Die Sehnervenheilung nach einer anterioren ischämischen Optikusneuropathie (AION) ist ein komplexes und herausforderndes Feld in der Neuro-Ophthalmologie. Die AION ist eine der häufigsten Ursachen für plötzliche Sehverschlechterung, insbesondere bei Patienten über fünfzig Jahren. Diese Erkrankung entsteht durch eine Unterbrechung der Blutversorgung des Sehnervs, was zu einer Schädigung der Nervenfasern führt.
Neuro-ophthalmologische Störungen: Ein Überblick
Neuro-ophthalmologische Störungen betreffen verschiedene Strukturen des visuellen Systems, einschließlich des Auges, der Pupille, des Sehnervs (Nervus opticus), der extraokulären Muskeln und ihrer zugehörigen Nerven. Auch zentrale Bahnen, die für die Kontrolle und Integration von Augenbewegungen und des Sehens verantwortlich sind, können betroffen sein.
Eine präzise neuro-ophthalmologische Diagnose ist entscheidend, um die zugrunde liegende Ursache der Sehstörung zu identifizieren und geeignete Behandlungsstrategien zu entwickeln.
Häufige neuro-ophthalmologische Erkrankungen
- Anisokorie: Eine Differenz im Pupillendurchmesser zwischen beiden Augen, die meist harmlos ist, aber in seltenen Fällen auf eine neurologische Erkrankung hinweisen kann.
- Anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION): Eine plötzliche Sehverschlechterung aufgrund einer unzureichenden Blutversorgung des Sehnervs.
- Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON): Eine neurodegenerative Erbkrankheit, die zu plötzlicher Erblindung führen kann.
- Benigner essentieller Blepharospasmus (BEB): Unkontrollierbares Blinzeln und krampfartiger Lidschluss aufgrund einer Fehlfunktion in den Basalganglien.
- Durchblutungsbedingte Augenbewegungsstörungen: Lähmungen der Hirnnerven, die für die Augenbewegung zuständig sind, aufgrund von Durchblutungsstörungen.
- Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnervs, die häufig bei jungen Patienten auftritt und mit Multipler Sklerose assoziiert sein kann.
- Hypophysentumore: Gutartige Tumore der Hirnanhangsdrüse, die auf die Sehnervenkreuzung drücken und Sehstörungen verursachen können.
- Meningeome: Langsam wachsende, gutartige Tumore, die den Sehnerv komprimieren können.
- Raumforderungen im Gehirn: Hirntumore, die je nach Lage verschiedene Augensymptome verursachen können.
- Schlaganfall (Apoplex): Kann sich isoliert an der Sehrinde manifestieren und zu Gesichtsfeldausfällen führen.
- Pseudotumor cerebri: Erhöhter Hirndruck ohne erkennbare Ursache, der den Sehnerv schädigen kann.
- Endokrine Orbitopathie: Eine Autoimmunerkrankung, die oft die Schilddrüse betrifft und zu Wachstum der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes führt.
Anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) im Detail
Die AION ist eine akut einsetzende, schmerzlose degenerative Neuropathie des vorderen Sehnervs, die primär retinale Ganglienzellen und ihre Axone schädigt. Es gibt zwei Hauptformen:
- Arteriitische AION (aAION): Verursacht durch eine Entzündung der Arterien, die den Sehnerv versorgen, meist im Rahmen einer Riesenzellarteriitis (RZA).
- Nicht-arteriitische AION (nAION): Die Ursache ist unklar, aber Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus und anatomische Besonderheiten des Sehnervenkopfes spielen eine Rolle.
Pathophysiologie der AION
Die Pathogenese der AION ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Bei der aAION ist eine Ischämie im Bereich der kurzen posterioren Ziliararterien (PCA) als auslösendes Ereignis gesichert. Bei der nAION wird eine akute vaskuläre Dysregulation vermutet, die zu einer temporären Ischämie und ggf. nachfolgenden Reperfusionsschädigung im Bereich der posterioren Ziliararterien führt.
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Risikofaktoren für AION
Zu den Risikofaktoren für AION gehören:
- Alter: AION tritt häufiger bei älteren Menschen auf.
- Arterielle Hypertonie: Hoher Blutdruck ist ein signifikanter Risikofaktor.
- Diabetes mellitus: Diabetes kann die Blutgefäße schädigen und das Risiko für AION erhöhen.
- Metabolisches Syndrom: Eine Kombination aus Risikofaktoren wie Hypertriglyzeridämie, Hypoalphalipoproteinämie und Hyperglykämie.
- Herzerkrankungen: Insbesondere ischämische Herzerkrankungen.
- Schlafapnoe: Atemstillstände während des Schlafs können zu Sauerstoffmangel und erhöhtem AION-Risiko führen.
- Papille mit kleiner oder fehlender Exkavation: Eine ungünstige anatomische Konstellation des Sehnervenkopfes.
- Drusenpapille: Ablagerungen im Sehnervenkopf.
- Kataraktchirurgie: Ein seltenes Ereignis, aber das Risiko ist im ersten Jahr nach der Operation erhöht.
Symptome der AION
Die AION manifestiert sich mit einer akut auftretenden, ein- oder beidseitigen Papillenschwellung, begleitet von einer schmerzlosen Sehverschlechterung bis hin zum Sehverlust. Das akute Ereignis setzt eine unumkehrbare Degeneration des betroffenen Sehnervenabschnitts in Gang, die in einer sektoriellen oder vollständigen Papillenatrophie endet.
Diagnose der AION
Die Diagnose der AION basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und verschiedenen bildgebenden Verfahren. Dazu gehören:
- Funduskopie: Untersuchung des Augenhintergrunds zur Beurteilung der Papille.
- Gesichtsfelduntersuchung: Zur Identifizierung von Gesichtsfeldausfällen.
- Optische Kohärenztomographie (OCT): Zur Messung der Dicke der retinalen Nervenfaserschicht.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Zum Ausschluss anderer Ursachen für die Sehnervenschädigung.
Bei Verdacht auf eine aAION ist eine umgehende Abklärung auf eine Riesenzellarteriitis (RZA) erforderlich, da diese unbehandelt zu einer raschen Erblindung führen kann.
Therapie der AION
Es gibt derzeit keine allgemein akzeptierte Behandlungsmöglichkeit für die AION. Die Therapie zielt darauf ab, Risikofaktoren zu kontrollieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
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- Kontrolle der Risikofaktoren: Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes mellitus und anderen Risikofaktoren.
- Kortikosteroide: Bei aAION sind hochdosierte Kortikosteroide die Therapie der Wahl, um die Entzündung zu reduzieren und das Risiko für weitere Sehnervenschäden zu minimieren.
- Sehfeldtherapie: Gerät wurde für die Erweiterung des Sehfelds von Patienten mit einer Sehstörung entwickelt, die z. B. aufgrund einer Sehnervschädigung eingetreten ist.
Neue Erkenntnisse zu Semaglutid und AION
Eine aktuelle Studie hat einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Semaglutid, einem GLP-1-Rezeptoragonisten zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas, und einem erhöhten Risiko für eine nicht-arteriitische AION (NAION) untersucht. Die Studie, die in einem neuro-ophthalmologischen Zentrum in Boston, USA, durchgeführt wurde, ergab, dass Personen, die Semaglutid einnahmen, eine höhere Inzidenz von NAION aufwiesen als Personen, die nicht mit diesem Medikament behandelt wurden.
Studienergebnisse
- In der T2D-Kohorte (n = 710) traten 17 NAION-Fälle in der Semaglutid-Gruppe (n = 194) und 6 Fälle in der Kontrollgruppe (n = 516) auf.
- In der Übergewicht-Kohorte (n = 979) wurden 20 NAION-Fälle in der Semaglutid-Gruppe (n = 361) und 3 Fälle in der Kontrollgruppe (n = 618) beobachtet.
- Die beobachteten NAION-Inzidenzen von 8,9 % für die T2D- bzw. 6,7 % für die Übergewicht-Kohorte lagen deutlich über den zu erwartenden Inzidenzen von 1:10.000.
Interpretation der Ergebnisse
Die Studie deutet darauf hin, dass die Semaglutid-Therapie mit einem erhöhten NAION-Risiko assoziiert sein könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es sich um eine retrospektive Studie mit einer relativ geringen Anzahl von NAION-Fällen handelt. Zudem wurden die Patienten an ein spezialisiertes neuro-ophthalmologisches Zentrum überwiesen, was zu einer Selektionsverzerrung geführt haben könnte.
Empfehlungen
Die EMA hat nun zunächst empfohlen, die Produktinformationen von Semaglutid-haltigen Arzneimitteln zu aktualisieren und NAION als eine Nebenwirkung mit der Häufigkeit »sehr selten« darin aufzunehmen. Wenn Patienten während der Behandlung mit Semaglutid einen plötzlichen Sehverlust oder eine rasche Verschlechterung des Sehvermögens bemerken, sollten sie sich unverzüglich an ihren Arzt wenden.
Optikusneuritis: Eine weitere Ursache für Sehnervenschädigung
Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs, die vor allem junge Erwachsene betrifft. Typische Anzeichen sind ein akut auftretender Visusverlust und Augenschmerzen.
Ursachen der Optikusneuritis
Die Ursachen einer Optikusneuritis sind vielfältig und unterscheiden sich nach der Form der Sehnervenentzündung.
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- Typische Optikusneuritis: Oft mit Multipler Sklerose (MS) assoziiert oder idiopathisch (ohne erkennbare Ursache).
- Atypische Optikusneuritis: Kann durch Autoimmunerkrankungen, Infektionen oder andere Pathologien verursacht werden.
Symptome der Optikusneuritis
Eine typische Optikusneuritis ist mit einer subakuten unilateralen Sehstörung und schmerzenden Augenbewegungen assoziiert. Der Patient sieht die Umgebung dunkler, unscharf und kontrastarm.
Diagnose der Optikusneuritis
Die Diagnose der Optikusneuritis umfasst eine klinische Anamnese, eine neuro-ophthalmologische Untersuchung und verschiedene bildgebende Verfahren.
Therapie der Optikusneuritis
Die Therapie der Optikusneuritis zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und die Sehfunktion zu erhalten.