Nerv der Zeitgeist anders: Eine Analyse der aktuellen Strömungen und Kontroversen

Einleitung

Der Zeitgeist, der Geist der Zeit, ist ein viel diskutiertes und oft schwer fassbares Konzept. Er beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln und prägt die Gesellschaft, in der wir leben. Doch was genau ist der Zeitgeist, und wie wirkt er sich auf unser Leben aus? Dieser Artikel untersucht den aktuellen Zeitgeist in Deutschland und Europa, beleuchtet seine verschiedenen Facetten und analysiert die damit verbundenen Kontroversen.

Die Subjektivität des Zeitgeistes

Der Titel der Ausstellung "Zeitgeist" weckt die Assoziation an Goethes Faust-Zitat: "Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist". Dieses Zitat verdeutlicht, dass der Zeitgeist immer auch eine subjektive Konstruktion ist, geprägt von den Erfahrungen und Perspektiven derjenigen, die ihn definieren. Die Ausstellungsmacher Joachimides und Rosenthal betonten, dass ihre Ausstellung eine subjektive Setzung sei, die ihrer Erfahrung und Verantwortung entspringt.

Die Schwierigkeit einer allgemeingültigen Definition

Im Sinne der Definition von Hegel kann heute überhaupt von dem Zeitgeist gesprochen werden, ganz zu schweigen von einer einfachen Übernahme von Hegels Definition.

Die Zunahme von Neurosen und die Bedeutung von Toleranz

Die Zahl der Neurosen nimmt zu, und die Verbreitungswege haben sich vervielfacht. Früher gab es Flur, Kaffeeküche und Kantine, heute wird praktisch jeder digitale Weg gleich mitbespielt. Jeder erwartet auch noch die Maximal-Toleranz.

Umgang mit "Nervensägen" im Arbeitsalltag

Der Kommunikationsexperte Attila Albert hat sich in seinem Buch „Sorry, ihr nervt mich jetzt alle!“ mit ihnen beschäftigt. Nervensägen sind danach Egoisten, die ihre Ansichten und Bedürfnisse stark ausleben, auch auf Kosten anderer. „Niemand sollte deswegen verurteilt werden“, sagt Albert. Für den Umgang mit solchen Menschen ist eine zentrale Frage wichtig: „Lohnt sich die Auseinandersetzung, was kostet sie mich und was verpasse ich deswegen?“ Dazu gehört ein tieferes Verständnis, um welchen Nervensägentyp es sich handelt. Albert unterscheidet verschiedene Typen von "Nervensägen":

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  • Das ewige Opfer: Menschen, die sich permanent beklagen, aber kaum etwas verändern.
  • Der verbissene Rechthaber: Für ihn liegen die anderen immer falsch. Streit suchend gibt es kein Thema, bei dem dieser Typ sich nicht berufen fühlt, etwas beizutragen.
  • Der schlaffe Zögerer: Er redet viel, handelt aber wenig. Diese Menschen beschweren sich gern und viel, formulieren aber nur sehr selten klare Ziele - und verfolgen sie schon gar nicht.
  • Die fürsorgliche Helferseele: Sie ist immer für andere da, egal, ob die das brauchen oder wollen.
  • Der übermotivierte Problemlöser: Für diese Person ist das eigene Leben nichts anderes als eine To-do-Liste mit Überlänge.
  • Der selbstgerechte Weltverbesserer: Stark im Belehren, schwach darin, sich selbst daran zu halten.
  • Der abgehobene Welterklärer: Ausgestattet mit einer kühlen Distanz, schweben diese Leute über den Dingen, fühlen sich klüger als der Rest und haben kaum Gefühl fürs Praktische.

Die Schattenseiten des Zeitgeistes: Dauerreflexion und Hypersensibilität

Immer stärker nervt auch eine seit Jahren stetig größer werdende Gruppe der Gesellschaft, die sich hyperreflexiv und dauersensibel von allem genervt fühlt. Sei es Zigarettenqualm, Parfümduft, Kindergeschrei, Klartext, Vogelgezwitscher oder dem eigenen Ehepartner. Alles nur noch um subjektives Fühlen und Erleben zu drehen. Wie fühlt sich das an, fühle ich mich da wohl, was macht das mit mir, möchte ich das jetzt wirklich? Das sind wohl die Maximen der Wellness-Ära.

Die Rolle von Psychoanalyse, Postmoderne und Gender-Mainstreaming

Die Psychoanalyse, die postmoderne Philosophie und das Gender-Mainstreaming tragen zur Verwirrung des Zeitgeistes bei. Die Psychoanalyse entlehnt viel aus der griechischen Mythologie und noch viel mehr aus autobiografischen Erlebnissen ihres Erfinders Sigmund Freud. Die postmoderne Philosophie hat sich verabschiedet von Empirie und Fakten. Relativismus und Subjektzentrismus produzieren einen nebulösen Zeitgeist. Gender-Mainstreaming meint schließlich, dass es ein biologisches Geschlecht gar nicht gäbe und letztlich alles eine Frage von Machtverhältnissen und Diskurs sei.

Die Kommerzialisierung der Psyche: Psychokitsch und Modediagnosen

Psychoanalyse, postmoderne Philosophie und Gender-Mainstreaming bilden nun das ideale Psychotop für die dauerreflexiv-hypersensiblen Zeitgenossen. Diese pauken die Ratgeberliteratur Zeile für Zeile, Wort für Wort, besuchen Kurse für Coaching, Selbstmanagement, leiden unter Burn-out, sind selbstverständlich in Therapie und wollen selber Therapeut werden. Geschlechter- und kultursensible Kommunikation beherrschen sie perfekt. Wer sich nun weiter in sein Privatleben zurückzieht und seine negativen Gefühlslagen im Internet durchdekliniert, wird dann rasch zur Erkenntnis kommen, dass er zumindest hoch sensibel ist, unter Burnout leidet, wenn nicht schon längst völlig depressiv ist. Die gefühlte psychische Erkrankung hat viele Namen.

Zunehmende psychische Erkrankungen? Eine kulturabhängige Bewertung

Das Dilemma der meisten psychischen Erkrankungen ist ja, dass es keine Labortests oder sonstige objektive Parameter für sie gibt. Die Bewertung des menschlichen Verhaltens, ob dies nun Ausdruck einer Erkrankung ist oder nicht, ist zudem ausgesprochen kulturabhängig. Nach Partner- oder Jobverlust sind in der Betroffenheitskultur viele Menschen in psychiatrischer Behandlung, die vor 20 oder gar 30 Jahren kein Psychiater gesehen hätte. Schon recht nah an das Diagnosesystem der psychischen Erkrankungen gerückt ist die Prokrastination. Dahinter verbirgt sich ein Aufschiebeverhalten, welches eine zunehmende Zahl von Psychologen als Symptom einer psychischen Erkrankung sehen möchte. Gut bebrütet für psychische Erkrankungen ist auch die Hochsensibilität.

Die Sehnsucht nach Selbstoptimierung und die Grenzen der Belastbarkeit

Wie soll der postmoderne Mensch ihnen zufolge sein? Natürlich empathisch und gleichzeitig durchsetzungsfähig, authentisch und gleichzeitig diplomatisch, geschickt, achtsam und gleichzeitig zielorientiert, sich selbst verwirklichend und gleichzeitig sozial, selbstfürsorglich und gleichzeitig engagiert arbeitend, in sich ruhend und gleichzeitig dynamisch - wer sollte da nicht unzufrieden werden? Das reflexive Denken macht auch vor der Berufswelt nicht Halt. Wo sich die Ratschläge der Psycholiteratur völlig problemlos umsetzen lassen - sich spüren, tiefer wahrnehmen, achtsam und fürsorglich mit sich umgehen, die Wohnung nach Feng Shui einrichten, sich einen Hund kaufen, diesen zur Arbeit mitnehmen, damit ein harmonisches Betriebsklima entsteht, streng auf die Einhaltung der Arbeitszeit achten, keine Überstunden mehr machen, sich alle 20 Minuten fragen, ob einem dieser Mitarbeiter oder jene Arbeit auch wirklich guttut, über den Betriebsrat eine Antistressverordnung einbringen, Handy ausschalten und sich selbst energetisch aufladen, neben der Worklifebalance auch die spirituelle Balance finden - und schon lässt es sich so richtig schön Kariere machen. Und das Wichtigste nicht vergessen: Immer schön kommunizieren und verbalisieren. Alles ist gleich wichtig und einfache Lösungen stehen unter Generalverdacht.

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Die Tyrannei der Intimität: Eine Kritik der Selbstbezogenheit

Apropos Coaching und Supervision - als Gegenentwurf fällt mir spontan das Konzept des Amerikanischen Soziologen Richard Sennett ein. Mitte der 1970er Jahre erschien sein Buch mit dem Titel „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“, Untertitel „Die Tyrannei der Intimität“. Darin beklagt der Autor u.a., dass der moderne Mensch der westlichen Welt überwiegend mit sich selbst beschäftigt sei. Für Sennett gilt als Zivil, die Mitmenschen mit dem eigenen Selbst und seinen Problemen zu verschonen. Gemessen daran, befinden wir uns im Moment im Zustand der tiefsten Barbarei, wo jeder Tiffeltöffelkram zur traumatischen Erfahrung stilisiert wird.

Die Grenzen der Achtsamkeit: Eine skeptische Perspektive

Israelische Kardiologen teilten Patienten nach Herzinfarkten in zwei Gruppen ein: In der einen machten die Patienten weiter wie bisher. In der Anderen hielten sie sich peinlich genau an die therapeutischen Empfehlungen, hörten dauernd in sich hinein und beobachteten achtsam ihren eigenen Zustand. Das Ergebnis war, dass die Nicht-Achtsamen länger lebten.

Die Sehnsucht nach Echtheit in einer überforderten Zeit

Warum kamen die neue ZDF-Silvestershow aus Hamburg bei vielen Zuschauern so gar nicht an? Weil sie in eine Zeit platzt, die längst nicht mehr nach Dauerlächeln und Dauerfeuerwerk verlangt. Menschen sehnen sich heute nach Echtheit, nicht nach Event-Kulissen. Nach Verbindung, nicht nach Programm. Die Show bot Entertainment, aber keine emotionale Erdung.

Die veränderte Funktion von Unterhaltung: Von Ablenkung zu Resonanz

Früher war sie Ablenkung - heute suchen Menschen Resonanz. Sie wollen nicht mehr nur lachen, sie wollen verstanden werden. Shows, die an den Problemen vorbeitanzen, erreichen niemanden mehr. In der Psychologie nennt man das „emotionalen Realitätsabgleich“: Nur wer das, was Menschen beschäftigt, wenigstens andeutet, schafft Bindung. Die klassische „Heile-Welt-Unterhaltung“ scheitert daran, weil sie Gefühle vorgaukelt, statt sie ernst zu nehmen. Und das Publikum spürt diese Künstlichkeit - unbewusst, aber unmissverständlich.

Die Trägheit des Fernsehens und die Sehnsucht nach Spontaneität

Das Fernsehen verliert seine Synchronität mit der kollektiven Gefühlslage. Und das ist tödlich - nicht für die Quoten heute, aber für die Relevanz von morgen. Die Zukunft der Show liegt nicht im Feuerwerk, sondern in der Verbindung: Musik, Gespräch, Emotion, Haltung. Eine Sendung, die den Nerv der Zeit trifft, darf unperfekt sein - aber sie muss echt sein. Die Zeit der Glitzer-Tapete ist vorbei. Das Publikum will kein Korkenknallen mehr, wenn ihm innerlich der Korken platzt. Menschen sehnen sich nach Sinn, Sicherheit und Authentizität - und nicht nach Dauer-Show.

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Der Zeitgeist als "Heimat in der Zeit"

"Der Zeitgeist ist eine Heimat in der Zeit. Es ist der Versuch, im sprichwörtlichen Fluss der Zeit eine insuläre Größe auszuzeichnen und zu sagen, das ist unsere Zeit, unsere Gegenwart, und wir sind jetzt Zeitgenossen“, erklärt Ralf Konersmann, Professor für Philosophie an der Universität Kiel.

Der Zeitgeist in der Archäologie: Materialisierte Weltanschauungen

Archäologen finden von England bis Ungarn und von Nordfrankreich bis Italien Belege für eine Veränderung in der Bestattungskultur um die Mitte des fünften Jahrhunderts. Überall tauchen handtellergroße Fibeln auf, Anstecknadeln, meist aus Gold- oder Silberlegierung, mit ganz ähnlichen Mustern verziert. "Das ist wie aus einem mittelalterlichen Ikea-Katalog", sagt Hakenbeck. Sie ist davon überzeugt, dass sich in den ähnlichen Funden eine ähnliche Erfahrung manifestiert: der Zusammenbruch des Römischen Reiches als zentraler Macht. Und dass diese geteilte Erfahrung die Bedeutung der Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Volksstämmen, die damals in Europa unterwegs waren, relativiert. "Diese Fundstücke sind der materialisierte Zeitgeist."

Der Zeitgeist als Orientierungsangebot in unsicheren Zeiten

Früher waren die Identitäten viel stärker von außen vorgegeben, von Nation, Religion, Familie. Heute müssen wir uns die Eckpfeiler der Identität selbst basteln. Viele empfinden das nicht nur als Befreiung, sondern auch als Belastung. Hier macht der Zeitgeist Orientierungsangebote, wo uns Begründungen fehlen. "Man kann etwas so oder so oder so machen, und der Zeitgeist sagt: ‚Mach es so‘“, erklärt Konersmann. Um aus Unentschiedenheit und Beliebigkeit herauszukommen, könne dies durchaus eine Hilfe sein.

Der Zeitgeist als Waffe in politischen Auseinandersetzungen

Seine große Zeit hatte der Zeitgeist nicht zufällig im 19. Jahrhundert, auch damals war Orientierung gefragt. Die Zeitgenossen hatten die Französische Revolution als Bruch mit der Vergangenheit wahrgenommen. Die Weltgeschichte war nicht mehr Heilsgeschichte, nicht mehr Warten auf die Apokalypse. Der Zeitgeist sollte die Eigenart des „philosophischen Jahrhunderts“, das auf die Kraft der Vernunft vertrauen wollte, auf den Begriff bringen. Dabei entwickelte er sich zu einer mächtigen Waffe in den politischen Auseinandersetzungen, verlieh Legitimität, erklärte Erfolg und Misserfolg. Wer mit dem Zeitgeist ging, war auf der richtigen Seite, wer gegen ihn war, kämpfte wie gegen Windmühlenflügel.

Der Zeitgeist als Verführer: Zwang und Manipulation

Im unterschwelligen Zwang, den er auf die Zeitgenossen auszuüben scheint, zeigt der Zeitgeist sein zweites, sein unsympathisches Gesicht. Der Philosoph Johann Gottfried Herder, der den Begriff als einer der Ersten verwandte, beklagte bereits im 18. Jahrhundert den „bleiernen Druck“ des Zeitgeists: die Erfahrung, dass man der Prägung durch die eigene Zeit nicht entgehen, sich einer sich abzeichnenden Entwicklung nicht entziehen kann.

Die katholische Kirche und der Zeitgeist: Eine Chance zur Erneuerung

Die Kirche hat in ihrer Geschichte schon immer mit und vom Zeitgeist gelebt. Sie kann sich nicht einfach davon lösen. Beim Zeitgeist geht’s um mehr als ein paar Modetrends, die gerade en vogue sind. Es geht um eine Mentalität, die die gesamte Gesellschaft durchdringt und der sich niemand ganz entziehen kann. Sie sollte ihn nicht als Konkurrenten oder Feind ansehen, sondern als Informationsquelle für die Sehnsüchte der Menschen begreifen. Der Zeitgeist weist darauf hin, in welche Richtung sich die Sehnsucht nach Lebendigkeit entwickelt. Welche Themen, Stimmungen, Mängel entstehen könnten. Hier gilt es Signale zu erkennen und zu deuten, bewusste und unbewusste Strömungen in der Gesellschaft zu entschlüsseln.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Glauben

Die Kirche wird völlig unterschätzt. Dabei sind viele Menschen doch auf der Suche: nach Zugehörigkeit, Liebe, Hoffnung, einem Glauben, der sie trägt. Diesen Sehnsüchten versuchen sie näher zu kommen - durch eine Armada von Coaches, Selbsthilfegruppen und -Büchern, durch Schweigewochenenden in Klöstern oder durch Pilgern. Auf alle erdenklichen Weisen versuchen sie an die Erfahrbarkeit dieser ewigen Themen heranzukommen. Das hat einen Grund: Die Kirche hat das Image, den Menschen einen starren, lebensfremden Verhaltenskodex vorzuschreiben. Damit ist sie über viele Jahre gut gefahren. Aber dieser Ansatz funktioniert im heutigen Zeitgeist nicht mehr. Die Bereitschaft bevormundet zu werden, und obrigkeitshörig zu sein - ja sich falsch zu fühlen -, ist extrem gesunken. Sie muss Heimat werden für die kollektive Sehnsucht.

Die Individualisierung und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Wenn eine Gesellschaft sagt: »Sei wer du bist!«, ist das keine echte Entlastung. Damit drängt sich nämlich die Frage auf: Ja, wer bin ich denn eigentlich? Und wie finde ich einen Sinn für mein Leben? Wir sind zwar fasziniert von dem Gedanken, wir selbst sein zu können, merken aber oft gar nicht, wie fremdbestimmt wir eigentlich sind. Wir befinden uns in einem Lernprozess zur Individualität.

Die Sehnsucht nach Erlösungsmomenten

Tatsächlich wollen viele Produkte Erlösungsmomente verkaufen, damit Menschen - wenn auch nur für einen kurzen Moment - sagen können: Ich bin erlöst vom Gefühl des Nicht-Genügens. Jetzt gehöre ich dazu: weil ich ein bestimmtes Deo benutze, mir etwas an- oder abtrainiert habe oder ein bekanntes Logo auf der Kleidung trage.

Die christliche Botschaft als Gegenentwurf zum Zeitgeist

Die Bibel berichtet, dass Gott den Menschen so liebt wie er ist. Diese Aussage ist gegenüber dem Zeitgeist nahezu konkurrenzlos. Denn für das säkularisierte Individuum Mensch ist es höchst selten, diese Erfahrung auf weltlicher Ebene zu machen. Die meiste Zeit in unserem Leben werden wir aufgefordert anders zu sein, uns zu verbessern und zu optimieren.

Der Wandel der Mobilität: Nachhaltigkeit und Alltagstauglichkeit

Mobilität ist heute zu einem größeren Thema geworden, als sich die Frage zu stellen, wie man am einfachsten von A nach B kommt. Klimawandel, CO₂-Bilanzen und immer strengere Vorschriften sorgen dafür, dass kaum jemand heute noch völlig bedenkenlos fährt. Fahrzeuge müssen alltagstauglich sein. Platz für Kinder, Gepäck, Hund, Wochenendeinkauf. Trotz Urbanisierung und Homeoffice bleibt ein alter Instinkt bestehen: mobil sein und in der Lage spontan zu entscheiden. Ein Fahrzeug ist für viele zwar nur Zweck, aber hilft auch um sich „unter Kontrolle“ zu fühlen. Lieber das Leben führen, als vom Leben geführt werden. Ein modernes Fahrzeug ist heute digitales Ökosystem geworden. Wer ein Auto wählt, entscheidet sich zunehmend für eine Software-Philosophie, nicht nur für ein Design, wie bspw. die Entscheidung zwischen Apple und Windows. Heute will man Nachhaltigkeit, aber nicht auf Freiheit verzichten. Man will Technik, aber keine Überforderung. Man wünscht sich Stil, aber keine Statuskämpfe.

Das Ende der grünen Hegemonie? Eine politische Kontroverse

Andreas Rödder stellte fest, die grüne Hegemonie sei zu Ende gegangen, und der Zeitgeist sei deutlich konservativer geworden. Er kritisiert, dass die Themen Umwelt, Sexualität oder Migration im Umfeld der grünen Bewegung als emanzipatorische Themen entstanden sind. Als Homosexueller lebt man heute zweifellos viel emanzipierter als früher. Da sind Konservative mitgegangen, das kritisiere ich nicht. Armin Nassehi bezweifelt stark, dass es je so etwas wie eine grüne Hegemonie gab - auch wenn wir gerade viel über den Klimawandel und die ökologische Transformation sprechen. Er betont, dass die Gesellschaft in ihrer Breite Öffnung, Pluralisierung, Universalisierung gelernt hat.

Die Pendelbewegung in der Politik und die Rolle der Union

Rödder ist der Meinung, das Pendel schlägt von links-grün nach rechts aus. Das Heizungsgesetz hat gezeigt, dass die Klimapolitik der Grünen an die Grenze der Zustimmungsfähigkeit geraten ist. Der Terror der Hamas am 7. Oktober hat unser Sprechen über Migration und Integration verändert und das Thema des importierten Antisemitismus auf die Agenda gesetzt. Die Union muss die Themen der AfD aufgreifen, ohne ihr nach dem Mund zu reden. Deren Themen liegen zu lassen, hat die Partei erst so stark gemacht. Nassehi betont, wenn man allerdings dreimal Abschiebung sagt, ist kein Problem gelöst. Der AfD semantisch entgegenzukommen, befriedet das Land nicht.

Die Notwendigkeit einer Leitkultur für die offene Gesellschaft

Rödder betont, wir brauchen eine Leitkultur für die offene Gesellschaft. Bürgerliche Politik unterscheidet sich automatisch von der AfD, weil sie Verbindlichkeit fordert, aber für die offene Gesellschaft steht und den Erfolg der rechtmäßig hier lebenden Migranten wünscht.

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