Sehnervschaden: Ursachen, Diagnose, Therapie und Visus

Verschwommene Sicht kann viele Ursachen haben, von harmlosen bis hin zu ernsteren Erkrankungen. Es ist wichtig, die möglichen Ursachen zu kennen und bei anhaltenden oder plötzlichen Sehstörungen einen Arzt aufzusuchen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Sehnervschäden, einschliesslich Ursachen, Diagnose, Therapie und Visus.

Ursachen für verschwommene Sicht

Die Ursachen für verschwommene Sicht sind vielfältig. Viele sind harmlos, aber einige erfordern eine ärztliche Behandlung.

Harmlosere Ursachen

  • Orthostatische Hypotonie: Ein rapider Abfall des Blutdrucks, z. B. beim zu schnellen Aufstehen, kann zu kurzzeitig verschwommener Sicht und Übelkeit führen.
  • Eingeklemmter Sehnerv: Eine ungünstige Schlafposition kann den Sehnerv einklemmen und zu verschwommener Sicht am Morgen führen.
  • Nicht ausreichend korrigierter Sehfehler: Eine leichte Kurz- oder Weitsichtigkeit kann plötzlich als störend empfunden werden, besonders in neuen Umgebungen oder bei schlechter Beleuchtung.
  • Chronisch trockene Augen: Ein Mangel an Tränenflüssigkeit, verursacht durch langes Arbeiten am Computer, Kontaktlinsen oder Alter, kann zu unscharfem Sehen führen. Künstliche Tränenflüssigkeit kann hier Abhilfe schaffen.
  • Migräneattacken oder Augenmigräne: Symptome wie Lichtblitze, flackernde Sicht oder blinde Flecken können auftreten. In einigen Fällen kann sogar das gesamte Sichtfeld eines Auges betroffen sein.
  • Glaskörpertrübungen: Vorüberziehende Flecken oder Glaskörpertrübungen können ins Sichtfeld treiben, da sich der gelartige Glaskörper des Auges mit zunehmendem Alter verflüssigen kann.
  • Hormonelle Veränderungen in der Schwangerschaft: Die Form und Dicke der Hornhaut kann sich verändern, und trockene Augen treten häufiger auf.

Ernstzunehmende Ursachen

Wenn sich das plötzlich unscharfe Sehen nicht durch oben genannte Faktoren erklären lässt, gilt es mögliche Hintergründe einer augenmedizinischen Erkrankung mit einer Augenärztin oder einem Augenarzt abzuklären.

  • Trübung des Okularapparats: Besonders im Alter kann es zu einer Trübung im Zellgewebe des Auges kommen.
  • Probleme der Nerven: Nerven, die die Informationen und Sehimpulse vom Auge an das Gehirn weitergeben, können betroffen sein.
  • Veränderungen der Netzhaut: Veränderungen der Netzhaut, der empfindlichen Zone im hinteren Teil des Auges, sind möglich.
  • Diabetes mellitus: Verschwommene Sicht am Morgen, die sich im Laufe des Tages verbessert, kann auf einen noch nicht entdeckten Diabetes mellitus hindeuten. Veränderungen des Blutzuckerspiegels können zu Wassereinlagerungen in der Linse führen.
  • Bindehautentzündung: Durch eine Bindehautentzündung ist die Sehschärfe häufig reduziert, die Augen zudem meist verklebt.
  • Grauer Star (Katarakt): Ab der zweiten Lebenshälfte steigt das Risiko, an Grauem Star zu erkranken. Die Sehkraft geht meist schleichend verloren, da sich die Linse nach und nach eintrübt. Betroffene haben zunehmend das Gefühl, durch einen Schleier zu sehen.
  • Altersbedingte Makuladegeneration: Im Alter kann es zu Ablagerungen an der Makula kommen, der Stelle der Netzhaut, die für scharfes Sehen besonders wichtig ist. Diese führen dazu, dass sich verschiedene Schichten des Auges zurückbilden.
  • Sehsturz: Ein plötzlicher schmerzloser Sehverlust auf einem Auge kann ein Warnzeichen für einen Schlaganfall sein.
  • Ungleichsichtigkeit (Anisometropie): Wenn ein Unterschied von mehr als 2,0 Dioptrien zwischen den Augen vorliegt, kann dies zu einer schwerwiegenden Sehstörung führen.
  • Gefäßverschlüsse: Verschlüsse der sehr kleinen, das Auge und hier insbesondere die Netzhaut und den Sehnerven mit Blut versorgenden Gefäße stellen eine akute Bedrohung des Sehvermögens dar.
  • Netzhautablösungen: Netzhautablösungen sind eine der häufigen Ursachen für eine plötzliche schmerzlose Sehbeeinträchtigung auf einem Auge.
  • Sehnervenerkrankungen: Auch eine Erkrankungen des Sehnerven und der nachgeschalteten Areale des an der Verarbeitung der Sehinformation beteiligten Gehirnes kann zu einem plötzlichen Funktionsverlust auf einem Auge führen.
  • Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnerven (Optikusneuritis) betrifft vor allem junge Erwachsene, und häufig ist sie das erste Anzeichen für eine Multiple Sklerose (MS).

Diagnose von Sehnervschäden

Wenn das verschwommene Sehen anhält und sich nicht innerhalb weniger Minuten von alleine wieder normalisiert, sollten Sie diese Symptome ernst nehmen und so bald wie möglich eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. Neben einer eingehenden Untersuchung der Augen, sollte auch eine allgemeine Anamnese erfolgen, um jegliche Ursachen abzuklären.

Anamnese

Der Arzt wird zunächst Fragen stellen, um die Krankheitsgeschichte zu erfassen. Mögliche Fragen sind:

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  • Wann hat sich Ihr Sehen verschlechtert?
  • Bereiten Ihnen Augenbewegungen Schmerzen?
  • Ist das Sehen auf einer Seite schlechter als auf der anderen?
  • Waren Sie in der letzten Zeit erkältet oder hatten Sie Fieber?
  • Hatte ein Familienmitglied von Ihnen bereits ähnliche Symptome?
  • Leiden Sie an einer Grunderkrankung (z.B. Multipler Sklerose, Lupus erythematodes)?
  • Ist in Ihrer Familie ein Fall von Multipler Sklerose bekannt?
  • Ist Ihnen schwindelig oder haben Sie Schwächen Ihrer Muskulatur bemerkt?
  • Rauchen Sie, trinken Sie Alkohol oder nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
  • Sind die Beschwerden bei Wärme stärker (zum Beispiel,wenn Sie ein Bad nehmen, in der Sauna sitzen oder Sport machen)?
  • Nehmen Sie Lichtblitze wahr?
  • Kardinalsymptome (subakute unilaterale Sehstörung und Augenbewegungsschmerz)
  • mögliche Assoziation mit Multipler Sklerose
  • Erstauftreten oder Wiederholungsbeschwerden
  • neurologische Erkrankungen/Symptome (aktuell/früher), zum Beispiel Dys- und Parästhesien, Paresen
  • Hinweise auf andere Optikusneuropathien/Ursachen, unter anderem:
    • schwere Augenerkrankungen in der Familie
    • Tumorerkrankungen
    • rheumatologische Beschwerden (Fieber? Exanthem? Arthralgien?)
    • sonstige internistische Erkrankungen/Symptome

Augenuntersuchungen

Anschließend folgen verschiedene Augenuntersuchungen:

  • Bestimmung der Sehschärfe: Mithilfe einer Buchstaben- oder Zahlentafel wird die Sehschärfe bestimmt. Sie ist bei einer Sehnerventzündung gemindert. Die Niedrigkontrast-Sehschärfe ist in der akuten Phase stark beeinträchtigt und erholt sich langsamer als der Visus und das Gesichtsfeld.
  • Test der Pupillenreaktion: Der Arzt leuchtet abwechselnd mit einer Lampe in die Augen und beobachtet die Reaktion der Pupillen. Bei einer Retrobulbärneuritis liegt oft ein relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD) vor.
  • Prüfung der Augenbeweglichkeit: Der Arzt überprüft die Beweglichkeit der Augen, um festzustellen, ob die Augenbewegungen Schmerzen verursachen oder Doppelbilder auftreten.
  • Bestimmung des Gesichtsfeldes: Das Gesichtsfeld wird getestet, um Einschränkungen im peripheren Sehen festzustellen. Bei einer Sehnerventzündung liegt häufig eine Einschränkung des Gesichtsfeldes im zentralen Bereich vor (Zentralskotom).
  • Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt untersucht die Netzhaut und den Sehnerv auf Veränderungen. Bei einer Retrobulbärneuritis ist die Funduskopie normalerweise unauffällig. Dagegen ist bei einer Papillitis die Papille typischerweise gerötet und geschwollen.
  • Prüfung der Farbwahrnehmung: Die Farbwahrnehmung wird getestet. Bei einer typischen Neuritis nervi optici ist vor allem die Farbsättigung für Rot abgeschwächt.
  • Test der Sehnervleitung (Visuell evozierte Potentiale, VEP): Die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs wird überprüft. Bei einer Entzündung des Sehnervs sind die Messwerte häufig verändert.
  • Gesichtsfeldperimetrie:
  • Multimodale Bildgebung des Sehnervs: einschließlich Fundusfotografie, optischer Kohärenztomographie (OCT) und Magnetresonanztomografie (MRT).

Weiterführende Diagnostik

Wenn der Arzt ermittelt hat, ob es sich um eine typische oder atypische Sehnerventzündung handelt, werden weitere Untersuchungen durchgeführt, um die Ursache der Neuritis nervi optici herauszufinden.

  • Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT) des Kopfes und der Wirbelsäule: Um eine Multiple Sklerose (MS) zu diagnostizieren.
  • Liquorpunktion: Dabei wird über eine dünnen Hohlnadel eine Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) aus der Lendenwirbelsäule entnommen und auf Entzündungszeichen hin untersucht, die für eine MS sprechen können.
  • Blutuntersuchungen: Um es auf verschiedene Krankheitserreger oder Antikörper hin zu untersuchen.

Differenzialdiagnosen

Der Arzt muss auch untersuchen, ob nicht eine andere Erkrankung vorliegt, die ähnliche Symptome wie eine Sehnerventzündung hervorrufen. Zu diesen Differenzialdiagnosen zählt unter anderem die Stauungspapille. Auch Vergiftungen etwa mit Alkohol kann sich wie eine Sehnerventzündung darstellen.

Therapie von Sehnervschäden

Die Therapie von Sehnervschäden richtet sich nach der Ursache.

Allgemeine Maßnahmen

Es gilt zunächst Ruhe zu bewahren und mögliche Auslöser zu klären, damit entsprechende Maßnahmen vorgenommen werden können. Generell sollten Sie im Zweifel eine Expertin oder einen Experten aufsuchen, um die richtige Diagnose zu stellen.

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Behandlung von Anisometropie

Das Ziel der Behandlung von Anisometropie ist es, die visuelle Unausgewogenheit zwischen den Augen so weit wie möglich zu reduzieren. Die Behandlung der Ungleichsichtigkeit hängt von der Ausprägung der Erkrankung ab. In leichten Fällen kann eine Brillen- oder Kontaktlinsenkorrektur ausreichend sein, um die Sehstärke zu korrigieren. Dazu werden Gläser in verschiedenen Stärken eingesetzt, um Anisometropie zu behandeln. In schweren Fällen kann eine Operation erforderlich sein.

Bei Kindern sollte eine frühzeitige Behandlung in der Sehschule erfolgen, um das schwächere Auge zu trainieren (Amblyopiebehandlung). Durch das Abdecken des stärkeren Auges bekommt das schwächere Auges die Chance besser zu fokussieren und die Sehentwicklung nachzuholen.

Behandlung von Optikusneuritis

Die Therapie der Optikusneuritis zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und die Sehfunktion zu erhalten.

  • Glukokortikosteroide: In der akuten Phase kann eine kurze, hochdosierte Behandlung mit Glukokortikosteroiden sinnvoll sein. Dabei sind jedoch die möglichen Nebenwirkungen zu berücksichtigen.
  • Basistherapie: Wenn die Entzündung des Sehnerven im Zusammenhang mit einer MS oder einer anderen Autoimmunerkrankung auftritt, wird in der Regel eine Basistherapie eingeleitet, die die Grunderkrankung behandelt und die zugleich ein Wiederaufflammen der Sehnervenentzündung verhindern soll. Dafür gibt es verschiedene Medikamente, die das Immunsystem hemmen. Diese Behandlung erfolgt beim Neurologen oder bei einem anderen mitbehandelnden Facharzt.

Behandlung von Gefäßverschlüssen

Ziel ist es möglichst schnell die Durchblutung des verschlossenen Gefäßes wiederherzustellen bzw. die Nährstoffversorgung der Sinneszellen der Netzhaut und der Nervenfasern des Sehnervens zu optimieren. Dies erfolgt u.a. durch Senkung des Augendruckes, durchblutungsfördernde Infusionen, ggf. Aderlässe, Suche und Einstellung bestehender Risikofaktoren (Blutdruck, Blutzucker, Herzrhythmusstörungen), Ausschluss ggf. Therapie anderer ursächlicher Erkrankungen.

In Abhängigkeit vom vorliegenden Befund ist eine stationäre Aufnahme zur Durchführung der Therapie notwendig.

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Engmaschige Nachkontrollen (ggf. Laserbehandlungen) zur Vermeidung nachfolgender Komplikationen (überschießende Gefäßneubildungen, Augendruckerhöhungen) sind besonders bei Verschlüssen venöser Gefäße durch einen niedergelassenen Augenarzt notwendig.

Behandlung von Netzhautablösungen

Ist die Netzhaut abgelöst, ist in jedem Fall eine operative stationäre Behandlung notwendig. Die Wahl der möglichen verschiedenen Operationsmethoden (eindellende Operationen, Kälteherde, Entfernung des Glaskörpers, Endotamponade bzw. deren Kombination) richtet sich nach dem Ausmaß, der Lokalisation des Netzhautloches, Voroperationen, zusätzliche Augenerkrankungen bzw. dem Zeitintervall seit wann die Netzhautablösung bereits besteht. Nach erfolgreicher operativer Wiederanlage der Netzhaut ist es von äußerster Bedeutung für mindestens 6-8 Wochen größere körperliche Anstrengung zu meiden. Die Netzhaut benötigt einige Zeit sich wieder ausreichend zu stabilisieren, andernfalls besteht die Gefahr einer erneuten Ablösung der Netzhaut.

Visus und Prognose

Die Aussichten für Patienten mit einer typischen Optikusneuritis sind in Hinblick auf das Sehvermögen gut: Fünf Wochen nach dem Auftreten der ersten Symptome ist der Wiederanstieg der Sehschärfe weitgehend abgeschlossen. Weitere leichte Verbesserungen sind aber auch innerhalb der nächsten zwölf Monate möglich. Zehn Jahre nach der Erkrankung haben 74 Prozent der Patienten einen Visus von 1,0 oder besser, bei 18 Prozent von ihnen liegt der Visus zwischen 0,5 und 0,8.

Ist das Sehzentrum (Makula) bei einer Netzhautablösung bereits abgelöst, kann auch nach operativer Wiederanlage der Netzhaut die Sehleistung des Auges nicht wieder voll hergestellt werden.

Allgemein ist die Prognose, hinsichtlich des Erfolges einer operativen Wiederanlage der Netzhaut (die leider auch heute unter modernen Operationsmethoden noch nicht bei jedem Patienten und auch nicht immer dauerhaft möglich ist), bei schon länger bestehender Netzhautablösung deutlich schlechter, als bei „frischen“ nur wenige Stunden oder ein oder zwei Tage alten Netzhautablösungen.

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