Der Zusammenhang zwischen Herpesviren und Alzheimer: Aktuelle Forschungsergebnisse

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der größten Herausforderungen im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen. Um Alzheimer zu heilen, müssen wir die Ursachen der Krankheit entschlüsseln - ein langwieriger Prozess. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Herpes-Viren Alzheimer begünstigen können. In den vergangenen Monaten zeigen immer mehr Forschende in neuen Studien, die sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie stark vermehrt mit dem Einfluss von Virus-Infektionen beschäftigen, dass auch Alzheimer-Demenz, andere Formen von Demenzen und weitere neurodegenerative Krankheiten wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und dementielle Syndrome bei Long-Covid und Post-Covid im Zusammenhang mit Viren-Belastungen stehen.

Herpesviren: Allgegenwärtige Begleiter des Menschen

Wir alle kennen Herpes-Viren wie den Virus Herpes Zoster im alltäglichen Sprachgebrauch als Gürtelrosen-Virus, den Herpes Simplex im Zusammenhang mit immer wiederkehrenden Lippenbläschen oder schließlich den Varizella-Zoster als Erreger von Windpocken. Dramatisch dabei: Während sich gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO) 95% der Weltbevölkerung vor ihrem 20. Lebensjahr mit dem Varizella-Zoster infiziert haben, tragen darüber hinaus 3,7 Milliarden Menschen im Alter unter 50 Jahren den Herpes Simplex (HSV-1) in sich. Das Fatale dabei ist, dass Herpes-Viren über Jahre nach einer Infektion meist unbemerkt bleiben. Sie schlafen sozusagen unentdeckt und versteckt im menschlichen Organismus, lagern sich auch an die Nervenenden an und legen in dieser Zeit fast ihr gesamtes Erbgut still, so dass im latenten Zustand keine neuen Viren gebildet werden.

Herpesviren gehören zu den größten und komplexesten Viren - und vielleicht auch zu den entwicklungsgeschichtlich ältesten Krankheitserregern. Acht Arten dieser großen Gruppe von Viren sind humanpathogen - aber praktisch jede Spezies auf diesem Planeten hat ihre eigenen weitverbreiteten Herpesviren, die recht streng wirtsspezifisch sind.

In Form der Herpesviren HHV-6a und -6b und HHV-7 (HHV = Humanes Herpesvirus) machen oft bereits Babys und Kleinkinder sehr früh Bekanntschaft mit den Pathogenen. Diese drei verursachen das sogenannte Drei-Tage-Fieber, auch bekannt als Exanthema subitum, Roseola infantum oder auch die „Sechste Krankheit“.

Andere Vertreter der Herpesviren sind:

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  • HHV-1 - auch Herpes-simplex-Typ-1 (HSV-1) genannt - der den lästigen Lippenherpes und Aphten im Mund verursacht,
  • HHV-2 alias Herpes-simplex-Typ-2 (HSV-2), Verursacher des Genitalherpes,
  • HHV-3, besser bekannt als Varizella-Zoster-Virus (VZV), Verursacher von Windpocken und sekundärer Gürtelrose,
  • HHV-4 alias Epstein-Bahr-Virus (EBV) - Verursacher der „Kusskrankheit“, aka Pfeiffersches Drüsenfieber,
  • HHV-5, das Cytomegalievirus (CMV) sowie
  • HHV-8, Verursacher des Kaposi-Sarkoms bei immundefizienten Menschen.

Gemein haben diese Viren außer ihrem Aufbau als große umhüllte ikosaedrische DNA-Viren und ihrer praktisch ubiquitären häufigen Verteilung auf dem Planeten, dass sie sich gerne in Zellen des menschlichen neuralen Systems vor dem Zugriff des Immunsystems verstecken. Einmal infiziert, trägt man die Erreger sein Leben lang latent mit sich herum - und einige werden von Mal zu Mal durch verschiedene Umstände aus ihrem stillen Reservoir wieder aktiviert.

Sehr deutlich ist das beim Erreger der Windpocken. Wer die Kinderkrankheit mit einer Inzidenz und Ansteckungswahrscheinlichkeit von rund 94 Prozent nach meist wenigen Tagen mit juckenden Hautausschlägen überstanden hat, ist zunächst einmal immun gegen einen weiteren Windpocken-Ausbruch. Im Alter jedoch, mit abnehmender Leistung des Immunsystems, kann eine unterschiedlich schwer verlaufende Gürtelrose - Herpes zoster - die späte sekundäre Folge der Kinderkrankheit sein. Über Jahrzehnte versteckt sich das Virus in Zellen des Nervensystems, um dann dort zu wüten.

Gleiches gilt für die beiden Herpes-simplex-Varianten: Die schmerzhaften Bläschen an Lippen, im Mund oder an Genitalien kommen auf bestimmte Nerven stimulierende Reize wie etwa Ekel hin immer wieder als kurze Manifestationen neuer Virusvermehrung. Die anderen Herpes-Arten vermehren sich eher immer wieder im Stillen - oder wie beim HHV-8 nur dann, wenn das Immunsystem, wie etwa bei einer HIV-Infektion, nachhaltig geschädigt ist.

Forschungsprojekte untersuchen den Zusammenhang

Das Projekt von Dr. Oliver Goldhardt an der TU München

Dr. Oliver Goldhardt von der Technischen Universität in München geht jetzt der Frage nach, ob das Herpes-Virus erst dann schädlich ist, wenn Menschen bereits an Alzheimer erkrankt sind. Im gesunden Gehirn ist das lösliche Protein Beta-Amyloid in der Lage, ein schädliches Zusammenspiel zwischen Herpes-Viren und Nervenzellen zu blockieren. Bei der Alzheimer-Krankheit verändert sich dieses lösliche Protein allerdings und lagert sich zu Verklumpungen ab, zu den sogenannten Amyloid-Plaques. Die Konzentration der löslichen Proteine, die einen Schutz vor dem Herpes-Virus bieten, nimmt mit der Alzheimer-Erkrankung also ab. Dr. Oliver Goldhardt untersucht mit seiner Arbeitsgruppe, ob und wie Herpes-Viren zum Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit beitragen.

Dr. Goldhardt untersucht in seiner Studie ungefähr 100 Menschen, die in einem frühen Stadium an Alzheimer erkrankt sind. Die Aktivität des Herpes-Virus wird gemessen und mit anderen Viren verglichen. Dann wird geprüft, ob das Herpes-Virus den Krankheitsverlaufs negativ beeinflusst. Dies wird an Ergebnissen von Hirnleistungstests und Alzheimer-Biomarkern wie Beta-Amyloid und Tau im Liquor, der Rückenmarksflüssigkeit, dargestellt.

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Falls sich bestätigt, dass das Herpes-Virus für Alzheimer-Betroffene zu einem schnelleren Krankheitsverlauf führt, könnte eine Herpes-Behandlung zum Bestandteil der Alzheimer-Therapie werden. Bei Therapien, die auf Beta-Amyloid-Ablagerungen abzielen könnte es wichtig werden zunächst die Herpes-Viruslast im Gehirn zu messen. Langfristig soll dieses Projekt zu einer individuellen und verbesserten Therapie von Alzheimer-Betroffenen führen.

Die Fördermittel entfallen auf Labormaterialien (42.633 Euro) wie die Biomarker-Messungen und auf Reisen zu wissenschaftlichen Kongressen (3.000 Euro).

Weitere Forschungsergebnisse

  • Studie aus den USA und Großbritannien: Eine Untersuchung des Oxford Institute of Population Ageing, der University of Manchester und der Tufts University in Massachusetts (USA) deutet darauf hin, dass Herpes-Viren eine Alzheimer-Erkrankung begünstigen können.
  • Forschung in New York: New Yorker Wissenschaftler wiesen jetzt nach, dass insbesondere zwei Virentypen, HHV-6 und HHV-7, das Netzwerk von Alzheimer-Risikogenen beeinflussen und sogar mit steuern können (1). HHV 6A und 7 hatten vier Hirnareale der Alzheimer-Patienten doppelt so häufig besiedelt wie es bei 322 Älteren ohne neurodegenerative Erkrankungen der Fall war. Computeranalysen von DNA- und RNA-Sequenzen ergaben zudem eine höhere Aktivität insbesondere der RNA von Herpesviren 6A und 7 in den von Alzheimer befallenen Hirnzellen.
  • Schwedische Forschung: Das vermutet jedenfalls der schwedische Forscher Professor Hugo Lövheim von der Universität in Umeå. Von den Alzheimerpatienten zeigten knapp 94 Prozent IgG-Antikörper gegen HSV-1, etwas weniger (90 Prozent) waren es bei den Kontrollen. Lövheim und Mitarbeiter vermuten daher, HSV könnte lange vor der der Demenzdiagnose eine Bedeutung in der Alzheimerpathogenese haben.

Mögliche Mechanismen und Zusammenhänge

Herpesviren und Amyloid-Plaques

Ein zentrales Merkmal der Alzheimer-Pathologie ist die Ablagerung von Amyloid-Beta-Peptiden im Gehirn, die sogenannten Plaques. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Peptide Teil eines Abwehrmechanismus sein könnten. So lautet jedenfalls eine etablierte Hypothese, mit der wir uns ebenfalls beschäftigen. Die Frage: Kämpft unser Körper gegen die Virusinfektion tatsächlich mithilfe einer erhöhten Amyloid-Beta-Produktion - zu dem Preis einer späteren Plaquebildung und einer möglichen Alzheimer-Krankheit?

Reaktivierung von Herpesviren und Entzündungsprozesse

Offenbar ist das Varizellavirus (VZV) in der Lage, Herpes-Viren im Gehirn zu reaktivieren. Beispielsweise, weil der Betroffene sich erneut infiziert oder die ursprüngliche Infektion erneut aufflammt. Das Gehirn reagiert darauf mit einer neuronalen Entzündung. Und das wiederum bewirkt, dass sich Tau- und Amyloid-Beta-Proteine im Gehirn anhäufen - ein Prozess, der auch bei einer Alzheimererkrankung abläuft. In der Folge geht die Funktion der Neuronen zunehmend verloren. Nach und nach büßt der Patient immer mehr geistige Fähigkeiten ein wie das Abrufen von Erinnerungen (Gedächtnis).

Der "Doppelschlag" von HSV und VZV

"Wir wussten, dass es einen Zusammenhang zwischen HSV-1 und der Alzheimer-Krankheit gibt, und es gab Hinweise auf eine Beteiligung von VZV, aber wir kannten nicht die genauen Abläufe, die Krankheit in Gang zu setzen", sagte Dana Cairns, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Biomedizintechnik. Die Forschenden weisen darauf hin, dass die Doppelinfektion mit HSV und VZV nicht die einzige Ursache für Alzheimer ist: "Möglicherweise gibt es weitere Infektionen und auch ganz andere Ursachen einer Alzheimer-Krankheit“, erklärt der Forscher. Weitere bekannte Risikofaktoren sind beispielsweise ein Schädeltrauma, Fettleibigkeit und starker Alkoholkonsum. Zudem kennt man inzwischen bereits eine Reihe von Risikogenen.

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Retrospektive Studie bestätigt Zusammenhang zwischen Herpesinfektionen und Alzheimerrisiko

Eine retrospektive Fall-Kontroll-Studie aus den USA deutet darauf hin, dass Infektionen mit dem Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1) in der Entstehung der Alzheimerkrankheit eine Rolle spielen könnten - und dass antivirale Medikamente einen schützenden Effekt haben könnten.

Präventive Maßnahmen und therapeutische Ansätze

Impfung gegen Gürtelrose als Schutz vor Demenz?

Schon seit längerem weiß man, dass Menschen, die gegen Gürtelrose geimpft sind, seltener an Alzheimer erkranken.

"Sollte sich dieser Zusammenhang auch in klinischen Studien bestätigen, dann könnte sich über das VZV eine Möglichkeit ergeben, den Weg der Entstehung einer Alzheimer-Erkrankung vorbeugend zu beeinflussen bzw. ihn vielleicht sogar weitgehend zu verhindern, nämlich durch eine Impfung mit dem Lebendimpfstoff im Kindesalter zur Vermeidung der Erstinfektion mit VZV und mit Impfung Erwachsener mit dem Totimpfstoff zur Stärkung des Immunsystems und Verhinderung der Reaktivierung bereits im Körper befindlicher VZV."

Ebenfalls im Jahr 2023 konnten US-Forschende zeigen, dass die Einführung des ersten Zoster-Impfstoffes - also der Impfung, die Ältere vor einem späteren erneuten VSV-Ausbruch in Form von Herpes zoster schützen soll - gleichzeitig die Quote der Neuerkrankungen an Demenz senkte.

Antivirale Therapien

Wir wissen jedenfalls, dass Patienten, die keine antivirale Therapie erhalten haben, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, eine Alzheimer-Krankheit zu entwickeln.

Mit Medikamenten lassen sich diese Viren nicht zerstören, derzeit soll lediglich deren Vermehrung gehemmt werden können.

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