Sehnervenentzündung (Optikusneuritis): Ursachen, Diagnose und Behandlung

Der Nervus opticus, auch Sehnerv genannt, ist ein wichtiger Bestandteil der Sehbahn. Er leitet visuelle Informationen vom Auge zur Sehrinde des Gehirns. Erkrankungen des Sehnervs können zu erheblichen Sehbeeinträchtigungen bis hin zur Erblindung führen. Die Sehnervenentzündung (Optikusneuritis) ist eine solche Erkrankung, die meist junge Erwachsene betrifft und mit Sehproblemen und Augenschmerzen einhergeht. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung der Sehnervenentzündung.

Was ist eine Sehnervenentzündung?

Eine Sehnervenentzündung, in der Fachsprache Optikusneuritis genannt, ist eine Entzündung des Sehnervs. Der Sehnerv ist dafür verantwortlich, Informationen vom Auge zum Gehirn zu leiten, wo sie in Bilder umgewandelt werden. Die Entzündung beeinträchtigt die Funktion des Nervs und führt zu verschiedenen Sehstörungen.

Die Erkrankung tritt hauptsächlich bei Menschen zwischen 18 und 45 Jahren auf. Sie betrifft meist nur ein Auge und heilt in vielen Fällen innerhalb von 2 bis 4 Wochen von selbst aus. Allerdings können kleinere Sehprobleme zurückbleiben.

Ursachen einer Sehnervenentzündung

Die Ursachen einer Optikusneuritis sind vielfältig und können in typische und atypische Formen unterteilt werden.

Typische Optikusneuritis

  • Multiple Sklerose (MS): In den westlichen Ländern ist die Multiple Sklerose die häufigste Ursache für eine Optikusneuritis. Bis zu 70 % der MS-Patienten entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung eine Sehnervenentzündung. Bei etwa einem Drittel der Fälle ist die Optikusneuritis sogar das erste Anzeichen für MS.
  • Idiopathische Optikusneuritis: Bei dieser Form kann trotz umfassender Untersuchungen keine Ursache für die Entzündung gefunden werden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dies nur eine vorläufige Diagnose sein sollte.

Atypische Optikusneuritis

Atypische Sehnervenentzündungen können verschiedene Ursachen haben:

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  • Autoimmunerkrankungen:
    • Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD)
    • Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD)
    • Chronisch rezidivierende Immunoptikusneuropathie (CRION)
    • Sarkoidose
    • Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
  • Infektionen:
    • Lyme-Borreliose
    • Syphilis
    • Neuroretinitis
    • Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM)
    • Meningitis
    • Tuberkulose
    • Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV)
    • Lokale Ausbreitung einer Sinusitis, Retinitis oder Uveitis
  • Postinfektiös oder postvakzinal: Insbesondere bei Kindern können Sehnervenentzündungen nach Virusinfektionen wie Masern, Mumps, Windpocken, Röteln, Keuchhusten oder einer Epstein-Barr-Virus-Infektion auftreten.
  • Seltene Ursachen:
    • Diabetes
    • Perniziöse Anämie
    • Arteriitis temporalis
    • Insektenstiche
    • Traumata
    • Tumormetastasen im Sehnerv
    • Strahlentherapie im Schädelbasisbereich
    • Noxen wie Blei, Thallium, Methanol, Nikotin und Arsen
    • Arzneimittel, insbesondere Ethambutol und Tamoxifen

Risikofaktoren

Einige Risikofaktoren können die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Optikusneuritis erhöhen:

  • Geschlecht: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
  • Alter: Junge Erwachsene sind häufiger betroffen als ältere Menschen.
  • Rauchen
  • Bestimmte Infektionen: Eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus oder Mycoplasma pneumoniae
  • Autoimmunerkrankungen
  • Familienanamnese: Eine positive Familienanamnese von Optikusneuritis oder Multipler Sklerose
  • Bestimmte HLA-Polymorphismen

Pathogenese

Die Pathogenese der Optikusneuritis hängt davon ab, ob es sich um eine typische oder atypische Form handelt.

Typische Optikusneuritis

Bei der typischen Optikusneuritis (idiopathisch oder im Rahmen einer MS) kommt es zu einer T-Zell-vermittelten Immunreaktion gegen Myelinproteine, die den Sehnerv umgeben. Diese Immunreaktion führt zu einer lokalen Entzündungsreaktion, die die Myelinscheide und Axone des Sehnervs schädigt. Aktivierte Mikrogliazellen unterhalten das Entzündungsgeschehen weiter. Zusätzlich werden B-Zell-vermittelte Autoantikörper gegen Myelinproteine produziert, die ebenfalls die Myelinscheide und Axone zerstören.

Atypische Optikusneuritis

Bei einer atypischen Optikusneuritis hängen die pathogenetischen Mechanismen von der Art der zugrunde liegenden Erkrankung bzw. Ursache ab. Beispielsweise spielen bei Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD) und Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) AQP4-Antikörper eine wichtige Rolle. Diese Antikörper sind gegen das Aquaporin-4-Protein gerichtet, das in hoher Konzentration in den Astrozyten des zentralen Nervensystems (ZNS), einschließlich des Sehnervs, exprimiert wird. Dies führt zu einer Entzündungsreaktion, die die Myelinscheide und Axone des Sehnervs schädigt.

Symptome einer Sehnervenentzündung

Die Symptome einer Sehnervenentzündung können variieren, aber typische Anzeichen sind:

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  • Sehprobleme:
    • Verschwommenes oder nebelartiges Sehen
    • Verminderte Sehschärfe auf einem Auge (meist einseitig)
    • Schwierigkeiten beim Erkennen von Kontrasten
    • Veränderte Farbwahrnehmung (Farben wirken blass oder "schmutzig")
    • Gesichtsfeldausfälle (Skotome)
    • In seltenen Fällen: vollständiger Sehverlust (Amaurose)
  • Augenschmerzen:
    • Schmerzen bei Augenbewegungen
    • Leichter Druck auf das Auge kann wehtun
  • Weitere Symptome:
    • Blitzsehen (Phosphene), insbesondere bei Augenbewegungen
    • Pulfrich-Phänomen (Fehlwahrnehmung von Bewegungen)
    • Uhthoff-Phänomen (vorübergehende Sehverschlechterung bei erhöhter Körpertemperatur)

Die Sehprobleme entwickeln sich normalerweise innerhalb weniger Stunden oder Tage. Die Beschwerden können sich nach zwei bis vier Wochen von selbst bessern, aber oft bleiben kleinere Probleme zurück. In seltenen Fällen kann die Entzündung chronisch werden und sich das Sehvermögen langsam aber stetig verschlechtern.

Wann spricht man von einer untypischen Sehnervenentzündung?

Eine Sehnervenentzündung gilt als untypisch, wenn:

  • Die Person jünger als 18 oder älter als 45 Jahre ist
  • Keine Schmerzen auftreten
  • Beide Augen betroffen sind
  • Sich die Beschwerden nicht von selbst bessern
  • Der Arzt sofort Veränderungen an der Papille (Sehnerveneintritt ins Auge) sieht

Diagnose einer Sehnervenentzündung

Bei Verdacht auf eine Sehnervenentzündung ist eineComprehensive augenärztliche Untersuchung unerlässlich. Diese umfasst:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der aktuellen Beschwerden, Vorerkrankungen (insbesondere MS), Medikamenteneinnahme und familiärer Vorbelastung.
  • Sehschärfenprüfung: Bestimmung der Sehschärfe auf beiden Augen.
  • Pupillenreaktion: Überprüfung der Pupillenreaktion auf Licht, um einen relativen afferenten Pupillendefekt (RAPD) festzustellen. Dieser ist ein wichtiger Hinweis auf eine Erkrankung des Sehnervs.
  • Gesichtsfelduntersuchung (Perimetrie): Vermessung des Gesichtsfelds, um Gesichtsfeldausfälle (Skotome) zu identifizieren.
  • Untersuchung des Augenhintergrunds (Funduskopie): Beurteilung des Sehnervenkopfes (Papille) und der Netzhaut.
  • Farbsehtest: Überprüfung des Farbsehens, da eine Sehnervenentzündung oft zu einer verminderten Farbwahrnehmung führt.
  • Optische Kohärenztomographie (OCT): Bildgebung des Sehnervenkopfes und der Netzhaut, um die Dicke der Nervenfaserschicht zu beurteilen und Veränderungen zu erkennen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT des Gehirns und des Sehnervs wird empfohlen, um andere Ursachen für die Sehnervenentzündung auszuschließen und das Risiko für Multiple Sklerose einzuschätzen.

Zusätzliche Untersuchungen können erforderlich sein, um die Ursache der Sehnervenentzündung weiter abzuklären:

  • Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss von Autoimmunerkrankungen, Infektionen (z. B. Borreliose, Syphilis) und anderen Erkrankungen.
  • Lumbalpunktion: Analyse des Nervenwassers (Liquor), um Entzündungszeichen oder andere Auffälligkeiten festzustellen.
  • Visuell evozierte Potentiale (VEP): Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns als Reaktion auf visuelle Reize, um die Funktion des Sehnervs zu beurteilen.

Behandlung einer Sehnervenentzündung

Eine Sehnervenentzündung heilt meist innerhalb von zwei bis vier Wochen von selbst. Eine Behandlung mit hochdosiertem Kortison (Methylprednisolon) kann die Heilung beschleunigen, hat aber keinen Einfluss auf das Endergebnis. Eine Behandlung mit Kortison kann sinnvoll sein, wenn:

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  • Besondere berufliche Anforderungen an das Sehvermögen bestehen
  • Das andere Auge bereits schlecht sieht

Bei untypischen Fällen sind Antibiotika erforderlich. Das gilt zum Beispiel bei Nebenhöhlenentzündungen, Katzenkratzkrankheit, Syphilis oder Borreliose.

Behandlungsmöglichkeiten

  • Kortikosteroide: Hochdosiertes Kortison kann die Entzündung reduzieren und die Sehfunktion schneller verbessern. Die langfristigen Ergebnisse sind jedoch ähnlich wie bei unbehandelten Patienten.
  • Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Sehnervenentzündung durch eine andere Erkrankung verursacht wird (z. B. MS, Autoimmunerkrankung, Infektion), muss diese Grunderkrankung entsprechend behandelt werden.
  • Immuntherapie: Bei chronisch-rezidivierenden Verläufen oder bei bestimmten Autoimmunerkrankungen kann eine Immuntherapie erforderlich sein, um das Immunsystem zu modulieren und weitere Entzündungsschübe zu verhindern.

Selbsthilfe

  • Schonen Sie sich: Vermeiden Sie Anstrengung und Hitze, da sich das Sehvermögen dadurch verschlechtern kann.
  • Vermeiden Sie Hitze: Verzichten Sie auf Saunabesuche.
  • Warten Sie mit dem Autofahren oder gefährlichen Arbeiten: Bis die Entzündung ausgeheilt ist, da das räumliche Sehen gestört sein kann.

Zusammenhang mit Multipler Sklerose

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen Sehnervenentzündung und Multipler Sklerose (MS):

  • Bei 15 bis 20 Prozent aller MS-Patienten ist eine Sehnervenentzündung das erste Anzeichen der Krankheit.
  • Bei der Hälfte aller MS-Patienten tritt irgendwann eine Sehnervenentzündung auf.
  • Nach einer Sehnervenentzündung besteht eine Wahrscheinlichkeit von 38 Prozent, innerhalb von zehn Jahren MS zu entwickeln.

Eine MRT-Untersuchung hilft, das Risiko genauer einzuschätzen. Zeigt das MRT typische Veränderungen im Gehirn, liegt das Risiko für MS bei über 50 Prozent. Ohne solche Veränderungen sinkt das Risiko auf etwa 20 Prozent.

Prognose

Die Prognose der Sehnervenentzündung ist insgesamt gut. Etwa 95 % der Patienten erlangen mit der Zeit wieder ein fast normales Sehvermögen. In seltenen Fällen kommt es zu dauerhaften Einschränkungen des Sehvermögens. Das Sehvermögen kehrt fast immer nach ein paar Tagen oder Wochen zurück. In manchen Fällen dauert es allerdings Monate, bevor alle Symptome verschwunden sind. Innerhalb von 5 Jahren kommt es bei insgesamt 30 % der Patienten zu einem Rückfall. Dieser kann am zuerst betroffenen, aber auch am anderen Auge auftreten.

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