freilegung des Nervs im Verlauf bis zum Muskelbauch des Großzehenabspreizermuskel am Fersenbein
    • Entfernung eventuell vorhandener Weichteiltumoren oder verdickten Sehnengleitgewebes
    • Ggf. Eröffnung der Faszie des Muskels
  • Endoskopische Dekompression:
    • Minimal-invasives Verfahren mit kleineren Hautschnitten
    • Geringeres Risiko von Komplikationen (z.B. Nervenverletzungen, überschießende Narbenbildung)

Nachbehandlung:

  • Entlastung des Fußes mittels Stützkrücken für ca. 3 Wochen
  • Orthese für 3 Wochen
  • Mobilisation bis zur Wundheilung an Unterarmgehstützen
  • Nahtmaterialentfernung am 14. Tag nach der Operation
  • Physiotherapie zur Wiederherstellung der Funktion des Fußes

Prognose

Die Prognose des Tarsaltunnelsyndroms hängt von der Ursache, dem Schweregrad und der Dauer der Erkrankung ab. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um dauerhafte Schäden am Nerven zu vermeiden. Bei erfolgreicher Behandlung können die Schmerzen und Missempfindungen deutlich reduziert oder sogar beseitigt werden. In manchen Fällen kann es jedoch zu einerpersistierenden Nervenschädigung kommen, die zu chronischen Schmerzen und Funktionseinschränkungen führt.

Prävention

Einige Maßnahmen können helfen, dem Tarsaltunnelsyndrom vorzubeugen:

  • Tragen von geeignetem Schuhwerk, das ausreichend Unterstützung bietet
  • Regelmäßige Fußübungen zur Stärkung der Muskulatur
  • Vermeidung von Überlastung des Fußes durch angemessene Pausen
  • Gewichtsmanagement zur Entlastung der Füße
  • Behandlung von Fußfehlstellungen

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